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LA BELLA PRINCIPESSA

Dort oben sitzt sie. Nein, sie thront. Ihre Majestät. Aus 1,90 m Höhe sieht sie mich an. Mit diesem merkwürdigen Blick. Sezierend, streng, analytisch, dennoch aber auch irgendwie weich und warm, verzeihend, ein wenig Melancholie ist dabei. Keine Schwermut, auch Traurigkeit kann ich nicht ausmachen. Aber ein deutlicher Hauch von Melancholie. Sie weiß um die Vergänglichkeit aller Wesenheiten.

Ihr Kopf ist leicht seitlich geneigt. Ein spöttischer Zug bei der Königin. Sie verspottet mich oft. Sie hat, wie soll ich es ausdrücken, so eine perfide, sublime Art, mich in meinen Grundfesten zu erschüttern. Wenn sie mich so lange und ausgiebig ansieht, fühle ich mich stets ein wenig ertappt, schuldig, erkannt. Sie macht mich echt fertig.

Diese unergründlichen, herrlich blauen Augen... Oft denke ich: In diesen azurblauen Augenteichen möchte ich gar jämmerlich ersaufen. Tief wie das Meer, und ebenso unergründlich und geheimnisvoll. Kann man sich in seine Katze verlieben? Warum eigentlich nicht. Und, wie auch bei den Menschen, geschieht dies über die Augen.

Niemals weicht die Majestät meinem Blick aus. Sie mustert mich so wie am ersten Tag unseres Kennenlernens. Interessiert, unaufgeregt, ein wenig gönnerhaft, und sehr gründlich lastet ihr Blick auf mir. Was sie wohl denkt, wenn sie so lange in ein ihr sehr bekanntes Gesicht blickt? Vermutet sie eine Veränderung zum gestrigen Tag? Erwartet sie, dass mir jede Sekunde das Gesicht herausfällt? Kann sie in mir lesen? Erscheinen ihr Visionen bezüglich meiner unwerten Persönlichkeit? Darf ich mir denn überhaupt erlauben, die Königin zu berühren? Wie ist sie heute drauf? In tiefer Ehrfurcht und mit aller gebotenen Demut nähere ich mich Ihrer Majestät. Freundlich bitte ich um eine Audienz. Gewährt sie mir diese?

Ich wage es nicht, ihr beim Hinausgehen aus dem Zimmer den Rücken zuzudrehen, ihr zugewandt verlasse ich den Raum, immerzu den Blickkontakt suchend. Ein Gebot der Höflichkeit und des allerdings von meiner Seite her überdimensionalen Respekts vor einer Schönheit mit Grazie, Stil, Klasse und einer fast schon unmenschlichen „natürlichen Autorität“. Allein mit ihren Augen gebietet sie, die Majestät, Einhalt, bei allem, was sich ihrer Meinung nach nicht ziemt. Bin ich zu laut, legt sie den Kopf oft noch deutlich schiefer. Staubsaugen mag sie zum Beispiel überhaupt nicht. Gerne verzichte ich darauf. Die Königin dankt es mir, indem sie, ab und an, duldet, immer recht huldvoll, dass ich sie an einer bestimmten Stelle hinter dem linken Ohr kraule.

Hab ich schon erwähnt, dass es sich um eine Birma handelt? Gestatten, ich stelle vor: La bella principessa, Wohnungskatze, eine Heilige Birma. 6 Jahre jung, 3,6 kg schwer, Kopf-Rumpf-Länge: 53 cm. Sie, selbstverständlich ein Mädchen, ist das Zentrum meiner Existenz, die in ihren Augen höchstwahrscheinlich unwürdig das triste Leben fristet. Ich wüsste nur zu gern, was sie von mir hält. Vielleicht ist diese devote, leicht kriecherische Grundhaltung ihres Lakaien das genaue Gegenteil von dem, was sie erhofft hatte, als sie meinem Haushalt beitrat, nein - beizutreten die gnadenreiche Freundlichkeit besaß.

Vielleicht liebt sie Rebellen, Spätheimkehrer (wenn um 5:15 Uhr auch die letzte Bar in der Stadt langsam die Stühle hochstellt), den rauen Umgangston und Normfutter, Hard Rock und Raucher, heftige Schmaucher. Ich bin eher ein braver Vertreter der maskulinen Spezies. Ich trinke nicht, rauche niemals, ein defensiver Charakter, und ich habe keinerlei Frauenbesuch. Ich höre keine laute Musik, brülle nie und liebe die Ruhe. Vielleicht aber ist ausgerechnet meine bella principessa eine Party-Katze. Die es liebt, inmitten der party people herumzutigern, mal von den Salzstangen und dann wieder von einer Rum-Cola-Pfütze auf der Durchreiche zu naschen.

Ich weiß es einfach nicht. Diese Katze macht mich echt alle. Ich bin ihr Haussklave, eine andere Nahrung als den Hofguter Schlemmertopf brauche ich erst gar nicht ins Haus zu bringen. Dann rümpft sie ihr süßes, hoch herrschaftliches Näschen, dreht sich ab von mir und hungert. Ich kann machen, was ich will. Als sie dieses Futter entdeckt hatte, wollte sie nichts anderes mehr. Bis dahin sind ihre Futterfavoriten diverse Variationen der Royal Canin Exigent 35/30 Savour Sensation gewesen. Ein Thunfisch-Typ war die Prinzessin nie. Leider bekam ich dann eine Probier-Dose des Schlemmertopfes... Dafür muss ich monatlich tief in die Tasche greifen. Ja mitunter, aber das darf die Majestät nicht wissen, gebe ich für sie mehr aus als für mich selbst.

Sie nimmt nichts anderes mehr zu sich. Ich spreche bei meiner Majestät niemals von „fressen“. Das wäre vermessen. Nein, sie nimmt zu sich. Sie speist. Königlich. Stets die Etikette wahrend. So möchte sie auch nur unbeobachtet gewisse Geschäfte in dem hierfür eingerichteten Raum mit entsprechender Toilette tätigen. Danach, ein Ritual, eine lange Körperpflege-Aktion. Ich darf dann nicht stören. Wenn sie etwas Liebe braucht, Nähe und Wärme, ein bisschen kuscheln will, dann lässt sie mich das wissen. Mit einem unnachahmlichen Klagelaut, der schwer aufs Herz schlägt. Müsste ein Monster sein, ohne jedes Gewissen und ohne jede Empathie, seelenlos, wenn ich dann nicht sofort zum Kuscheln anrücken würde. Es schmerzt hinterm Sternum, Sie als Katzenliebhaber oder -freund wissen sicherlich, was ich meine.


Sie hat einen Karlie Feline Rascheltunnel in himmelblau, den sie sehr liebt. Wenn sie nicht in der alten Hutschachtel meiner Mutter auf dem Kleiderschrank thront, ist sie dort zu finden. Oder auf und am Nobby Kratzbaum Rubin cream, ihrer Fellfarbe stark angepasst. Den eigentlichen Schlafplatz übrigens, den Karlie Iglu, selbstverständlich in ihrer Fellfarbe, betritt sie nur im Winter. Sonst bevorzugt sie das eher langweilige Liegekissen Catmaxx. Aber als sie die Hutschachtel auf dem Schrank entdeckte, war es vorbei mit Kratzbaum, Iglu und Kissen. Über Wochen thronte sie nur noch dort, da hatte sie alles gut im Blick, konnte träumen und überwachen, Informationen über den arg merkwürdigen Wohngenossen sammeln und sich ganz der Pflege ihres schönen Fells widmen. Ungestört. Dort oben lässt sie sich nicht so einfach „greifen“. Nein, hier ist ihr Domizil. Der Schrank gehört ihr. Ach, was sag ich da, die ganze Wohnung und ich selbst, alles gehört der Principessa. Der Hutschachtel-Schrank ist ihr Refugium.

Meine Prinzessin war zur Geburt noch rein weiß. Ich habe sie aufwachsen gesehen. Sie gehörte meiner Nachbarin. Als die ins Krankenhaus kam, kümmerte ich mich, damals noch unter großen Mühen, um sie. Die Nachbarin hatte sie „Pointie“ getauft. Das gefiel mir überhaupt nicht. Die edle, aristokratische Römernase, diese klugen Augen, der hellwache und forschende, sehr intelligente Blick - ‘Pointie’ passte nun wirklich nicht. Als die gute Frau von nebenan dann verstarb, behielt ich Principessa einfach, denn Verwandte tauchten nicht auf zur Beerdigung. Ich erlaubte mir also, ihre Majestät bei mir zu beherbergen. Ich habe deswegen bis heute kein schlechtes Gewissen. Warum auch? Etwas besseres als den Tod findest du doch überall, so könnte die Ex-Pointie vielleicht gedacht haben. Bei mir gab es wenigstens Food, einen netten Schlafplatz, Aufmerksamkeit, Liebe und Wärme.

Mittlerweile war die Farbzeichnung ausgereift. Bei jeder Birmakatze einzigartig. Sie trägt Ringelstiefelchen und besitzt leicht getupfte Sporen. Besonders schön ist ihr unfassbar seidiges Fell, die wunderschöne Halskrause, sehr ausgeprägt, und der wundervolle Schweif. Wenn sie ihn, beim Schreiten und Wandern durch unsere Wohnung, hoch aufgestellt zur Schau trägt, kann ich nicht umhin, diesen Schwanz mit einer riesigen Straußenfeder oder einem überdimensionierten Staubwedel zu vergleichen. Sie ist so wunderschön, meine Prinzessin. Bin nicht unerheblich stolz darauf, ihr Knecht sein zu dürfen. Sie ist die Eleganz in Person. Eierschalefarben ist ihr Fell, mit einem leicht goldenen Schimmer. Sicherlich würde sie einige Pokale erhalten, wären Handschuhe und Sporen rein weiß. Auch sind die Handschuhe der Prinzessin an den Pfoten deutlich zu lang. Sonst aber entspricht sie wohl so ziemlich allen Anforderungen bei einer Rasse-Ausstellung. Aber ich habe Veranstaltungen dieser Art immer abgelehnt.

Als ich die Prinzessin einmal zu solch einer Veranstaltung mitnahm, schien sie mir noch wochenlang gram zu sein. Sie schmollte, und ich musste sie durch peinliche Anbiederungs-Versuche nach und nach wieder auf meine Seite ziehen. Bis sie mir aber erlaubte, sie an dieser ganz bestimmten Stelle zu kraulen, das dauerte lange... Er hätte fast das Ende unserer Beziehung bedeutet, dieser schlimme Fauxpas. Seit dieser Zeit erlaube ich mir keine Fehler mehr. Schuld beladen bin ich ja sowieso, es gehört sich einfach nicht, eine Heilige Birma als Solokatze zu „halten“. Nein, das ist nicht in Ordnung. Aber was soll ich machen? Mit meinem Budget kann ich mir keine zwei Birmakatzen leisten. Denken Sie nur an den Schlemmertopf. Und woher kriege ich eine zweite Hutschachtel?

Übrigens, kennen Sie Bastet, die Katzen-Göttin? Ich habe ein riesiges Poster von ihr im Wohnzimmer. Hier unten finden Sie ein Bild von diesem Poster. Meine Prinzessin scheint dieses Bildnis über alle Maßen zu lieben. Wenn ich nach Hause komme, sehe ich Ihre Majestät oft, auf meinem Lieblingssessel thronend (sie weiß, wie sie mir schmerzhaft bewusst zu machen in der Lage ist, wer hier das Sagen hat!), sinnend in Blickrichtung des Posters schauen. Die Reminiszenz an ein längst vergangenes  Leben, vielleicht als Tempelkatze? Oder die Huldigung der großen Göttin? Kopf einer Katze, Gestalt einer Frau, das gibt schon ein wenig Rätsel auf. Und meine Majestät ist eine stringente Grüblerin, ein Couch Geek Ponder. Sie geht den Dingen auf den Grund. Oberflächlichkeit ist keineswegs einer ihrer Wesenszüge. Ihr Charakter ist einwandfrei. Integer, akkurat und, in Ansätzen, loyal. Immer ehrlich, niemals falsch, nie gleisnerisch, stets glasklar in der Aussage. Du weißt einfach, woran du bist, so du die Chance hast, mit ‘meiner’ Katze zu interagieren, zu kommunizieren (auf vielerlei Ebenen) oder ihr auch nur zuzusehen, wie sie dasitzt und einfach nur gut aussieht.
Was heißt hier gut? Blendend! Sie ist ein Augenschmaus!

Es ist das schönste Geschöpf, das mir je untergekommen ist (Kati, Engeline, Gunda und Ingrid, bitte weghören! Danke!). Wenn sie schnurrt, was nicht oft vorkommt (linkes Ohr!), dann tönt dieses Wohlfühl-Geräusch durch unsere ganze Wohnung. Es ist laut und tief, wunderbare Gefühle in mir weckend. Wirklich, ich bin so vermessen zu behaupten, in diesen Augenblicken liebt sie ihr Leben, mag sie mich sogar ein wenig. Dann ist sie ganz Katze! Aber sie weiß auch stets, welchen Wert sie besitzt. Ich glaube, dass die Heilige Birma von Haus aus - oder von Geburt an - sehr genau weiß, welchen Stellenwert sie hat, wie wunderschön eine jede Birma ist, welch unfassbare Grazie und Eleganz von jeder dieser Katzen ausgeht. Sie verströmen einen Charme, der bei Menschen kaum anzutreffen ist. Sie sind aber auch ein wenig wählerisch, die Birmakatzen. In meiner Wohnmaschine lebt sie gar nicht so gerne. Ein schönes Eigenheim im Grünen wäre ihr wohl lieber. Aber das kann ich mir nun einmal nicht leisten. Daher geht sie, wie alle Katzen, große Kompromisse ein. Going mad for a reasonably good life.

Ich denke, die Prinzessin ist sich ihrer selbst glasklar bewusst. Sie weiß: Der da, der mir den Schlemmertopf serviert (selbstredend auf Porzellan-Tellern!), der ist mein Lakai und Hausbursche, bisweilen sogar mein Freund. Das längliche Teil dort, mit Beutel, das so dröhnt und bläst, das ist mein Feind. Ansonsten: Alles hier gehört mir, auch das Bastet-Poster, der Rascheltunnel, alle Socken dieses Typs - und, vor allem, diese Hutschachtel.

Wenn ich sie respektiere und achte, ihr mit Würde und Anstand begegne, immer den Schlemmertopf serviere und niemals zu laut bin, dann können wir noch gute 6 - 8 J. miteinander leben. Sollte sie dereinst sterben (müssen), werde ich mir, wie es nun einmal Brauch ist, die Augenbrauen abrasieren und in gelber Trauerkleidung volle 70 Tage meditieren und weinen. Bastet möge dies aber bitteschön so lange wie irgend möglich hinauszögern. Die Prinzessin maunzt, Zeit fürs Vorlesen, Kraulen und ein wenig Fellpflege. Ich bitte, mich nun zu entschuldigen. Ich habe zu tun.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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