Christa Astl

Spaziergang mit Hindernissen

 

 

Der schneereiche Winter hatte in den steilen Wäldern großen Schaden angerichtet: Zahlreiche Bäume waren von der Last der Schneemassen geknickt, gebrochen oder gar entwurzelt. Die Holzfäller hatten viel Arbeit, die Schäden zu beseitigen, würde bis in den Sommer dauern. Wer sich schon früher in die Wälder wagte, musste mit Hindernissen auf seinem Weg rechnen.

 

Auch Elsa, einer erfahrenen Bergsteigerin, erging es nicht anders. Sie konnte es nicht erwarten, die ersten Schneerosen heim zu bringen und im Friedhof aufs Grab ihres Mannes zu stellen. Schon einige Male hatte sie den Versuch unternommen, war aber, da sie bei jedem Schritt über die Knie einsank, unverrichteter Dinge wieder umgekehrt. Jetzt, Anfang April, war der meiste Schnee geschmolzen, der Weg war endlich frei, glaubte sie.

Der kleine Rucksack mit den notwendigsten Dingen wie Wasserflasche, Verbandszeug, Taschenmesser, einige Plastiktüten zum Mitnehmen verschiedenster „Schätze“, war schnell gepackt, später würde sie auch ihren Anorak hinein geben können. Beim Aufstieg kam sie meist bald ins Schwitzen.

Am späten Nachmittag also ging sie los, sie rechnete damit, in gut einer Stunde wieder zurück zu sein.

Der Gesang der Vögel erschien ihr im sonst so stillen Wald besonders laut. Irgendwo von ferne hörte sie das Kreischen einer Motorsäge, da werden wohl noch schadhafte Bäume geschnitten, ging es ihr durch den Kopf. Hier auf ihrem Weg aber war Ruhe. Sie hatte ihre genaue Strecke bereits im Kopf, anstrengen wollte sie sich an diesem Tage nicht mehr.

Zügig, aber doch langsamer als früher, stieg sie auf. Die letzten Häuser des Ortes lagen bald hinter ihr, der Wald umschloss sie nun. Vereinzelt entdeckte sie links und rechts des Weges Schneerosenblätter. Klar, hier im Tal würde sie nichts mehr finden. Nun entschied sie sich für den steilen Weg zum Höhlenstein, ein alter, nun leider nicht mehr gepflegter Steig, von dem sie auf halber Höhe zum Bärnbad queren wollte. Schneerosen entdeckte sie beim Aufstieg leider keine, erkannte aber, dass hier bereits der Weg von gestürzten Bäumen befreit worden war. Bei der Kreuzung angekommen, nahm sie zuerst einen tiefen Schluck aus ihrer Wasserflasche und genoss die beruhigende Stille des Waldes und den Blick weit übers Inntal. Nun folgte sie ein Stück einer ehemaligen Forststraße, die sich die Natur wieder für sich einzunehmen versuchte. Erste Blumen wie der Huflattich, die Pestwurz, sogar Himmelschlüssel waren bereits verblüht, von Schneerosen keine Spur.

Für sie war es nun Zeit, den Heimweg anzutreten, wollte sie nicht in die Dämmerung geraten. Denn nun erreichte sie den schmalen Pfad durch den geschlossenen Wald, der früher einmal vor dem Bau der Forststraße, die zum damaligen Gasthaus führte, der bekannte Fußweg war. Steil führt das erste Stück durch trockenes Laub in einem Graben bergab. Elsa war froh um ihre Wanderstöcke, die ihre Knie etwas schonten, die Jüngste war sie auch nicht mehr.

Das erste Hindernis stellte sich ihr in den Weg, als sie aus dem Graben quer zum steilen Hang weiter musste. Hier war der Weg noch nicht frei geräumt, eine Fichte lag in ihrer ganzen Länge über dem Weg. Sie war noch jung, schmal und daher leicht zu übersteigen. Wenn’s weiter nichts ist, dachte Elsa, aber es kam weiteres.

Immer wieder musste sie klettern, Buchen und Fichten lagen abwechselnd vor ihr. „Das gäbe Brennholz für den nächsten Winter! Wenn mir das jemand brächte…“ dachte sie, aber zum Denken und Träumen blieb wenig Zeit. Manche dieser Baumleichen konnte sie umgehen, es waren schon Spuren im steilen Gelände getreten. Bei manchen waren auch einige Äste weg geschnitten, um den Übergang zu erleichtern.

Doch nun, die Hälfte ihres Weges hatte sie bereits hinter sich, war ein Hindernis, das nicht leicht zu meistern war. Eine große, weit ausladende Fichte, die noch eine Buche mitgerissen hatte, versperrte den Weg. Sie weit oben oder unten zu umgehen, war nicht möglich, der Hang war zu steil. Der Weg war völlig verlegt. Was also tun? Zurückgehen? Dazu war es zeitlich schon zu spät, also musste sie durch! Irgendwie würde es schon gehen!

Durch die querstehenden Äste musste sie sich erst einen Weg zum Stamm bahnen. Noch konnte sie sich auf ihre Stöcke stützen, doch als diese immer wieder im Gezweig hängen blieben, faltete sie sie zusammen und verstaute sie im Rucksack. Nun hatte sie die Hände frei um sich am Baum festzuhalten. Vorsichtig wollte sie Fuß um Fuß aufsetzen, darauf achten, nicht zwischen den Ästen hängen zu bleiben. Da – ein kleiner Steinschlag weiter oben, wahrscheinlich von einer Gämse ausgelöst, nicht fern ihrer Kletterstelle. Ein erschreckter Blick hinauf, ein kurzes Nachlassen der Konzentration, schon war es geschehen. Sie trat nicht auf den Ast, sondern zwischen zwei Äste und steckte fest. Den Boden hatte sie nicht erreicht, um sich mit dem anderen Fuß abstemmen zu können. Gefangen, in die Falle gegangen, kam es ihr in den Sinn. Sie versuchte, den Fuß zu drehen und ihn herauszuziehen, es wollte nicht gelingen. Zu ihrem Schrecken merkte sie noch, dass der Schuh lockerer wurde, das Schuhband hatte sich wohl gelöst. Da hockte sie nun auf dem pechigen Stamm, die Hände und Arme bereits zerkratzt und sah keinen Ausweg.

Aber Aufgeben war nicht Elsas Sache. Eine kurze Erholungs- und Nachdenkpause, während der sie ihre Lage begutachtete. Da sah sie unter sich, wo ihr haltloser Fuß baumelte, den Weg. Wenn nicht hinüber, dann halt hinunter! dachte Elsa. An ihrer Stelle saß sie im Moment  gut und sicher, so dass sie den Rucksack abnehmen und ihr Messer, das auch mit einer kleinen Säge versehen war, heraus nehmen konnte. Mit Mühe und Zeitaufwand säbelte sie Zweige rundum so weit ab, bis die Öffnung groß genug schien um durchzurutschen. Ein Taschenmesser ist halt doch keine Holzsäge. Aber Geduld ist alles, auch in der Not. Und die Schwerkraft wird mithelfen, dass sie nicht am Ende noch stecken bleibt. Sie nimmt den Anorak, bindet an einem Ärmel den Rucksack fest und lässt ihn vorsichtig hinunter auf den Weg. Den anderen Ärmel hält sie fest, bis der Rucksack sicher am Boden liegt. Nun versucht sie selber sich durchzuzwängen. Beide Beine hängen schon in der Luft, etwa einen Meter über dem Grund. Von Ast zu Ast greift sie tiefer, die anderen Äste und Zweige kratzen und reiben an ihrem Körper und schließlich im Gesicht. Sie muss die Augen schließen und hoffen, bald den Boden zu erreichen. Tatsächlich, sie verspürt mit einem Fuß Widerstand! Der Rest des Körpers folgt ohne Schwierigkeiten nach. Blutige Kratzer trägt sie davon an Händen, Armen, vor allem im Gesicht, vielleicht sogar auch unter der Kleidung, die wird sie erst abends sehen.

Auf festem Boden stehend hat sie wieder eine kurze Rast nötig, der Rest aus der Wasserflasche löscht den Durst. Erst jetzt erkennt sie, dass ein völliges Überklettern der Fichte gar nicht möglich gewesen wäre, da sie zur Gänze frei über dem Weg gelegen war.

Elsa hat es jedenfalls geschafft, allein, mit der nötigen Überlegung und guten Nerven. Der restliche Weg war dann wieder ein bequemer Spaziergang für sie.

Was hätte sie anderes machen sollen? In ihrer Angst und Panik die Bergrettung rufen und sich holen lassen? Nein, das Gelächter im Dorf konnte sie sich ersparen. Womöglich wäre der Bericht noch unter „Kurioses“ in der Zeitung erschienen!

 

ChA 29.04.19

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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