Herrmann Schreiber

Die gute Tat des Monsieur Eckert

In meinen letzten Geschichten berichtete ich von meinen Erlebnissen aus dem Jahre 1945, zu Kriegsende. Ich war nun Nachkriegsgefangener. Gelegenheiten zum Ausbrechen hätte ich sicher gehabt, aber das wäre nicht nur gefährlich gewesen. In das sowjetisch besetzte Dresden zurückkehren, wo mein Vater lebte, das wollte ich wirklich nicht. In Frankreich wurden deutsche Kriegsgefangene zum Wiederaufbau gebraucht – das war mir lieber. Ein fremdes Land erleben, mich mit noch einer fremden Sprache vertraut machen, das wollte ich gern. So wurde ich – mit anderen – durch eine Änderung der Grenzen der Besatzungszonen, von einem amerikanischen in einen französischen Kriegsgefangenen verwandelt. Bei den davor oder darauf erfolgten Ortswechseln wurden wir gefahren, auf Lastwagen oder in Güterzügen. Bei der Wehrmacht mussten wir dagegen meist laufen.

 

Nebensächliches übergehend, berichte vom Frühjahr 1946. Nach mehr oder weniger unangenehmem Aufenthalt in Lagern war ich, mit etwa 12 Kameraden, seit einigen Monaten im Gefängnis der Stadt Clamecy, Département Nièvre, einquartiert. Das war ein sehr solides Gebäude, von einer hohen Mauer umgeben und durch ein monumentales Tor zu betreten. Es diente nicht mehr dem Zweck, für den es gebaut worden war. Es gab zwar noch ein Gericht in Clamecy, aber der Strafvollzug erfolgte anderweit.

 

Betreut wurden wir von Monsieur Eckert, einem Rentner aus dem Elsass, der gut deutsch sprach. Er ließ uns von Zeit zu Zeit das Gebäude reinigen, schloss uns jeden morgen das große Tor auf und verschloss es am Abend wieder.

 

Am Tag duften wir ohne Begleitung zu unserer Arbeit gehen. Einer von uns war Klempner, einer bei der Müllabfuhr, zwei als Maurer tätig. Ich war bei einem Elektriker beschäftigt, in der rue de la Monnaie. Man befürchtete offenbar nicht, dass wir am Tage ausreißen würden, denn, um uns daran zu hindern, hatte man uns unsere Uniformen belassen und uns, mit dicker, weißer Farbe ein „PG“ (Prisonier de Guerre – Kriegsgefangener) auf den Rücken gemalt. Aber nachts befürchtete man offenbar, dass man einen, der das Weite suchen sollte, nicht so gut sehen würde. Deshalb musste Monsieur Eckert uns einschließen.

 

Auf unsere Sauberkeit bedacht, hatte die Stadtverwaltung uns jedem einmal in der Woche eine Dusche in den ‚Bain-douches municipaux’ verordnet. Manchmal mussten wir da warten, und so kam es, eines Tages, dass wir – drei waren wir – bei unserer Rückkehr das Gefängnistor schon verschlossen vorfanden. Da die Anlage so gebaut war, dass niemand herausklettern konnte, war auch der umgekehrte Weg nicht möglich. Außerdem, wenn da irgendwo irgendjemand herumgeklettert wäre, hätte es ja so aussehen können, als ob er ausreißen wolle. Das wollten wir natürlich vermeiden.

 

Also sind wir zur Polizei, und ich konnte damals schon genug Französisch um dem Offizier unser Problem vortragen zu können. Der meinte zunächst, dass die französische Polizei auf keinen Fall dazu da sei, den deutschen Kriegsgefangenen zu helfen.

 

„Was würden Sie an meiner Stelle tun?“ fragte ich ihn darauf. Er dachte sichtlich über meine Frage nach. Sah offenbar ein, dass er uns nicht einfach wegschicken konnte. Denn wenn wir, frei in der Stadt herumlaufend, irgendeine Untat begehen würden, wäre er ja der Mitschuldige, da er uns laufen ließ. Also schickte er eine Streife los, die dann Monsieur Eckert in einem seiner Wohnung nahen Bistro fand.

 

Diesem war die Sache natürlich sehr unangenehm. Wir schlugen ihm vor, dass in Zukunft immer einer von uns am Tor warten könnte, bis alle eingetroffen sind.

 

„Ich habe eine viel einfachere Lösung“, antwortete er. „Ihr müsst mir nur alle versprechen, dass niemandem davon erzählt“. Nachdem jeder von uns sein Versprechen abgegeben hatte, erklärte er: „Ab jetzt bleibt das Gefängnistor immer offen!“

 

Da er so nett zu uns war, Monsieur Eckert, hat keiner von uns auch nur daran gedacht, unser offenes Gefängnis zu einer unerlaubten Stunde zu verlassen.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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