Gherkin

Electric Boogaloo

Eher zufällig schlenderte ich am Eingang zu einer Art Katakombe vorbei. Ein matter, neongrüner Schimmer-Pfeil deutete nach unten. Es blitzte kurz auf: Electric Boogaloo stand dort zu lesen. „Nur heute!“ Und da ich von Natur aus ein wirklich interessierter Charakter bin, sagen wir es ruhig, extrem neugierig und auch ein wenig Sensations lüstern, ging ich, rasch entschlossen, die steilen Steintreppen hinab. Ich staunte nicht schlecht. Links und rechts stand, in gewaltigen Lettern: „Zum heiligen Aspergill“. Und immer wieder dieser Schimmer-Glimmer-Pfeil. Es gab ja nur diese eine Richtung, so erschloss sich dieser Hinweis nur schwer. Nun befand ich mich in der Katakombe. Neugier trieb mich an. Was mich wohl erwartete. Was bedeutete Electric Boogaloo? Dieses Wort hatte ich noch nie zuvor gehört. Aber es klang höchst interessant. Ein Radio-Komiker hätte sofort darauf geantwortet: „Isses aber nich...“

Tuff-Gestein? Hier? Ich prüfte die Wände. Nein, das war nur eine Nachbildung, aber sehr gut gemacht. Man könnte denken... Da wankte ein Mann an mir vorbei, mit arg wirren Haaren und verwirrtem Blick, ein irrer Anblick, da ja alles in mattschimmernd- neongrünen und nebelartigen Dunst-Wolken waberte. Hinzu kam ein äußerst bizarrer Ton. Es bitzelte und britzelte in der Atmosphäre, so, als sei sie mit drei Millionen Volt angereichert. Dieser Mensch taumelte an mir vorbei und murmelte dabei etwas wie „Electric Boogie, Mann...“ Es roch ein wenig verbrannt, wie nach gebrannten Mandeln (aber ohne die würzige Süße), durchaus angenehm. Die Atmosphäre? Grünlich, ein wenig bizarr und irgendwie Unheil schwanger. Ein B-Movie-Regisseur, der gerade seinen ersten Zombie-Film kurbelt, hätte es exakt so gestaltet, sein Set. Unsicher und durchaus auch ein wenig ängstlich ging ich weiter. Was würde mich erwarten?

Der Gang schien endlos. Dann, endlich, kam ich in eine Art Grotte, einer Nachbildung der aus dem Schweizerischen Kanton Tessin bekannten Grotto-Gaststätte. Inmitten eines bunten Haufens verschiedener Menschen, mit Weingläsern in der Hand, fand eine Verkostung statt. Eine junge, sehr hübsche Dame kam auf mich zu: „Wünschen der Herr einen Chardonnay zu kosten?“ Bin ja eigentlich mehr der Rotwein-Typ, aber diese Frau war so bestechend schön, und ihr geschürztes Schnütchen machte mich sofort und ohne jede Verzögerung zu ihrem Leibeigenen. „Ja, gern...“ hörte ich mich flüstern. Mir wurde ein Glas gereicht, darin schlummerte die Burgunder Köstlichkeit, vorab befüllt. Ich sah mich um. Überall standen Personen herum, mit Gläsern in der Hand. Einige sahen grotesk aus. Die pittoreske Umgebung, diese merkwürdigen und befremdend wirkenden Menschen, der Geruch (wie in einer Wäscherei, angereichert mit dem Duft von Weihrichkarzln und verbrannten Haaren), all das zog mich in einen mind-boggling-Bann, der leicht hypnotisch wirkte. Ohne Zweifel machte mich all das willenlos. Die Atmosphäre, der Geruch, diese Frau, waberndes Grün. Bei Grün werde ich schwach. Es ist nun einmal meine absolute Lieblingsfarbe. Alles, was grün ist, ist für mich auch schön, interessant und angenehm. Von Gurken über Wasabe bis hin zu Erbsen, vom Gras bis zu den grünen Hügeln in Irland - grün ist irgendwie voll mein Ding. Kennt jemand das Lied „Grün, grün, grün, ist alles, was ich habe...“? Dies Lied hatte es mir bereits in meiner Kindheit angetan. Und ich lebte diesen Song, wahrlich.

„Heute ist Electric Boogaloo-Tag, der Herr“, säuselte diese direkt einer Modelagentur entsprungenen Nymphe mich an, „Sie erhalten diesen Chardonnay also mit einer, na sagen wir mal, besonderen Note. Das Verkostungs-Erlebnis wirkt nachhaltig und sehr -ähem- eigen, auf manche Menschen bisweilen sogar bizarr. Wenn Sie dennoch ein Glas dieses erlesenen Götter-Saftes zu probieren wünschen, so geschieht dies auf ihren ureigenen Wunsch, der Herr. Falls Sie dem zustimmen, bitte ich Sie, mir diese Unbedenklichkeitsbescheinigung seitens unseres Unternehmens, der Dr. Etzwald M.  Purgatori & Söhne GmbH, freundlichst zu unterzeichnen.“ Dieser betörende Akzent. Österreich. Ein wenig klagend, leicht vorwurfsvoll, aber auch liedhaft und aufreizend niedlich. Ich liebte diese Göttin der Weinprobe. „Woher stammen Sie, mein Kind?“ - Im Stil eines Eintänzers, dachte ich dabei, peinlich... „Aus Spittal an der Drau, das liegt im schönen Oberkärnten, der Herr!“ Dieses Lächeln. Goldlöckchen steckte eine Art Schlauch in mein Glas. Ich sah, dass er zu einer Apparatur führte, die mitten im Raum stand. Alle Weinkoster hatten diesen Schlauch in ihren Gläsern. Er wurde am Glasrand rasch mit einer winzigen Foldback-Klammer befestigt. Mir schien es so, als sei diese wunderschöne Frau mit Modelmaßen die einzige Mitarbeiterin in der Grotte. Vielleicht besteht Purgatori & Söhne nur aus den Herren Etzwald und seinen Söhnen, und eben dieser wundervollen Wesenheit aus Spittal an der Drau in Kärnten.

Der dunkelblonde Engel mit den langen, leicht gelockten Haaren sah mich ernst an, reichte mir ein Klemmbrett, darauf eine Art Vertrag, zweiseitig, und einen sehr edlen Füllfederhalter. Das war kein moderner Patronenfüller, sondern ein Kolbenfüller, antik und kostbar. Ohne mich mit dem Lesen der eng beschriebenen Seiten aufzuhalten, unterschrieb ich zügig. Die Dame entriß mir das Brett, lächelte mich süßlich an, und ich schmolz dahin. Gerne hätte ich meinen linken kleinen Finger gegeben, für nur 1 dahin gehauchten Kuss auf ihre unsagbar schön geschwungenen Lippen. Ohne jede Vorwarnung aus Kopf oder Bauch verliebte ich mich heftig. Ich war ihr jetzt verfallen.

„Gaa-haaa“ stöhnte es rechts von mir. Ein Herr Mitte 50 hatte den Laut ausgestoßen. Die rechte Hand zitterte so stark, dass etwas Wein aus dem Glas schwappte. Alle hielten diese herrlichen Vision Balanced Weingläser von Zieher in Händen. Wenn es ein Gefäß für guten Wein gibt, dann ist es ein V.B. von Zieher. Und nein, ich erhalte keinen Scheck aus Himmelkron für diese Lobhudelei. Aber seit jeher liebe ich diese kristallinen, natürlich mundgeblasenen Vision-Produkte. Erzeugnisse, wie sie wohl edler kaum vorstellbar sind. „Trinken Sie, mein Herr, kosten Sie...“ Wieder dieses Säuseln, liedartig vorgetragen, mit vielen Höhen und Tiefen in der Stimme, die Knie wurden mir weich. Was für ein Geschöpf Gottes! Gepriesen, gelobt und gesegnet sei es, dieses Spittal an der Drau, da es doch solch wunderfeine Wesenheiten hervor zu bringen in der Lage ist. Ein Geschenk des Himmels. Und wie diese Frau duftet... Der Duft kommt nicht von ihr allein. Da ist auch noch Lavendel. Sehr viel Lavendel.

Gerade will ich ansetzen, da sehe ich eine Frau, etwa auf 9 Uhr, der dicke Tropfen aus der Nase quillen. Durch das wabernde Grün erkenne ich erst nach einer Weile, dass es sich um Blut handelt. Ist das nicht ein wenig besorgniserregend? Die Frau dort drüben scheint aber nicht besorgt. Der „blonde Engel“ reicht ihr rasch ein Tuch. Dann ist er auch schon wieder bei mir. Diese Musik... Ich kenne das Stück. Es ist, ja richtig, aus Animal Crossing New Leaf, das K.K. Trauerlied. Unheilvoll, creepy, auch ein wenig anheimelnd und sehr bedrückend. Tief, langsam und gewaltig dröhnte es aus den vielen Boxen, die an der Wand des Gewölbes, einer originellen Nachbildung einer Kristall-Grotte, ähnlich der Erlebnis-Bergwerk-Kristallgrotte Merkers, hängen.  

Ich bin beeindruckt. Die kurzen Schreie, mehr laute Seufzer, irritieren mich ein wenig. Doch messe ich dem keine große Bedeutung bei. Angekündigt war ja dieser Electric Boogaloo. Und wer sich darauf einlässt, erhält dann auch, wie der wankende Mensch im Eingangsbereich mir ja bereits übermittelt hatte, „Electric Boogie“, richtig? Ich darf und kann das selbst bestimmen. Will ich hier sein? Muss ich hier sein? Will ich diese elektrische Wein-Erfahrung machen? Ja, ja und nochmals ja. Mit Blick auf meine so betörende österreichische Schönheits-Königin kann ich nicht anders, ich muss ALLE Fragen mit Ja beantworten. Auch die potenzielle, ob ich mir den linken kleinen Finger abhacken würde, nur, um diese schmollenden, aufgeworfenen Wunderlippen küssen zu dürfen. Was für ein Weib. Diese kühne Wucht der femininen Präsenz, umwerfend!

„So kosten Sie doch bitte, der Herr!“ fordert mich die blonde Fee auf. Und also erheb ich das Vision-Glas, im Schlauch bitzelt es ein wenig, und trinke mutig einen Schluck des köstlichen Chardonnay. Es durchfährt mich wie ein Blitz! Tschongk! Zappzerapp, Zesch! Selbst meine Brauen stellen sich auf! Ein lähmend heißer Schlag fährt durch meinen Körper. Ich spüre eine Gänsehaut, wie ich sie wohl noch nie zuvor hatte. Die Wogen durchpflügen meinen Körper, die Hände vibrieren, Schweißausbruch, und der Blick wird schwammig. Ich erkenne die etwa 10 - 12 Personen in der Schimmergrotte nur durch einen Schleier. Sie wirken wie Zombies auf mich... Alle mit entsetzlichen, wie bei Edward Scissorhands verunstalteten Haaren. Die Damen, ansonsten ja sehr auf Toilette und Haar-Status achtend, scheinen all das ungerührt hinzunehmen. Auch dem blonden Engel verfallen? Aber es können doch nicht alle hier lesbisch sein?! Ist es nur diesem geheimnisvollen österreichischen Charme geschuldet? Dem Wein allein? Mein Engelein aus Kärnten. Ach herrje. Die Süße geht umher und versprüht, neben ihrem umwerfenden Charme, auch sehr viel Lavendel, denn es wird gepupst. Und nicht gerade wenig.

Nun ja, ich hatte andere Sorgen. Die Herzrhythmus-Störungen, die Sehschwierigkeit und, vor allem, der Tremor - ich kann ihn nicht steuern. Konvulsivische Zuckungen - durch den ganzen Körper - begleiten meine weiteren Schlucke aus dem Glas. Diese Stromschläge haben es in sich. Ich spüre, dass ich aus der Nase blute. Sofort ist der Kärntner Engel zur Stelle. Aus einer Box zupft sie unnachahmlich prompt 2 Tücher, und reicht sie mir mit einem umwerfenden Lächeln. Danke, oh Herr, danke für diese Frau, für dieses Lächeln, für die Nähe zu ihr. Ich kann sogar ein wenig den Duft, den sie heute trägt, einsaugen. Unverhohlen springt er mich direkt an, der leicht zitrisch- ambrierte Duft, opulent, aber nicht enervierend aufdringlich, luxuriös, fruchtig und, ja, floral - es ist ohne jeden Zweifel Boadicea the victorious, ich erkenne es wieder, hat es doch meine geliebte Mutter jahrelang getragen. Es hat mich ja längst besiegt, dies Oberkärntner Mädel, was bedarf es da noch eines betörenden Duftes. Natürlich wird der wahre Weinliebhaber, bei Verkostung eines Rebensaftes, anmerken: Hier gehört kein opulentes Parfüm zum Programm. Ein No-Go! Eine leichte, dezente Duftnote, ja... Aber solch ein Spektakel? Das ziemt sich doch nicht! Aber ich pfeife auf diese Wein-Puristen mit all ihren Regeln. Ob sublim oder heftig, mich betört diese Frau und dieser Duft. Und es schmälert nicht einmal im Ansatz meine Verkostung. Durch diese Stromschläge kann ich mich eh nicht sonderlich auf den Wein konzentrieren. Ach der Körper wehrt sich heftig, denn die Schläge, die sind deftig!

Nun, was mich betrifft, ich bin der Kärntner Hexe total verfallen, ich würde sogar verfaulte Zähne und Monsterbitteratem bei ihr akzeptieren. Mein Urteilsvermögen scheint sowieso hinüber zu sein, denn diese ganz spezielle elektrische Erfahrung wühlt meinen kompletten Organismus auf, bringt alle Atome durcheinander. Einen weiteren Schluck würde ich gegebenenfalls nicht überleben. Aber ich hatte ja, zum Glück, den Vertrag unterzeichnet. So würde Herr Purgatori mitsamt all seinen vier oder fünf Söhnen keinerlei Haftung zu tragen haben. Denn wenn Etzwald Purgatori Ungemach widerfährt, trifft es ja auch, indirekt, meine holde Schönheit, die sich nun zu meinem Leidwesen anderen zuwendet. 3 Personen sind neu hinzugekommen.

Niemand scheint wirklich erstaunt, verblüfft oder verwundert darüber zu sein, dass alle Protagonisten hier im Raum, in der zitternden rechten oder linken Hand diese Sensation eines Weinglases haltend (mit dünnen Schläuchen darin), leicht kokeln, merkwürdig verbrannt riechen und mitunter kurz aufjaulen. Und diese Haare. Auch mir stehen sie zu Berge. Ein Spiegel in mattem Grün legt Zeugnis ab. Ich sehe wie ein Voll-Alki aus, der seit etwa 14 Tagen im Mega-Rausch vor sich hin dämmert, in keiner Weise an Körperhygiene interessiert. Einen Kamm hat dieser Mensch dort im Spiegel sicher schon seit Monaten nicht mehr in Händen gehabt. Seltsam, auch an oder sogar in meinen Zähnen zieht und nagt es. Mit jedem Schluck pulsieren meine Schläfen, die Wangen zucken unkontrolliert, die Augen quellen hervor, und die Sehkraft fährt auf etwa 50 % hinunter. Aber der Wein ist superb! Exzellent. Die holden Engelsaugen erfassen mich. Die Spittal-Frau kommt wieder auf mich zu!

„Wieso probieren Sie nicht einmal diesen Wein hier, mein Herr?“ Kess und auch etwas nonchalant reicht sie mir ein anderes Glas. Wieder ist bereits eingeschenkt worden. Sie säuselt: „Dies ist ein Batonnage Magnum aus dem Jahr 2013, ein edler Roter vom Neusiedler See, Cuvée aus Cabernet Sauvignon, Blaufränkisch und natürlich Merlot, ein wirklich vorzüglicher Österreicher!“ Ja, ich kann bestätigen, diesen Österreicher darf man getrost empfehlen. Im Nachgang metallisch, wie eigentlich immer bei dieser Verkostung. Aber sonst... Ce vin est très bon.

Ich spüre diese 15,5 % Alkoholgehalt der hochreifen Trauben. Etwas schwindlig wird mir gerade. Ich sehe aber nirgends eine Sitzmöglichkeit, sei es auch nur ein Hocker. Nichts. Also halte ich mich am kleinen Tischchen fest, trinke tapfer vom Wein, und erhalte folgerichtig Schlag auf Schlag. Das fetzt in den Schläfen, das Herz schlägt unregelmäßig, die Eingeweide begehren auf. Unwillkürlich setze ich einen schweren Koffer ab. Er stinkt bestialisch. „Das ist völlig normal, der Herr...“ kuschelt sich diese wundervoll klagende Stimme an meinen Gehörgang an. Und sie wiederholt: „Völlig normal...“ Mir ist der infernalische Gestank sehr peinlich. Aber mein Engel versprüht aus einer flott hervor gezauberten Dose etwas Lavendel-Duft. Wohltuend. Dankbar lächele ich sie an. Dieses Lächeln wirkt, sagt der Spiegel mir, verkrampft. Etwa so, wie wenn ein Gefängnis-Geistlicher einem Delinquenten kurz vor der Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl Mut zuspricht. Und so in etwa würde dann der Todeskandidat wohl „lächeln“. Und ganz ähnlich wie bei einer Hinrichtung auf dem elektrischen Stuhl riecht es auch hier in dieser Grotte. Verbrannt, süßlich verbrämt, metallisch. Lavendel herrscht aber vor. Nicht, dass ich schon mal bei einer solchen Veranstaltung zugegen gewesen wäre... Einer Hinrichtung. Bewahre. Aber ich stelle es mir exakt so vor.

Ich muss weitere Flatulenzen unbedingt vermeiden. Das kostet Punkte bei meiner Angebeteten, denke ich. Tapfer, mutig und unverdrossen halte ich das edle Glas in Händen, ab und an trinke ich einen Schluck. Die Gläser sind hier alle wohlgefüllt. Es gibt nicht, wie bei Verkostungen üblich, wenig Wein in großen Gläsern. Auch fehlt völlig, an jedem Verkostungs-Tischchen, der exemplarische Spucknapf. Daher wird, das kann ich durch den grünen Schleier noch gerade so sehen, in den Weinkühler gespuckt. Meiner steht direkt vor mir. Es ist ein Cromargan „Manhattan“. Hab eben diesen auch zuhause. Edel. Wie eigentlich alles hier in der ‘Aspergill’-Grotte. Leider kann ich die Herren Purgatori nirgends ausmachen. Es gibt nur den Engel, sonst ist keiner von der Firma anwesend. Ich trinke einen letzten Schluck Batonnage, dann zerplatzen kleine rote Schaumkügelchen vor meinem geistigen Auge. Ich wanke, es dreht sich um mich herum. Diese Stromschläge bekommen mir gar nicht gut. Meine Arme sind schwer wie Blei, die Lider zucken, meine Lippen bewegen sich, ohne eine Art von Laut hervorzubringen. Aber bei jedem Schluck ächze ich, seufze ich, stöhne ich wie all die anderen Leidensgenossen an den Verkostungs-Tischchen. Wir halten aber tapfer durch. Dem Engel zuliebe. Manche auch des Weines wegen. Ich jedoch ausschließlich meinem Engel zuliebe. Arhythmisch wummert mein Herz, K.K. tönt aus den 6 Boxen, das Trauerlied macht mich echt fertig. Neben dem Engel, dieser  qualvoll-gnadenbringenden Strom-Folter und dem köstlichen Wein. Oh dieser Engel. Eines dieser herrlichen Weingläser zerschellt auf dem Boden. Und wieder Flatulenz!

Knuffi hat gerade wieder mal Zeit für mich, ihren verpeilten Stamm-Kunden mit den zerzausten Haaren. Nennt mich Edward! „Zum krönenden Abschluss unserer Electric Boogaloo-Weinverkostung nun also das Beste vom Besten, der Herr. Empfangen Sie den König! Sie kosten nunmehr einen Spanier aus dem Jahr 2014, einen Palacios Priorat L´Ermita, dies ist der köstlichste Tropfen aus dem erlesenen Pool der Firma Purgatori und Söhne, mein Herr!“ Als mein Engel die Flasche hochhält, wie ein König seinen Erstgeborenen in die Menge hält, noch am Tage der Geburt, applaudierten wirklich alle in der Grotte. Huldvoll nehme ich das Glas entgegen. Sie hat es anders als zuvor direkt vor meinen Augen befüllt. Ich müffele bedenklich. Wieder zieht sich ein Gewitter in meinen Gedärmen zusammen. „Darf nicht pupsen, darf nicht pupsen“   spreche ich mir selbst Mut zu. Muss an Bart Simpson denken. Warum geht mir der jetzt gerade durch den Kopf? Na, egal, ich erhalte satte Stromschläge, während ich den Spanier koste. Ein unfassbar guter Wein! Ich bin, mit glasigem Blick, einfach nur selig ob solch eines Tropfens. Dieser Álvaro Palacios ist eine Legende, es ist wirklich ein Privileg, ihn kosten zu dürfen. Noch nie hat mir ein Rotwein so sehr gemundet...

Ich nippe erneut. Man wagt solch ein Göttergetränk nicht mit ordentlichem Schluck zu beleidigen. Ambrosia pur, reines Kehlengold! Da ist leichtes Nippen ein Muss! Doch je öfter ich nippe, desto stärker die Stromschläge. Jetzt beginne ich doch tatsächlich etwas zu kokeln. Meine Schläfenhaare wirken angesengt, der Spiegel enthüllt noch ein anderes Geheimnis (das nun keines mehr ist): Exophthalmos oder auch Bulging Eyes Syndrom. Ich leide darunter. Und zwar heftig. Wie ein Frettchen auf Koks sieht mich mein Konterfei im grünen Nebel-Spiegel an. Weit treten meine Augen aus den Höhlen, unnatürlich geweitete Pupillen, ich mutiere wirklich & tatsächlich zum Freak, Zombie gleich halte ich mich verbissen am Verkostungstisch fest, umklammere ihn. Will... keine.... Gehirne.... essen.... Will... kei....

Was für eine Tortur. Aber dieser Wein... Exzellent ist gar kein Ausdruck. Ich kann ja gar nicht anders. Muss weiter und immer weiter nippen. Schlag auf Schlag durchfährt meinen Körper. Wie lange hält der das noch aus, frage ich mich. Die Hände zittern leider so, dass mein österreichischer Engel mir liebevoll das Vision-Glas aus meinen verkrampften Händen zwingt. Sie stellt es ab. „Für heute, werter Herr, sollten Sie es gut sein lassen...“ Sie drückt mir noch eine Visitenkarte der Weinhandlung Purgatori & Söhne in die Hand. Wie alles hier, sehr edel. 5 Farben, plus diverse Lacke, Heiß- Folienprägung, mit 3D-fühlbarem Hochglanz-Relief-Druck. Mit Foto. Nun, es sind nur 3 Söhne. Aber das ist ja auch schon was. Wieder höre ich „Gaa-haaa“, ein anderer ruft oder stöhnt „Garrgg“. Ich neige eher zu einem knappen „Giiirk“, jeder leidet eben auf seine ureigene Art. Ein letztes Nippen am Spanier, dann will ich meinem Engel dankend die Hand reichen. Doch die Kärntnerin verweigert mir ihre wunderschöne kleine Pratzn. Seufzend, aus mehreren Gründen, verabschiede ich mich durch eine unbestimmte Handbewegung an die nicht vorhandene Mütze. Mit einem Herzkasperl mache ich mich von dannen. Den endlosen Fake-Tuff-Gang entlang, die Treppe rauf, wobei mir ein Pärchen entgegenkommt.

„Schau nur“, meint die Begleiterin belustigt, „wie spaßig dieser Mann aussieht!“ Dass ich sie hören kann, scheint der Frau nichts auszumachen. „Der hatte wohl ein Wein- Pröbchen zu viel...“ meint jovial der Gatte oder Freund oder LAG. Ich seufze nur laut. Sage dann, mit zitternden Stimme und mindestens ebenso zittrigen Knien: „Electric Boogie, Babe, electric boogie...“ Dann schwanke ich zurück auf die Straße. Meiner Treu, es riecht sogar hier oben verbrannt. Ich brauche dringend eine Dusche - und einen Kardiologen! Eine ganz besondere Erfahrung, wie vielleicht die, in der neuen Achterbahn Colossos 2019 im Heide Park Resort zu sitzen. Man muss nur mutig genug sein, verwegen und tapfer, dann schafft man diese Herausforderung. Sicher, die Weinprobe unter Strom ist gewöhnungsbedürftig. Vielleicht sind Purgatori und die 3 Söhne des Altvorderen ja Sadisten?! Und ich ein Masochist? Wer weiß das schon.
Electric experience, mal was anderes. Wein und Strom, das passt eigentlich nicht so recht zusammen.

Ich schaue im Tageslicht auf die Visitenkarte. Nein, der Engel ist nicht mit auf dem Foto. Schade. Mir entfährt ein donnerndes Stakkato an Fürzen. Die stinken schlimm, sind kaum zu ertragen. Rasch wanke ich weiter. Viele hochgezogene Augenbrauen.

Im Ablauf aller Zeitenströme, in allen Universen, in sämtlichen Parallel-Universen und in allen Galaxien des Alls gibt es vielleicht irgendwo einen Ort, in dem gerade jetzt in unnachahmlicher Art und Weise ein mittel- bis dunkelblonder österreichischer Engel einem nichts ahnenden Verkostungswilligen ein edles Glas reicht, mit obligatorisch- bekannt-unheilvollem dünnem Schlauch darin, und säuselt: „Trinken Sie, werter Herr, werte Dame, kosten Sie, so a kloans Schlagerl wird Eahna net glei umbringa, gölt??“

Wir Menschen sind schon sehr seltsam und befremdlich. Was wir uns alle antun, es ist kaum zu fassen. Wir essen Kohlrabi, Sauerkraut oder Sülze. Mögen wir das? Es scheint so. Wie sonst ist es zu erklären, dass Menschen bewusst Lakritze, Innereien oder stinkenden Schimmelkäse in sich hinein stopfen? Betrachtet man all das, ist es vielleicht nicht weiter verwunderlich, dass ich eine „Elektrische Weinverkostung“ den Erfahrungen meines Lebens hinzufügen durfte. Am 31. Januar 1994, ihrem wohl 83. Geburtstag, hat die berühmte bulgarische Seherin Baba Wanga (Großmutter Wanga oder auch „die alte Wanga“), nahe Petritsch, im Gebiet Rupite, geweissagt: „So also ein Mann mit starker Affinität zu einem grünen Gemüse einst eine steile Treppe hinab zu steigen geruht, um in einer Art >Grotte< einem Weinritual mit elektrischer Auf- und Entladung zu frönen, wird die einzige Kanzlerin, die Deutschland jemals haben wird, bald darauf abtreten müssen!“

Zu ihrer Zeit, der Zeit dieser Weissagung also, war Dr. Helmut Kohl Bundeskanzler. Die Baba Wanga starb 1996, also noch zur Amtszeit der guten alten „Birne“. Wie ist es zu erklären, dass sie nicht nur prophezeite, dass Deutschland eine Kanzlerin, die gute alte „Raute“ erhält, sondern auch, dass deren Zeit nach diesem Ereignis (siehe oben) abläuft? Das Ereignis fand statt. Von der Vorhersage erfuhr ich erst sehr viel später. Harren wir der Dinge, die da kommen wollen oder nicht...

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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Eine Flut von Sinneseindrücken wird in den Gedichten von Gerhild Decker heraufbeschworen. Die Themenvielfalt ist so bunt, wie sie nur von einem intensiven Leben vorgegeben werden kann. Die Autorin ist mit der Realität fest verwurzelt, wagt aber immer wieder Ausflüge in die Welt der Träume und Wünsche. Kleinigkeiten, die an ihrem Wegrand auftauchen, schenkt sie genauso Beachtung, wie den grossen Zielen, die jeder Mensch in sich trägt.

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