Patrick Rabe

Züge/Hineinschauen

Züge

Es gibt Menschen, die haben einen Drang dazu, auf Bahngleisen spazieren zu gehen. Sie werden von ihren Mitmenschen oft argwöhnisch beäugt und für selbstmordgefährdet gehalten. Ein Geheimnis umgibt sie. Sie sind Suchende. Die sich nicht mehr damit abfinden wollen, dass sie nur auf Teerstraßen und Waldwegen gehen dürfen. Sie haben Sehnsucht nach etwas, das es gar nicht mehr gibt. Dampfloks! Denn sie wollten als Kind Lokomotivführer werden. Früher bei Jungs ein total gängiger Berufswunsch. Und sie wissen doch: Gott erfüllt alle Wünsche von Kinderherzen. Aber dann lernen sie die Züge von heute kennen. Elektrozüge. Und sind total enttäuscht. Sie wollten doch eine Emma, wie Lukas, der Lokomotivführer.

Und dann machen sie sich auf den Weg. Und irgendwann, mitten in einem Kiefernwald, finden sie ganz alte Gleise. Sie ahnen, dass das stillgelegte Gleise sind, und fangen an, auf ihnen entlang zu spazieren. Am Anfang ihres Weges tauchen immer wieder Leute auf und rufen ihnen was zu von dem entgegenkommenden Zug, der soooo gefährlich sei. Die haben ja keine Ahnung. Den suchst du doch gerade. Du glaubst nur selber nicht, dass es den gibt. Aber, wenn andere an ihn glauben, und einen warnen, vielleicht gibt es ihn ja doch! Und dann kommt noch ein letzter Warner und ruft: "Irgendwann kommt da ein dunkler Tunnel. Wenn du da reinläufst, und der Zug kommt justament, wirst du zwar noch seine Scheinwerfer sehen, aber du kannst ihm dann nicht mehr ausweichen. Verlass die Gleise lieber jetzt gleich!" Doch du hörst nicht hin und gehst weiter.

Du gehst durch eine wunderschöne Landschaft. Erst Wälder, dann Felder, auch durch eine Stadt kommst du, und zuletzt langst du am Gebirge an. Und da ist er dann. Der dunkle Tunnel! Und du zögerst. Du bekommst es mit der Angst. Denn du merkst, dass du gar kein Kind mehr bist, und auch nicht mehr Lokomotivführer werden möchtest. Es ist nur noch so eine kleine Restsehnsucht nach dem Dampfzug, die dich dazu bringen könnte, weiter zu gehen. Aber all das Risiko ist doch viel zu groß. Wenn du zurückgehst ist das Schlimmste, was dir passieren kann, dass du ausgelacht wirst. Aber da bemerkst du etwas erschreckendes. Deine Füße laufen von alleine weiter. Und jetzt weißt du, dass es den Zug wirklich gibt. Er hat deine Sehnsucht gespürt und ist von der anderen Seite der Zeit losgefahren, in deine Richtung, um dich abzuholen. Angst packt dich. Es ist der Teufel, der ihn dir geschickt hat, das spürst du. Jener alte, gnaddelige Mann, den du abgespalten und weggeschoben hast, und der noch nie an Dampfloks geglaubt hat. Er hat dich gezogen und jetzt schickt er dir einen Zug aus der Hölle. Du willst stehen bleiben. Aber deine Füße führen dich hinein ins Dunkel.

Hab keine Furcht, mein Freund. Was wirklich wahr ist, weiß niemand, bis man ihm begegnet ist. Ich glaube, wenn man ganz beherzt vor dem Zug, der auf einen zurast, stehen bleibt, verwandelt er sich vor lauter Schreck und Freude in genau das, was man möchte. Denn dein "auf den Gleisen gehen", was du in deinen Träumen schon als kleines Kind getan hast, muss ja gar kein Zeichen für Selbstmordgefährdung sein. Es kann auch damit zu tun haben, dass man an der Bahnstation zu lange auf einen verspäteten Zug gewartet hat. Sollte man aber auf Gottes Zug gewartet haben... der ist immer right in Time. Und der ist so niedlich und freundlich, dass er wirklich anhält, wenn man sich gerade auf den Gleisen befindet.

Der Liedermacher Tom Liwa meint ja: "Das Licht am Ende des Tunnels ist kein Licht. Es ist ein Spiegel, und darin spiegeln sich unsere Suchscheinwerfer." Aber Gott schafft dir eine Passage durch den Spiegel. Und hinter dem Spiegel ist auch was. Erst mal Kuddelmuddel. Aber das bist du selbst. Und dann... ist da plötzlich das Wunder. Als was es auch erscheint. Als Regenbogen, als schöne Frau, als Kind, als Musikidol, als König oder als bester Freund. Du wirst deinem Gott begegnen, und checken können, ob er GOTT oder ein Götze ist. Ist er ein Götze, dann hab ihn lieb, und er schrumpft ein und macht Platz für GOTT, den echten, der sich, dich und deine Welt nun verwandeln kann, wie sich der Bär in Schneeweißchen und Rosenrot in einen Prinzen verwandelt, nachdem der meckernde Zwerg abgezogen ist. Trainspotting nennen die Engländer es, wenn man Zügen hinterherblickt. Du bist ein Mensch anderer Sorte. Du willst deinem Zug begegnen, um zu erfahren, was dich zieht. Glückauf. Es ist Gott, der dich ruft und beschützt. Aber auch jener alte Mann, der Teufel. Der partout nicht mehr an Dampfloks glauben will und lieber im Gewohnten verharrt. Lass ihn nicht zum meckernden, pessimistischen Zwerg werden, der dir permanent in die Suppe spuckt. Denn auch er möchte nur eine Umarmung, damit er wieder an Gott glauben kann. er wird dir hundertmillionenmal erzählen, dass er das gar nicht will. Glaub ihm nicht. Er ist krank vor Sehnsucht nach dem Vaterhaus.

Sei mutig, doch nicht übermütig. Sehne dich, doch sei nicht süchtig. Liebe, doch lass auch lieben. Gehe, doch raste, wenn du müde wirst. und nimm immer Brot und Salz mit. Und vielleicht eine Taschenlampe. Der Tunnel ist oft sehr dunkel.

 

Hineinschauen

Sich seinen dunklen Seiten stellen. Seinen Lebenslügen. Seinen Selbstbetrügereien und Selbstverleugnungen. Den dunklen Horrornächten. Mit den Insekten und den grapschenden Zombies. Den dunklen Stunden in der geschlossenen Psychiatrie, wo alles da war. Nur nicht Gott.

Sich eingestehen, dass der Glaube, bei aller Kraft, nicht immer ausreicht, um zu tragen. Erkennen, dass einen der alte Mann Desillusion eingeholt hat. Erkennen, dass einem schwarz vor Augen ist, obwohl die Sonne scheint.

Erkennen, dass man trotzdem Optimist ist. Gott kennt und liebt. Die Natur atmet und schätzt. Menschen herzt und streichelt. Tränen abwischt und tröstet. Nicht aufgibt, weil man weiß, dass man geborgen ist im Mantel von Gottes übergroßer Liebe.

Und doch wissen, dass man zerrissen ist, und dass durch diesen Riss nicht nur Licht kommt. Zu genau wissen, wie die Welt ist. Zu genau erkannt haben, dass man den Teufel nicht nur hasst oder fürchtet, sondern auch liebt. Und dass man der Hure Babylon eigentlich nicht den Untergang wünscht, sondern ein breiteres Bett, um Platz zu machen für wilde Sexorgien mit ihr.

Der Teufel ist jener, der nicht gern hinschaut, wenn aus dem Tanz, den man mit ihm getanzt hat, ein Scherbenhaufen entsteht. Er verdrückt sich dann gerne. Gott bleibt da. Er wartet hinter der Mauer um die Ecke und lugt zart hervor, wenn das Kind, das man ist, zu weinen anfängt, wie Petrus, nachdem er den Heiland verleugnet hatte. Gott nimmt deine hilfesuchend ausgestreckte Hand immer wieder. Sei dir da sicher.

Der Mensch ist ein seltsames Wesen. Sündig und geliebt. Fehlbar und zur Vollkommenheit berufen. Krank und gesund. Seuche und Heilmittel. Liebe, Angst, Hass, Verzweiflung, Glück, Vertrauen, Mut...und immer wieder das Greifen nach Gottes Hand, die einen nie loslässt, weil es Sein Friede und Seine Segnungen sind, die das Leben schön und lebenswert machen.

Patrick Rabe, 30. April 2019.

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