Hanneli Richter

Durango Drive

März 2012. Steffie Lehmann kommt mit dem Taxi  vom Flughafen Frankfurt in ein Business-Hotel. Da erkennt sie plötzlich ihren früheren Schulkameraden Thorsten Maltese an der Rezeption des Hotels wieder. Nach dem Abi studierte sie BWL in Mannheim, in Paris, wo sie in den Besitz des begehrtesten Diploms einer renommierten Wirtschaftshochschule kam, und am Eller College of Management in Tucson, Arizona. Anschließend stieg sie an der New Yorker und später der Frankfurter Börse die Karriereleiter empor.
2002 hatten sie und Thorsten sich zufällig in Paris getroffen und eine Affäre gehabt.
Er, der Weltenbummler, absolvierte nach dem Abitur „nur“ eine Hotelfachschule. Nach beruflichen Misserfolgen nahm Thorsten eine Auszeit in Paris und Las Vegas, die Jahre dauerte.
***
Steffie ließ die blonden Strähnen ihres perfekt gestylten Carrés vor die Augen fallen, blickte hilfesuchend nach links und rechts. Am liebsten hätte sie auf der Stelle ihre Koffer geschnappt und wäre zum Flughafen zurück. Wenn sie jetzt ihre Koffer stehen ließe und dem Taxi nachrennen würde? Was für eine alberne Idee, sie, die Managerin der internationalen Finanz, stets tough, die untadelige Vorgesetzte, nimmt Reißaus und lässt ihre Koffer verwaist zurück?  
Sie hatte Thorsten sofort wiedererkannt. Ihre Blicke begegnen sich. Erkennt er sie auch?
Er schiebt ihr das Anmeldeformular hin, sie füllt es aus und schiebt es wieder zu ihm hin. Da begegnen sich ihre Blicke wieder.
Er sagt nur leise „Hallo!“ und lächelt zu ihr rüber. Sie bewundert seine durchtrainierte Figur, unverändert mit seinen 49 Jahren, nur die Schläfen sind ein wenig ergraut. Seine braunen Locken, die Ruhe, die er ausstrahlt, gehen ihr nahe. Ein Fels in der Brandung. Er bemerkt die Gespanntheit ihres ganzen Wesens. Ihr Blick verrät Sehnsucht, krallt sich in seinen Augen fest. Obwohl sie vorspielt, alles im Griff zu haben.
Marc fehlt ihr plötzlich. Seine Spontaneität, der explosive Sex. Sie denkt an ihn, den einfachen Börsenangestellten, den sie jetzt gern an ihrer Seite gehabt hätte. Sie hatte ihn rausgeschmissen, als sie erfuhr, dass er mit ihrer besten Freundin geschlafen hatte. Außerdem waren ihm seine dauernden Heiratsanträge lästig. Sie hatte permanent Angst davor, dass ein Mann es nur auf ihre Gehaltsabrechnung abgesehen haben könnte. Marc hatte aber diese Freundin kurz darauf geheiratet. Nun erwarteten sie ihr erstes Kind. Da war ihr plötzlich bewusst geworden, dass sie mit ihren 47 Jahren womöglich dabei war, an einem Aspekt des Lebens vorbeigeschliddert zu sein. Aber an ein Kind zu denken, das war ihr so fremd gewesen wie auf den Mond zu fliegen. Wie so viele smarte moderne „Prinzessinnen“ hoffte sie insgeheim doch auf den „Prinzen“, den einzigen Mann, der ihr gefiel und eine berufliche und gesellschaftliche Position hatte, die die ihre übertraf.
Thorstens Nähe verwirrt sie. In ihrem Körper spürt sie ein Verlangen aufsteigen, in einem Moment, wo ihre eiserne Selbstkontrolle sowieso ins Schwanken geraten war. Aber Thorsten war doch früher nur ihr Kumpel. Sie saßen nebeneinander auf der Schulbank, er brauchte sie zum Abschreiben.
„Zimmer 212 im zweiten Stock. Ihre Koffer werden sofort zum Fahrstuhl getragen“ Der formelle Ton überrascht sie. Er schiebt ihr die Magnetkarte in einem Couvert hin. Professionell, unbeteiligt, kühl.
Hast du mich nicht erkannt? fragt sich Steffie. Der Badge an seinem Jackett weist den Namen Maltese unter dem Logo des Hotels aus.
„Bist du es, Thorsten, oder nicht?“ spricht sie, fast gegen ihren Willen, laut aus. Was ist bloß mit ihren Nerven los? Als ob ihre Schwingungen dissonant durcheinander klingen würden. Es ist nicht ihre Art, Männer anzumachen.
Das Telefon surrt. Thorsten hebt ab, und da werden auch schon ihre Koffer auf einen Wagen geladen. Sie folgt dem Gepäckträger zum  Lift.
Ihr Zimmer liegt nach einem Innenhof und scheint ruhig. Sie überlegt, wie der Abend weitergehen könnte, zieht sich aber gewohnheitsmäßig erst einmal aus und duscht.
So hört sie nicht das Klopfen an der Tür. „Frau Lehmann, Sie haben Ihre Brieftasche an der Rezeption vergessen“.
Ein Badetuch zum Pareo um sich geschlungen öffnet sie die Tür und lässt sich die Brieftasche von einem Zimmermädchen durch den Türspalt reichen.
Ihre Haare sind schnell geföhnt und das Make-up trägt sie mit geübten Fingern zügig wieder auf. Mit ihrem „kleinen Schwarzen“ und den neuen Schuhen mit überdimensional hohen Absätzen ist sie sicher overdressed, um sich mit einem Angestellten an der Rezeption zu unterhalten, aber es gibt ihr eine selbstsichere Ausstrahlung, weil sie sich darin wohl fühlt. Der enge Schnitt des Kleides schmeichelt ihrer Figur. Aber was dann? Sich bei Thorsten für die Brieftasche bedanken? Eigentlich albern. Sie müsste ihre Dokumente für die Besprechung am nächsten Morgen durchsehen. Aber was bleibt ihr dann in dem Hotelzimmer noch übrig? Sich ins Bett legen und sich trübselig durch den Fernseher zappen?
Ein Blick in die Gästemappe zeigt ihr den Namen und die Angebote der hauseigenen Bar. Wird sie Torsten dort treffen? Kann sich dort ein Angestellter der Rezeption mit ihr freundschaftlich unterhalten? Sie beschließt einen Versuch zu wagen.
Thorsten hat die Rezeption verlassen. Das darf doch nicht wahr sein. Sie durchquert die Halle und schaut wieder verstohlen nach allen Richtungen. Da sie nicht unschlüssig stehenbleiben möchte, steuern ihre Schritte sie zielorientiert auf die Bar zu.
Und da steht er hinter der Theke. Na fein, denkt sie, dann können wir uns ja wenigstens unterhalten.
„Vielen Dank für die Brieftasche! Das war sehr aufmerksam!“
„Ein „Gin Fizz“ wie im Ratskeller? Weißt du noch?“   
„Und ob ich das noch weiß!“ Sie war 17, ein Jahr vor dem Abi, und es war das erste Mal in ihrem Leben, dass sich bei ihr der Alkohol unangenehm bemerkbar gemacht hatte.  
„Was ist denn aus dir geworden?“  Eigentlich war es ihr bis vor ein paar Stunden egal, was aus ihm geworden war. Aber nun ertappte  sie sich dabei, dass sie es wirklich wissen wollte.
2002, vor genau zehn Jahren, war ich von heute auf morgen arbeitslos. Steffie wusste, dass er zuvor mit einem Freund ein Hotel übernommen hatte. Der hatte Insolvenz anmelden müssen. „Ich ging nach Paris und kam über eine Zeitarbeitsagentur in ein Hotel am Canal St. Martin, konnte jedoch keine Wohnung mieten, denn kein französischer Vermieter akzeptiert einen Ausländer mit befristetem Job als Mieter. Ich kannte niemanden und so konnte niemand für mich bei irgendeinem Vermieter bürgen. Am Canal St. Martin im 3. Arrondissement schlug ich einfach ein Zelt unter einer Brücke auf. Ich war nicht der einzige.  
„Das wusste ich nicht! Genau damals hatten wir uns oben am Palais de Chaillot getroffen. Als wir dann zusammen im „George V“ zu Abend aßen und in meinem Hotel schliefen, hätte ich nie gedacht, dass du gerade Clochard warst“.
„Ich auch nicht.  Mit der täglich frisch gereinigten Berufskleidung konnte mir das auch niemand ansehen.“ Er beugt sich zu ihr über die Theke:
„Du hast immer noch wunderschöne Haare!“ sagt er schlicht, wie eine einfache Feststellung, und schon rieselt eine ihrer blonden Strähnen durch seine Finger. Er scheint in Erinnerungen gefangen. Sie umfasst ihr Glas, wie um sich daran festzuhalten. „Die grauen Haare lassen zum Glück immer noch auf sich warten!“ Sie könnte sich ohrfeigen, weil ihr in solchen Situationen selten etwas Originelleres einfällt.
Steffie überlegt, wie der Abend weiter verlaufen könnte. Sie horcht in sich hinein. Würde sie sich wieder in ein Abenteuer mit ihm stürzen wollen, wie in 2002? Da fällt ihr ein, dass sie eigentlich in einer Autobahnraststätte noch Kondome kaufen wollte, es dann aber aus Zeitdruck auf später verschieben musste. Zu dumm! Sie hätte auch nie gedacht, ausgerechnet heute Abend welche gebrauchen zu können.   
Wir sind jetzt zehn Jahre älter… denkt sie und nimmt einen großen Schluck. Wie Momentaufnahmen laufen die Ereignisse des letzten Jahrzehnts vor ihrem inneren Auge ab. Ja, was hat sie nur gemacht? Jeden Tag von morgens bis abends intensiv in ihre Arbeit eingespannt. Dicke Dossiers zu Hause bei ihr übers Wochenende. Meetings und Geschäftsreisen, Urlaubsverzicht. Die Kinder ihrer Schwester hütete sie auch nicht mehr. Erstens waren die inzwischen auch ohne ihre Dienste als Babysitterin groß geworden, zweitens hätte sie nicht eine Minute für sie mehr frei gehabt. Wofür lebte sie eigentlich?
„Bist du die ganzen letzten zehn Jahre in Paris geblieben? Hast du auch nie geheiratet? “ Gleich zwei Fragen auf einmal, dachte sie. Warum bin ich nur immer so ungestüm? Unverbesserlich! Sie ärgerte sich, dass sie in ihrer zweiten Frage eine Antwort vorausgenommen hatte, die sie ihm aber nur hätte geben müssen, wenn er sie danach gefragt hätte. Warum überhaupt diese Frage? War es nicht vollkommen unwichtig, verheiratet zu sein? Der Trauschein war doch nur ein Papier mehr im Haus. Warum spürte sie da plötzlich ein Bedauern? Und zu ihm! Warum wollte sie überhaupt wieder etwas über ihn und sein Leben erfahren? Simpler Small Talk? Oder bedeutete er ihr jetzt mehr als vor zehn Jahren? Am Ende waren es nur wieder seine bukolisch lustigen, braunen Locken, die es ihr antaten? Und seine runde Brille, die ihm etwas so Gemütvolles verlieh? Seine kompakte, Ruhe ausstrahlende Cowboystatur? Steffie sah sich plötzlich wie einem inneren Spiegelbild gegenüber und fragte es: „Fährst du jetzt gar auf ‘nen Machotypen ab?“ Eine weitere innere Stimme feixte: „Oh ja, sei doch mal ehrlich, das war doch schon immer so!“  
„Oh doch!“ Sie vernahm seine Stimme wie aus der Ferne, „aber ich bin geschieden.“  
„Wer…? Was…?“ Ihre Gedanken schienen doch noch in ihrem inneren Monolog gefangen. Sie nahm wieder einen Schluck. Der verhalf ihr in die Wirklichkeit zurück. Thorsten sah sie ein wenig erstaunt an. „Ich habe aber keine Lust, jetzt darüber zu sprechen.“ Steffie widerspricht nicht. „Wie du willst!“  
„Wie hast du dann aus der Arbeitslosigkeit herausgefunden?“ fragt sie ihn.
„Eigentlich nie! Ich bin ein Vagabund in der Seele und sparte auf ein Flugticket nach Las Vegas.“
„Nach Las Vegas?!“ Steffie ist sprachlos. Ihr verträumter Schulbanknachbar von vor so vielen Jahren, ihr „One-Night-Stand“ in Paris vor genau zehn Jahren… „Bist du Spieler geworden, oder als Star im „Mirage“ aufgetreten?“
Thorsten muss schmunzeln.  „Ich habe die Autos der Touristen vor dem „Treasure Island“ weggefahren.“
„Und nachher gegen ein Trinkgeld wieder aus der Garage vorgefahren!“ ergänzt Steffie.
„Genauso ist es!“
Steffie sieht sich plötzlich in den Glastürmen der Frankfurter Finanzwelt sitzen, jahrelang, jeden Tag, im dunkelblauen, grauen oder schwarzen Designerkostüm und Schuhen mit überdimensional hohen und dünnen Absätzen, allein in ihrem Büro vor ultimativen Entscheidungen über Abermillionen von Euro. Smart, mit sorgfältig manikürten Händen und gestylter Carréfrisur. Und plötzlich sieht sie sich zehn Jahre später, 57 Jahre alt. Ob sie dann ihren Job noch hat?   Ob sie dann allein ist oder doch noch verheiratet? Bei dem Wort erschrickt sie innerlich. Nie würde sie heiraten, dessen war sie sich doch immer so sicher. Bei dem Versuch, sich selbst in noch weiteren 10 Jahren zu sehen, streikt ihre Vorstellung.   
„Lass uns auf mein Zimmer gehen! Erzähl mir noch mehr von Las Vegas!“  Sie trinken aus. Thorsten hat seinen Dienst sowieso beendet. Er räumt die Gläser weg. Ein Kollege übernimmt die Nachtschicht. Aus der Musikanlage ertönt von Sarah Brightman  „Time to Say Goodbye“. Steffie summt die Melodie mit und nimmt sich vor, ihr Leben zu ändern, zu leben.
„Ich arbeitete als Autowäscher in einer Tankstelle am Durango Drive…“ Steffie horcht entzückt dem Klang dieses Straßennamens… Er schwingt in ihrer Seele nach, wie ein Echo. South-West und noch weiter gen Süden, Saguaro Kakteen vor untergehender Sonne, Route 66… Freiheit. Die Sehnsucht nach Marc hat sie mit ihrem Glas in der Bar zurückgelassen. Sie hofft, ihn nun endgültig zu vergessen. Bloß keine Interferenzen der Gefühle jetzt! Soll ihr noch mal einer kommen, sie solle sich mit Akupunktur ihre Energieströme wieder in ihre untere Körperhälfte leiten zu lassen.
Thorsten erzählt weiter, öffnet dabei schon den Reißverschluss ihres „kleinen Schwarzen“.
„Nur jetzt die Gedanken ausschalten!“ Das ist im Moment Steffies größter Wunsch...

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 22.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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