Hans K. Reiter

Nenne mir einen Grund...

Der klobige, von zahlreichen Zechgelagen gezeichnete Tisch hält sie auf Abstand. Vier Männer auf jeder Seite. Energische Blicke bohren sich in die Antlitze gegenüber. Grobe Furchen zerteilen ihre Gesichter, Zeugen eines Daseins voll Entbehrung. Feinde bis in den Tod, seit sie denken können.

Zwei Männer fehlen noch. Schwerer Atem schwängert die Luft. Nicht einer spricht auch nur das geringste Wort und dennoch dringt gerade dies beharrliche Schweigen tief ein in die Gemüter der Männer.

Vielleicht so an die zwanzig Minuten mochten sie so auf den schweren Bänken vor dem Tisch verharrt haben, als die Türe zurückschlägt und ein eisiger Hauch die zwei noch Fehlenden in die Hütte spuckt.

Niemand hätte später zu berichten gewußt, wer von den beiden als erster den Raum betrat und niemand hätte sagen können, nach welcher Regel sie den jeweiligen Platz an der Stirnseite einnahmen, den sie einnahmen. Es geschah einfach so, wie gesetzt.

Wäre ein Chronist auf die Idee verfallen, von Bequemlichkeit zu sprechen, hätte er die beiden Stühle, auf denen sich die beiden Männer niederließen, als eine Art Sessel beschrieben. Grobschlächtig zwar, wie die Männer selbst, trotzdem aber von einer gewissen Eleganz, die deren Benutzern zweifellos zu schmeicheln schien.

Räuspern. Die Männer auf den Bänken erstarren, halten unwillkürlich den Atem an.

Nenne mir einen Grund, warum unsere Familien verfeindet sind, seit Generationen sich mißtrauen, sich aus dem Wege gehen und, wenn es so war, auch den Schädel einschlugen?

Die Augen aller sind auf den Sprechen an der Stirnseite nächst zum Hütteneingang gerichtet. Nichts rührt sich. Wie Statisten verfolgen die Männer Marionetten gleich das Geschehen.

Ich habe lange nachgedacht, fährt der Sprecher fort, habe andere um Rat gefragt, aber niemand konnte es mir sagen. Niemand!

Schweigen.

Du hast um diese Zusammenkunft gebeten und wir haben unsere Söhne und Gewichtige der Familie mitgebracht. Sollen sie erst reden, bevor ich dir antworte.

Ihr habt uns bei jeder Gelegenheit beleidigt, übel nachgesprochen, Unwahrheiten unterstellt und des Diebstahls bezichtigt, sagt ein Sohn das letzten Sprechers.

Und ihr, habt ihr nicht unsere Schwestern und Mägde verfolgt, sie betatscht und unredlich behandelt?

Und ihr…

Halt, ich bin noch nicht fertigBrandschatzend sind euresgleichen immer wieder über unsere Häuser und Scheunen hergefallen. Gestohlen und geplündert habt ihr, Vieh auf der Weide vergiftet und vieles mehr!

Und ihr, was habt ihr anderes getan? So manche unserer Frauen habt ihr geschwängert…

Eure Frauen? Sind sie etwa euer Eigentum?

Bald schon wogten die Worte hin und her. Schmähungen flogen über den Tisch und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Männer sich an die Gurgel gehen würden.

Halt! Stop! Aufhören!, donnerte die Stimme des Mannes von der anderen Stirnseite über den Tisch. Aufhören, es reicht!, wiederholte er.

Nun, es ist so, wie mein Vorredner sagte. Wir bezichtigen uns gegenseitig schwerster Vergehen und manches von dem Gesagten mag auch so gewesen sein, auf beiden Seiten, aber es beantwortet nicht die Frage nach dem warum. Es scheint, wir sind verfeindet, weil wir es nicht anders kennenweil unsere Väter es nicht anders kannten und vielleicht noch nicht einmal unsere GroßväterDer Schlüssel zur Feindschaft liegt irgendwo in der Vergangenheit und hat keinen Bezug mehr zu dem Hier und Heute!

Hören wir einfach auf damit! Lasst uns die Vergangenheit begraben!, sagt der erste Redner.

Ja, hören wir auf damit!, schließt sich der letzte Redner an.

Jetzt, da alles gesagt war und die Familienoberhäupter ihr Machtwort gesprochen hatten griffen die Männer zu den Krügen. Und so ging es noch eine ganze Weile recht friedlich zu in der Hütte. Die Söhne sollten sich zusammensetzen und ausbaldowern, wie das Miteinander zu verbessern war und auch Vorschläge zur gemeinsamen Nutzung von Maschinen und Arbeitskräften ausarbeiten.

Als sie schließlich auseinandergingen reichten sich alle die Hände zum Gruß, die beiden Alten umarmten sich, klopften sich auf die Schultern und gelobten fortan Besserung.

So zogen die Tage ins Land und wer es nicht selbst gesehen hatte, mochte es kaum glauben: Die ehemals Verfeindeten fanden sich zu gemeinsamen Treffen in Wirtshäusern ein, beredeten dieses und jenes, halfen sich mit Maschinen und Arbeitern aus und schienen jeden Groll begraben zu haben.

Bis zum Herbst, da geschah es, einem Donnerschlag gleich, und alsbald schon flammten die alten, überkommen geglaubten Feindseligkeiten wieder auf.

Was war geschehen?

An einem Sonntag, alle fanden sich zur Messe ein, der hochwürdige Herr Pfarrer schickte sich gerade an, den Segen zu sprechen, riss ein schmächtiger Mann die Kirchentüre auf und brüllte mitten in die heilige Zeremonie hinein: Hinten, er liegt hinten, furchtbar zu’gricht! Ein Graus!

Die rechte Hand des Geistlichen verharrte wie angewurzelt vor seiner Brust, zitterte kaum merklich, bewegte sich aber um keinen Millimeter nach oben oder unten.

Alle drängten sie durch die schmale Pforte ins Freie und liefen, so schnell die Beine sie trugen, zum rückwärtigen Teil der Kirche.

Da lag er! Übel zugerichtet sein Gesicht, verschwollen und von Blut verschmiert.

Kein Wort kam über seine Lippen, nur ein leises Stöhnen entrang sich dem mächtigen Brustkorb.

Wer konnte das getan haben? Einen der Söhne der ehemals Verfeindeten derart herb zu verprügeln? Einer alleine konnte es wohl kaum zuwege gebracht haben. Zu stark war der am Boden Liegende.

Aus dem Tross der anderen Familie fehlte einer, er war nicht bei der Messe gewesen.

Wo ist dein Sohn Mathias, fragte denn auch der Vater des Geschundenen.

Er bekam keine Antwort und so gingen sie, tödlich Blicke versprühend, auseinander, den Sohn und Bruder mit sich schleppend.

Tage später: Niemand hatte seither den Mathias gesehen, als hätte der Erdboden ihn verschluckt. Niemand, der berichten könnte, die Mitglieder der Familien sowie deren Gefolge hätten sich fortan im Dorf getroffen. Sie vermieden es, sich zu begegnen. Zuviel stand auf dem Spiel. Ein Aufeinandertreffen hätte unweigerlich den Tod bedeuten können.

Der Geschundene erholte sich zusehend und eines Tages verschwand er zur späten Stunde in der Kirche. Zum Hochwürden zog’s ihn hin. Ich muß es Ihnen sagen, es zerreißt mich sonst! Willst du beichten, entgegnete der Pfarrer. Nein, es gibt nix zu beichten, es geht um neulich hinter der Kirch!

Erstaunt hörte der hochwürdige Pfarrer zu. Und, was soll ich tun?, fragte er den genesenen Sohn.

Und so passte der Herr Pfarrer bei nächster Gelegenheit den Vater ab. Dein Sohn war bei mir. Wir müssen reden! Du weißt davon?

Wovon soll ich was wissen?, entgegnete der stattliche Mann.

Der Mathias und die Vroni, deine Tochtersie sind auf und davonDu muß es wissen, weil das Madl just zum gleichen Zeitpunkt abgängig ist wie der Mathias.

Zefix, ja ich weiß es natürlich, aber hat er dir auch erzählt, wer ihn so zugerichtet hat?

Nein, hat er nicht und ich wollt auch nicht insistieren, wenn er net von selber etwas sagen wollt.

A Ross wollt er aufhalten, des durchgegangen war, genau hinter der Kirch’n, und des hat aus’gschlagen und ihn am Kopf getroffen. Des is die ganze Wahrheit, aber des konnst doch koam erzähln, dass dein eigener Bua so dumm is und mit am Ross net umgehen kann, net wahr?

Und so geschah es, dass die beiden Väter ihre Kinder zur Kirche schleppten und das Aufgebot bestellten. Werd a Zeit, bemerkte der hochwürdige Herr Pfarrer mit einem verlegenen Blick auf die leichte Wölbung unter des Tochters Schürze.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 29.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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