Bernhard Pappe

Der Blick in den Friseur-Spiegel


„Du solltest mal wieder zum Friseur gehen.“ Sollte ich? Jedenfalls gemäß jener Verlautbarung.

Wenn man einen Friseursalon bevorzugt, der nicht mit Terminvergabe arbeitet, kann sich daraus eine mögliche Wartezeit ergeben. So auch an jenem späten Nachmittag, den ich mir für den Friseurbesuch reserviert hatte. Bereits durch die Schaufensterscheibe waren mehrere Personen auf den Wartebänken erkennbar. Du kannst ja jederzeit gehen, wenn es dir zu lang dauert, dachte ich mir beim Öffnen der Tür. Ich hängte meine Jacke an die Garderobe im Eingang und nahm mit einem kurzen Gruß an die Anwesenden auf einer der beiden Bänke Platz. Ich habe fast immer etwas zu Lesen dabei, damit ich mir solche Wartezeiten verkürzen kann. Zu meiner Überraschung kam ich gar nicht zum Lesen.  „Sie können schon mal Platz nehmen.“ Ich blickte von meinem Buch auf. Die Aufforderung galt tatsächlich mir. „Ich bin gleich bei ihnen.“ Gern kam ich der Aufforderung der Friseurin (In dem Salon arbeiten keine Friseure.) nach und setzte mich in den mir avisierten Sessel. Das „bin gleich bei ihnen“ zog sich ein Weilchen hin. Die Sucht rief ihre Gemeinde zum Gottesdienst, heißt Raucherpause am Stehtisch vor dem Schaufenster. Mein Trost, dass eine befriedigte Sucht eine ruhige Hand erschaffen sollte, was beim Haarschneiden sich gewiss als vorteilig erweisen könnte. Ich schaute mich derweil im Salon um. Der Raum war recht weitläufig und vor allem sehr hoch, es mochten vier Meter sein. Mein Blick blieb jedoch an meinem Spiegelbild hängen.

Ich war vom Spiegel weit genug entfernt, um mich komplett im Sessel sitzend zu sehen. Auf meinen Kopf prangte ein Haarwuchs, ich musste es mir zugeben, der ein wenig der geometrische Änderung bedurfte. Ich wand den Blick nicht vom Spiegel ab. Ein Gedanke kam in mir auf. Schaute das Spiegelbild auf mich oder schaute ich auf den Spiegel? Das „Weilchen“ der zu absolvierenden Wartezeit dehnte sich. Das Spiegelbild…Falsch, mein Spiegelbild blickte fragend drein. Natürlich war das mein Spiegelbild. Würde ich aufstehen, um den Sessel zu verlassen, so würde mit mir das Spiegelbild verschwinden. War doch ganz einfach. Mein Spiegelbild schaute immer noch fragend drein. Ein weiterer Gedanke bahnte sich in meinem Hirne seinen Weg an die Oberfläche des Denkens. Welches Antlitz hätte ich im Spiegel vor mir, wenn die Tage der Vergangenheit noch Gegenwart wären? Das konnte ein interessantes Gedankenspiel werden. Ich schaute dabei einfach nur ruhig auf das Bild im Spiegel vor mir ohne Konzentration auf irgendein Detail. In meinem Spiegelbild setzte eine Wandlung ein. Nur das Gesicht wandelte sich an seinen Rändern, glich irgendwie einer Videosequenz, die bei ihrer Übertragung eine kurze Störung erlitt; weil ein paar Bits und Bytes an der falschen Stelle einsortiert waren. Die Veränderung im Spiegelbild klang nicht ab. Im Gegenteil, sie schien sich zu intensivieren. Für mich waren augenblicklich nur noch der Spiegel mit meinem Abbild und ich selbst, der gebannt im Sessel auf das Gesicht im Spiegel schaute, präsent. Der Raum um mich herum, der Friseursalon, das alles spielte keine Rolle. Aus der anfänglich bruchstückhaften Wandlung meines Spiegelbildes generierten sich jetzt ganze Gesichter, meine Gesichter… Gesichter, die Jugend zeigen mochten oder auch reifere Gesichtszüge, alles ging rasend schnell vor sich. Meine Sinne hatte sichtlich Mühe, mein Denken hinkte hinterher. Ganze Gesichter wechselten sich mit Bruchstücken ab. Ich erinnerte mich daran, vor Jahren über eine buddhistische Spiegelmeditation gelesen zu haben. Man schaue offenen Auges in einen Spiegel. Nach ein paar Augenblicken würde das Gesicht das Antlitz früherer Leben preisgeben. Ein Augenzwinkern jedoch löscht alles aus.

„Wie darf ich ihnen die Haare schneiden?“ Mein Spiegelbild war von einem Augenblick auf den anderen nur noch das mir bekannte Konterfei der Gegenwart. Die übliche Kommunikation entspann sich. Ich äußerte meine Wünsche bezüglich der Frisur und wir gingen über zum Small Talk. Ich erfuhr einiges über ein altes Zechenhaus und den Bau eines Pools im zugehörigen Garten. Modern sollte der Pool werden und Solidität besitzen. Klimawandel und zunehmend wärmere Sommer, da wäre so ein Pool von Vorteil. „Ich habe keinen Garten“, bekundete ich. „Der Pool entfällt daher für mich.“

Die Handwerkskunst hatte ihre gestalterische Arbeit verrichtet und ich wurde aufgefordert, mich im Spiegel zu betrachten. „Gelungen“, kommentierte ich und bedankte mich artig für die geleistete Arbeit. Die Friseurin strebte bereits der Kasse zu. Ich erhob mich aus dem Sessel. Beim Weggehen, da bin ich ganz ehrlich, vergewisserte ich mich vorsichthalber, dass mich mein Spiegelbild auf dem Weg nach draußen begleitete. Man weiß ja nie…

 

© BPa / 05-2019

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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