Herrmann Schreiber

Denn wer hat, dem wird gegeben

Manche bedauern, dass die Zinsen zurzeit so niedrig sind. Das können natürlich nur die sein, die etwas haben, mit dem Zinsen einkassieren können, die mit ihrem Geld, Geld verdienen wollen. Es gibt aber auch Leute, die sich über niedrige Zinsen freuen, weil sie einen Kredit aufnehmen wollen, für den Bau ihres Hauses. Aber so etwas sagen sie nicht gern, denn dann würde man merken, dass sie zu denen gehören, die „nicht haben“.

Dass es so sein muss, steht schon in der Bibel: Denn wer hat, dem wird gegeben, und er wird im Überfluss haben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat“ (Matth. 25,29). Danach handeln können allerdings nur die, die schon genügend Geld haben. Sie legen ihr Geld an, bekommen dafür Geld, das sie wieder anlegen, den erneuten Gewinn tragen sie wieder zur Bank, von den Zinsen kaufen sie sich Anteile an viel versprechenden Objekten, die wieder Geld einbringen, mit dem sie dann… immer reicher werden.

Ein sich im Finanzwesen gut auskennender Staatsmann verordnete kürzlich, die Reichen sollten weniger Steuern bezahlen, damit sie mehr investieren können. Der Staat kann aber nicht leicht mit weniger Steuern auskommen. Also müssen, während die Reichen sich durch Spekulieren an der Börse weiter bereichern, die weniger Reichen für das fehlende Steuervolumen aufkommen. Das mag ungerecht sein, entspricht aber dem oben zitierten Bibelvers. Es gibt gewiss auch sanftere Bibelverse, die manchem besser gefallen, aber der eben zitierte beschreibt wohl am besten, was heute in der Welt vor sich geht.

Die nichts haben, denen ist es jedoch meist nicht recht, wenn ihnen auch noch das weggenommen wird, was sie noch haben. Anstelle sich dem zu fügen, was in der Bibel steht, steigen sie auf die Barrikaden, ziehen gelbe Westen an, oder es kommt zu Revolutionen, Umstürzen, Krisen, Staatsstreichen, Pogromen, Aufständen, Machtübernahmen, in deren Folge das bisherige Geld nichts mehr Wert ist und die Reichen weniger reich sind. Dann geht alles wieder von vorne los, mit den Zinsen, mit denen sich die, die es sich leisten können, sich wieder bereichern.

Mit den Zinsen ist nämlich so, dass sie theoretisch einen unaufhörlichen Wertzuwachs garantieren. Wenn um Beispiel der, dem (Matth. 25,24) nur ein Talent (mindestens 25 kg Silber) gegeben wurde, anstelle es zu vergraben, es zur Bank getragen hätte und nie mehr abgehoben hätte, dann wäre heute, mit Zins und Zinses Zins, daraus eine Kugel Gold so groß wie der gesamte Erdball geworden!

Das kann es nicht geben, ebenso wie es unmöglich ist, dass alles Leute so reich würden, dass keiner mehr arbeiten müsste. Denn wenn keiner mehr arbeiten würde, dann müssten wir alle verhungern.

Aus persönlicher Erfahrung kann ich jedoch bezeugen, dass die Sache mit den Banken und der Kreditaufnahme eine recht vorteilhafte Einrichtung ist. Da hatte jemand das Geld, das er gerade mal nicht brauchte, zur Bank getragen. Da die Bank es uns dann geliehen hatte, konnten wir, mindestens fünf Jahre früher als ohne Kreditaufnahme, unsere Stadtwohnung verlassen und in einem netten Vorort unser Haus bauen. Mit kleinem Garten und, für die Kinder, Sandkasten, Schaukel und Turngerät.

Damals kostete das Grundstück etwa ein Fünftel des Gesamtaufwandes. Heute, mehr als 50 Jahre später, muss man für das Grundstück etwa genau so viel bezahlen wie für das zu bauende Haus. Tendenz steigend. Genau so wie die Spanne zwischen arm und reich, sie steigt auch dauernd.

Um das zumindest zu begrenzen, müsste man die Inflationsrate auf den gleichen Wert festlegen, wie den Zinssatz. Aber das widerspricht nicht nur der Bibel, es wird auch dem „Habenden“ zu dem Ausruf veranlassen: „Ich muss mein Geld zur Bank tragen, nur damit es nicht seinen Wert verliert? Für mein gutes Geld will ich eine anständige Rendite!“

Mit den Mieten ist das ähnlich. Vermietet einer ein Haus, dann kann er, nach etwa zwanzig Jahren, nicht nur das zum Unterhalt des Gebäude nötige Geld erhalten, sondern dazu noch soviel, wie das Haus gekostet hat. Er kann sich also ein zweites Haus kaufen, das auch vermieten. Nach weiteren 20 Jahren kann er dann insgesamt vier Häuser vermieten, 20 Jahre später werden es acht, und seine Erben können es leicht auf 16, 32… Häuser bringen.

Geht nicht? So viele Immobilien (in günstiger Wohnlage) gibt es nicht? Richtig. Aber gerade deswegen werden die Immobilien immer teurer, und damit werden die Mieten – und auch die Gewinne der Vermieter - immer höher.

Es geschieht oft, dass ein Mieter über die Jahre so viel Miete gezahlt hat, wie – unter Berücksichtigung von Inflation und Kosten für Unterhaltung – seine Wohnung wert ist. Müsste die Wohnung dann nicht ihm gehören? Das wäre zwar nicht ungerecht, aber durchaus unüblich und dem zitierten Bibelvers widersprechend.

Wenn die Zinsen niedrig liegen, dann können viele sich Geld leihen, um sich eine Immobilie zu kaufen. Die Grundstücke werden dann knapp, die Preise steigen. Falls einer seinen Kredit nicht zurückzahlen kann, nimmt die Bank ihm die Immobilie weg und macht ein gutes Geschäft, da die Preise gestiegen sind. Um das zu vermeiden, sollte man da die Kredite gesetzlich begrenzen? Oder eine „Kreditsteuer“ einführen?

Was noch tun? Immobilien verstaatlichen, hat jemand kürzlich vorgeschlagen. Häuser werden dann „Eigentum des Volkes“. Ist schon dagewesen, ist nicht besonders gut gelaufen. Die Mieten gesetzlich begrenzen? Oder Vererben von vermietetem Wohnraum besonders stark besteuern? Oder ganz allgemein: für Erträge aus Kapitalanlagen mehr Steuern verlangen, als für durch Arbeit verdientes Geld?

Oder einfach zusehen, wie die Reichen immer reicher werden und die Armen immer zahlreicher, und die nächste große Krise abwarten?

Ja, dann denkt mal nach, ihr, die ihr diesen langweiligen Text bis hierher gelesen habt, vielleicht findet ihr etwas…

 

 

 

 

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