J. Liliana Altair

Gedanken einer Maus

Tag 1

Warum?

Warum lebe ich...ich bin eine Maus, klein und grau, wie Mäuse nun einmal sind. Niemand bemerkt mich, wie ich durch die Welt husche, dicht auf dem Boden, in den Ritzen und Löchern dieses Planeten, den die großen Tiere, die Katzen und Hunde, die Tiger und Wölfe, Erde getauft haben. Ich lebe im Dunkeln, Licht ist nicht gut für mich, denn die großen Tiere wollen mich fressen - ich bin für sie nur ein kleiner Happen, doch wenn sie mich erwischen bin ich verloren.

So wie sie es mit meiner Familie getan haben - die große Graue erwischte sie, als sie einen Augenblick nicht aufmerksam waren. Sie fraß sie mit Haut und Haaren, sie verschwanden einfach von der Welt - seither bin ich allein und suche meinen Weg im Dunkeln. Mich wird die große Graue nicht erwischen, ich bin zu schlau für sie - ich verstecke mich in ihrem Schatten und verspotte sie mit diebischem Lachen.

Doch nicht nur die große Graue ist auf meiner Fährte und versucht mich zu erhaschen, auch ein großes Vierbein, ein Wolf, den sie auf mich losließen, ist mir auf den Fersen und wenn ich nicht vorsichtig bin, werde ich ihm zur Speise dienen. Immer wieder fällt sein Schatten auf mich, durchdringen mich seine unergründlichen Augen - doch warum ist er hinter mir her, ich bin nur eine kleine Mahlzeit, kaum der Mühe wert. Vielleicht habe ich seinen Jagdtrieb geweckt, vielleicht will er nur mit mir spielen.

Er hält mich fest in seinem Blick, ich kann ihm nicht entkommen, doch erhaschen kann er mich dennoch nicht - er stolpert über mich, doch er bemerkt mich nicht. Das ist der Vorteil eine kleine, graue Maus zu sein - jeder weiß, dass es dich gibt, doch niemand sieht dich. Doch warum gibt es mich dann - bin ich eine Laune der Welt? Bin ich ein Versehen, das, einmal geschehen, nicht mehr rückgängig gemacht werden kann? Vielleicht sollte ich eines der großen Tiere fragen, vielleicht den Wolf, vielleicht die große Graue - doch wenn ich das tue begebe ich mich in höchste Gefahr. Was ist, wenn sie mich bemerken - was tue ich dann?

Und was ist, wenn sie mir eine Antwort geben, die ich nicht hören will...oder eine, die ich hören will, vor der ich aber große Angst habe. Warum quälen mich all diese Gedanken? Kann ich nicht einfach die kleine graue Maus sein und mein Leben in den Schatten der Welt führen, ohne dass mir dauernd solche Gedanken durch den Kopf gehen? Bin ich überhaupt eine normale Maus, wenn solche Fragen durch mein kleines Hirn wandern - bin ich vielleicht gar keine Maus? Aber was bin ich dann, wenn ich keine bin - eine Fiktion, die aus sich selbst heraus existiert, oder ein Spukgebilde, das seinen eigenen Schatten für echt hält, obwohl er gar nicht real ist?

Doch - ich muß eine Maus sein - ich kann gar nichts anderes sein. Ich bin klein und grau, unbedeutend und immer im Dunkeln unterwegs. Ich suche mir meinen Weg mit meinen kleinen Augen, verstecke mich vor der großen Grauen oder vor dem Wolf, der mich sucht, doch nicht sehen kann, weil ich so klein bin, dass ich ihm zwischen den Pfoten liegen kann, ohne dass er mich bemerkt. Warum aber fühle ich mich an manchen Tagen nicht wie eine Maus - manchmal fühle ich mich mehr wie ein kleiner Vogel, der verzweifelt versucht, den Weg in den Himmel zu finden, doch dessen Flügel nicht stark genug sind. An anderen Tagen glaube ich ein Fisch im Ozean zu sein, der seinen Weg durchs endlos ruhige Blau sucht, nach dem Licht Ausschau haltend, das ihm Erfüllung und Frieden gibt. Und dann wieder fühle ich mich so stark, als sei ich der Adler am Himmel, oder der Wolf an der Seite dessen, der mich in meinem Mäusedasein verfolgt und nicht findet.

Doch dann falle ich zurück auf die Erde, wie ein Adler, dessen Flügel gebrochen wurden, oder wie ein Fisch, der an Land geworfen wurde, wo er japsend nach Luft schnappt, oder ich stürze ab, wie ein Wolf von einer hohen Klippe, der beim Aufschlag auf den Boden in tausend kleine Mäuse zerspringt - und eine von ihnen bin ich. Ich springe davon, husche in die Dunkelheit, in irgendeine Nische der Welt, wo mich niemand finden kann, wo ich sicher bin vor den Klauen der großen Tiere, die alle Zeit versuchen, mir mein Herz zu stehlen.

Manch einem von ihnen gelingt es - für kurze Zeit - doch ich kämpfe um mein Herz, bis ich es zurück habe. Ich bin zwar klein, doch mein Mut ist so groß wie ich selbst es bin - und das kann nicht jeder von sich sagen. Ich kämpfe um mein Recht auf Leben, auch wenn es ein Leben im Schatten ist - es ist das einzige, das ich habe und ich will es nicht verlieren. Wenn ich schon kein Leben im Licht führen kann, dann soll mir die Dunkelheit Heimat sein, die ich verteidigen werde, wie nur eine Maus es vermag. Doch manchmal frage ich mich trotz allem: warum bin ich hier? Und warum bin ich eine Maus?

Bin ich eine...sag du es mir...

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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