Lena Kelm

Die blaue Blume

Gabys Garderobe ist blau. Sie hat blaue Augen, blaulackierte Fingernägel und eine blaue Elvis-Tolle über der linken Stirn im silbernen Haar. Wäre ihre ganze Frisur blau, sähe sie wie eine Außerirdische aus. Zum Senioren-Treff kommt sie meistens mit einer Freundin. Sie lächelt jeden an mit einem träumerischen Blick in ihrem herzförmigen Gesicht. Ich kenne sie kaum, höre sie mit ihrer Freundin und anderen reden. Sie achtet auf die Wortwahl und auf Harmonie, redet einen gern mit „Schätzchen“ an und hat zu Ostern und Weihnachten für jeden eine kleine süße Aufmerksamkeit.
Schon bei unserer ersten Begegnung im Sommer fiel mir Gaby auf. Bluse, Schal, Schuhe, Hose, Handtasche, alles war blau, blau in allen Schattierungen von Veilchenblau, Türkisblau, Azur und Marineblau. Gaby ist siebzig! Mir fiel der russische Spruch ein: „Man begegnet einander nach der Kleidung und verabschiedet sich nach Klugheit.“
Auch bei unserem nächsten Treffen, es war Winter, trug Gaby Blau von Kopf bis Fuß. Alle verstummten, als sie den Raum betrat, und sahen zu ihr hin. Was war ihr Geheimnis? Eine Kollegin fragte mich leise: „Möchtest du deinen Schrank öffnen und darin nur Blau sehen?“ – „Nein, bestimmt nicht,“ sagte ich und dachte, jeden Tag blaue Gaby wäre vielleicht doch zu viel.
Da entdeckte ich über dem Saum von Gabys marineblauer Hose eine hellblaue Blume. Die blaue Blume der Romantik etwa? Einst hatte ich darüber meine Studienarbeit geschrieben und erinnerte mich wie bei Novalis Mathilda in eine blaue Blume verzaubert wird, alles sollte blau sein wie der ferne Himmel. Die blaue Blume das Symbol einer literarischen Epoche und romantischen Sehnsucht nach Ferne. Vielleicht las Gaby in ihren jungen Jahren Werke der Romantiker und eine unendliche Sehnsucht überkam sie. Ich kann mich irren. Um den wahren Grund zu erfahren, müsste ich sie ansprechen, doch das ist zu persönlich. Mir gefällt meine Vorstellung: Die Sehnsucht ist blau und Gaby eine Romantikerin.

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