Hans Fritz

Amethyst


‘Das Geheimnis des Amethyst’ - Ein Monumentalfilm sollte es werden, mit einem Riesenaufgebot an Darstellern und einzigartigen Kulissen. Zwischen den beiden ausrichtenden Ländern Cis- und Transbetunien, deren natürliche Ost- bzw. Westgrenze ein tief eingeschnittener Cañon ist, spannte schon eine Hängebrücke, mit ihren stolzen 380 Metern Länge und anderthalb Metern Breite ein Wunderwerk überwiegend Plastik verarbeitender Baukunst. Doch kurz nach der Einweihung der Brücke durch hochrangige Repräsentanten beider Länder sowie dem Filmregisseur, starb das Filmprojekt. In weiser Voraussicht oder aus Unbedachtheit hatten die Regierungen den Brückenbau vorfinanziert, das heisst das reiche ‘cis’ zu zwei Dritteln und das nicht so reiche ‘trans’ zu einem Drittel. Als dann die Filmindustrie als Kostenträger ausschied, beschlossen die Aussenminister beider Länder die Brücke in den geplanten interbetunischen Wanderweg einzubeziehen und dem Wanderer für das Überqueren drei Betunos abzuknöpfen (ein Betuno würde etwa drei US-Dollar entsprechen). Doch die Wanderer blieben bis auf wenige Abenteuerlustige aus.

Inzwischen sind zwölf Jahre ins Land gegangen und die Brücke zeigt allem Glauben an die Unverwüstlichkeit von Kunststoffen zum Trotz deutlichen Verschleiss. So wird der Abriss beschlossen. Sechs Transporthelikopter besorgen das scheinbar mühelos. Allerdings werden drunten auf dem Fluss zwei Kanuten ums Haar von einem herabfallenden Teil erschlagen.

In den Medien findet der Brückenabriss kaum oder gar keine Beachtung. Er entgeht gänzlich den fünf Abenteurern aus Cisbetunien, von denen noch die Rede sein wird und die einen Besuch der sagenhaften transbetunischen Fundstätte von Amethystdrusen planen. Jene Fundstätte soll sich nämlich nahe dem ‘trans’seitigen Endpunkt der Brücke befinden. Da die Transeaten seit eh und je andere Sorgen als das Aufspüren von Mineralienfundstätten haben, dürfte der Amethyst über Jahrhunderte unberührt geblieben sein. Die Reise durch Transbetunien von der offiziellen Ostgrenze her würde mit den landesüblichen vorzeitlichen Verkehrsmitteln mindestens drei Wochen beanspruchen, eine Zeit, die die fünf nicht haben. Grenzübertritte mit dem eigenen, in Cisbetunien registrierten Fahrzeug sind verboten. Leihwagen gibt es nicht. So bliebe sozusagen als Plan B die Kurzreise durchs ‘cis’ mit dem Landrover und dann der Fussmarsch über die Brücke.

Also machen sich die fünf Explorer, wie sie sich nennen, auf den Weg. Es sind Mario, der Dozent, die Studentinnen Nora und Linda und die Studenten Harry und Anton. Alle haben sich der Gesteinskunde, Sparte Mineralogie, verschrieben.

***

Dort, wo der Fahrweg sich in einen schmalen steinigen Pfad fortsetzt, heisst es aussteigen und zu Fuss weitergehen. Doch da, wo die Brücke ansetzen sollte, ist nichts. Es gibt überhaupt keine Brücke! Nach wenigen Schritten stossen die Explorer auf eine Hütte, die jedem Märchen gerecht würde. Vor der Hütte hat es sich ein altes Paar auf der steinernen Bank bequem gemacht. Die gegenseitige Begrüssung bekommt eine besondere Note, als Nora in den beiden Leutchen ihre einstigen Zieheltern Ulli und Kati Thresenk erkennt, die sie im Geheimen Philemon und Baucis nannte*. Die Thresenks führten bis vor Kurzem in dritter Generation einen Gartenbaubetrieb.

«Die Brücke wurde vor vier Tagen abgebaut», erklärt Ulli-Philemon. «Da kommt ihr leider zu spät». «Die Steilwand hinabklettern und drüben wieder hinauf», meint Anton. «Wir könnten uns drunten in Stadt eine Ausrüstung besorgen». «Das wäre auch für den geübten Bergsteiger ein nicht abschätzbares Wagnis», meint Kati-Baucis, «ich möchte dringendst von einer solchen Aktion abraten». Die Explorer nehmen es zur Kenntnis und schweigen.

Alle nehmen an einem langen Eschenholztisch Platz. «Wir können euch nicht einmal richtig bewirten», sagt Baucis. «Etwas Landbrot und Schinken haben wir, auch etwas Wein. Leider ist unsere Kühltruhe nur Attrappe, denn Strom gibt es hier nicht». Philemon fischt aus der Truhe zwei Laibe Brot und einen riesengrossen Schinken. Auf einem altertümelnden Stuhl neben der Truhe steht eine Ballonflasche. «Das ist ein erlesener Transbetunier, vor zwei Monaten mit der Handkarre über die Brücke geschmuggelt», erklärt der Hausherr stolz. «Manchmal haben wir mehr Wein als Wasser im Haus». Baucis versorgt nun die Gäste mit Holztellern und zinnernen Bechern. Plötzlich stehen zwei Karaffen mit Wasser auf dem Tisch. «Greift zu, Leute», ermuntert Philemon die kleine Schar. Baucis zündet eine Öllampe an. Ein von irgendwo draussen kommender Eulenschrei schafft zusammen mit dem mattgelben unsteten Lampenlicht eine schaurige Atmosphäre. «Wie lässt es sich hier leben, ohne fliessendes Wasser, ohne Strom?» möchte Mario wissen und Philemon berichtet: «Wir fahren jeden Mittwoch, am Markttag, mit dem vorsintflutlichen Traktor, den ihr vielleicht draussen gesehen habt, in die Stadt, um uns mit dem Nötigsten zu versorgen und auch die wenige Post, die wir erhalten, einzupacken. Da wir neuerdings auch unser Trinkwasser dort holen müssen, nachdem unsere Pumpe hier seit drei Wochen nichts mehr fördert, haben wir beschlossen uns noch vor Einbruch des Winters in einem Altenheim einzuquartieren. Ich war übrigens letzte Woche noch einmal drüben. Kam an der Amethysthöhle vorbei. Einfach wunderschön».

Nach der freundlichen Bewirtung und allgemeinem Geplauder treten die Explorer noch am gleichen Abend die Rückfahrt an. Das Thema Amethyst ist fürs Erste abgehakt und die Erinnerung an das gescheiterte Abenteuer bald verblasst.

***

Vier Jahre später hat in Transbetunien der Abbau edelsteinhaltiger Erzlager begonnen. Schliesslich haben Geschäftstüchtige gelernt, dass sich aus den reichen Bodenschätzen des Landes ein gehöriges Kapital schlagen lässt. Schwierigster Punkt war die ewig dahinschwächelnde Regierung davon zu überzeugen.

In der Eingangshalle des kürzlich eröffneten cisbetunischen ‘halbprivaten’ Naturkundemuseums wird unter vielem anderen eine Amethystdruse zum Kauf angeboten, für 3200 neue Betunos. «Fast geschenkt, für den der genug Geld hat», meint Harry, der sich mit Anton eine Assistentenstelle teilt. Die Inhaberin eines mondänen Modesalons kauft die Druse und schenkt sie ihrer Nichte Linda, die sie wiederum ganz und gar uneigennützig, wie sie sagt, ‘ihrem’ Institut vermacht.

 

*Gestalten der Mythologie, u.a. in Ovids Metamorphosen verewigt. Es handelt sich um ein altes, sehr gastfreundliches Ehepaar, das in einer einfachen Hütte am Rande einer Stadt lebt.
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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