Heike Diehl

Der Tausch

Der Tausch

 

„Für wen mach ich das hier eigentlich?  „ seufzte ich und warf meinen Bleistift auf den

Notizblock. Ich saß in meinem Zimmer am Schreibtisch und hatte gerade ein Gedicht fertig

geschrieben – eins von vielen wofür sich zuhause kein Schwein interessierte. 

Sie alle konnten mit Fantasie nicht viel anfangen und waren anscheinend viel zu

„geerdet "

„ Nicht dass du noch den Bezug zur Realität verlierst " hatte mein Vater gesagt.

„Dafür sorgt ihr schon " hatte ich darauf geantwortet und verschwand in meinem Zimmer.

 Kann man denn nicht wenigstens mal für ein , zwei Stunden in die Welt

der Fantasie eintauchen um den Alltag mal für eine Weile zu vergessen? 

Was ist daran verkehrt?  Gar nichts! 

 

Ich dachte an meinen Opa , den einzigen Poeten in unserer Familie.  Er starb als ich

vier Jahre alt war, das war vor 55 Jahren. 

Als er starb waren auch seine Gedichte verschwunden und kein Mensch wusste wo sie

geblieben waren. Schien auch niemanden zu kümmern. 

Ich hätte zu gerne Gedichte von meinem Opa gelesen und er hätte sich mit Sicherheit für meine interessiert. 

 

Wie gerne hätte ich von meiner Familie mal gehört, welches Gedicht schön und welches weniger schön war – aber nichts - null Reaktion und Interesse! 

Ich war sehr traurig darüber.

Ob es Opa genauso ging?  dachte ich. Damals war ich noch zu klein und konnte noch keine Gedichte lesen und jetzt waren sie nicht mehr da – Mist blöder! 

 

Ich beschloss noch einmal nach draußen zu gehen, um frische Luft zu schnappen.

Es war September und zu kühl geworden um abends draußen zu sitzen. Es war Vollmond. 

Ich schlenderte, mit meiner Gedichtemappe unter dem Arm ,geradewegs zu Opas Gartenlaube.

Hier hatte Opa oft gesessen und geschrieben. 

Ich setzte mich in einen der Korbstühle die in der Laube standen und ließ meine Gedanken kreisen.

Plötzlich war mir, als spüre ich einen eiskalten Luftzug, als wenn jemand in einer warmen Stube ein Fenster öffnete . Wind kam auf und es wurde neblig – so plötzlich , dass es mir richtig unheimlich wurde.

Auf einmal sah ich eine Wolke die sich immer tiefer herabsenkte . Immer tiefer und schließlich

auf dem Rasen im Garten landete und auf der Wolke saß mein Opa – ganz weiß von Gestalt und durchsichtig und hatte ein langes weißes Hemd an. 

Das konnte doch nicht sein! dachte ich und rieb mir die Augen. Träumte ich?

 

„Hallo Heike" sagte mein Opa.  „ Du möchtest also meine Gedichte lesen?  Das freut mich sehr. Als ich noch lebte , da ging es mir genau wie dir.  Ich habe aber niemals den Spaß am dichten nehmen lassen und hab gedacht ihr könnt mich alle mal.

"Ich starrte immer noch ungläubig meinen Opa an. „ Bist du´ s wirklich?  „

„Aber ja „ sagte Opa. „ Ich hab was für dich , komm zu mir „ Er überreichte mir eine

dicke Mappe. Seine Hände waren eiskalt , aber das war mir egal. Ich ahnte was sich in der Mappe befand und so war es auch – Opas Gedichte! 

„ Ich werd verrückt! „ rief ich erfreut.„ Das ist ja , das ist ja - aber woher weißt du?  „

 

„Ich kriege da oben alles mit was hier unten so abgeht und jetzt möchte ich gerne deine Gedichte lesen. Ich tausche deine gegen meine " Glücklich überreichte ich Opa meine Mappe. 

„ In der nächsten Vollmondnacht komme ich wieder und sage dir wie mir deine Gedichte gefallen haben und du sagst mir wie dir meine gefallen haben „ Er schlug eine Seite in meiner Mappe auf. 

„ Wenn die so lustig sind wie das hier – höhööö- hihi – dann geht im Himmel die Post ab und die Engel da oben haben was zu kichern" „ Denke schon das ihr Spaß haben werdet da oben „ lachte ich.

„ Ich bin schon so gespannt auf deine Gedichte. Ich werde früh zu Bett gehen und werde sie lesen.

Ich freu mich schon so drauf „

„ Na dann bis in vier Wochen „ sagte Opa . „ Ich muss jetzt schnell wieder hoch , sonst ist das

Himmelstor zu , Petrus nimm das sehr genau und lässt nach neun Uhr niemanden mehr rein. 

Also bis dann „ die Wolke erhob sich in die Luft und wir winkten uns zu ,

bis die Wolke ganz am Himmel verschwand. 

Nun war ich so richtig glücklich und zufrieden und konnte nicht schnell genug ins Bett

kommen , um in Ruhe Opas Gedichte zu lesen. 

Ein wenig später hörte ich von ganz oben aus einer Wolke ein Kichern. Ich schmunzelte. 

Anscheinend hatte sich Opa über meine Gedichte köstlich amüsiert.

 

 

(c) HeiDi

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 17.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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