Herrmann Schreiber

Der geschenkte Gaul

Noch eine meiner Erinnerungen aus dem Krieg. In „Beim Barras“ (25.01.2019) hatte ich schon erzählt, unter welchen recht ungewöhnlichen Umständen ich etwas Serbisch gelernt hatte. In „Sprachunterricht vom Baum“ (30.01.2019) hatte ich dann von meinen Bemühungen berichtet, das Neugriechische zu lernen. Hier teile ich nun meine Erinnerungen mit an das, was ich erlebte, als die deutschen Truppen Griechenland verließen und sich nach Norden zurückzogen.

 

 

Unser Feldersatzbataillon wurde jetzt von einem anderen Major befehligt, der mich auch oft zu seinem Stab rufen ließ, zum Übersetzen. Zu diesem Stab gehörten auch die zwei Leibköche. Der Herr Major begnügte sich nicht mit dem Essen aus der Feldküche und verlangte immer, dass seine Speisen ihm auf vorgewärmten Tellern serviert wurden. Der Balkan war, für ihn, nur von rassisch Minderwertigen bevölkert. Für ihn hatte ich nie etwas Angenehmes zu übersetzen. Er war mir überhaupt nicht sympathisch, obwohl er mich zum Obergefreiten beförderte und mich mit dem Kriegsverdienstkreuz zweiter Klasse (mit Schwertern) auszeichnete.

 

Unser Rückzug führte uns zunächst nach Mazedonien. Immer zu Fuß, Gepäck auf Pferdewagen. Einzige Ausnahme: Prilep. Dort wurden wir in Güterwagen verladen und fuhren – nicht weit – bis nach Veles. Mit den Leuten konnte ich mich, trotz mundartlicher Unterschiede, mit meinem Serbisch recht gut unterhalten. Dem unsympathischen Major sagte ich nichts von meinen Sprachkenntnissen, auch meinen Kameraden sagte ich, sie sollten mich nicht verraten. Da sich auch sonst niemand als Dolmetscher für serbisch meldete, konnte der Herr Major den Leuten, die da wohnten, nichts mehr sagen.

 

Es ging zunächst in Richtung Stip, dann wieder westlich, nach dem Kosovo zu. Wir marschierten immer nur nachts, denn englische Flugzeuge machten die Straßen unsicher. Die Russen näherten sich Belgrad. Unser Weg führte uns dann an die ungarische Grenze, später wieder nach Westen. Offenbar erfolgreich waren die Zickzackbewegungen unserer Verbände. Die anderen wussten scheinbar nie, welche deutsche Einheit wo zu erwarten war. Das ging natürlich sehr langsam. Als Gegner hatten wir die Soldaten Titos. Ich hatte oft den Eindruck, dass sie nicht genau zielten, wenn sie uns beschossen, dass sie uns nicht wehtun wollten. Ich war der einzige der Kompanie, der verwundet wurde: von einem Granatsplitter, der meinen Kopf streifte. Die Flugzeuge der Briten waren gefährlicher für uns, als Titos Truppen. Wenn wir am Tage marschieren mussten, bearbeiteten sie uns mit ihren Maschinengewehren. Da gab es Tote.

 

Am 8. Mai, Tag des Waffenstillstandes, befanden wir uns etwa 30 km westlich Zagrebs. Auf Grund meiner Verwundung war ich beim Tross, auf einem Pferdewagen. Ein letztes Mal das Funkgerät eingeschaltet: nur klassische Musik, aus Graz. Dann die Waffen auf dem Wagen gelassen, die Pferde ausgespannt, ihnen eine Decke auf den Rücken geschnallt, draufgesetzt. Wir glaubten, uns als kleine Gruppe durchschlagen zu können. Wir waren acht, die meisten zunächst zu Fuß. Bald aber gelang es uns, frei herumlaufende, ehemalige Wehrmachtspferde einzufangen. Als wir in einem größeren Dorf ankamen waren sieben – von uns acht – beritten. Vor einem der ersten Häuser trafen wir eine Dame, die etwas deutsch sprach. Sie hätte für die deutsche Armee gearbeitet, sagte sie. Sie teilte uns mit, im Dorf wäre eine Kompanie von Titos Soldaten, aber da wir keine Waffen hätten, würden sie uns weiterlassen. Mich auf die bevorstehenden Verhandlungen vorbereitend, stieg ich von meinem Pferd und gab es dem derzeitigen Fußgänger.

 

Die Soldaten im Dorf behandelten uns freundlich. Ich beantwortete ihre Fragen – auf Serbisch, denn deutsch sprach keiner. Der Offizier ließ uns gehen, gab uns noch einen Soldaten mit – wohl etwas jünger als ich – der uns bis zum Ausgang des Dorfes begleiten sollte. Ich noch zu Fuß, die anderen zu Pferde.

 

Das serbisches Wort für Pferd (konj) wird mir immer im Gedächtnis bleiben. Denn bei den letzten Häusern des Dorfes angekommen, fragte mich der Begleiter, ob ich denn keins hätte. Es erschien mir zu umständlich, ihm zu erklären, dass ich meins eben einem anderen überlassen hatte. Ich sagte einfach, ich hätte kein Pferd. Und wunderte mich über seine Frage.

 

„Willst du eins? Ich kann dir eins geben, “ sagte er mir darauf.

 

„Du willst mir ein Pferd geben?“ antwortete ich ihm ungläubig.

 

„Ja, komm mit.“

 

„Wartet einen Augenblick, er will mir ein Pferd geben“, sagte ich meinen Kameraden. Die blickten mich an, als ob sie mich für unzurechnungsfähig hielten. Einer sagte sogar: „Pass bloß auf, dass er dich nicht…“ Auf was ich aufpassen sollte, weiß ich nicht mehr.

 

Der großzügige Begleiter führte mich auf eine eingezäunte Wiese, auf der sich mehr Pferde tummelten, als es für den Graswuchs gut war. Er deutete auf ein hohes, edles Ross. „Dieses da“ meinte er. Es wollte sich aber nicht fangen lassen. Er half mir, gab sich wirklich Mühe, wurde ganz rot im Gesicht. Ich war es sicher auch. Nichts zu machen. Es ist schließlich kein Griff an so einem Pferd.

 

Ich wurde mir bewusst, dass ich ein Soldat einer geschlagenen Armee war, und dass er zu den Siegern gehö­rte. Ich deutete auf ein kleines, mausgraues Tier, sagte, dass ich mich damit begnüge. Es folgte mir widerstandslos. Ich band ihm eine Decke auf den Rücken, ein Strick diente mir als Zügel. Später wurde mir klar, dass es doch viel niedriger, und deshalb leichter zu besteigen war, als das edle Ross.

 

Meine Kameraden staunten nicht schlecht, als ich mit meinem Geschenk bei ihnen ankam. Gewiss hatten Titos Soldaten es mit mehr von dem deutschen Heer freigelassenen Pferden zu tun, als ihnen lieb war, aber trotzdem berührte mich die Geste meines jungen Begleiters sehr. Ich bedankte mich, er wünschte mir gute Rückkehr in die Heimat.

 

Ich hätte das nicht gemacht. Einem ein Pferd schenken, auf den ich die vorige Woche noch hätte schießen müssen? Na ja, es gehörte ihm nicht wirklich. Aber mir das schönste Pferd anbieten, mir helfen, es einzufangen, das hätte er wirklich nicht tun müssen! Keiner der fremden Soldaten, denen ich je begegnet bin, ist so freundlich, so kameradschaftlich zu mir gewesen, wie er. Und ich kenne nicht einmal seinen Namen!

 

Bei der deutschen Wehrmacht war es üblich, nur auf Befehl zu handeln. Nie hatte man mir jemals befohlen – oder auch nur geraten – serbisch zu lernen. Ich tat es nur aus Neugier, um die Leute da zu verstehen. Jedoch bin ich mir sicher: hätte ich es nicht getan, niemals hätte mir jemand ein Pferd geschenkt!

 

Es erwies sich als äußerst gehorsam, mein Pferd. Es lief allerdings nur, wenn man es an der Hand führte oder wenn ein anderes vor ihm lief. Wir ließen unsere Pferde grasen wann immer sich eine Gelegenheit bot.

 

Wenige Kilometer nach der Stelle des geschenkten Pferdes trafen wir auf die Straße nach Eisenkappel. Darauf standen, wie man uns schon gesagt hatte, deutsche Kraftfahrzeuge, mit ihren Besatzungen, in einer langen Schlan­ge, bis zur Grenze. Warteten offenbar, dass man sie weiter ließ. Wir ritten, an der Straße entlang, nach Norden. Manche, die da warteten, lachten über uns Reiter auf ungesattelten Pferden. Nur einer sagte: „Die kommen durch.“

 

 

 

Morgen erfahrt ihr, wie.

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 21.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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