Hans Fritz

Freiheitsideen



VORWORTE

"Das ist der Weisheit letzter Schluss: Der verdient sich Freiheit wie das Leben, der täglich sie erobern muss" lässt Goethe im ‘Faust II’, 5. Akt, Faust zu Mephistopheles sagen.

Ja, die Freiheit der Person oder des Kollektivs ist kein Geschenk, sie muss mühsam erkämpft werden. Ein Zitat von Jean-Paul Sartre lautet: "Unsere Freiheit ist heute lediglich der Entschluss, die Freiheit zu erkämpfen".

In der griechischen Antike galt Freiheit als Rechtsbegriff. Ein freier Stadtbürger (‘Polisbürger’) stand den Sklaven und Barbaren gegenüber.

In der antiken römischen Gesellschaft konnte sich der Sklave freikaufen. Freiheit kann auch heute käuflich erworben werden, wenn auch nur temporär z.B. durch Zahlung einer Kaution. Zahlen von Lösegeld und die Bestechung sollen hier lediglich als Stichworte stehen. Ausser Frieden scheint alles käuflich zu sein.


BEGRIFFLICHKEITEN

Freiheit – eigentlich ein Begriff der praktischen Philosophie und der politischen Theorie. Allgemein werden vorrangig Glaubens-, Gewissens- und Meinungsfreiheit angesprochen.

Der Freiheitsbegriff ist untrennbar mit dem Willensbegriff verbunden (Willensfreiheit). Freiheit bedeutet jedoch die Unabhängigkeit von äusseren oder inneren Zwängen. Im Begriff Handlungsfreiheit entspricht in der Neuzeit der Gedanke der Befreiung, der sich politisch, vor allem aber auch gesellschaftlich (ökonomisch, pädagogisch usw.) und technisch (Befreiung von den Zwängen der Natur) äussert. Moralisch begründete Ansprüche auf Freiheit sollen als unteilbare und unveräusserliche Rechte für alle Menschen gelten. Wann und wo auch immer von Vertretern einer scheinbar ‘freien Welt’ die Beachtung der Menschenrechte gefordert wird, ist das Recht auf persönliche Freiheit stillschweigend einbezogen.

Der Geist benötigt die Materie um Wille und Wollen auszuführen. Der enge Rahmen ‘technischer Möglichkeiten’ vermag die Freiheit der Wahl einer Methodik einzuschränken. «Wille ist Wollen und Freiheit ist Können», schrieb Voltaire. Gemäss Seneca bedeutet Freiheit ‘die Macht über sich selbst’, ein Gedanke, der von J.P. Sartre aufgegriffen und vertieft wurde.

Nach Oswald Spengler (‘Jahre der Entscheidung’) besteht die Notwendigkeit einer disziplinierten Hingabe und damit eine innere Freiheit der Pflichterfüllung, ein Sich-selbst-beherrschen im Hinblick auf ein bestimmtes Ziel.

Die persönliche Freiheit kann nur aufgrund eines förmlichen Gesetzes bzw. nur unter Beachtung der darin vorgeschriebenen Formen eingeschränkt werden. Verstösse gegen ein Gesetz nehmen dem Delinquenten das Recht sich in der Öffentlichkeit frei zu bewegen.

Den modernen Menschen mag beruhigen, dass er (noch) einen nicht von aussen kontrollierten Gedanken hegen darf. «Die Gedanken sind frei» heisst es in einer alten Volksweise. Um 1200 dichtete Walter von der Vogelweide «Das Band kann niemand finden, das meine Gedanken bindet».

In einer regelrechten, durch freie Wahlen etablierten Demokratie wird das Recht auf freie Meinungsäusserung verfassungsmässig garantiert. Das ist gut so. Doch muss ich heute damit rechnen, dass irgendeine frei geäusserte Meinung in der Lesart des Gesetzeshüters rassistisch gefärbte Anspielungen enthält. Da heisst es Vorsicht walten lassen. Es zeichnet sich die Tendenz ab, dass in unserer ‘freien’ Gesellschaft ein auch nur vage angedeuteter verbaler Rassismus bald als eine ‘Straftat’ geahndet werden könnte.

Totalitäre Systeme lassen als Gegensatz zum verfassungsmässig etablierten demokratischen Staat wenig oder keinen Platz für Freiheit. Basiert das Handeln eines Regimes auf der Fehlinterpretation religiöser wie parareligiöser Glaubensinhalte, fühlen sich die Machthaber zur Unterdrückung der Äusserung einer nicht regime- konformen ‘freien Meinung’ legitimiert. In diesem Zusammenhang bedarf die Pressefreiheit, bzw. die Freiheit der Medien insgesamt, besonderer Erwähnung.

Der Ruf wirklich oder scheinbar Unterdrückter nach Freiheit gipfelt auch heute noch vielerorts in blutigen Aufständen, in subtiler Form in Maifeiern einschliesslich Forderungen der Gewerkschaften.

Als Gipfel eines menschenverachtenden Zynismus verkündeten während der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland Toraufschriften an Konzentrationslagern: ‘Arbeit macht frei’. Der Nationalökonom Heinrich Beta hatte 1845 den Spruch "… die Arbeit macht selig, denn die Arbeit macht frei" in einer religiösen Schrift publiziert.

Last, not least - Wie steht es mit der so genannten Narrenfreiheit? Gerade die Karnevalstage zeigen immer wieder, dass es damit nicht so einfach ist. Es ist alles erlaubt, was nicht verboten, zumindest nicht unerwünscht ist. Für den Gesetzgeber trägt so genannter Schwarzer Humor immer eine Spur Strafbestand.

 

SYMBOLIK

Wir errichten der Freiheit Kolossalstatuen, lassen Freiheitsglocken läuten, bringen Opfer auf dem Altar der Freiheit.

Im deutschen Liedgut nimmt das politisch getönte Volkslied "Freiheit, die ich meine*…" einen hervorragenden Platz ein. Max von Schenkendorf verfasste den Text 1815 unter dem Eindruck der so genannten Befreiungskriege. Die schlichte, eingängige Melodie, die sich durchgesetzt hat, stammt von Karl August Groos. *’meine’ soll hier so viel bedeuten wie ‘liebe’.

Wo könnte die Sehnsucht nach Freiheit einen besseren Ausdruck finden als in Gefangenenchören, wie wir sie beispielsweise aus Verdis Nabucco und Beethovens Fidelio kennen.

"Brüder zur Sonne zur Freiheit..."  übersetzte Hermann Scherchen 1918 aus dem Russischen ins Deutsche.

"Liberté, Égalité, Fraternité" (also Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit) waren die Losungsworte der Französischen Revolution.

"Einigkeit und Recht und Freiheit" leitet die deutsche Nationalhymne ein.

Symbol eines Schweizer Freiheitskämpfers ist Wilhelm Tell, gewürdigt u.a. in Schillers Drama ‘Wilhelm Tell’ (1804) und in Rossinis grosser Oper ‘Guillaume Tell’ (1829).

Das Andreas-Hofer-Denkmal auf dem Bergisel bei Innsbruck erinnert an die Freiheitskämpfe der Tiroler und ihren Anführer der Volksaufstandsbewegung 1809.

 

LITERATURANGABE ZUM BEGRIFF ‘FREIHEIT’

ENZYKLOPÄDIE PHOLOSOPHIE UND WISSENSCHAFTSTHEORIE
Band 1: A-G; Jürgen Mittelstraß Hrsg., J.B. Metzler, Stuttgart und Weimar, 1995

 

Anmerkungen zum Freiheitsbegriff der Philosophen

Vom ‘Vorsokratiker’ HERAKLIT von Ephesos (ca. 540-475 v. Chr.) stammt der Spruch «Krieg ist aller Dinge Vater und der König aller. Die einen macht er zu Göttern, die anderen zu Menschen, die einen zu Sklaven, die anderen zu Freien».

PLATON (ca. 428-348 v.Chr.), der Begründer der ältesten Philosophenschule, dem Ausgangspunkt des Platonismus, deutete den Begriff Freiheit mit der ‘göttergewollten’ Notwendigkeit, das eigene Sein als höchste Möglichkeit zu wollen. Für das persönliche Schicksal ist eine Präexistenz der Seele für die anstehende Freiheit der Entscheidungen verantwortlich. Aber auch er kennt die echte Wahl, indem er davon ausgeht, dass die präexistente Seele ihre Lebensweise, ihr ‘Los’, kraft der Einsicht, die sie in einem vorherigen Dasein durch ihre Entscheidungen gewonnen hat, auswählt und damit auch für dieses Los verantwortlich ist.
Dem widersprach Aristoteles (384-322 v.Chr.) und postulierte die freie Wahlentscheidung als ein ‘Mit-sich-zu-Rate-Gehen’ in einer konkreten Handlung. Nach ihm führt das Streben zum Guten zur Verwirklichung des Gesollten, ohne das nicht Gesollte gänzlich auszuschließen. Durch die strikte Bindung an den Kosmos existiert die Freiheit nur zusammen mit dem Schicksal als Notwendigkeit.

PLOTIN (~203-270) gilt als Begründer des Neoplatonismus. Gemäss seiner Philosophie, die bei nachfolgenden Denkern grossen Anklang fand, wird der Freiheitsbegriff aus der Ethik in die Metaphysik übertragen. Als frei darf nach Plotin nur ein Wille gelten, der nichts anderes als ich selbst will. Freiwilligkeit ist zwangfreies und wissendes Tun, das in der Macht der Entscheidung steht und dem Befehl des Willens gehorcht, der seinerseits durch eine ‘reine’ richtige Vernunft bestimmt ist. Sobald der Mensch handelt, hat er keine freie Verfügung, weil sein Tun dann zweckbezogen ist. Eine freie Verfügung betrifft nur die innerliche Verfassung und damit das Aufsichselbstbestehen des Geistes, die Herrschaft der Tugend über die Seele. Nur ein Sein, das sich selbst bewirkt, kann wahrhaft frei sein.

Nach THOMAS VON AQUIN (ca. 1225-1274), einem bedeutenden Philosophen und Theologen im Zeitalter des Hellenismus, war von Aristoteles und Platon beeinflusst. Der Mensch sei frei aufgrund seiner Fähigkeit zu wählen, was als eine Umschreibung für den Willen bezeichnet werden kann. Das Wollen des Menschen entspricht im Wesentlichen einem Frei-wählen- können, vorausgesetzt er handelt selbständig. Die Freiheit reisst keine Lücke in die alles umfassende göttliche Vorsehung, d.h. der Mensch ist frei von aller Verursachung seines Wollens durch andere Geschöpfe.

Die freie Handlung ist immer zugleich von Gott mitverursacht. Das Verhältnis der Allwirksamkeit Gottes zur menschlichen Freiheit bleibt problematisch. Gott hat offenbar ‘moralische Übel’ zugelassen, um der Existenz einer dem Geschöpf eigenen Freiheit willen. ‘Freie’ missbrauchen Freiheit, indem sie sich für das moralisch Böse entscheiden.

Nach WILHELM VON OCKHAM (ca. 1288-1347) ist der Wille nicht aufgrund der Vernunft frei, sondern in sich selbst. Das heisst, der Wille ist kein Naturstreben, er selbst ist Ort der Freiheit, ist Fundament menschlicher Subjektivität. Gott ist absolut frei, sein Handeln an nichts gebunden. Gott hätte alles anders schaffen können. Er verwirklichte eine Welt unter vielen anderen möglichen Welten.

Der Mensch ist nicht mehr dann als frei anzusehen, wenn er in Übereinstimmung mit einer vorgegebenen Ordnung handelt. Allerdings ist der Mensch frei, sich eine bestimmte Ordnung zu geben.

René DESCARTES (1596-1650) gilt als der eigentliche Begründer der neuzeitlichen Philosophie. Sein philosophisches Denkgebäude ist stets von der Mathematik untermauert. Ihm wird das berühmte ‘cogito, ergo sum’ (ich denke, also bin ich) zugeschrieben. Nach Descartes ist Gott ein Wesen uneingeschränkter Freiheit. Gott hat die Welt ohne Vorgabe ewiger Gesetze geschaffen.

Die höchste Vollkommenheit des Menschen besteht im freien Handeln durch den Willen.

Doch nur im Zweifel wird der Mensch seiner selbst als denkendes Wesen gewiss. Das Denken fasst Descartes als unkörperlich und unräumlich auf. Körperwelt habe die Eigenschaft der Ausgedehntheit, des Raumes und der Bewegung. Er bedient sich also des Dualismus von Geist und Materie.

Der Universalgelehrte G.W. LEIBNIZ (1646-1716), einer der ersten deutschen ‘Aufklärer’, bezeichnet unsere Welt als die beste aller möglichen Welten. Wie bei Descartes ist seine Philosophie mathematisch beeinflusst. Leibniz vertritt die Lehre von den Monaden, d.s. kleinste unteilbare, ursprüngliche Einheiten, aus denen die gesamte Wirklichkeit besteht. Nach seiner Auffassung gibt es allerdings keinen Dualismus im Descartes’schen Sinn. Alles ist mit unendlichem Reagieren aufeinander eingespielt.

Die wahre und vollkommene Freiheit besteht darin, seinen freien Willen optimal umsetzen zu können. Es sollte dabei aber keine Ablenkung durch äussere Geschehnisse oder ‘innere’ Leidenschaften bestehen.

Wenn alles gut wäre, bräuchte es keine Freiheit des Wunschdenkens zu geben.

Immanuel KANT (1724-1804) war der Philosoph der Aufklärung, die den Menschen zum selbständigen Denken auffordert und sich mutig von geistiger Gängelei anderer zu befreien.

Eine These besagt, dass ausser der Kausalität nach Gesetzen der Natur eine Kausalität durch Freiheit zur Erklärung der Erscheinungen notwendig ist. Freiheit ist die Fähigkeit ‘causa sui’ zu sein, d.h. mit einem Vermögen der reinen Selbstbestimmung, ohne von etwas anderem bestimmt zu werden.

Eine Antithese beruht auf dem alles Naturgeschehen bestimmenden Kausalitätsprinzip, wonach jede Wirkung eine ihr vorangehende Ursache voraussetzt, von der sie bestimmt wird. Es gibt keine absolute Freiheit, sondern alles geschieht nach den Naturgesetzen, d.h. es gibt ‘keine Wirkung ohne Ursache’.

Da Freiheit nur als eine Ursache verstanden werden kann, die nicht noch einmal durch einen vorhergehenden Zustand festgelegt ist und im Naturgeschehen nicht anzutreffen ist, ist sie gemäss der Antithese nichts als ein ‘leeres Gedankending’ (zit. nach ‘Kritik der reinen Vernunft’).

Bei G.W.F. HEGEL (1770-1831), der als der bedeutendste Vertreter des Deutschen Idealismus gilt, wird der autonome Freiheitsbegriff zum Wesensmerkmal objektiver Geistesformen, u.a. unter der Einbeziehung von Realitäten. In seiner Staatsphilosophie vertritt Hegel eine konstitutionell-monarchisch geprägte, liberal(istisch)e Position. Der moderne Staat, der unter dem Prinzip der Allgemeinheit steht, ist normativ als höchstes Realisat der Freiheit zu verstehen. Die bürgerliche Gesellschaft ist als sittliche Form zu begreifen, weil sich ihre rechtliche Konstitution ursprungsmässig auf das Prinzip der Freiheit zurückführen lässt.

Arthur SCHOPENHAUER (1788-1860) meinte zur Willensfreiheit: «Können wir in unseren Entscheidungen frei sein, auch wenn sie von vornherein definiert sind?»

Jedes ‘natürliche’ Ereignis wird durch vorangehendes Geschehen bestimmt. Die deterministische Weltsicht gilt auch heute noch für die Aufstellung einer These für die ‘Freiheit des Willens’ als relevant. Als Teil einer realen, wahrnehmbaren Welt ist der seinem Wesen nach freie Mensch im Prinzip unfrei, indem alle Willensakte ursächlich festgelegt sind.

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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