Heinz-Walter Hoetter

Der Fall T-Bird (Teil 6)


 

Random & Shannon

Ermittlungsagentur NEW YORK

 


 


 


 

Der Fall T-Bird (Teil 6)


 


 

Die Fahrt ins Hotel dauerte etwas mehr als eine dreiviertel Stunde. Ich hatte mir Zeit gelassen. Ich stand ja nicht unter Zeitdruck, wie bei der Hinfahrt. Zusätzlich war der späte Nachmittagsverkehr schon sehr stark geworden.

 

Während ich in meinem Schwebegleiter dahin rauschte, machte ich mir so meine Gedanken. Ich war überzeugt, dass Breedy meinen Partner Shannon engagiert hatte. Aber ich wusste immer noch nicht, ob Mark ermordet worden war, weil er bei seiner Arbeit für Breedy etwas aufgedeckt hatte, oder weil ihn, wegen des Mädchens, irgendein Schlägertyp aufs Korn genommen hatte. Im Stillen verfluchte ich Marks Schwäche für Weiber. Die Aufgabe, seinen Mörder zu finden, wurde dadurch zusätzlich erschwert.

 

Dann erinnerte ich mich an meine Verabredung mit Ralph Fuller. Ich war froh darüber gewesen, diesen Mann kennen gelernt zu haben. Unzufriedene Angestellte waren häufig die Quelle für nützliche Informationen, und die brauchte ich jetzt dringender als je zuvor.

 

Als ich vor dem Hotel anhielt, sah ich einen Polizeigleiter, der nur wenige Meter vor mir parkte.

 

Ich schaltete die Antriebsturbinen meines Schwebemobils auf null und stieg aus.

 

Plötzlich wurde die Tür des Streifengleiters aufgestoßen und mein alter Freund Sergeant Harry tauchte auf.

 

„Captain Fletcher will Sie sprechen“, sagte er, als er einen Meter vor mir stand. „Kommen Sie, Random! Beeilen Sie sich!“

 

„Und was, wenn ich keine Lust habe, mit ihm zu sprechen?“ erwiderte ich lächelnd.

 

„Nun machen Sie schon. Kommen Sie!“ wiederholte er. „Wenn nicht freiwillig, dann unfreiwillig, ganz wie Sie wollen.“

 

„Hat er gesagt, was er von mir will?“ fragte ich, während ich neben dem Sergeanten zu dem Polizeigleiter ging.

 

„Nein“, sagte Harry.

 

Hinter dem Steuerknüppel des Pol-Gleiters saß ein uniformierter Polizist, der allerdings kein Androide war. Er drehte sich um, als er mich sah und grinste etwas schräg.

 

Ich setzte mich neben Harry auf den weichen Rücksitz und der Gleiter schoss los, als sei Alarmstufe rot ausgerufen worden.

 

  1. zündete sich plötzlich eine Zigarette an, anstatt, wie ich dachte, ein Kaugummi zu kauen.

 

„Habt Ihr den Mörder schon gefunden?“ fragte ich .

 

„Noch nicht, aber den kriegen wir. In den letzten zwei Jahren hatten wir sechs Mordfälle in unserer Stadt und haben noch nicht einen Mörder erwischt. Das muss sich zur Abwechselung mal ändern, und das ist gerade der richtige Fall dafür.“

 

Er schaute den Fahrer vielsagend an und fragte ihn: „Was meinst du, Joe?“

 

„Wie man’s nimmt“, sagte Joe vorsichtig. „Es liegt nicht daran, dass uns die richtigen Männer fehlen. Im Gegenteil. Die haben wir. Es sind alle gute, helle und schlaue Detektive, die eine Spur erkennen, wenn sie eine vor sich haben, aber irgendwie werden wir von einer Pechsträhne verfolgt. Ich würde nicht mein Gehalt darauf wetten, dass wir den Mörder finden, aber es könnte immerhin sein.“

 

„Da haben Sie’s“, sagte Harry und verzog den Mund zu einem unnatürlichen Lächeln. Seine Augen schienen nicht mitzumachen.

 

„Wie der gute Joe schon ganz richtig sagte, er würde nicht sein Gehalt darauf wetten, aber finden könnten wir ihn.“

 

„Denkt Captain Fletcher das auch?“

 

„Es hat eigentlich noch nie jemand gefragt, was Captain Fletcher denkt oder nicht denkt. Er ist da ziemlich eigen und hält sich gerne zurück. An Ihrer Stelle würde ich ihn auch nicht danach fragen. Der Mann ist unberechenbar. Seien Sie also vorsichtig, was Sie sagen, Random.“

 

Wir brausten durch die Gegend. Der Fahrtwind heulte an der Karosserie des Pol-Gleiters vorbei. Sergeant Harry saß rauchend neben mir.

 

Wieder stellte ich eine Frage.

 

„Habt ihr das Mordwerkzeug schon gefunden?“

 

Sergeant Harry schüttelte genervt den Kopf.

 

„Fehlanzeige bisher. Der Inspektor glaubt, dass der Mörder es mitnahm. Wahrscheinlich hat er sogar recht, aber auch darauf würde ich nicht Joes Gehalt wetten. Der Täter kann die Tatwaffe auch irgendwo vergraben haben. Da unten am Strand gibt es eine Menge Sand. Das Ding könnte überall liegen.“

 

„Ihr habt auch die Leiche des Mädchens nicht gefunden?“

 

Harry schüttelte wieder den Kopf. „Keine Spur von ihr. Der Inspektor meint, sie ist nicht umgebracht worden, sondern hat sich nur aus dem Staub gemacht.“

 

„Vielleicht hat sie meinen Partner getötet.“

 

Harry prustete auf einmal und blies seine Backen auf. Nebenbei tippte er die Asche seiner Zigarette einfach auf den Boden des Gleiters.

 

„Der Stoß mit dem Mordwerkzeug wurde mit großer Kraft geführt. Ich glaube nicht, ob eine Frau dazu imstande wäre“, sagte er missmutig.

 

„Frauen sind nicht unbedingt schwächlich. Wenn der Dorn scharf und sie wütend genug war, kann es nicht so schwer gewesen sein“, antwortete ich ihm.

 

Harry drückt nervös geworden die Zigarette im eingebauten Türaschenbecher aus und sah nach draußen.

 

„Wir sind da“, stieß er hervor.

 

Der Pol-Gleiter schwebte an den Straßenrand und hielt vor dem Headquarters der Polizei an. Die Türen des Vehikels öffneten sich surrend und wir steigen aus. Ein paar Minuten später befand ich mich im Polizeigebäude und schritt durch einen Fliesen belegten Gang.

 

„Seien Sie vorsichtig“, warnte mich Harry noch einmal. „Ich sage Ihnen das mehr in meinem eigenen Interesse als in Ihrem. Der Captain gerät ziemlich leicht in Rage, und das ist dann für uns alle nicht sehr erfreulich.“

 

Dann blieb er plötzlich vor einer Tür stehen, klopfte vorsichtig an und wartete. Ein melodische Männerstimme dröhnte: „Was ist los?“

 

„Lester Random ist hier, Sir.“

 

„Rein mit ihm!“

 

Harry zeigte mir ein schwaches Lächeln, hob die Schultern und öffnete die Bürotür. Ich ging in den Raum hinein. Der Sergeant hinter mir her.

 

Ein Berg von einem Mann saß hinter einem ziemlich altmodisch aussehenden Schreibtisch, der an einigen Stellen abgewetzt war. Sein Gesicht war massiv, ledern und machte auf mich einen brutalen Eindruck. Sein schütteres, graues Haar lag in einer säuberlichen Welle über seine niedrige Stirn geklebt. Vor ihm auf dem Schreibtisch ruhten zwei riesige beharrte Hände, die man ruhig als Pranken bezeichnen durfte. Harry schloss behutsam die Tür, als sei sie aus Eierschalen. Dann lehnte er sich mit verschränkten Armen gegen die Wand.

 

„Random? Lester Random?“ fragte Fletcher, und streckte seine rechte Hand drohend nach mir aus. „Sieh einer an, der Schnüffler aus New York. Sieh einer an.“

 

Er rieb sich durchs Gesicht, während er mich ansah und tief Luft holte.

 

„Dass sich solches Ungeziefer auch bei uns breit machen muss.“

 

Fletcher beugte sich vor und kniff die Augen zu einem schmalen Schlitz zusammen.

 

„Na, wann fahren wir denn wieder ab, Mr. Random?“

 

„Kann ich jetzt noch nicht sagen“, erwiderte ich sanft. „Möglicherweise in einer Woche oder später?“

 

„Vielleicht? Möglicherweise auch später? Und was zum Teufel wollen Sie hier die ganze Zeit treiben, Schnüffler?“

 

Mir die Stadt ansehen, am Strand spazieren gehen, nach hübschen Mädchen Ausschau halten, mich ganz allgemein erholen. Was sonst?“

 

Diese Art von Antwort hatte Fletcher offenbar nicht erwartet.

 

„So. Sie beabsichtigen also nicht, Ihre dreckige Nase in einen Mordfall zu stecken? Oder irre ich mich da?“

 

„Ich werde Inspektor Blankings Fortschritte in dieser Angelegenheit mit großem Interesse verfolgen“, sagte ich. „Ich bin überzeugt, dass er auch ohne meine Hilfe ausgezeichnet weiterkommen wird.“

 

Fletcher warf sich in den Bürosessel zurück, dass die Konstruktion nur so knarrte.

 

„Das ist sehr vernünftig von Ihnen, Schnüffler.“

 

Seine Augen blieben an mir hängen.

 

Dann fuhr er fort: „Ich muss Ihnen nicht sagen, dass ich hier Ungeziefer nicht gerne sehe. Wenn ich welches erwische, trete ich mit dem Fuß drauf.“

 

„Das kann ich mir gut vorstellen, Captain.“

 

„Wirklich? Bilden Sie sich nichts ein. Mir können Sie nichts vormachen, Schnüffler. Wenn Sie anfangen, sich in den Fall zu mischen, werden Sie Ihr blaues Wunder erleben.“

 

Fletcher hob seine Stimme an und brüllte: „Haben wir uns verdammt noch mal verstanden?“

 

Seine kleinen Augen funkelten. Dann sah er zu Harry rüber.

 

„Schaffen Sie mir dieses Ungeziefer hinaus“, knurrte er. „Mir wird schlecht, wenn ich diesen Kerl sehe.“

 

Harry stieß sich von der Wand ab und öffnete schnell die Tür.

 

Fletcher zeigte jetzt mit seinem riesigen Zeigefinger auf mich.

 

„Halten Sie sich aus diesem Fall raus, Random, oder…“

 

Ich machte einen Schritt zur Tür, blieb stehen, drehte mich halb herum und fragte: „Darf ich Ihnen eine Frage stellen, Captain?“

 

Fletcher strich sich mit der Zungenspitze über seine dicken Lippen. Überrascht schaute er mich an.

 

„Was für eine Frage?“

 

Ich konzentrierte meinen Blick auf seinen.

 

„Hat Mr. Breedy Sie angerufen und aufgefordert, mit mir zu sprechen?“

 

Der Captain beugte sich auf einmal mit wutverzerrtem Gesicht vor.

 

„Was soll das heißen?“

 

„Ach wissen Sie. Mr. Breedy erteilte meinem Partner Shannon einen Auftrag. Während Shannon daran arbeitete, wurde er ermordet. Mr. Breedy legt großen Wert darauf, dass diese Tatsache nicht bekannt wird. Er vermutet, dass er als Zeuge aufgerufen werden würde und vor Gericht aussagen müsste, weshalb er Mark Shannon engagiert hat. Er führte mir einen seiner Gorilla-Androiden vor und versuchte mich mit ihm einzuschüchtern. Nun bin ich neugierig, ob Mr. Breedy das Vertrauen in seinen künstlichen Totschläger verloren hat und Sie aufforderte, seine Drohungen gegen mich zu unterstützen, um ganz sicher zu sein, dass sie auch wirken.“

 

Ich hörte, wie Fletcher tief Luft holte, dessen Gesicht rot anlief. Er kam hinter seinem Schreibtisch hervor, bewegte sich schwerfällig auf mich zu und starrt mich an.

 

Ich wartete regungslos und hielt seinem Blick stand.

 

„Sieh an. Steckt also doch etwas Leben in dem Schnüffler“, sagte er, und seine Worte schienen mehr eine Drohung zu sein, als alles andere. „Dann wollen wir mal so weitermachen.“

 

Seine offene Hand fuhr hoch und knallte seitlich gegen mein Gesicht. Ich hatte sie kommen sehen und war mit dem Schlag mitgegangen, nahm ihm dadurch einen Teil seiner Wucht, aber er war hart genug, dass mir der Kopf schwirrte und ich taumelte.

 

Fletcher wartete, bis ich mich wieder aufgerichtet hatte, dann schob er sein dunkles, Blut unterlaufendes Gesicht vor meines.

 

„Nur zu, Schnüffler“, zischte er leise und bösartig, „schlag zurück, du Feigling!“

 

Ich rührte mich nicht von der Stelle. Die Seite meines Gesichtes, wo er mich getroffen hatte, brannte wie eine heiße Ofenplatte.

Wir starrten und gegenseitig einen Augenblick lang an. Dann trat er zurück und schrie zu Harry hinüber: „Schaff den Lumpen hier raus, bevor ich ihn umbringe!“

 

Harry packte mich sofort am Arm und riss mich aus dem Zimmer. Schnell schloss er die Tür hinter sich. Erst draußen im Flur ließ er mich wieder los.

 

Er war sehr beunruhigt.

 

„Ich habe es Ihnen doch gesagt, Sie Narr“, fauchte er mich an. „Jetzt ist er erst wirklich in Fahrt. Machen Sie bloß, dass Sie fortkommen.“

 

Ich betastete mein Gesicht.

 

„Dem Affen würde ich gern mal alleine im Dunkeln begegnen. Also dann, Sergeant. Ich brauche wenigstens nicht unter ihm zu arbeiten.“

 

Als ich draußen vor dem Polizeigebäude stand, sah ich die Sonne tiefer am blauen Himmel. Sie schien mir angenehm warm ins Gesicht. Dann sah ich die vielen Männer und Frauen, die vom Strand zurückkamen, die immer noch wie menschliche Wesen aussahen und sich auch so benahmen. Ich freute mich darüber. Es tat gut sie zu sehen.


 

***


 

Fortsetzung folgt irgendwann!

(Teil 6)

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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