J. Liliana Altair

Gedanken einer Maus 4

Tag 4

Lichtschimmer im Dunkel

 

Hallo - erinnert ihr euch an mich? Ich bin’s, die kleine graue Maus, die auf der Suche nach dem großen Wolf ist...nun, vielleicht nicht auf der Suche, ich weiß schließlich wo er ist, aber womöglich suche ich seine Nähe, versuche seine Aufmerksamkeit auf mich zu lenken, doch scheint mir dies nicht zu gelingen. Es gibt keinen Weg zu ihm, zu weit entfernt ist er, selbst wenn er direkt neben mir steht, wenn ich ihn fühlen, sehen und seinen aufregenden Duft wahrnehmen kann, ist er weit von mir entfernt. Wie ein Stern, den man zwar sehen, aber niemals berühren und spüren kann, man kann nur sein Licht bewundern und sich an ihm erfreuen.

Aber sieht er mich, die kleine graue Maus zu seinen Füßen, bemerkt er meine Sehnsucht, mein Verlangen ihn zu berühren, meine Wärme mit ihm zu teilen, ihm mein Licht zu geben, meine Fürsorge...meine Liebe? Nein, wie könnte er...er ist der große Wolf, er denkt in großen Bahnen, großen Schritten und großen Dingen, wie würde ich da hineinpassen, die ich so klein bin? Ein Wolf und eine Maus...eine Maus und ein Wolf - einfach nicht möglich, nicht in der Tierwelt und nicht im Leben. Und dennoch bleibt die Hoffnung, der Lichtschimmer im Dunkel, das Wort in der Stille und die Möglichkeit im Unmöglichen, dass der Wolf die Maus bemerkt.

Bis zur jetzigen Stunde aber streiche ich allein durch die Dunkelheit meines kleinen Lebens und frage mich, wozu wurde ich geboren? Ich sehe mich in meinem Leben um und überlege was habe ich bisher bewirkt, habe ich überhaupt etwas erreicht, das von Bedeutung ist, würde mich irgendjemand vermissen, gäbe es mich nicht mehr?

Habe ich diese Frage nicht schon einmal gestellt? Habe ich eine Antwort erhalten? Nein, ich denke nicht - wer sollte auch antworten, es hört mir ja niemand zu, versteht keiner meine Fragen, meine Zweifel, mein hoffnungsloses Sehnen nach der Wärme des Wolfes…meines Wolfes, der so nah und weit entfernt von mir ist. Er, das schillernde Wesen, ich, das graue Geschöpf - wie könnten wir je zusammenkommen... unmöglich...oder möglich?

Sein, nicht sein, möglich, nicht möglich...ist es eins oder zweierlei...ich weiß es nicht und ich kann niemanden fragen. Vertrackte Situation, verfahrenes Leben, eine Einbahnstraße ohne zurück, eine Sackgasse ohne Ausweg, ein Tunnel ohne Licht, ein Raum ohne Tür. Ich fühle mich so fremd in meiner vertrauten Welt, so nicht-existent, nicht-da, nicht-wirklich. Wie ein Traum in einem Traum in einem Traum, flüchtig wie ein Schatten, unbeständig wie der frühe Nebel, unruhig wie das endlose Meer und rastlos wie der ewige Wind. Bin ich Wahrheit oder Lüge, Wirklichkeit oder Fiktion, was ist richtig, was falsch? Bin ich Leben oder Tod, Licht oder Schatten? Ist die Sonne, die ich sehe, wahrhaftig oder ist sie ein Scheinbild, erfunden für die Leichtgläubigen dieser Welt? Ist der Mond, dessen Licht mich berührt, wirklich da oder glaube ich nur ihn zu sehen, weil ich ein Leben in der Dunkelheit nicht ertragen würde? Was ist das nur - Leben? Habe ich ein Recht auf mein Leben? Oder bin ich ein Traum in einem Traum in einem Traum in einem...auch das habe ich schon einmal gefragt, und auch diese Frage blieb unbeantwortet, wie so viele andere...ich bin manchmal so müde...so grenzenlos müde.

Dann wird die Nacht zum Tag, der Tag so sinnlos, der Himmel erdrückend, die Sonne so schmerzvoll, die Sterne zur Qual und der Mond zur Tortur - jedes Licht ist zuviel, jedes Geräusch zu laut, jeder Gedanke so überflüssig und jedes Wort so sinnlos.

Wie soll ich, die kleine Maus, das aushalten - Trommelfeuer der Gefühle, Steinschläge der Zweifel und Niederschläge von Schmerz und Qual, hervorgerufen durch Einsamkeit und hoffnungsloses Sehnen nach Nähe. Keine Hand, die in meiner liegt, kein Herz, das für meines schlägt, keine Seele, die an meine gebunden ist und kein Wesen, das nur Augen für mich, die kleine Maus, hat. Eine Millionen Fragen und keine klare Antwort - ein riesiges Dunkel und kein Lichtschimmer, der mir den Weg weist.

Warum sieht mich der Wolf nicht, warum fühlt er mich nicht...warum darf ich ihn nicht fühlen, ertasten, ergründen...? Mein Leben ist ein einziges Durcheinander...ich kann es nicht besser ausdrücken...ich fühle, dass die Welt sich verändert und nicht zum Guten. Nähe, die ich brauche - die Nähe meines Wolfes - sie schwindet dahin und löst sich in Schatten auf...er sieht mich nicht, kann mich nicht fühlen, oder hören - sein Größe läßt es nicht zu.

Seine Gedanken, sie bleiben mir verschlossen, sein Herz, es schlägt für andere, nicht für mich - ich kann ihn sehen, doch ist er so weit fort wie die Sterne am Himmel. Unnahbar, unangreifbar, fern, fremd, ein Licht unter Lichtern, das nicht in die Schatten eintaucht, wo ich, die kleine graue Maus, zuhause bin.

Ich bin Schatten, er ist Licht, ich bin grau wie die Nacht, er ist die Farbe des Himmels, ich bin still wie ein Hauch, er ist so laut wie der Sturm. Zwei Gegensätze, wie sie größer kaum sein könnten...unüberbrückbare Klüfte liegen zwischen uns - kein Steg führt uns zueinander, kein Vogel trägt uns zum anderen, kein Lied vereint unsere Gedanken und kein Flügel hüllt unsere Seelen ein, dass sie sich berühren und finden können.

Der große Wolf ist ein Jäger in der Welt - die graue Maus ist ein Opfer von Geburt an...wir sind wie die zwei Seiten derselben Welt - zusammen und immer getrennt. Doch lasst mich hier enden - ich höre den Wolf hinter mir kommen - ich muss gehen. Aber laßt mich noch bemerken: was wäre der Wolf ohne die kleine Maus? Wir sind seine Nahrung - ohne uns würde er verhungern...und er würde nicht wissen, dass er der große Wolf ist, denn wer würde das Maß sein, dass ihm seine Größe zeigt?

Wir Mäuse sind das Maß, an dem alles gemessen wird - und wir sind zahlreicher als es die Wölfe sind...und wir sind Überlebenskünstler, seit jeher. Ein Wolf hat Kraft und Größe, er braucht nicht viel, um am Leben zu bleiben, wir aber, die klein sind, wiegen Kraft und Größe mit List und Schläue auf. Wir finden die Schlupflöcher des Lebens, für die der Wolf zu groß ist. Er könnte von uns lernen, doch sieht er uns nicht, die wir die Lichtschimmer im Dunkel sind, die Mäuse des Lebens in den Schatten der Welt...

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (J. Liliana Altair).
Der Beitrag wurde von J. Liliana Altair auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Fritz von Yvonne Habenicht



Konrad ist Bestatter, doch ein widerlicher Geist verfolgt ihn und führt die seltsamsten Verwicklungen hervor.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (1)

Alle Kommentare anzeigen

Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Gedanken" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von J. Liliana Altair

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Gedanken einer Maus von J. Liliana Altair (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)
Vom Glück, eine Katze zu haben von Mylène Frischknecht (Gedanken)
Es wird Zeit zu gehen... von Rüdiger Nazar (Einfach so zum Lesen und Nachdenken)