Johanna Miglbauer

Clair de Lune

Hitze schlug Annika entgegen, als sie die Tür zu ihrer Dachgeschosswohnung aufmachte. In dem Moment fiel ihr wieder ein, dass sie ja eigentlich vorgehabt hatte, die Fenster zu kippen und die Vorhänge zu zu ziehen, bevor sie am Morgen zur Arbeit gegangen war. Im Wetterbericht hatten sie ja gesagt, dass heute ein heißer Tag werden würde, was für sie bedeutete, dass ihre kleine aber feine Dachgeschoßwohnung ein ziemlicher Ofen wurde. Es sei denn, man ließ die Sonne nicht herein und sorgte dafür, dass die Luft durchziehen konnte.

Satz mit X, war wohl nix.

Kurz überlegte sie, ob sie nicht einfach die Tür wieder zumachen und gehen sollte. Allerdings würde das erstens das Problem nur verschieben, und zweitens war heute Donnerstag, das hieß heute kam ihre Nichte nach der Schule zu ihr, da konnte sie schlecht einfach abhauen.

Seufzend und über sich selbst und ihre Dummheit schimpfend ging sie in die Wohnung und riss nach der Reihe alle Fenster auf. Der kühle Luftzug, der hereinkam war eine Wohltat und Annika blieb beim Wohnzimmerfenster stehen und lehnte sich ein Stück weit hinaus. Sie schaute kurz auf ihre Armbanduhr. Halb eins. In einer halben Stunde würde Lena kommen, bis dahin würde sie einfach hier beim Fenster bleiben.

Geigenmusik drang an ihr Ohr und Annika musste nicht lange suchen woher sie kam. In dem Haus gegenüber, genau ein Stockwerk unter ihr, wohnte ein junger Mann, der Geige spielte. Meistens spielte er Klassik, was jetzt nicht unbedingt Annikas Lieblingsmusik war, aber es war auch immer wieder etwas dabei, was ihr gut gefiel. Sie kannte sich zwar nicht wirklich aus, aber sie war der Meinung, dass der junge Mann sehr gut spielen konnte. Jedenfalls war es sehr schön, ihm dabei zu zu sehen. Und das lag jetzt nicht nur daran, dass er ziemlich gut aussah. Nein, wenn er spielte schien das Instrument in seinen Händen ein lebendiges Wesen zu werden. Je länger sie ihn beobachtete umso weniger wusste sie manchmal ob der Mann die Geige spielte, oder ob das Instrument einfach nur jemanden brauchte der es hielt, damit es leben und machen konnte was es wollte. Die beiden waren so eine Einheit und es war so schön sie zu beobachten, dass Annika sicher schon Stunden damit am Fenster verbracht hatte.

Sie sah zu dem Musiker hinüber. Sein Blick war weit in die Ferne gerichtet, als ob er überhaupt nicht wirklich hier wäre, sondern nur sein Körper. Das verstärkte den Eindruck, dass die Geige von selbst diese wunderschöne, ein wenig melancholische Melodie spielte nur noch mehr. Die Melodie wurde schneller und der Mann schloss die Augen und senkte den Kopf, sodass ihm die braunen Haare ins Gesicht fielen. Sein Körper ließ sich von der Musik mitreißen und Annika bewunderte einmal mehr die Intensität mit der der Man spielte. Es war als wäre er in einer anderen Welt solange das Stück dauerte. Und auch wenn er ständig in Bewegung war, strahlte er eine solche Ruhe und Gelassenheit und vor allem Leichtigkeit aus, dass sie jedes Mal wieder staunte. Was wohl in seinem Kopf vor sich ging, wenn er so spielte?

Plötzlich kam Annika ein Gedanke. Sie hatten doch in der Schule im Musikunterricht einmal eine Art Experiment gemacht. Jeder Schüler hatte einen Stift und ein Blatt Papier bekommen und alle mussten die Augen schließen. Dann hatte die Lehrerin Musik gespielt und alle mussten mit geschlossenen Augen mit dem Stift malen, im Gefühl das ihnen die Musik gab. Natürlich waren dabei jetzt keine wunderschönen Zeichnungen heraus gekommen, aber es war ganz lustig gewesen.

Kurz entschlossen schnappte sich Annika jetzt ihren Block und einen Stift und stellte sich wieder zum Fenster. Sie schloss die Augen und atmete tief durch. Sie lockerte ihre Schultern und ließ sich und ihren Stift von der Musik mitreißen.

Die Musik war sanft und ruhig. Wie eine Waldlichtung, wo die ersten Sonnenstrahlen durch die Bäume drangen. Zwei Rehe grasten ruhig und friedlich vor sich hin. Ein Schmetterling suchte sich seinen Weg und in den Sonnenstrahlen funkelten die Staubkörner. Zwei Vögel kamen aus dem Wald und schraubten sich mit der jetzt intensiver und schneller werdenden Musik in den Himmel vorbei an den Bäumen, über Wiesen und am Wasserfall vorbei. Bis sie sich mit der wieder ruhiger werdenden Musik auf dem Mast eines alten Segelschiffes niederließen. Das Schiff schaukelte und die Vögel hatten alle Mühe sich zu halten. Der Fluss wurde schneller und ihr Blick folgte dem Wasser das im Rhythmus der Musik über Steine und durch Stromschnellen plätscherte, bis es in einem tosenden Wasserfall nach unten fiel und in einem großen See endete. Ruhig schien das Wasser hier zu liegen. Ruhig wie auch die Musik jetzt geworden war. Ganz sanft waren die Töne und Annika merkte erst jetzt wie sehr sie sich entspannt hatte, obwohl sie irgendwie doch angespannt wartete wie es weiterging.

Sanft und leise wurden die Töne höher und auch Annika fing an zu schweben. Von dem See weg und immer höher, immer höher. Bis sie über den Wolken schwebte. Eine Weile blieb sie dort oben und genoss die Ruhe und den Frieden dort, dann sah sie hinunter auf die Erde wo geschäftiges Treiben herrschte. Sie beobachtete die Menschen dort unten und sah alles ganz deutlich, obwohl sie doch oben in den Wolken war. Ein Mann, der mit einer jungen Frau zusammenstieß und lächelnd um Entschuldigung bat. Ihre klaren braunen Augen hielten seine einen Moment zu lange fest und mit roten Wangen wandte sie sich wieder ab. Kinder spielten fröhlich am Schulhof und lachten…

„Hallo Tante Anni, was machst du denn da?“

Annika schrie vor Schreck auf, ließ den Stift fallen und fuhr herum. Vor ihr stand Lena und sah sie, nun vor Schadenfreude grinsend, neugierig an. Erleichtert atmete Annika aus.

„Gott, hast du mich jetzt aber erschreckt. Wie kommst du hier eigentlich herein?“

„Du hast die Tür offen gelassen. Hast du gezeichnet?“

„Jap“

„Darf ich mal sehen?“

Annika gab ihr den Block und das Mädchen betrachtete ihn stirnrunzelnd.

„Und was soll das sein?“

„Musik.“

„Du zeichnest Musik?“, frage sie skeptisch und sah sie an als ob sie den Verstand verloren hätte. Sie gab ihr den Block zurück und sagte: „Sieht eher aus wie eine Schnecke auf Campingausflug.“

„Was!?“, jetzt war es Annika die verblüfft war.

„Ja sicher“, bekräftigte das Mädchen, „Schau, hier ist der Kopf“, sie fuhr mit dem Finger über eine lange Linie die in einem Bogen wieder zurückführte, und wirklich eine Ähnlichkeit mit dem Kopf einer Zeichentrick-Schnecke hatte. „Und das hier könnte das Haus sein, allerdings sieht das eher aus wie ein Campingwagen. Also, eine Schnecke auf Campingausflug!“

Triumphierend sah Lena zu ihr herauf. Und Annika musste ihr Recht geben. Jetzt wo sie es erklärt hatte, sah auch sie nicht anderes mehr als eine Schnecke mit Campingwagen.

„Was gibt’s denn heute zu essen, Tante Anni?“, kam jetzt die Frage von unten.

Annika legte den Block beiseite und hockte sich hin, damit sie der Kleinen in die Augen schauen konnte.

„Wir kochen heute mal nichts, weil es in dieser Wohnung sowieso schon heiß genug ist. Wir gehen jetzt zum Italiener und kaufen uns eine Pizza und wenn wir wieder zurückgehen nehmen wir uns ganz viel Obst mit und dann machen wir Obstsalat, was sagst du dazu?“

Lena jubelte und Annika fing an zu lachen.

„Na dann mal los“, sagte sie und stand auf.

 

Später am Abend, als sie wieder alleine war, betrachtete sie nochmal die verschlungenen Linien auf ihren Block. Der Geiger spielte jetzt schon lange nicht mehr, aber er schien zu Hause zu sein, denn in seiner Wohnung brannte noch Licht.

Bevor sie es sich wieder anders überlegen konnte, riss sie den Zettel vom Block ab, schnappte sich ihre Schlüssel und lief die Treppen hinunter aus dem Haus und in das Haus gegenüber, bis sie in dem Stockwerk war, in dem er wohnte. „Fischer“ stand auf dem kleinen Schildchen über der Klingel. So hieß er also. Sie atmete nochmal tief durch, dann klingelte sie.

Drinnen rumpelte es und nach kurzer Zeit hörte sie wie der Schlüssel im Schloss gedreht wurde und der Musiker öffnete die Tür. Seine braunen Augen sahen sie fragend an.

„Hallo?“

„Ähm, hallo, Herr Fischer. Mein Name ist Annika. Ich wohne im Haus gegenüber, ganz oben. Ich höre Sie öfters spielen und heute Nachmittag hab ich Ihre Musik sozusagen gezeichnet“, sie malte mit den Fingern Anführungszeichen in die Luft, „Also, wenn ich die Augen schließe, mich nur auf die Musik konzentriere und den Stift einfach laufen lasse, kommt bei dem Stück, dass Sie heute gespielt haben, das hier heraus.“

Sie reichte ihm das Blatt Papier und er betrachtete es neugierig.

„Bei dem Haken hier, ist dann meine Nichte hereingekommen und hat mich erschreckt. Sie findet übrigens, dass es aussieht wie eine Schnecke auf Campingausflug.“

Der Mann lachte kurz.

„Eine Schnecke auf Campingausflug?“, frage er ungläubig.

Annika erklärte ihm wo die Schnecke war und er lächelte.

„Clair de Lune“, sagte er.

„Clair was?“, frage Annika.

„Clair de Lune“, wiederholte er und grinste, „Das ist der Name des Stückes. Ist von Claude Debussy, ein französischer Komponist. Es heißt soviel wie Mondschein. Und mein Name ist übrigens Alexander“, er hielt ihr die Hand hin und sie schüttelte sie, „ Es freut mich dass Sie mir das hier gebracht haben. Ist ganz interessant zu sehen wie meine Musik auf andere wirkt. Auch wenn ich mir nie gedacht hätte, dass man Debussy mit einer Schnecke auf Campingausflug verbinden könnte.“

Er lachte und sie plauderten noch ein Weilchen, bis Annika sich schließlich wieder auf den Heimweg machte.

 

Am nächsten Tag, als sie von der Arbeit nach Hause kam und zu seiner Wohnung hinübersah, spielte er wieder. Annika beobachtet ihn eine Weile und als ob er es gespürt hätte, sah er plötzlich hoch. Er lächelte und winkte zu ihr hoch. Zögerlich winkte sie zurück. Dann legte er die Geige zur Seite, hielt eine Hand waagrecht und tat mit der anderen so, als ob er zeichnen würde. Dann sah er sie auffordernd an. Sie nickte und lächelnd holte sie sich ihren Block und einen Stift. Sie zeigte mit dem Daumen nach oben und als er die Geige wieder auf seine Schulter setzte, schloss sie ihre Augen, atmete durch und freute sich auf neue Bilder in ihrem Kopf.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 25.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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