Wolfgang Küssner

Lirum, larum Löffelstiel

Die deutschen Schriftsteller der sogenannten Heidelberger Romantik, Clemens Brentano und Achim von Arnim, schrieben vor knapp 210 Jahren in der 723 Lieder umfassenden Sammlung Des Knaben Wunderhorn auch das Volkslied Lirum, larum Löffelstiel auf. Wenn Kinder ihre heiße Suppe rühren, so lesen wir dort einführend, würden sie singen: Lirum, larum Löffelstiel, alte Weiber essen viel, junge müssen fasten... etc. Es geht eindeutig ums Essen. Im Kinderlied Ein Löffel für Mama, ein Löffel für Papa erfahren die Kurzen, dass Essen auch strickenden Bären Kraft gibt. Allerdings beim Hund, der in die Küche kam und, vermutlich hungrig, dem Koch ein Ei stahl, endet die Geschichte weniger angenehm. Denn: Da nahm der Koch den Löffel und schlug den Hund entzwei. Zu Brei wäre zwar auch reimfähig gewesen, hätte die Lage aber nicht wesentlich verändert.

Die wenigen Zeilen verdeutlichen zwei Sprüche des Sinns bzw. Unsinns, die da lauten: Erstens: Das Leben ist eins der schwersten. Und zweitens: Das Leben endet meist tödlich. Was viele, aus verständlichen Gründen, meist zu verdrängen suchen.

Ist es nach manchmal schweren Jahren dann soweit, der Leser ahnt was kommt, das Ende, diesmal ohne Koch und Hund, sprechen wir sachlich, respektvoll von einer gestorbenen Person. In der etwas soften, weicheren, vorsichtigeren Variante wird auch gern von einem verstorbenen Menschen berichtet. Da weiß ich immer nicht recht, ob diese Person sich vielleicht vertan hatte, eigentlich noch leben wollte, dann aber doch ein irrtümlich tödliches Ende nahm. Diese Vorsilbe ver... hat es nämlich in sich. Der Leser denke an Wörter wie versprechen, verlaufen, verfahren bzw. - versterben? Da hat sich jemand einfach mal vertan.

Für diese letzten Momente kennen wir viele Begriffe: Abberufen werden, dahingehen, einschlafen, heimgehen, dahinschwinden, scheiden, hinübergehen, fortgehen, verlassen und viele andere Vokabeln stehen uns zur Verfügung. Vermutlich bedarf es so vieler Wörter, damit ein jeder entsprechend seiner Gefühlslage diesen letzten Moment sprachlich fassen kann. Dabei wissen wir alle: Das Leben endet meist tödlich.

Wer einen Blick auf die umgangssprachlichen Formulierungen vom Terminus Sterben wirft, kann sich kaum des Eindrucks erwehren, diverse Stände, Berufsgruppen haben ihre eigene Sprache, Ausdrucksweise gefunden, um für den finalen Moment im Leben eines Menschen gewappnet zu sein, ihn treffend und schön umschreiben zu können..

Bei den Optikern, den Voyeuren und Paparazzi könnte davon gesprochen werden, jemand habe seine Augen für immer geschlossen. Mitglieder eines Ältestenrats segnen vermutlich das Zeitliche. Mitarbeiter städtischer Verkehrsbetriebe und der Bahn liegen (es ist ja so naheliegend) in den letzten Zügen und Jäger gehen in die ewigen Jagdgründe ein. Den Uhrmachern und Rennfahrern schlägt das letzte Stündlein. Bei den Soldaten lichten sich die Reihen; ein Procedere, das gern als Heldentod glorifiziert wird. Postboten gehen ihren letzten Gang. Schwache hauchen ihr Leben aus. Fassadenreiniger kratzen ab. In der Metallverarbeitung springt man über die Klinge, Schauspieler und Sänger verlassen die Bühne des Lebens. Vom finalen Ende nicht freigestellte Geistliche hauchen ihren Geist – was auch sonst – aus. Justizangehörige treten auch endlich mal vor ihren Richter. In der Innung der Metzger geht man den Weg allen Fleisches. Gläubige treten vor ihren Schöpfer, Bergleute fahren in die Grube ein. Gärtner schauen sich die Erde von unten an, Bauern und Autofahrer beissen ins Gras. Bei den Reitern wird die Hufe hochgerissen, der Sensenmann kommt Schnitter und Cutter holen. Arbeiter kneifen ganz einfach den Arsch zu und viele versuchen, dem Tod vielleicht doch noch ein Schnippchen schlagen zu können.

Und dann kennen wir die Worte, dass jemand seinen Löffel abgegeben habe und wir sind wieder beim Titel dieser kurzen Geschichte. Diesmal geht es nicht um Koch und Hund, sondern um uns alle, denn wer nicht mehr essen kann, benötigt auch den Löffel nicht länger. Kann ihn also zuvor abgeben.

In Thailand sieht das etwas anders aus. Natürlich findet auch hier das finale Ende täglich statt. Vor Wochen lernte der Autor in einem Café einen Mann kennen und wurde gebeten, dessen Alter zu schätzen. Um es abzukürzen: Er erklärte stolz, 102 Jahre alt zu sein. Unglaublich. Eine Art Methusalem. Doch seine ihn begleitende Ur-Enkelin, im Alter von etwa 40 Jahren, bestätigte die Angabe. Dieser Tage starb eine Frau im hoch betagten, archaischen Alter von 103 Jahren. Ein Ereignis, das durch die Medien ging. Zur Trauerfeier, die im Süden Thailands meistens mehrere Tage dauert und Freunden, Nachbarn und Verwandten Gelegenheit geben soll, beim gemeinsamen Essen der gestorbenen Frau zu gedenken, positive Erinnerungen auszutauschen, werden erfahrungsgemäß deutlich mehr Gäste zu erwarten sein. Warum? Der Grund? Ganz einfach:

Denn – und jetzt geht es wieder um den Löffel – der wurde von der alten Frau, in unserem westlichen, umgangsprachlichen Vokabular bleibend, nicht einfach abgegeben. Aus. Vorbei. Tod. Nein. Er wurde sinnbildlich weitergegeben. Die Gemeinde der Trauernden ist deshalb so zahlreich, weil sie gerne vom servierten Abschiedsessen die Löffel mitnehmen möchten, in der Hoffnung, durch Nahrungszunahme mit diesem Löffel ein ähnlich hohes, gesegnetes, stolzes Alter erlangen zu können, wie jene Frau, die jetzt ihre letzte Reise antreten wird. Vielleicht eine auch in unseren Breiten praktikable Idee, den Löffel nicht einfach nur ab-, sondern weiterzugeben. So könnten die Hinterbliebenen zusätzlich hoffen, von Enkeln, Urenkeln und Ururenkeln einst das Lied zu hören: Lirum, larum Löffelstiel.....

Januar 2019

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