Qayid Aljaysh Juyub

StoryXII: A walk in the dark oder (...)

(...)die Tölen vom ‚Kyffhäuser Busch‘
Die vollmondgebadete Nacht beherrschte an jenem denkwürdigen Junitag im Jahre 1995 mit voller Kraft den ‚Kyffhäuser Busch‘, einem Naherholungsgebiet am Rande einer vergessenen -Ironie an – Ruhrpottmetropole, das zu Zeiten eines irren Tyrannen mit Scheitel und Schnurrbart zur Erbauung der arischen Jugend angelegt wurde. Die ursprünglich gar martialische Ausstattung übernahmen denn auch die entnazifizierten ehemaligen Nazi-Größen in leicht abgewandelter Form; obwohl durchaus ‚vergessen‘ wurde, das eine oder andere Hakenkreuz von den wehrkraftfördernden Klettergerüsten und Eskaladierwänden zu entfernen. Ihre sich allmählich rotlackierenden Epigonen - Nachfahren sowohl durch Abstammung als auch im Geiste – erweiterten dann in den folgenden Jahrzehnten nach jeweiliger Mode dann das Freizeitangebot und entfernten dezent die ihnen peinlichen Relikte ihrer faschistischen Väter. Tja Freunde, es ist schon blöd, wenn man einer primitiven, menschenfeindlichen Ideologie folgt und dann auch noch verdientermaßen verliert. Noch erbärmlicher ist es freilich, wenn eine abgehobene Elite einem offensichtlich Irren folgt, der verrückter als eine Scheißhausratte ist. So können wir ja beobachten, wie sich das Bild des durchgeknallten Rattenführers in den Jahrzehnten vom dämonischen Verführer zum eher dümmlichen Kleinbürger mutierte; sozusagen ein Indikator, wie sich das Großbürgertum sich allmählich aus der Verantwortung wandte. Jetzt, da sie sich alle grün einfärben, sind sowieso nur die proletarischen Massen an der mörderischen Vergangenheit schuld. Aber genug davon!

In dieses Freizeitparadies mit laternenerleuchteten (Hakenkreuze überpinselt – gelle!) , chausseeartigen Hauptwegen, die ursprünglich in Miniatur den Autobahnen eines dritten Reiches gleichen sollten, nun waren nun zwei muntere Wandersleut eingedrungen, die nach einem Aufenthalt in einem nahegelegenen Schicki-Micki-Restaurant auf die ausgefallene und einseitig inszenierte Idee verfielen, den relativ langen Weg in das nächste Pub derselben Kategorie a pedes zurückzulegen. Bei den unermüdlichen Fußgängern handelte es sich um ein ziemlich ungleiches Paar, das zu 50 Prozent aus einem ebenso attraktiven wie wohlproportionierten Jüngling und zur verbliebenen Hälfte aus einem vierschrötigen, eher Troll gleichen Burschen bestand. Unser potentieller Kandidat für ‚Germany’s next beauty king‘ – mit vollen Namen Perseus Antigonides geheißen- wandte sich mit einem mehr als ironischen Grinsen an seinen unvorteilhaft gebauten Gefährten, der wiederum gute Karten für ein Fernsehevent mit gegenteiligem Motto besaß, wenn man ihn nur ‚entdecken‘ würde.

‚Denis, mein Guter, das war doch wohl ein absolut stylisches Lokal! Natürlich ist das kein wirklich exquisiter Schuppen, aber immerhin eine gute Adresse, die mir auch für Dich geeignet zu sein schien. Das rustikale, mongolische Essen sollte Dir eigentlich auch gemundet haben; diese flambierten Ponyhaxen – einfach traumhaft!‘

Denis Marius sah seinen feinschmeckenden Freund mit gar gerunzelter Stirn an.

‚Sorry Alter, aber mir gefiel das Restaurant gar nicht! Die hartgekochten Hengsthoden, die Du mir bestellt hast und die dreifach vergorene Stutenmilch haben mir überhaupt nicht geschmeckt. Dann erschienen mir die Leute dort ziemlich arrogant und das Personal beachtete mich offensichtlich nicht so recht.‘

Mit gespielter Tristesse schüttelte der Antigonide sein blondgelocktes Haupt. Natürlich entsprach die Aussage seines recht einfach gestrickten Freundes der reinen und unverfälschten Wahrheit, aber Perseus gefiel es doch außerordentlich, seinen mittellosen Mitschüler zu dissen.

‚Das habe ich befürchtet: Deinesgleichen passt eben halt nicht in eine niveauvolle Umgebung! Das mache ich wirklich nicht gerne, aber Deine Tischmanieren und dieses absolut billige Outfit, können ein kultiviertes Publikum nur zu lauten Heiterkeitsausbrüchen herausfordern! Nicht zu wissen, wann man die Eiergabel verwendet und diese schreckliche Konfektionsware von Poke & Beklopptenburg – einfach grauenhaft! Ohne mich wärst Du in diesen Laden niemals hereingekommen. Du solltest mir eigentlich dankbar sein, dass Du einen Blick in eine andere, für Dich unerreichbar Welt erheischen durftest. Was machst Du? Du blamierst mich, sodass ich mich für Dich schämen muss!‘

Mit ausdruckslosem Gesicht und bar einer adäquaten Antwort ließ der Gescholtene die Philippika über sich ergehen, während sich in seinem Inneren eine gewaltige Wut ansammelte. Leider war diese überaus ohnmächtig, da Marius von diesem Spross einer neureichen Akademikerfamilie in mancherlei Hinsicht abhängig war. Trotz seiner Intelligenz und einem Stipendium wäre es Denis niemals gelungen, ohne den Einfluss seines vermögenden Freundes auf die versnobte Lehrerschaft – die liebenden Eltern des jugendlichen Adonis konnten ziemlich spendabel sein – auch nur ein Jahr auf dem christlichen Eliteinternat zu überstehen; Rektor Poppelmeier pflegte ihn in diesem Sinne regelmäßig daran zu erinnern, dass ein Abkömmling einer ‚Arbeiterfamilie‘ eigentlich nichts an seinem Institut nicht zu suchen hätte. Perseus wiederum hielt sich den Freund als eine Art Hofnarr und Dienstboten. So musste ja irgendeiner diese lästigen Hausarbeiten erledigen oder die von der Lehrerschaft vorbereiteten Spickzettel verwalten und dann während schwieriger Klassenarbeiten in der richtigen Reihenfolge dem Akademikersohn reichen. Letztendlich fungierte der derartig Abhängige als eine Art Bodyguard seines feinsinnigen Gönners und entschärfte schon manche außerschulische, brenzlige Situation durch sein taktisches Geschick, da sein Herr mit seiner überaus charmanten und standesbewussten Art bei manchen Zeitgenossen unschöne Reaktionen provozierte. So gab es da eine überaus gefährliche Situation mit dem Nafri Jug Urtha, der vom Liebling seines Arbeitsgebers und seiner elitären Internatsgenossen zu einem ernstzunehmenden Gegner avancierte. Als Belohnung für solche Dienste ließ der schöne Perseus gelegentlich das eine oder andere Essen springen und amüsierte sich dabei königlich über die unbeholfene Art seines Faktotums – das gehört aber wieder zum Part des Hofnarren. Da nun Denis aus den eben genannten Gründen unmöglich seine Fäuste sprechen lassen konnte und ihm auch bei aller Intelligenz die rhetorischen Fertigkeiten zu einer sarkastischen Antwort fehlten, zog der Gerügte es vor, zu schweigen.

Mit verächtlicher Zufriedenheit betrachtete Antigonides seinen sprachlosen Diener.

‚Marius, Du bist wirklich ein richtiger Bauerntrampel. Manchmal frage ich mich, warum ich mich überhaupt mit solchen Prims abgebe? Komm jetzt, bis zum ‚Bohemian Downfall‘ sind es ja noch einige Meter. Erzähle mir doch in der Zwischenzeit wieder Schwänke von Deinem unterprivilegierten Anhang; das asoziale Milieu ist doch zu ulkig!‘

Zähneknirschend und hilflos versuchte der Angesprochene der überaus freundlichen Bitte mit möglichst wenig Angriffsfläche zu entsprechen.

‚Meine Schwester hat jetzt ihr Abitur mit 1.1 geschafft und denkt daran Medizin zu studieren. Das wird wohl nicht einfach für sie, da sie kein Bafög erhält, weil meine Eltern 10 Mark zu viel verdienen. Sie könnte die staatliche Hilfe zwar als Kredit in Anspruch nehmen, aber mein Schwesterlein arbeitet lieber nebenbei.‘

‚Zustände sind das! Jeder Hinz und Kunz darf sich heutzutage immatrikulieren. Kein Wunder, dass das Bildungsniveau immer weiter verfällt und die Hochschulen aus allen Nähten platzen. Eine Selektion über angemessene Studiengebühren würde hier schon Abhilfe schaffen. Denis, mein Freund, einmal ehrlich: Deine einfältige Schwester mit ihrem billigen NRW-Abitur gehört eigentlich eher hauptberuflich bei ALDI hinter die Kasse! Das ist doch wahr, oder?‘

Ebenso süffisant grinsend wie erwartungsvoll betrachtete der große Sozialexperte den geschätzten Freund, voller Vorfreude auf dessen voraussichtlich ernsthafte und ungeschickte Verteidigung. Genau genommen verzichtete Perseus nach dem Restaurantbesuch auf das standesgemäße Taxi und bestand auf den 20 minütigen Fußmarsch zum angesagten Pub der schlecht kreierten Promiabziehbilder, um seinen mittellosen Mitschüler so richtig zu verarschen – er liebte derartiges und fühlte sich dann in seiner ganzen Mickrigkeit ganz groß. Jedoch fiel dieses Mal die Reaktion ganz anders aus als erwartet, da Denis ein geeignetes Objekt zur Ablenkung gefunden hatte.

‚Was ist denn das da?‘

Jetzt befand sich auf einem kleinen Hügel nordöstlich unserer beiden Helden ein hell erleuchtetes, frisch renoviertes – man hatte sich endlich dazu entschlossen, die alten Flakscheinwerfer durch eine moderne Flutlichtanlage zu ersetzen - Freizeitrelikt der tausendjährigen Herrschaft. Einst entwarfen gar arische Kommunalgrößen hier eine Art Holzfestung mit Wehrtürmen, Laufgräben und sonstigen Ertüchtigungsinstrumenten an denen muntere Hitlerjungen den Endsieg proben konnten. Obwohl dabei der eine oder andere Nazi-Junge draufging, erfreute sich die Anlage doch großer Beliebtheit. Spätere Generationen der städtischen Nomenklatura ließen die Laufgräben zuschütten und führten dann einige Umbauten durch, sodass die unbedarfte ‚jeunesse dorée‘ sich auch weiterhin hier weniger martialisch vergnügen konnte. Jetzt befand sich vor einem der Wachtürme eine alte Krüppeleiche, die in heroischen Zeiten das außerordentliche Pech hatte, für schrumpfgermanische Pseudorituale herhalten zu müssen, die eine braune Laienspielschar mit steter Regelmäßigkeit veranstaltete; nach 1945 litten die Protagonisten dann unter ebenso schlecht inszenierter Amnesie. Offensichtlich gab dem arg gebeutelten Baum vor kurzem ein böses Missgeschick sozusagen den Rest, sodass dieses traurige Stück Flora halb entwurzelt hart gegen Hügelrand lag.

Überrascht und unangenehm berührt betrachtete der vornehme Akademikersohn den Fragesteller mit dem vorwurfsvollen Blick eines Sechsjährigen, dem man seinen Dauerlutscher entwendet hatte, an.

‚Wie bitte? Was ist was?‘

Der wenig begüterte Gefährte deute mit dem rechten Zeigefinger auf den armseligen Baumkadaver.

‚Na der umgestürzte Baum da!‘

‚Der Hellste bist Du wahrlich nicht, mein Lieber. Wie Du schon sagtest: Ein umgestürzter Baum eben!‘

Entsetzt über so viel Stupidität auf einen Schlag schüttelte der verhinderte Schönheitskönig sein attraktives Haupt.

‚Ich finde, wir sollten uns den genauer ansehen!‘

Bevor sein Kumpan darauf reagieren konnte, bewegte sich Marius zielstrebig auf den Gegenstand der sich anbahnende Kontroverse zu.

‚Warum sollen wir uns dieses dreckige, tote Stück Holz ansehen? Hey Du Simpel, warte! Also gut, betrachten wir das Teil einmal von der Nähe, wenn es Dein einfaches Gemüt denn glücklich macht!‘

Mit einem tiefen Seufzer machte sich Perseus daran, seinem Faktotum zu folgen.

Nach einigen Minuten und ohne allzu große Erwartungen erreichte Denis die verunfallte Eiche. Es blieb nur zu hoffen, dass das Ablenkungsmanöver ausreichte und sein Gönner nun den Spott auf dem restlichen Weg zum spießigen Treffpunkt halbwegs vermögender Möchtegerns nicht über seine Familie ergoss, sondern sich auf den idiotischen Gang zum Baum konzentrierte. Eher gelangweilt blickt der Bettelstudent in die Grube, die der halbwegs entwurzelte Baum hinterließ und erlebte eine unheimliche Überraschung der dritten Art.

‚Marius, Du alter Prim, uff, was starrst Du denn so in dieses Drecksloch? Hast Du da etwas einen Verwandten entdeckt?‘

Derweil erreichte auch der durchgestylte Abkömmling sich für gehobenen haltender Gesellschaftsschichten leicht schnaufend den Ort des Geschehens.

‚Da ist eine Kiste drin!‘

‚Wärst Du nicht so ein einfältiges Gemüt, dann würde ich fast wagen zu sagen, Du verscheißerst mich jetzt. Geh mal weg da!‘

Unsanft schob der ultimativ kultivierte Antigonide den treuen Gefährten zur Seite.

‚Tatsächlich, mein unbedarfter Freund, da ist ja wirklich so ein Teil drin.‘

Eine rote, antik aussehende Truhe mittlerer Größe blinkte dem Betrachter verführerisch entgegen.

‚Also hopp Marius, Du springst jetzt da rein und bringst mir das Teil! An Deinem billigen Outfit fällt ein bisschen mehr oder weniger Dreck gar nicht auf; los geht’s‘

Wortlos stieg der so Angeleitete in die hüfthohe Grube und bot nach handgemachter Buddelarbeit das gewünschte Objekt der Begierde seinem Mitschüler dar.

‚Idiot! Stell das Dingen gefälligst auf den Boden und komme aus diesem lächerlichen Loch heraus!‘

‚Die ist wirklich ganz leicht, die kannst Du ruhig nehmen!‘

‚Du Kretin glaubst doch wohl nicht, dass ich mir an dem Dingen die Hände schmutzig mache. Ich bin doch kein stinkender Arbeiter - lächerlich diese Asozialen!‘

Mit ausdruckloser Miene tat der nachdrücklich Gescholtene wie ihm geheißen.

‚Das arme Leute immer so dreckig sein müssen! Denis, mein Freund, Du siehst völlig unmöglich aus mit all dem Schmutz. Jetzt komm, öffne die Truhe, aber sei vorsichtig, vielleicht ist die mit einer Falle gesichert, die Du noch vorher entschärfen musst. Ich habe keine Lust, Dein Blut noch hinterher auf meinem Anzug zu haben: Der ist schließlich von Giorgio Armani!‘

Für einen kurzen Augenblick flammte in des Werktätigen Gehirn der Gedanke auf, ob man die Truhe nicht auch unter Zuhilfenahme des blondgelockten Hauptes seines Gönners – etwa durch einen kräftigen Schlag mit dem Behältnis auf das selbige- zu öffnen vermochte.

‚Was immer du wünschst! Moment, das lässt sich leicht öffnen. Merkwürdig? Da sind doch tatsächlich eine Schatulle, ein Dolch und wohl ein Brief drin.‘

‚Geh mal weg! Cool, das ist ja ein Flammdolch und wie es aussieht auch noch aus Silber! Kein bisschen oxidiert – wo wohl die Scheide abgeblieben ist?‘

Bewundernd hielt Perseus den Kunstvoll gefertigten Dolch und der Hand und maß ihn mit vermeintlichem Kennerblick, obwohl seine Expertise hinsichtlich des exquisiten Objekts eher gegen null tendierte. Die helfende Hand wiederum beschäftigte sich mit dem Brief, der unschwer zu öffnen war. Kurze Zeit las er das alt aussehende Papier, während sein Mienenspiel zwischen Erstaunen und Unglauben driftete. Schließlich hielt es der verunsicherte Leser -nein Freunde, ich meine jetzt nicht euch- es für ratsam, seinem verzückten Mäzen die irritierenden Zeilen vorzulesen.

‚Perseus, hör Dir mal das an!‘

‚Nicht jetzt Du Simpel! Siehst Du nicht, dass ich beschäftigt bin!‘

‚Aber das ist wichtig, Du solltest Dir das anhören!‘

Mit einem genervten Seufzen nach Gutsherrenart ließ der unwissende Kunstexperte von weiteren Betrachtungen des Kleinods ab und schenkte dem Störenfried einen Blick, mit dem wohl in früheren Zeiten ostelbische Junker besonders penetrante Knechte bedachten, bevor sie diese auspeitschen ließen.

‚Na dann lies schon! Aber wehe, wenn das nur wieder irgendein Schwachsinn ist!‘

‚Also hier steht: Ich, Shlomo Ben Kabbala, direkter Nachfahre des berühmten Rabbi Loew, habe in diesem Dybbuk-Schrein das Böse gebannt. Einstmals floh ich aus Deutschland, als die Menschen verrückt wurden und kehrte als Angehöriger der US-Streitkräfte wieder zurück. Die Nazis waren geschlagen, aber trotzdem das Böse noch lange nicht besiegt. In dieser Stadt trieb Dr. Barbarossa Hessling mit seiner Nova-Cimbria-Werwolf-Organisation sein finsteres Unwesen und ließ sich mit normalen Mitteln nicht besiegen. Also führte ich ein aufwendiges, magisches Ritual durch, das Leib und Seele der Werwölfe in dieser Schatulle für ewig gefangen hält. Das Ritual erforderte, dass ich den Dybbuk-Schrein unter der alten Eiche vergrub. Wenn Du, Unglücklicher, das Gefängnis -sei es aus falschem Glauben oder Übermut- gefunden hast, sei gewarnt! Wenn Du die Schatulle öffnest, werden Hessling und seine Schergen wieder auferstehen, und Du bist des Todes! Solltest Du wirklich ein solcher Idiot sein, dann versuche Dich mit dem geweihten Dolch zu verteidigen. Deine Aussichten -ich habe es nicht gewagt- sind zwar gering, aber selbst jemand wie Du hat eine Chance verdient.

Ich werde nun dieses Land für immer verlassen und versuchen, all die bösen Erinnerungen zu vergessen.

Hier endet der Brief. Ich weiß wirklich nicht, was ich davon halten soll?‘

‚Was für ein verrückter Unsinn, der Typ muss echt irre gewesen sein. Rabbi Loew, wer soll denn das überhaupt sein?‘

‚Na, der mit dem Golem!‘

‚Das ihr Unterschichtler immer solchen Blödsinn faseln müsst. Kein Wunder, dass die dumpfe Masse Hitler gefolgt ist. Bessere Leute, wie beispielsweise mein Großvater, hatten allenfalls Verachtung für die Nazis übrig. Manchmal wünschte ich mir, in dieser Zeit gelebt zu haben; den Nazis hätte ich dann schon gezeigt, wo der Hammer hängt! Denis, mein Guter, reiche mir doch einmal die Schatulle!‘

Sozusagen einem Automatismus folgend überreichte Marius die Schatulle dem Skeptiker, der sich sofort bemühte, das Behältnis zu öffnen. Mit ungläubigem Erstaunen beobachtete Denis die Anstrengungen seines wenig beeindruckten Gefährten, der dazu überging den Flammdolch zwecks Öffnung der Schatulle einzusetzen.

‚Meine Güte, was machst Du denn da?‘

Ohne seine Tätigkeit zu unter unterbrechen, geruhte der blonde Panzerknacker mit gepresster Stimme zu antworten.

‚Du bist wirklich ein abergläubischer Kretin mein lieber Marius. Den ganzen Quatsch hat sich der Typ ausgedacht, weil hier einen Schatz oder eine Schatzkarte versteckt hat. So wie das Bernsteinzimmer oder den heiligen Gral. Das ist natürlich für jemanden aus den niederen Klassen zu hoch. Verdammt warum geht das nicht auf, das Dingen hat doch nicht einmal ein Schloss. Hach, geschafft!‘

Mit einem leisen Klicken öffnete sich die Schatulle und der Jäger des erhofften Schatzes riss deren Deckel fast aus in seiner Gier, den hilfreichen Dolch achtlos auf den Boden gleitend lassen, der wiederum geistesgegenwärtig von Gefährten mit einer schnellen Bewegung aufgefangen wurde.

‚Dieser verdammte Hurensohn, da ist ja gar nichts drin!‘

‚Die Herren amüsieren sich doch hoffentlich prächtig?‘

Überrascht wandten sich unsere Helden in Richtung des Fragestellers, um drei illustre Gestalten in einigen Metern Entfernung vor einer Eskaladierwand zu erblicken. Während Denis die ungewöhnliche Gewandung und Gestalt der unheimlichen Drei auffiel, blitzte der glücklose Schatzsucher die Störenfriede gar zornig an.

‚Was seid ihr denn für komische Vögel? Trollt euch gefälligst, sonst lasse ich euch von der Polizei aufgreifen. Wisst ihr überhaupt, wer ich bin?‘

‚Um Ihre erste Frage zu beantworten: Mein Name ist Dr. Barbarossa Hessling!‘

Der kahlköpfige, rotbärtige Mann in der Mitte, dessen zerlumpter Smoking schon besser Zeiten gesehen hatte, deutete mit seiner rechten Hand auf den seine mastschweinartige Gestalt überragenden Titan in einer zerschlissenen SS-Uniform.

‚Das ist Rottenführer Boiorix und der ihn überragende, einäugige Herr auf der anderen Seite ist Oberrottenführer Teutobald. Um Ihre zweite Frage ebenfalls zu beantworten: Sie sind das heutige Abendessen. Übrigens gebührt Ihnen für unsere Befreiung unser aller, aufrichtiger Dank!‘

Nachdem des Doktors für Rassenhygiene schleimige Stimme verklungen war und sich nur das widerliche Grinsen auf dessen Gesicht fortsetzte, nutzte der schöne Antifaschist, die sich ihm bietende Gelegenheit, da er mittlerweile das Bedrohliche an der Situation realisierte. An Werwölfe zu glauben, fiel dem Antigoniden wohl schwer, aber offensichtlich handelte es sich hier um drei gemeingefährliche Irre, vor denen ihn der treue Marius vermutlich nur ungenügend schützen konnte.

‚Meine Herren, das ist ein Missverständnis! Ich bin doch auf Ihrer Seite! Ich war eigentlich zeitlebens immer schon ein Nazi und ein echter Arier! Wenn Sie mich jetzt bitte entschuldigen würden, ich habe noch dringende Termine.‘

‚Ich muss schon gestehen, mein Sohn, Sie sehen schon aus wie ein richtiger, kleiner Hitlerjunge; Sie werden mir vortrefflich munden. Ihr Freund ist leider eher der romanische Typ, den werden sich dann Teutobald und Boiorix teilen.‘

Die beiden monsterartigen SS-Leute grunzten zustimmend.

Fieberhaft arbeitete es in des redegewandten Akademikersohns Gehirn, wie er die drei durchgeknallten Faschisten nur zu beschwichtigen vermochte.

‚Bitte meine Herren, Herr Doktor, ich bin wirklich auf Ihrer Seite. Mein Großvater war Standartenführer bei den SS-Totenkopfverbänden und wurde vom Führer für seine Treue persönlich mit dem ‚Deutschen Schäferhundkreuz in Gold‘ ausgezeichnet. Ich möchte mich Ihnen anschließen, bitte. Sie können gerne Marius haben und mit ihm verfahren wie Sie wollen.‘

Das widerliche Grinsen auf Hesslings feistem Gesicht vertiefte sich zusehends während der rhetorischen Bemühungen des verhinderten Widerstandskämpfers.

‚So gerne ich auch mit Ihnen plaudere, müssen wir jetzt allmählich zur Tat schreiten. Um die Sache interessant zu machen geben wir euch einen Vorsprung. Wir werden uns jetzt gleich verwandeln; das dauert circa 30 Sekunden. Danach werden wir euch jagen. Was Kameraden, eine kleine Nachtjagd‘

Boiorix und der zyklopenhafte Teutobald grunzten begeistert.

‚Lauft!‘

Voller ungläubigem Entsetzen beobachtete der gescheiterte Bittsteller wie sich die Verwandlung der Meute vollzog und sank schließlich auf die Knie, nur noch zu einem kläglichen Wimmern fähig. Derweil hatte Marius das Ganze -inklusive der vergeblichen Bemühungen seines gar tapferen Mitschülers -beobachtet und nach einer möglichen Lösung gesucht. Eine Flucht oder ein direkter Angriff auf die Widersacher waren wenig sinnvoll, da er mit Sicherheit bei beiden Unterfangen überwältigt werden würde; da er Realist war, bezog er seinen vornehmen Mitschüler nicht in die Kalkulation mit ein. Seine einzige Chance bestand darin, etwas Unerwartetes zu wagen. So verstaute unauffällig den Flammdolch in seinem Gürtel und spurtete -nachdem der freundliche Doktor zum fröhlichen Halali geblasen hatte- zum Wachturm hinter der krepierten Eiche, um diesen dann zu erklimmen.

Inzwischen fand die Metamorphose des Rudels sein natürliches Ende, um zwei Monsterwölfe und eine Kreatur, die selbst für einen Werwolf potthässlich war, auszuspucken.

‚Jetze hat der sich doch aufn Turm verkrochen!‘

Nach dieser rhetorischen Meisterleistung schüttelte der schwarzbehaarte Boiorix seinen quadratischen Wolfsschädel hinsichtlich so viel Hinterhältigkeit, während Teutobald abfällig grunzte.

‚Ruhe bitte! Ihr, meine getreuen Häscher, schnappt euch den Kerl und werft seine Überreste nach unten. Danach kommt ihr zurück und zerlegt mir den feigen Leckerbissen in mundgerechte Einzelteile. Ihr könnt euch Zeit lassen, ich vergnüge mich derweil mit meinem Essen. Abtreten!‘

‚Jawohl mein Führer!‘

Boiorix schlug mit einem Knall die Haxen zusammen, während der blondfellige Teutobald gehorsam grunzte. Schließlich begannen beide in mäßigem Tempo mit ihrer Völkerwanderung.

Der befehlshabende Werwolf wiederum näherte sich, die kahlen Stellen in seinem räudigen, roten Fell genüsslich kratzend, gemächlich dem Abendessen, dessen Gewimmer sich augenblicklich verstärkte.

‚Ja, lass Deinen Gefühlen freien Lauf; ich liebe das! Wie wäre es, wenn Du noch ein wenig bettelst? Dann lebst vielleicht länger!‘

‚Bitte, Herr Doktor, meine Familie ist vermögend, Sie können so viel Lösegeld haben wie Sie wollen und tonnenweise Hundefutter dafür kaufen. Mein Führer, ich bin doch ein Volksgenosse und hasse die Juden so wie Sie. Ich schmecke Ihnen bestimmt nicht – ich habe Würmer. Bitte, erbarmen, Gnade…etc…‘

Marius hatte sich derweil auf seinem Turm eingerichtet und beobachtete das herannahende Unheil. Der Turm war zwar mittelhoch und mit nur einer Leiter als Zugang versehen, aber so beschaffen, dass man auch an den Seiten hochklettern konnte. Es bestand also durchaus die Möglichkeit, dass der Angriff gleichzeitig von zwei Seiten erfolgte. Mit einem leisen Fluch bemerkte der Verteidiger, dass Teutobald am Fuße der Leiter Stellung bezog und dessen Volksgenosse sich anschickte, an der gegenüberliegenden Seite den Aufstieg zu beginnen.

‚Jetze, kleines Schweinchen, kommen wir Dich holen!‘

Ein schauerliches Geheul entfuhr den Kehlen der schutzstaffelnden Ungetüme und die Attacke begann. Der blondfellige Teutone stieg die Leiter betont langsam herauf, um die erwartete Panik seines Opfers zu steigern. Dieses Tempo vermochte der schwerfällige Boiorix nicht einmal mitzuhalten, da er sich mit der Kletterei einigermaßen schwertat.

Schließlich erschien am oberen Rand der Leiter das primitive Haupt Teutobalds, dessen blaues Auge vor Gier leuchtete und der ein erfreutes Grunzen von sich gab. Diese Spielart grundlegender, teutonischer Kommunikation verwandelt sich aber abrupt in ein Geräusch, das eher an ein abgestochenes Schwein gemahnte, da Marius seinem Widersacher geschickt den silbernen Dolch in sein heiles Auge rammte. Auch dieser Aufschrei war nicht von langer Dauer und der zyklopenähnliche SS-Mann segelte - dabei den Flammdolch freigebend – gen Boden.

‚Jetze, hinterhältiger Jude, bisse dran!‘

Inzwischen war es dem plumpen Boirix gelungen, die Brüstung des Turmes zu erklimmen und sich sprungbereit zu machen. Blitzschnell drehte der Nazi-Jäger sich um und konnte die Spitze seines in Richtung des neuen Angreifers drehen, in dessen Körper sich der Flammdolch dann auch nach dem wilden Angriffssprung bis zum Heft vergrub und das Leben des Werwolfs abrupt beendete. Mühsam befreite der Germanenbesieger sich vom schweren Körper seines Widersachers, der ihn doch zu Boden gerissen und unter sich begraben hatte.

In der Zwischenzeit vergnügte sich der Rassenhygieniker in der beschriebenen Weise mit dem schönen Perseus und wurde durch den unsanften Untergang seines teutonischen Gefolgsmanns jäh in seiner vergnüglichen Tätigkeit unterbrochen. Was da geschah, machte ihn nun völlig fassungslos und als nun Denis an der Brüstung des Wachturms auftauchte und seinen blutigen Dolch schwenkte, verlor Hessling völlig seine Contenance.

‚Das gibt es doch nicht! So eine Unverschämtheit: Wir sind doch die Herrenrasse!‘

Schnell fing sich der verwaiste Führer wieder und entschied, nun eine bewährte Vorgehensweise zu verwenden.

‚Warum muss ich immer alles alleine machen? Höre zu, Du Untermensch: Ich werde jetzt Deinen Freund langsam massakrieren.‘

Mit schriller Stimme unterbrach der Antigonide die Ausführungen des Doktors.

‚Nein, nein, bitte nicht. Ich helfe Ihnen diesen verdammten Marius zu erledigen, ganz ehrlich.‘

‚Das wirst Du nützlicher Idiot, aber jetzt halte Dein Maul! Also ich werde Deinen Freund langsam in seine Einzelteile zerlegen, wenn Du nicht von diesem Turm herunterkommst und Dich meiner Ungnade unterwirfst! Ich zähle jetzt bis drei: Eins..‘

‚Also gut, Hessling. Ich komme jetzt!‘

Langsam, mit dem Rücken zur Leiter, den Dolch locker in der linken Hand haltend, begann Marius die Anweisungen des Geiselnehmers zu befolgen. Dessen widerwärtige Fratze verzerrte sich zu einem höhnischen Ausdruck und sein zerrütteter Geist verzückte sich an der vermeintlichen Überlegenheit der arischen Rasse. Inzwischen hatte Denis ungefähr die Hälfte der Strecke geschafft und der räudige Doktor gab seine Anweisung.

‚Stop Untermensch, Du wirfst jetzt Deine verfluchte Waffe auf den Boden und kommst ganz langsam herunter.‘

Des einsamen Wolfs Augen sprühten vor Vergnügen. Das mit den Geiseln funktionierte immer. Wenn dieser renitente Kerl fast unter wäre, so würde er ihn unter Einsatz seiner Wunderwaffe -der nach Exkrementen und Fäulnis duftende Mundgeruch des Hygienespezialisten- außer Gefecht setzen und in aller ausnehmen.

‚Klar Du Herrenmensch!‘

‚So ist es brav, stupider Untermensch. HAHAHHH.‘

Zu außerordentlichen Überraschung des selbsternannten Vertreters einer höheren Spezies blieb diesem förmlich das Lachen im Halse stecken, da Marius den Dolch nicht in Richtung Boden, sondern direkt auf den Doktor geschleudert hatte und das Wurfinstrument dank einer glücklichen Fügung tief in Hesslings Kehle stecken blieb. Mit einem letzten, ungläubigen Ausdruck auf der Fratze verschied der letzte Nova-Cimbria-Werwolf.

Noch erstaunter über das Geschehen war freilich der tapfere Perseus, der aber Dank seiner charakterlichen Flexibilität allmählich zu seinem alten Selbst zurückfand. Während unser Monsterjäger den Rest der Leiter bewältigte, überwand das ehemalige Abendessen seine Schüchternheit und gelangte zu neuer Größe.

‚Hopp Marius, komm jetzt her und hilf mir gefälligst auf! Dann trägst Du mich zur nächsten Polizeidienststelle, damit ich aussagen kann, wie ich diese Nazi-Bande fertiggemacht habe.‘

Der Angesprochene schien seinen dankbaren Mitschüler nicht so recht zu beachten, sondern ging stattdessen zu Dr. Hesslings Kadaver und zog den Dolch aus seiner Kehle. Mit ungläubigem Schütteln seines attraktiven Hauptes erhob sich der ignorante Ignorierte.

‚Marius, Du elender Plebejer, hörst Du nicht, was ich sage! Ich warne Dich: Wenn Du nicht mitspielst, dann werde ich dafür sorgen, dass Du in der Gasse endest, wo Du auch hingehörst. Das hat man davon, wenn man sich mit solch asozialem Pack einlässt. Ich werde..‘

Marius schnitt dem Scheltenden förmlich das Wort ab, indem er mit einer eleganten Bewegung das Herz des Redners mit seinem Dolch durchbohrte. Seine bisher mühsam aufrechterhaltene Selbstbeherrschung war für immer dahin. Nach diesem nutzlosen Aristokraten würde er sich als nächsten Rektor Poppelmeier vorknöpfen und natürlich auch noch diesen verfluchten Cornelius Sulla. Der hatte seinerzeit dem Jug Urtha den Rest gegeben, nachdem jener nach Marius Aktionen hilflos am Boden lag und einen Großteil des Ruhms bei der sonstigen Eliteschülerschaft eingestrichen. Außerdem behandelte der Typ ihn mit nonchalanter Verachtung, die verletzender als des verblichenen Perseus Sticheleien war. Der Junge machte zwar gerade einen Griechenland-Türkei-Trip, aber irgendwann musste der ja wieder zurück….

Wie ihr seht, kann es immer gefährlich sein, Menschen zu über- oder unterschätzen und in manchen Zeitgenossen steckt eben mehr, als man auf den ersten Blick sieht.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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