Denise Gehlert

Mango


Die junge Frau starrte aus dem Fenster, die Kopfhörer im Ohr. Die Bahn stoppte, und ein alter Herr setzte sich ihr gegenüber. Er hielt eine Flasche Eistee in der Hand. Sie schaute ihn kurz an und schenkte ihm ein höfliches Lächeln. Sie wollte sich gerade wieder wegdrehen und vor sich hinträumen, da fiel ihr auf, dass der alte Herr die Lippen bewegte. Sie hatte die Musik laut aufgedreht und verstand ihn nicht. Sie schien auch nicht zu reagieren. Die Lippen des Herren bewegten sich wieder. Jetzt nahm sie einen der beiden Knöpfe aus dem Ohr. Die anderen Fahrgäste blieben still. So still, dass sie ihre Musik laut und deutlich hören konnten. 
Der Herr wedelte lächelnd die Eisteeflasche vor ihrem Gesicht herum. „Wissen Sie, damals, als ich jung war, da war ich in Brasilien. Da hab ich Bruna kennengelernt.“ Sie lächelte, sagte nichts. Sicherlich war sie genervt, dachten die anderen Fahrgäste. Bestimmt wollte sie einfach ihre Ruhe. Wieso verstand der Mann das nur nicht?
Das Mädchen holte ihr Handy aus ihrer Tasche. Bestimmt würde sie jetzt einfach auf ihr Display starren, bis der alte Herr von ihr abließ. Das funktionierte eigentlich immer.
Sie entfernte die Stöpsel und steckte das Handy wieder weg. „Ich war auch schon in Brasilien. Es ist wunderschön dort!“ 
Die anderen Fahrgäste warfen sich verwirrte Blicke zu. Wieso ignorierte sie diesen Verrückten nicht einfach? Das arme Mädchen. Sie hatte doch sicher nur Mitleid mit ihm. In der Bahn waren immer nur Verrückte unterwegs. Die anderen waren froh, dass er sich nicht zu ihnen gesetzt hatte.
„Ja! Bruna war auch wunderschön! Wissen Sie, sie hat mir immer diese Früchte da aufgeschnitten. Deshalb hab ich das gekauft. Aber irgendwie hat das früher anders geschmeckt.“
Sie begutachtete seine Eisteeflasche. „Meinen sie Mangos?“ 
„JA! Mangos. Schauen Sie mal, das ist gesund, oder?“ 
Er drückte ihr die Flasche in die Hand. Sie drehte sie um und studierte ruhig die Zutaten. „Naja, gesund ist das nicht. Das ist eigentlich nur Wasser und Zucker, schauen Sie.“ 
Er nahm die Flasche wieder entgegen und schaute traurig auf sie hinab. „Oh. Ich dachte, da wären Mangos drin. Bruna hat mir die immer gemacht. Sie meinte, die sind gesund.“
Sie lächelte. Ihr Lächeln hatte sich verändert. Es schien sanfter als zuvor. Es war ehrlicher. 
Das arme Mädchen, dachte die anderen und tippten auf ihrem Handy herum. 
„War Bruna ihre Frau?“ 
Seine Augen leuchteten jetzt. Er begann zu strahlen. „Ja, damals in Brasilien. Sie war wunderschön. Aber wir waren nicht lang zusammen. Sie ist dann gestorben. Danach hab ich nie wieder jemanden getroffen wie Bruna. Und ich habe auch nie wieder Mangos gegessen. Aber als ich die Frucht auf der Flasche gesehen habe, wollte ich sie unbedingt haben.“
„Sie sollten sich echte Mangos kaufen. Die schmecken viel besser als das Zeug. Schauen Sie doch einfach mal im Supermarkt, ich wette, Sie finden welche.“
„Bruna würde Sie mögen, junge Dame.“, sagte er und legte eine Hand auf ihr Knie. sie legte ihre Hand auf seine. „Das freut mich sehr.“ 
Es folgte ein Moment der Stille. Die anderen Fahrgäste hatten zugehört. Wie konnte dieses Mädchen nur zulassen, dass ein Fremder sie anfasste? Das war doch unverschämt. Das ging ja wohl zu weit.
Der Mann erzählte noch einige Minuten mit der jungen Frau. Seine Stimmte war lebensfroh und enthusiastisch geworden. Erst an der Endhaltestelle stiegen beide aus. Die anderen Fahrgäste konnten noch beobachten, wie sie gemeinsam in den Supermarkt gingen, der sich direkt gegenüber von der Endhaltestelle befand. Einige schüttelten entgeistert den Kopf. Immer diese Verrückten. 

Er schaute lächelnd auf seinen Blister mit den Schlaftabletten hinab. Er hatte ihn bereits heute Morgen gerichtet. Neben dem Blister stand der Teller, auf dem sich nur noch Kern und Schale der von ihm so geliebten Frucht befanden. Er warf die Reste der Frucht in den Biomüll. Dann nahm er den Blister vom Tisch und schob ihn zurück in die Verpackung, bevor er auch diese in den Müll warf.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 23.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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