Heinz-Walter Hoetter

Die Rache der alten Magierin

 

Irgendwo in diesem Universum, in einer fernen Zukunft.

 

***

 

Man schreibt das Jahr 2525 (irdischer Zeitrechnung).

 

„Ich hoffe, dass du mich nicht enttäuschen wirst! Du hast meine Geduld schon lange genug strapaziert, Magierin. Außerdem liebe ich es nicht, zu dieser Tageszeit in der heißen Sonne eines fremden Planeten herumzustehen“, sagte Commander Luke Henderson mit bösartig zischender Stimme und wischte sich verärgert mit einem altmodisch aussehenden Taschentuch über die schweißnasse Stirn.

 

Ein einheimischer Sklave, mit einem großen Lederfächer in der Hand, wedelte ihm Kühlung zu, doch bei der Hitze war das ein fast sinnloses Unterfangen, denn die glutheiße Sonne stand senkrecht am wolkenlosen Himmel. Die breiten Steinstraßen waren fast leer, und wer konnte, hatte sich irgendwo ein kühles Plätzchen im Schatten gesucht. Die meisten Bewohner allerdings, die zu der armen Unterschicht gehörten, dösten zurückgezogen in ihren stickigen Lehmhütten apathisch vor sich hin.

 

Die alte Magierin Hekate Anahid zündete eine Ölfackel an und legte sie vorsichtig auf den staubigen Boden. Dann griff sie in eine kleine Holzschale, nahm murmelnd ein paar frische Kräuter aus ihr heraus und streute sie über das Feuer, so dass bald dicker weißer Rauch emporstieg. Zuletzt schichtete sie noch ein paar grüne Blätter darüber, die kräftig zu qualmen begannen.

 

Ihre verängstigten Blicke huschten unsicher hin und her, denn sie wusste, dass ihr Eid, den sie diesem Luke Henderson geschworen hatte, eigentlich genau genommen nichts galt.

 

In ihren Augen war dieser arrogante, hinterlistige Raumschiffkommandant nur ein rücksichtsloser und brutaler Mörder, den sie straflos hintergehen durfte. Dafür hatte sie ihre Gründe. Ihn zu betrügen würde sie ihrem Ziel der Rache ein großes Stück näher bringen, und das war das einzige im Moment für sie, was zählte. Also tat sie, was er von ihr verlangte.

 

„Sie müssen noch etwas Geduld haben, Commander Henderson. Die Beschwörung nimmt Zeit in Anspruch. Ich muss mich außerdem ungestört konzentrieren können. Wie soll ich das können, wenn Sie ständig dazwischen reden? Außerdem muss der Rauch stark genug sein, damit sich das Wesen darin zeigen kann. Bleiben Sie also ruhig stehen und haben Sie keine Angst. Die Erscheinung hat nicht die Macht, Ihnen etwas anzutun.“

 

„Das sollte sie auch besser nicht tun. Wir vertrauen auf die Fähigkeiten unserer Beschützer, den Eliminatoren. Es sind die Besten der intergalaktischen Raumflotte. Niemand kann sie besiegen“, drohte der Commander der alten Frau mit den schwarzen, schulterlangen Haaren und blickte dabei vielsagend hinüber zu den zwei bis an die Zähne bewaffneten Männer, die unmittelbar neben ihm in ihren schweren Panzerrüstungen standen – und hämisch grinsten.

 

Etwas abseits vom Ort des magischen Geschehens durchstreiften mehrere kleine Gruppen von Raumschiffsoldaten einige Ruinen ganz in der Nähe, andere wiederum wachten draußen auf dem weitläufigen Platz vor dem Palast der Magierin, der mit zerstörten Säulen und Statuen nur so übersät war, nachdem Commander Henderson den Befehl zum Angriff gegeben hatte. Kein Bewohner der Stadt würde sich ihnen jetzt noch ungesehen nähern können. Außerdem waren überall Kontakt- und Bewegungsmelder aufgebaut worden, die die gesamte Umgebung regelmäßig nach feindlichen Angreifern oder sonstigen Störenfrieden absuchten. Man hatte sich gut geschützt. Weit in der Ferne, schon fast am Horizont, ragte ein gewaltiges Raumschiff weit in den tintenblauen Himmel des Planeten Lamu hinein.

 

Die Magierin Hekate Anahid fragte sich während dessen grübelnd, ob sie auch hier die richtige Stelle gewählt hatte, an der einst das Zeittor zum Planeten Terra stand, bevor es vor mehr als zehn Dekaden plötzlich von diesem Ort ohne Vorwarnung verschwand und seitdem nicht mehr aufgetaucht war.

 

Schließlich wandte sie den Blick vom Commander Henderson ab, richtete ihn einen Augenblick später starr auf den aufsteigenden Rauch und begann damit, leise eine Beschwörungsformel zu sprechen, mit der sie den Geist des Zeittores herbeirufen konnte, falls es ihn noch gab.

 

Der weißgelbe Qualm des Feuers stieg jetzt senkrecht in die Luft. Kein Windhauch regte sich in der Umgebung. Als der Rauch etwas nachließ, streute die alte Frau wieder einige Kräuter aus der Schale in die lodernden Flammen. Dann hielt sie plötzlich einen seltsam geformten, silbrig glänzenden Metallstab in der rechten Hand, den sie unbemerkt und unauffällig aus einer schmutzigen Stofftasche an ihrem breiten Ledergürtel blitzschnell hervor geholte hatte. Weder der Commander noch seine Männer hatten dies bemerkt. Sie hielt ihn sofort in den aufsteigenden Rauch, der immer dichter wurde.

 

Kurz darauf leuchtete das vordere Ende des Stabes intensiv auf und sonderte einen immer stärker werdenden gleißend hellen Lichtstrahl ab, der sich explosionsartig seinen Weg durch die knisternde Glut des Feuers suchte und mit einem dumpfen Krachen in den darunter liegenden Boden eindrang. Dabei streifte er die auf dem Boden liegenden Fackel, deren Öl auslief, das sich dadurch schlagartig entzündete und in kleinen Feuerszungen nach allen Seiten sprühte. Danach wurde es still und eine friedliche Ruhe umgab die Magierin, die jetzt ihre Augen vielsagend geschlossen hielt.

 

Einen Lidschlag später tauchte ein Gesicht zwischen den Rauchschwaden direkt vor dem seltsamen Metallstab auf, flackerte kurz mehrmals hintereinander und verschwand wieder.

 

Anscheinend versuchte es sich der alten Magierin zu widersetzen.

 

Geduldig wiederholte Hekate Anahid die Beschwörungsformel und drehte den Metallstab dabei in alle Richtungen.

 

Dann erschien das Gesicht abermals und diesmal stabilisierte es sich. Es war ohne Zweifel das Gesicht eines uralten Mannes. Der aufsteigende Rauch modellierte seinen restlichen Körper, der in ein wallendes Gewand gekleidet war.

 

Die flüsternde Magierin bemerkte nebenbei, wie hinter ihr Commander Henderson erstaunt und schwer atmend aufkeuchte. Doch er sagte kein einziges Wort.

 

„Kannst du mich hören, Wächter des Zeittores?“ fragte die Magierin vorsichtig mit leicht erhobener Stimme.

 

„Ja, ich höre dich! Wer bist du, dass du es wagst, meine Ruhe zu stören?“ gab eine dunkle Stimme zur Antwort, die wie ein Ruf aus weiter Ferne klang.

 

„Ich heiße Hekate Anahid. Ich bin die Magierin der Stadt Ebon auf dem Planeten Lamu im Cygni-System. Ich weiß von deiner Existenz auf unserem Gestirn. Ich halte den Schlüssel zum Zeittor in meiner Hand, das du bewachst. Ich kann es öffnen, und du hast die Macht dazu, es in Erscheinung treten zu lassen.“

 

„Ja, das kann ich. Die Erbauer des Zeittores taten das in weiser Voraussicht“, sagte die dunkle Stimme und fuhr forschend fort: „Ich hoffe, du hast einen wichtigen Grund dafür, dass du mich geweckt hast.“

 

„Ich habe sogar einen sehr wichtigen Grund dafür“, sagte die alte Magierin und sprach plötzlich mit ganz leise Stimme weiter, sodass der Commander und seine beiden Kämpfer in den Panzerrüstungen nichts davon mitbekamen.

 

„Erzähle mir, was geschehen ist, Magierin!“ grollte die geisterhafte Projektion über dem Feuer.

 

„Ein Mann namens Luke Henderson ist hier und möchte mit seiner Crew zum Planeten Terra im System SOL zurück. Er ist der Kommandant des interstellaren Raumschiffes Polaris I. Er hat damit unsere Stadt angegriffen und ihr schweren Schaden zugefügt. Dieser Henderson muss irgendwie von der Existenz des Zeittores auf unserem Planeten erfahren haben. Dann überbrachte man mir auf Umwegen die schreckliche Nachricht, dass er und seine Männer den Magier Mermoron brutal ermordet haben sollen, um durch ihn hinter das Geheimnis des Zeittores zu kommen, wo man es finden und wie man es öffnen kann. Anscheinend zwangen sie Mermoron mit Gewalt dazu, ihnen zu sagen, dass das Zeittor auch einen Weg zu den verschollenen Inka Pyramiden kennt, in deren unterirdischen Grabkammern sich angeblich das Gold vieler Inkakönige von unschätzbarem Wert befinden soll. Jetzt zwingt Henderson mich dazu, das Zeittor zu aktivieren, um die Goldschätze unbemerkt aus diesen Pyramiden zu holen. Niemand auf Terra würde etwas davon mitbekommen. Er und seine Raumschiffsbesatzung kämen nach der Expedition als reiche Männer zurück. Das ist Hendersons Plan. Dafür geht er über Leichen. – Was soll ich tun, Wächter des Zeittores?“

 

„Ich werde das Tor aktivieren, damit Henderson und seine Männer dorthin können, wohin sie auf Terra wollen. Alles andere überlasse ich dir, Magierin. Die Übermittlung der entsprechenden Zielkoordinaten liegt allerdings nicht mehr in meinen Händen. Du musst sie Henderson persönlich übergeben, damit er den Weg zu den Inka Pyramiden finden kann. – Das Zeittor ist bereit. Du kannst es jetzt öffnen!“

 

Die alte Magierin Hekate Anahid drückte am unteren Ende des Metallstabes auf eine ganz bestimmte Stelle. Dann wartete sie ab, was geschehen würde.

 

Das geisterhafte Gesicht der männlichen Erscheinung verblasste langsam und kurz darauf materialisierte ein flimmernder bläulich leuchtender Lichtvorhang direkt neben dem Feuer nur wenige Zentimeter über dem Boden. Er war ungefähr zwei Meter hoch und fast genauso breit. Ein leichtes Summen ging von dem geöffneten Zeittor aus, das sich mal verstärkte und dann wieder leicht abschwächte. Zum Schluss übergab sie Commander Henderson die genauen Koordinaten für den Zeitsprung zu den Inka Pyramiden auf Terra, die sie von dem Metallstab erhalten hatte. Dann wollte sie sich umdrehen und gehen.

 

Die zwei bewaffneten Männer in den Panzerrüstungen versperrten ihr jedoch den Weg, rissen ihr den Metallstab aus der Hand und schlugen sie mit den kantigen Kolben ihrer schweren Laserwaffen brutal nieder. Bewusstlos blieb die alte Magierin auf den kalten Steinplatten liegen. Sie bewegte sich nicht mehr. Blut rann ihr in schmalen Streifen von der Schläfe, das über die hohlen Wangen lief und vom Kinn herunter auf den staubigen Boden tropfte.

 

Mehrere Lichtblitze deuteten etwas später an, dass Commander Henderson mit seinen beiden Kämpfern das Zeittor durchschritten hatten. Zurück blieben seine Raumschiffsoldaten, die sich rund um das Zeittor postiert hatten, um es mit ihren Laserwaffen nach allen Richtungen hin abzusichern.

 

***

 

Die alte Magierin Hekate Anahid wachte benommen aus ihrer tiefen Bewusstlosigkeit auf. Hendersons Schergen hatten sie einfach wie einen dreckigen Sack Lumpen gepackt, rücksichtslos zwischen die herumliegenden Trümmer geworfen und dort dann allein zurück gelassen.

 

Zuerst konnte sie nichts sehen, weil ihre Augen von den schweren Kolbenschlägen dick angeschwollen waren. Nur langsam ließen sich ihre blutverschmierten Augenlider öffnen. Dann schaute sie vorsichtig nach allen Seiten und sah in einiger Entfernung das immer noch geöffnete Zeittor flimmernd auf dem zerstörten Platz ihres ehemaligen Palastes stehen. Außer den Raumschiffsoldaten war niemand zu sehen.

 

Commander Henderson muss wohl mit seinen Männern durch das Zeittor gegangen sein“, murmelte die Magierin halblaut vor sich hin. Ein Gefühl der Genugtuung kam in ihr auf.

 

Instinktiv griff sie auf einmal nach ihrer Stofftasche, die immer noch an dem breiten Ledergürtel um ihre Hüfte hing. Wenige Augenblicke später hielt sie einen seltsam geformten, silbrig glänzenden Metallstab in der rechten Hand. Die Magierin lächelte zufrieden und richtete ohne lange zu zögern das vordere Ende des Stabes auf das flimmernde Zeittor. Im nächsten Moment schoss ein kleiner, nur wenige Millimeter starker Lichtstrahl aus ihm heraus, der genau in der Mitte des gleißend hellen Energievorhangs verschwand, als würde er absorbiert werden. Wenige Sekunden später fiel schlagartig der Energievorhang plötzlich in sich zusammen, sodass der Boden spürbar erzitterte.


Die postierten Raumschiffsoldaten stoben erschrocken in alle Richtungen auseinander und gingen schließlich in sicherer Entfernung in Stellung. Sie warteten offenbar auf die Rückkehr ihres Commanders.

 

Doch das Zeittor blieb verschwunden. Es tauchte nicht mehr auf.

 

Als die Magierin den silbrig glänzenden Metallstab in ihrer verdreckten Stofftasche wieder behutsam verstaute, lächelte sie mit einem seltsam zufriedenen Gesichtsausdruck, denn sie wusste, dass Henderson und seine Männer nur ein wert- und nutzloses Duplikat an sich gerissen und auf den Weg zu den Inka Pyramiden mitgenommen hatten. Aber ohne das Original konnten sie nicht mehr durch das Zeittor zurück nach der Stadt Ebon auf dem Planeten Lamu, wo ihr Raumschiff stand. Das schreckliche Schicksal des Commanders und seiner beiden Begleiter war der Magierin jedoch völlig gleichgültig. Sie hatte nur auf ihre Weise den Tod ihres geliebten Mannes, dem Magier Mermoron, gerächt. Sie hatte ihr Ziel erreicht.

 

Mehr wollte sie nicht.

 

***

 

Zweihundert Jahre später.

 

Eine Nachricht ging wie ein Lauffeuer um die ganze Welt.

 

In Peru machte eine Gruppe Inka Archäologen einen spektakulären Fund, der den Wissenschaftlern Rätsel aufgibt.

 

In einem archäologischen Komplex einer neu entdeckten Inka Stadt tief unter der Erde haben Forscher eine geheimnisvolle Grabanlage mit den Mumien dreier Männer entdeckt und damit Archäologen sowie die Weltregierung in helle Aufregung versetzt.

 

Zwei der Mumien befanden sich in eine Art Rüstung aus sehr hartem Spezialmetall, die dritte war von einer Art Kunststoffhaut umgeben, wie sie, den ersten Untersuchungsergebnissen nach, vor mehr als zweihundert Jahren von Offizieren im Rang eines Raumschiff-Commanders getragen wurden. Nach neuesten Berichten fand man auch alte Laserwaffen, die sogar noch funktionsfähig waren. Die Ruinenstadt der Inkas wurde deshalb großräumig abgesperrt und bis auf weiteres unter den Schutz des Militärs der vereinigten Weltregierung gestellt.

 

Es wurde außerdem eine Nachrichtensperre auf unbestimmte Zeit verhängt, denn man wusste nicht, wie diese ehemaligen Raumfahrer, die man an ihren verblassten Namensschilder wieder erkannte, in dieses uralte Inkagrab gekommen waren, das so tief unter der Erde verborgen lag.

 

 

ENDE

 

 

© Heinz-Walter Hoetter

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.04.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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