Aylin

Angeschossen

Angeschossen

 

Eigentlich war sie ein kommunikativer Mensch, immer für ein nettes Pläuschchen zu haben. Doch nun verkroch sie sich wie ein angeschossenes Tier in ihrer Höhle. Zog die Wolldecke fest um sich. Eiskalt schien ihr die Wohnung. Heute mochte sie das Dunkel. Es gab ihr Geborgenheit und die Ruhe, die sie brauchte, um die tiefe Wunde zu lecken, die der Tod ihres Hundes hinterlassen hatte. Nicht anfassen, nicht reden. Schon gar nicht auf die Frage: Was hatte er denn? Allenfalls noch mit denen, die sie liebte, Außenstehende nicht.

Vorsicht bissig. So wie ihr Dackelchen, das sich bei Schmerzen auch nur von ihr berühren ließ.

Die letzten beiden Tage war sie in den nahen Wald gegangen, hatte an dem gluckernden Bächlein gesessen und den Sonnenstrahlen nachgehangen, die sich in den dichten Zweigen der Bäume brachen. Mit ihrem Mann. Hand in Hand. Schweigend. Ihr Mann kannte sie gut.

Mit ihrer Tochter war sie am Vortag, als der Hund gestorben war, zu einer Bergkuppe gefahren und hatte dort mit ihr über die weiten, hügeligen Wiesen geschaut, die an den Himmel zu stoßen schienen. Hand in Hand. Schweigend. Ihre Tochter kannte sie gut.

Und nun kam dieser aufgeblasene Opa an, der sich scheinbar für Django hielt, sie wohl attraktiv fand und mit ihr ein Flirtspielchen vor der Tür der Massagepraxis veranstaltete. Er hielt den Türgriff fest und versperrte ihr den Weg. Wollen Sie oder ich, ich oder Sie, Sie oder ich? Wie ein verwundetes Tier stöhnte sie auf: „Oh, nä! Ich steh nicht auf Ihren Humor.““ Sind Sie aber nervös,“ höhnte er. „Passen Sie auf,“ blaffte sie,“ mein Hund ist tot. Gehen Sie rein oder gehen Sie raus oder soll ich Ihnen Beine machen ?“. Ungläubig sah er sie an und ließ den Türgriff los, ungerührt ging sie an ihm vorbei.

Im Wartezimmer saß er ihr gegenüber. starrte sie an. Durch eine Sonnenbrille. “Wollen Sie Ihre Jacke nicht aufhängen,“ fragte er bestimmend. Feindselig traf ihn ihr Blick und hielt ihn fest, spiegelte den gezügelten Impuls, diesem impertinenten Menschen die Brille von der Nase zu schlagen. Sie war einundsechzig. So schnauzte sie stattdessen: „Lassen Sie mich in Ruhe, Mann. Ich habe keine Langeweile wie Sie!“

Da senkte er den Blick und begann, an seinen Fingernägeln zu knibbeln. Sie sah über ihn hinweg, nicht, ohne ihn aus den Augenwinkeln im Blick zu haben. Wütend, wie ein angeschossenes Tier auf dem Angriffssprung. Vielleicht, weil sie ihm so ähnlich war, hatte sie immer in ihrem Dackel lesen können. Komm mir nicht zu nahe, Mann!

Abrupt stand der Mann auf, verließ kopfschüttelnd das Zimmer und wartete auf seine Behandlung an der Rezeption.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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