Jakob Kappert

Schaukampf mit Zyklopen

„Wie hoffentlich alle sehen, kämpfen die beiden Zyklopen am Grund dieses Kraters auf Leben und Tot – der eine ohne Beine, der andere ohne Arme, beide vom Wuchs eines kleinen Berges.

Warum sie kämpfen, weiß keiner so genau. Führenden Zyklologen zufolge, habe die Variation ihrer Gliedmaßen starke Überlegenheitsgefühle geschürt. Kritiker dieser These postulieren, die fehlenden Gliedmaßen seien nicht des Kampfes Ursprung, sondern dessen Zwischenbilanz. Wenn Sie mich fragen: Die beiden haben selber keinen Schimmer!

Erste Erwähnungen eines Kampfes zweier einäugiger Giganten reichen bis in früheste Protokollierungen lokaler Historiker zurück. Damals war der einzige Unterschied, dass dieserorts anstelle des 'Kolosseums' ein Wald wuchs. Dieser wurde jedoch im Zuge der zyklopischen Erosion vollständig zerstört, eingestampft, bis sich über die Jahrhunderte - na wer erräts? - ein Krater bildete.

Und nun liebe Zyklopenfreunde können sie sich selbst ein Bild des Geschehens machen - sofern Sie eine Kamera mitführen. Haha. Ach ja, falls Sie eine kleine Stärkung vertragen, die Fischbrötchen von Freds Fischbrötchenstand sind wärmstens zu empfehlen!“

Während ich mich vom wieder wiederholtem Rekapitulieren der Zyklopeninfos gelangweilt an die Seitenwand von Freds lehne, die Beine gekreuzt, und dessen perverse, zu einem Auge arrangierte, für mich kostenlose Spezialität hinunterwürge, schweift mein Blick über die ununterbrochen frequentierenden Touristenscharen, die sich, in Begleitung ebenso dynamischer Fremdenführer wie mir, in kleinen Gruppen Schulter an Schulter am Kraterrand drängen und ihre schmalen Hälse so weit über das Geländer recken, wie es die Giraffenanatomie zulässt. Unzählige Objektive funkeln unter der Sonne.

Plötzlich keimt ein Raunen auf. Eine Gruppe schelmisch aussehender Jungen reißt triumphierend die Fäuste hoch. Sie jubeln? Alle jubeln! Ich schmeiße den Rest der Fischbrötchenscheußlichkeit über die Schulter, wische die fettigen Hände an der Jeans ab und bahne mich durch die nun regelrecht applaudierende Menge. Am Geländer angekommen offenbart sich mir ein selbst unter den gegebenen Umständen einzigartiger Anblick, der mich unversehens in den Jubel einstimmen lässt. Grund ist nicht weniger als die bevorstehende Siegeskrönung des wohl epischsten Schaukampfes der Geschichte!

Hunderte Augen, ein Fokus: Das unablässig von den Fäusten des einen bearbeitete Gesicht des anderen Zyklopen. Blind nach Luft tretend, liegt der andere am Boden, unfähig den einen, der auf seinem Brustkorb thront, so von sich herunterzubekommen. In der Höhle, in der zuvor sein kostbares Auge saß, schwappt blutiger Kollagenbrei im Takt der Schläge hin und her und über das lädierte Gesicht.

Endlich ist es soweit. Der andere zappelt nicht mehr.

Frenetischer Applaus!

Die Touris sind außer Rand und Band, pfeifen, springen in die Luft, umarmen sich, einige tauschen Geldbeträge aus, irgendwer wirft eine Erdnusstüte in Richtung des Siegers und ausnahmslos alle fotografieren wie Bekloppte.

Von den ausschweifendem Ovationen seiner Groupies geködert, schaut der Zyklop auf eine unangenehme Weise, die mehr Aufmerksamkeit voraussetzt, als mir lieb ist, herüber. Schon springt er von der Leiche und prescht, das Gesicht von ungebrochener Siegesmanie erfüllt, die Zähne gefletscht, auf uns zu. Er ist schnell. Verdammt schnell. Auf seinen kleinbusformatigen Händen überbrückt er pro Satz hundert Meter.

Rückwärts drücke ich mich vom Geländer weg; gegen eine lückenlose Wand aus Leibern.

„Eh, Leute “ beginne ich.

„ER KOMMT DIREKT AUF UNS ZU!“ beendet irgendwer.

Die Freudenschreie metamorphosieren zu Angstschreien. Die Wand bröckelt; panisch stürmen ihre Bestandteile durch- und übereinander, schubsen beiseite, was langsamer ist als sie. So auch mich. Ich stolpere und falle das Gesicht voran in den aufwirbelnden Staub.

Wer auch immer meinen Sturz zu verantworten hat, trampelt rücksichtslos über mich hinweg. Durch das Beingeäst der darauffolgenden Trampler sehe ich, wie sich am Kraterrand vier meterlange Finger erheben, auf das robuste Stahlgeländer legen und dieses zerdrücken, als wäre es nur ein Streichholzkonstrukt. Als eine weitere Hand und das gewaltlüsterne Gesicht des Zyklopen dazukommen, bin ich wieder auf den Beinen und remple alles und jeden beiseite. Furcht sticht Courage.

Hinter mir ertönt ein erstes ohrenbetäubendes WUMS, gefolgt von einem Erdbeben Stärke 4 und einem Massenstolpern. Ich trudel, bleibe aufrecht. Ohne mich umzudrehen, renne ich weiter. Der Boden ist erschreckend weich an manchen Stellen. Dann schallt ein zweites, weniger intensives, nicht weniger beängstigendes  WUMS  und direkt darauf ein drittes und viertes und fünftes - sekundiert von einem Chor aus Schmerzensschreien.

WUMS

WUMS

WUMS

Ich brauche meine Augen nicht, um die Bedeutung dieser Steigerung zu realisieren. Durchs Adrenalin zu Höchstleistungen angespornt, breche ich sämtliche Athletenrekorde. Mein Körper fliegt nur so über die

WUMS

Der letzte Wums ist so doll, dass es mich von den Füßen reißt. Ich rolle ein paar Meter und verharre regungslos. Nagerinstinkte. Tot stellen.

Ein gigantischer Schatten schiebt sich zwischen mich und die Sonne.

Eine Handfläche.

WUMS
 

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Jakob Kappert).
Der Beitrag wurde von Jakob Kappert auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Der Autor:

Bücher unserer Autoren:

cover

Anfang – Ein leiser Traum von Thorsteiin Spicker



Eine Expedition in dass Auf- und Ab des Lebens, der Sehnsucht und kleine leise Träume, Gefühle aus einer Welt die tief das innere selbst bewohnen, beschreibt der Autor in einer Auswahl von Gedichten die von Hoffnung genährt die Tinte auf das Papier zwischen den Jahren 2002 und 2003 fließen ließen. "Unentdecktes Niemandsland ist immer eine Herausforderung die Gänsehaut zaubert. Auf den Blickwinkel kommt es an, den man sich dabei selbst zurechtrückt..."

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Sonstige" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Jakob Kappert

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Ein Wintervorrat von Jakob Kappert (Fabeln)
SICHTBARE KÜSSE von Christine Wolny (Sonstige)
Meine Straße von Monika Klemmstein (Besinnliches)