Bernhard Pappe

Menschen in Fahrstühlen und an Tischen (Auf Kreuzfahrt)


Tische sind an Bord eines Schiffes sicher nichts Verwunderliches. Die Menschen nehmen an ihnen Platz, um zu essen und zu trinken, um ein Spiel zu spielen, um zu lesen, und was mir viel wichtiger erscheint, um Gespräche zu führen.

Es bedarf der Fahrstühle, wenn der Pott richtig groß ist. Spannte man einen Faden vom Bug zum Heck, dann könnte man mit ihm mehr als ein halbes Fußballfeld umrunden. So ein Schiff ist höher als viele Häuser irgendeiner Stadt, genau genommen 13 Etagen und wenn man auf dem obersten Deck steht, führen Treppen gar noch ein wenig höher. Die Fahrstühle transportieren Waren und Menschen zwischen den Decks hin und her. Wir gehen an Bord mit dem Wissen, auf das neunte Deck zu müssen. Ganz nach oben klafft eine „Lücke“, denn es gibt nach Deck 12 gleich Deck 14 – Seeleute sind wohl abergläubisch. Natürlich nutzen wir den Fahrstuhl, der gut gefüllt ist mit Menschen, die an Bord kommen oder von Bord gehen, weil ihre Reise in diesem Hafen endet. Ein arbeitsreicher An-/Abreisetag für die Crew des Schiffes. Die Kabine ist erstaunlich schnell bezugsbereit und wir können dem Gewusel entrinnen. Sich frisch machen, um den Nachmittag für einen Ausflug in die Stadt hinter dem Hafen zu nutzen. Das Schiff sticht erst am kommenden Tag in See. Erneut bedienen wir uns eines Fahrstuhles, um zu Deck 2 zu gelangen, auf dem Aus- und Eingang liegen. Mit einem kurzen „Hallo“ steigen wir in den Fahrstuhl ein. Kaum jemand erwidert den Gruß. Die Menschen sind eher mit sich selbst beschäftigt. Vorfreude auf die Schiffsreise? Gedanken an die Rückreise? Wie abenteuerlich so manche Anreise zum Starthafen war, das erfahren wir später.

Das Schiff legt am nächsten Tag pünktlich um die Mittagszeit ab und schwenkt auf seine Reiseroute ein. Tausende Seemeilen wird es durch das Meer pflügen und etwas mehr als 2000 Passagiere von Reiseziel zu Reiseziel bringen. Der Transport der Waren, die das Schiff für die Versorgung geladen hat, findet in seinem Bauch statt. Die Passagiere bekommen davon nichts mit. Sie haben ihre eigenen Fahrstühle. Während unserer Tage an Bord sind diese mal leerer oder die Menschen stehen dicht gedrängt, wenn zu Beispiel viele gleichzeitig in eines der Restaurants wollen. Da heißt es manchmal, einfach auf den nächsten Fahrstuhl zu warten. Es gibt eine ausreichende Zahl von ihnen. Betritt man jetzt einen der Fahrstühle, dann wird der eigene Gruß erwidert oder man wünscht einen schönen Tag / Abend beim Aussteigen. Dauert die Fahrt etwas länger, dann entspinnt sich gar ein Mini-Gespräch. Witzbolde rufen, wenn der Fahrstuhl häufige Zwischenhalte macht: „Fünfte Etage Damenoberbekleidung, achte Etage Herrenschuhe“. Es wird gelacht, die Menschen sind entspannt. Die Menschen in eben diesen Fahrstühlen sind sehr unterschiedlich in Aussehen, Alter, Kleidung. Nicht immer, aber manchmal schaue ich genauer hin. Was mögen diese Menschen für eine Biografie haben? Das Leben hinterließ Spuren in Gesichtern und an Körpern. Was bewegt die Menschen dazu, mit einem Schiff über das Meer zu kreuzen? Kreuzfahrer. Wissen die Menschen in den Fahrstühlen was es hieß, im Mittelalter ein Kreuzfahrer zu sein? Eroberung, Krieg und Tod im Namen eines religiösen Symbols. Die Religion war vor Jahrhunderten nur ein Vorwand und ist es für die heiligen Kriege der Neuzeit immer noch. „Kreuzfahrer von heute“, der Roman von Stefan Heym fällt mir ein. Auch ein Buch über den Krieg – die Rückeroberung Westeuropas von Nazi-Deutschland aus Sicht der Amerikaner. Ich glaube nicht, dass das Buch hier viele kennen. Hingegen bin ich mir völlig sicher, dass sich alle an Bord eine friedvolle Fahrt wünschen. Später wird es heißen, dass ein ursprünglich geplanter Hafen nicht angelaufen wird. Im Nachbarland herrscht Krieg, die Sicherheitslage beinhaltet zu hohe Risiken – Frieden ist ein wahrhaft hohes Gut.

Zum Dinner in eines der Restaurants mit Bedienung? Der Fahrstuhl entlässt uns auf dem zugehörigen Deck. In dem Restaurant wird man platziert, was Sinn macht. Hinter uns stehen zwei weitere Paare.

„Darf ich ihnen einen Tisch für vier oder vielleicht sechs Personen anbieten?“ wird von der Stewardess gefragt.

Wir nehmen den Sechsertisch. Man stellt sich vor und nimmt Platz. Ein Gespräch beginnt, Weinauswahl und Menüauswahl dominieren seinen Anfang. Wo kommt ihr her? Wie war die Anreise? Ward ihr schon mal auf einer Kreuzfahrt? Warum fahrt ihr diese Route? Man erfährt ein wenig über die Menschen am Tisch. Das Dinner dauert lange. Nach dem Essen noch ein Kaffee und ein Grappa. Hernach ein gemeinsamer Besuch im Theater und in einer der Bars. Gedämpftes Licht, an einem der Tische findet das Gespräch seine Fortsetzung. Die Menschen öffnen sich, Hobbys kommen zum Vorschein, wo man lebt, wie man lebt, Mosaiksteine einer Biografie werden sichtbar. Wir finden, es ist ein schöner Ausklang des Tages. Wollen wir das am kommenden Tag wiederholen? Wir entscheiden uns dafür und es wird erneut ein schöner Abend. Am Tage danach reicht ein Vierertisch aus. Stimmte die Chemie der Gespräche für zwei der sechs Menschen nicht mehr? Ich denke, es ist müßig, nach einer Antwort zu suchen.

Die Vertrautheit zwischen Maria und Konrad (in der Geschichte sollen sie diese Namen tragen) und uns nimmt zu. „Sundowner“, ein zwangloses Treffen zu einem Gläschen. Noch sind wir in wärmeren Gefilden und können die Plätze auf dem obersten Deck genießen, den realen Sonnenuntergang inklusive, auf See oder in einem Hafen. Wir bereden den Tag, schwatzen über Erlebtes, manchmal Neues und verabreden uns zum Dinner. Maria und Konrad  haben ein bewegtes und interessantes Leben geführt und führen es noch. In den Gesprächen lassen sie uns ein wenig daran teilhaben. Haben hingegen unsere Biografien genug Gesprächsstoff zu bieten? Ein merkwürdiger Gedanke? Vielleicht! Natürlich könnte ich Konrads Bemerkung, dass man jetzt Schwarze Löcher sichtbar machen kann, mit Fachwissen ergänzen. Obwohl ich kein Spezialist dafür bin, so liegt doch ein Physikstudium hinter mir. Ich will jedoch nicht durch Besserwissen glänzen. Gewiss, es gäbe viel zu erzählen, es gäbe viele Themen. Interessiert das hier überhaupt? Das Zuhören ist da, der Respekt für den Gesprächspartner ist spürbar. Das gefällt mir. Diese Wohlfühlmomente bleiben bis zum Ende der Reise bestehen.

Vier Menschen an Tischen zeigen ihre Wege auf. Wege, die sie zu einem Paar werden ließen. Wege, die sie bis auf dieses Schiff führten. Zufall? Sicher! Oder doch nicht? Gibt es nicht die Meinung, dass Menschen im Leben einander suchen? Wer weiß schon, ob nicht genau das auf dem Schiff passiert ist.

Nicht nur auf Schiffen gibt es Tische, um an ihnen miteinander zu reden. Moderne Medien überbrücken problemlos weite Entfernungen. Wir können Nachrichten austauschen. Jedoch ist ein Gespräch an einem Tisch, auf dem ein gutes Glas Wein steht, unschlagbar.

© BPa / 04-2019

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 28.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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