Heike Diehl

Amanda

 

Kim war so froh , dass sie ihre Sommerferien bei ihren Grosseltern auf Amrum verbringen durfte .

Vor kurzem hatte ihr Opa Ole ein Häuschen auf Amrum gekauft . Er war Kapitän  eines Kreuzfahrtschiffes und genoss jetzt mit Oma Stine das Rentnerleben .

 

Ihre Eltern und ihre grosse Schwester nebst Freund befanden sich gerade auf Malle und darauf  hatte Die 14jährige Kim überhaupt keine Lust .

Sie liebte den Norden . Den frischen Wind , die Dünen , das Kreischen der Möwen und vor allen Dingen die Insel Amrum mit ihrem herrlichen, feinen , weißen Sand  . Kniepsand würde er hier

genannt.

Die Flut hatte eingesetzt und der Wind verpasste den Wellen  weiße Schaumkronen .

Es war später Nachmittag  und Kim beschloss zum Haus ihrer Grosseltern zurück zu geh´n. 

Seit Mittag war sie schon am Strand , war durch die Dünen gewandert und hatte am Strand Muscheln gesucht . Am Abend würde sie  mit Opa Ole am Kamin sitzen und er erzählte ihr wieder  eine spannende Geschichte , meistens von Gespenstern  . Oma Stine saß dabei und strickte .

 

Kim faszinierte das Wattenmeer . Wie herrlich muss es aussehen wenn der Vollmond scheint 

dachte sie bei sich . Heute abend war Vollmond und die Ebbe setzte kurz vor Mitternacht ein.

Daran musste Kim denken ,als sie am Abend im Bett lag.

Sie wollte es unbedingt  einmal sehen und war fest entschlossen einen nächtlichen  Spaziergang durch die Dünen zu machen , um  das Wattenmeer bei Mondschein zu erleben .

Nur durften  Opa und Oma nichts davon wissen . Beide hatten einen tiefen Schlaf und würden sicher nicht merken sie sich aus dem Haus schleicht. Das Fenster von Kims Zimmer befand sich hinter dem Haus . Schließlich schlief Kim ein .

 

Als sie erwachte war es halb zwölf.  Sie stand auf , zog sich an und kletterte aus dem Fenster.

Dann machte sie sich auf zum Strand .

Hell schien der Vollmond und verlieh dem Dünengras einen silbernen Schimmer .

Es sah wunderschön aus . Nach einer Weile erblickte sie  den Strand  und das Wattenmeer - vom  Vollmond hell erleuchtet und Kim war es , als hätte jemand Goldstaub  ins Watt gestreut .

Es war ein herrlicher Anblick und Kim war wie verzaubert .

Auf einmal hörte sie jemanden singen . Die Stimme kam aus dem Wattenmeer und klang ziemlich traurig - irgendwie schaurig .

Plötzlich erblickte Kim eine weisse Gestalt - eine Frau im weissen Kleid und ihr langes ,

weißes Haar  wehte im Wind . Sie schien über das Watt zu schweben und das Mondlicht schien durch sie hindurch - sie war durchsichtig - ein Geist !

Kim gefror das Blut in den Adern und sie konnte sich nicht rühren .

Ganz tief  duckte sie sich ins Dünengras , damit die Geisterfrau sie nicht entdeckte .

 

Da erinnerte sich Kim an eine Geschichte , die ihr Opa  Ole  vor einiger Zeit erzählt hatte .

Sie handelte von einer gewissen Amanda , die vor einigen Jahren im Watt ertrunken war und später

als Geist  herumspuken sollte , aber nur in Vollmondnächten . Keiner hatte daran geglaubt . Auch Kim nicht .

Nun hatte sie einen leibhaftigen Geist gesehen- eine Geisterfrau .

So plötzlich   wie die Gestalt auftauchte , so schnell war sie auch wieder verschwunden und auch ihr Gesang verstummte .

 

Noch eine ganze Weile verharrte Kim im Dünengras und konnte einfach nicht glauben was sie gesehen  hatte .

Kurze Zeit später ging sie  zum Haus zurück , kletterte zum Fenster rein und legte sich auf ihr Bett. Lange blieb sie noch wach .

Ihr Blick fiel auf das Fenster und sie dachte Amanda würde zum Fenster hereinschauen  ,

aber es tat sich nichts .

Irgendwann fiel sie in einen tiefen Schlaf .

 Kim beschloss  keinem Menschen davon zu erzählen . Es würde ihr sowieso keiner glauben .

 

Seit ihrer Begegnung mit Amanda war Kim von einer inneren Unruhe befallen .

Amanda ging ihr nicht mehr aus dem Kopf . Sie war einem leibhaftigen Geist

begegnet -

Wahnsinn !!!   Opa Ole hatte ihr zwar Geistergeschichten erzählt , glaubte aber

selber nicht an Geisterspuk und hielt das alles für Tünkram , so wie er es nannte .

 

Kim blieb jedenfalls dabei und erzählte niemandem von ihrer nächtlichen Begegnung und ließ

sich auch beim gemeinsamen Frühstück mit den Großeltern nichts anmerken .

Jedenfalls beschloss sie in der folgenden Nacht noch einmal zum Strand zu gehen . Sie war gespannt ob Amanda wieder erschien .

Kurz vor Mitternacht machte sich Kim  auf den Weg .

Das Wattenmeer glänzte  im Mondlicht , genau wie gestern . 

Kim duckte sich ins tiefe Dünengras, doch von

Amanda war  nichts zu sehn .

Aufein mal spürte Kim einen kalten Luftzug hinter sich und da stand sie - vielmehr schwebte

über dem Boden - Amanda !  Weiß und durchsichtig. Maßloses Entsetzen ergriff Kim .

War sie ein böser Geist, der sie in ihren Bann ziehen wollte ? Kim konnte sich nicht rühren.

" Ich tu dir nichts " wisperte Amanda .  " Bitte hilf mir !  Bitte !!! "

Kim war zunächst wie gelähmt  . doch  Amandas  trauriger Gesichtsausdruck erzeugte bei Kim 

tiefes Mitgefühl und das Entsetzen und die Angst vor ihr traten in den Hintergrund .

"Wie kann ich dir helfen ? " fragte Kim .

" Ich litt zu Lebzeiten unter Schlaflosigkeit . Ruhelos bin ich herum gewandert .

Einmal hab ich mich im Watt verirrt und bin  schließlich ertrunken . Selbst im  Tod finde ich

keine Ruhe . Du müsstest Weihrauch und Myrrhe anzünden . Den Rauch werde ich

einatmen und dann für immer verschwinden und endlich den ewigen Frieden finden .

Willst du das für mich tun ? Bitte , Kim ! "

"Ich tu´s ! " sagte Kim entschlossen . " Morgen Nacht werde ich hier sein .

Ich helfe dir " . "Danke " hauchte Amanda . Sie schwebte davon und verschwand im Watt .

 

 

Kim wusste genau , wo sie Weihrauch und  Myrrhe bekam - in Eddas Hexenhäuschen-

ein kleiner Kräuterladen im Dorf .

Gleich am nächsten Morgen machte sich Kim auf den Weg zu Eddas Hexenhäuschen .

"Willst du böse Geister vertreiben ? " fragte die alte Edda scherzhaft , als sie Kim

die Dosen mit dem gemahlenen Weihrauch und der gemahlenen Myrrhe einpackte .

"Ich wills mal probieren , einfach so zum Spaß " sagte Kim nur .  Von Amanda kein Wort .

Edda würde glauben dass sie spinnt .

Am Abend ging Kim früh schlafen und stellte den Wecker auf halb zwölf .

Als er rasselte war Kim schon wach , so aufgeregt war sie .

Sie packte die beiden Dosen , ein feuerfestes Gefäß und Streichhölzer in ihren Korb und

machte sich auf den Weg .

Diesmal war der Mond hinter einer Wolke verschwunden und das Watt sah so richtig gespenstisch aus .Kim setzte sich an den Rand des Wattenmeeres . Sie schüttete den gemahlenen Weihrauch und

die Myrrhe in das feuerfeste Gefäß und zündete es an . Boah - was für ein Gestank !!!

Kim hielt sich die Nase zu .

Plötzlich erschien Amanda  . Sie atmete den Rauch  ganz tief ein .  Nach einer Weile huschte plötzlich ein Lächeln über ihr sonst so trauriges Gesicht . " Danke ! " hauchte sie Kim zu .

Dann begann sie immer mehr sich in eine Wolke zu verwandeln und plötzlich sah Kim nur noch eine Nebelwolke über das Watt schweben , die immer höher stieg .

Lange blieb Kim  noch da stehen . Sie konnte noch gar nicht richtig begreifen was sie

hier erlebt hatte .

"Was in aller Welt machst du hier ? "   Die Stimme von Opa Ole ließ sie herum fahren .

"Mensch Opa ! Hast du mich erschreckt ! " meinte Kim .  " du hast mir so viele Geistergeschichten

erzählt , da wollte ich mal ausprobieren wie man Geister vertreibt . Könnte doch sein , dass

hier welche rum spuken . "  Ich seh hier nur ein Gespenst und das ist ziemlich lebendig "

sagte Opa Ole und schmunzelte . " Ideen hast du .  Nachts hier in den Dünen rum laufen !

Ich hab dich weg gehen sehen und als du nicht gleich zurückkamst da  hab ich mir Sorgen

gemacht . Oma Stine hat einen tiefen Schlaf , sie hat nix mit gekriegt .

Nu aber ab nach Hause " . Die beiden traten den Heimweg  an .

Opa Ole drehte sich noch einmal um und blickte zum Wattenmeer. Er erblickte die Nebelwolke .

" Siehst du , Kim . Seenebel steigt auf . Der ist gefährlich . Da hat sich schon so mancher

verirrt und ist ertrunken . "

Kim lächelte nur . Sie wusste es besser .  Amanda hatte endlich ihren ersehnten Frieden gefunden.   

 

(c) HeiDi

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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