Heinz-Walter Hoetter

Die Seele des Adlers

Der junge Morpheus lag in seinem Bett und schlief. Es war bereits weit nach Mitternacht und der milchig weiße Vollmond tauchte mit seinem diffusen Schein die düster da liegende Landschaft in ein grau fahles Licht.

Morpheus träumte in dieser Nacht einen seltsamen Traum.


 

***

Irgendwas sprang ihn plötzlich an. Er wusste nicht genau, was es war. Er wusste nur, dass es sich zielstrebig und sehr aggressiv verhielt. Der junge Mann fühlte, wie die Angst in ihm hoch kroch.

Das Unbekannte wollte offenbar seinen schlafenden Körper übernehmen. Er spürte, wie dieses schleierhafte Etwas zuerst an ihm herum fingerte, bis es von einer Sekunde auf die andere, ganz ohne jede Vorwarnung, durch seinen halb geöffneten Mund drang, um sich wie ein fremder Parasit seines Körpers und seiner Seele zu bemächtigen.

Zuerst dachte Morpheus, er müsste ersticken, denn das unheimliche Fremde in ihm breitete sich immer weiter aus. Sein Atem ging schwer, die Augen rollten im Schlaf wie verrückt hin und her. Es schien, als ob dieses gestaltlose Wesen nur ein Ziel kannte, nämlich die Seele des jungen Mannes zu verdrängen, um den neuen Wirtskörper lautlos aber bestimmt an sich zu reißen.

Immer tiefer drang es in ihm ein, bemächtigte sich schließlich unaufhaltsam seines Gehirns und übernahm nach und nach alle seine Körperfunktionen. Morpheus bemerkte, obwohl er tief und fest schlief, wie ihn sein Bewusstsein mehr und mehr vergaß.

Das neue Wesen hatte fast sein komplettes Ich übernommen. Seine eigene Seele war irgendwo im letzten Winkel seiner verkümmerten Persönlichkeit gefangen, in einem düsteren Kerker des Vergessens. Und trotzdem war Morpheus offenbar nicht tot. Er war nur ein gänzlich Anderer geworden.


 

***


 

Mein neuer Körper fühlte sich anfangs sehr seltsam an. Aber ich war darauf spezialisiert mich schnell und ohne große Probleme anzupassen. Es gelang mir fast mühelos in diesen menschlichen Körper einzudringen, der sich Morpheus nannte. Irgendwie schien ich ihn zu kennen, seit ewigen Zeiten schon. Jedenfalls kam es mir so vor. Warum das so war, wusste ich selbst nicht.

Doch da war noch etwas anderes, was sich mir jetzt unaufhaltsam aufdrängte, wie ein Bild, das langsam immer deutlicher und klarer wurde.

Ich wusste, dass ich ein Killer war, der mit Leidenschaft gnadenlos tötete. Ich liebte die Jagd. Sie war meine Bestimmung. So war es schon immer gewesen.

Plötzlich änderte sich die Situation. Das Adrenalin schoss mir in die Blutbahn wie eine Droge.

Ich stürzte mich aus freiem Fall aus großer Höhe nach unten dem Erdboden zu. Der Mut dazu war mir angeboren. Ich kannte keine Angst. Das Gegenteil war der Fall. Es machte mir richtig Spaß. Ich hatte große Freude am Fliegen und an diesem zielstrebigen Sturzflug.

Ein heftiger Wind zerrte jetzt an meinen weit ausgespannten Flügeln. Die großen Federn flatterten wild zuckend hin und her. Aber sie hielten den Sturzflug mühelos aus.

Ich sauste wie ein rasender Pfeil durch die Luft. Der Boden kam schnell näher. Dann sah ich meine Beute direkt vor mir kauernd und ängstlich zitternd in einer flachen Mulde hocken.

Das kleine Rehkitz hatte nicht die geringste Chance. Ohne lange zu zögern grub ich meine scharfen Krallen tief in den weichen Körper des hilflos schreienden Jungtieres und erhob mich danach wieder mit kräftigen Flügelschlägen weit in den blauen Himmel hinein.


 

***


 

Der junge Morpheus lag mit weit aufgerissenen Augen im Bett. Draußen war es mittlerweile hell geworden. Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn. Er wusste nicht, was mit ihm passiert war. Seine Gedanken waren total verwirrt und überschlugen sich geradezu. Er hatte soeben im Traum den Tod von etwas Lebendigem real kennen gelernt. Er tat es ohne jede Scheu und Gewissensbisse. Nichts hätte ihn aufhalten können, sein einmal anvisiertes Opfer gnadenlos zu töten. Er war ein richtiger Jäger gewesen, der seine geschlagene Beute sogar bei lebendigen Leibe genüsslich verzehrte.

Morpheus war verzweifelt. Ein unbekanntes Wissen aus längst vergangenen Zeiten überflutete ihn. Wie konnte so etwas nur möglich sein? Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft schienen sich in ihm zu einer Einheit zu verschmelzen, die von einer einzigen gewaltigen Erkenntnis geprägt war, die ihn trotz ihrer absoluten Gewissheit tief erschütterte.

In ihm ruhte die alte Seele eines einsamen Adlers, der einst hoch droben am blauen Himmel mit weit ausgespannten Flügeln nach einer Beute suchend seine ausgedehnten Runden zog. Morpheus hatte alles mit seinen eigenen Augen gesehen. Er konnte dieser Wahrheit nicht ausweichen. Zu klar und überdeutlich hatte sie sich in ihm manifestiert.

Der junge Mann schlug die Bettdecke zurück, verließ das wohlig warme Bett, trat ans Schlafzimmerfenster und öffnete es. Frische, sauerstoffreiche Luft strömte an ihm vorbei. Die Sonne warf ihre ersten warmen Strahlen über die friedlich da liegende Landschaft. Es war alles wunderschön.

Am fernen Horizont, dort wo sich die Berge erhoben, verschwand gerade ein Adler laut krächzend in einer weißen Wolke.

Für Morpheus begann ein neuer Tag.


 

ENDE


 

(c)Heinz-Walter Hoetter

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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