Jakob Kappert

Ein Tag im Geschäft


Jeden Morgen, wenn die Reinigungskräfte als erste das Geschäft aufschließen, das Licht anschalten, detachierte Begrüßungsfloskeln austauschen und sich mit müden, von dunkelblauen Ringen unterlaufenen Augen an die Arbeit begeben, bin ich schon hier, und jeden Abend, wenn der Sicherheitsmann als letzter die Türen wieder ordnungsgemäß verriegelt und seinen Posten an die wachsamen Blicke der Überwachungskameras abtritt, bin ich hier. Ich bin immer hier. Nicht immer an diesem Platz, dem Schaufenster, manchmal stehe ich dort drüben neben der Tür, die zu den anderen Räumen führt, seltener auch dort in der Ecke neben den Umkleidekabinen.

Wer genau bestimmt, wo ich wann stehe und was ich wann trage, verrät mir niemand von denen, die mich handhaben, aber ich frage ja auch nicht. Könnte ich sprechen, würde ich ihnen sagen, dass mich der Schaufensterplatz, dessen Einsehbarkeit, die Möglichkeit jedes Passanten mich zu jeder Tageszeit zu beobachten, beklemmen; dass ich am liebsten wieder ganz hinten im Geschäft, in der freien Ecke neben den Umkleidekabinen stünde, dem einzigen Platz, an dem mich die Kameras nicht erfassen.

So friste ich einen weiteren Tag zwischen gestressten Angestellten, die mich herumtragen, mit immer neueren und exklusiveren Modeschöpfungen ausstaffieren; stressenden Kunden, die mich im Vorbeigehen mustern, Preise abwägen, mit teils neugierigen, teils eifersüchtigen Blicken über meinen Körper fahren, und Kapuzenpullover-tragenden Halbstarken, die einzig herkommen um mir, alsbald sie sich unbeobachtet fühlen, in Brust und Gesäß zu kneifen. Doch sie sind nicht unbeobachtet. Niemand im Geschäft ist das. Es ist den Kameras schlichtweg egal, was mit mir angestellt wird, solange sich ja niemand an den mir aufgebürdeten Kleidern vergreift.

Einmal, da passte mein rechter Arm, starr wie der Rest meines Körpers, nicht durch die Schulterschlaufe eines scheußlichen rot-weiß karierten Sommerkleides, also schnitten die Angestellten ihn nach kurzem Hin und Her einfach ab - kurz oberhalb des Ellbogens. Keiner von ihnen verzog dabei eine Braue, nicht mal, als sie der Symmetrie wegen auch den rechten amputierten. Seitdem habe ich keine Arme mehr; keine Hoffnung, meinem Dasein zu entfliehen, indem ich, mal angenommen, ich lerne mich zu bewegen, den Sicherheitsmann überwältige, die Türen des Geschäfts aufreiße und einfach so hinaus in die mir unbekannte Welt schreite, bis an einen Ort, an dem es keine Augen gibt.

So aber bleibt mir nichts übrig, als dem Sicherheitsmann wieder dabei zuzugucken, wie er, dem Feierabend entgegenstrebend, seine letzte Runde durchs Geschäft beschleunigt, das Licht ausschaltet, die Türen verriegelt und mich alleine im Dunkeln zurücklässt, einzig im Beisein der nicht von mir weichenden Kamerablicke.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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