J. Liliana Altair

Gedanken einer Maus 6

Tag 6

Das Licht auf dem Weg zur Nacht

 

Ich bin es, die graue Maus aus den Schatten der Welt. Ihr erinnert euch, der Wolf ist in meine Nacht gefallen und ich bot ihm meine Hand und Hilfe an. Er nahm beides dankbar entgegen und er lernte an meiner Seite zu laufen und zu kämpfen. Er war bescheiden, gelehrig und fand sich schnell in den Schatten meiner Welt zurecht. Wir liefen zusammen, lange Zeit, waren Partner, Gefährten und sahen jede Nacht die Sterne über uns. Er nahm, was ich ihm gab, und ich nahm, was er mir zurückgab. Ich spürte seine Wärme in der Nacht, seine Seele an meiner und seinen Körper, der meinen entfachte. Ihr fragt, warum ich in der Vergangenheit rede? Ihr wollt wissen, ob ich ihn an das Licht verlor, als seine Wunden geheilt waren, seine Seele erstarkte und seine Kräfte zurückkehrten?

Was glaubt ihr? Können ein Wolf und eine Maus auf Dauer gemeinsam durch eine Welt wie diese gehen, ohne sich voneinander zu entfernen? Sind zwei Wesen von so unterschiedlicher Vergangenheit und Beschaffenheit in der Lage, die große Kluft zu überbrücken und sich in der Mitte zu treffen? Können sie eine Brücke bauen, sie gemeinsam betreten und auf ihr leben? Ihr fragt wirklich, ob es möglich ist?

Ich kann euch sagen, ich weiß nicht, ob es möglich ist...ich weiß nur, wir haben es getan. Unser Weg verläuft gemeinsam, durch Schatten und Licht, durch Tag und Nacht. Auf der dunklen Seite der Welt führe ich den Wolf durch die Geheimnisse der Dunkelheit, auf der Seite des Lichtes laufe ich im Schatten seiner Stärke, verberge mich im dichten Fell seiner Kraft und lehne mich an ihn an. Wir haben bei unserem Lauf durch die Finsternis das Licht in uns gefunden, und wir haben festgestellt, dass wir uns ein Licht teilen. Die schwere Last der Schatten wurde mit diesem Fund und neuen Wissen leichter. Wir rückten zueinander auf, schlossen die Reihen zwischen uns und öffneten einander die Seelen.

Dann, in einer Nacht der Liebe, wussten wir unverhofft, warum unsere Wege sich gekreuzt hatten, warum ich als Maus an die Seite des Wolfes gestellt wurde und warum er, der Wolf, fallen musste. Wir sahen unsere Bestimmung in den Augen des Anderen. Wir spürten unsere Herzen in einem Takt schlagen, wir fühlten, wie unsere Seelen sich miteinander verbanden und wie das Licht und die Schatten eins wurden. In dieser Nacht erlebten wir die Ewigkeit und erkannten den Sinn des großen Planes.

Wir sahen das Licht auf dem Weg zur Nacht und wir fühlten, dass wir auf der richtigen Fährte waren. Es war wie eine Offenbarung, ein lange vergessenes Lied, das aus dem hintersten Winkel des Verstandes auftaucht und sich in die Herzen versenkt wie der Pfeil des Amor. Wir sahen das Meer in dieser Nacht, sahen das Feuer und konnten das Licht in unseren Herzen fühlen. Ich sah ihn an, er sah mich an, und wir wussten, unser Weg war derselbe, war es immer, wir hatten es nur nicht wahrgenommen, zu sehr waren wir mit unseren einzelnen Kämpfen und Leben beschäftigt, als dass wir das gemeinsame hätten sehen können. Mein Wolf kam in dieser Nacht zu mir und schloss mich in sein Leben ein. Er zeigte mir den Weg ins Licht und lehrte mich, keine Angst davor zu haben. Ich nahm seine Lehren an, fühlte mich frei an seiner Seite und konnte ohne Scheu das blendende Licht erleben, das mir früher solche Furcht eingeflößt hatte. Ich sah, dass es nicht gefährlich war, auch für eine Maus nicht, wenn sie es verstand, damit umzugehen.

Und noch etwas stellte ich fest: ich bin keine Maus, war es nie...ich bin die Wölfin, die an der Seite des großen Wolfes läuft und ihre Bestimmung mit ihm gefunden hat. Die kleine graue Maus aus den Schatten der Welt existiert nicht mehr...hat es nie gegeben...ich war immer die Wölfin, ich konnte es nur nicht sehen, weil die Schatten mich verbargen. Nun aber weiß ich es: ich bin die Wölfin aus dem Licht, die an der Seite des Wolfes läuft...

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