Heinz-Walter Hoetter

Der Fall T-Bird (Teil 9)


 

Random & Shannon

Ermittlungsagentur NEW YORK

 


 


 

Der Fall T-Bird (Teil 9)


 


 

Etwas später, als ich die Promenade entlang fuhr, sah ich zu meinem Erstaunen, dass immer noch einige Leute in der Brandung badeten. Im hellen Licht des weißen Mondes schimmerte das Meerwasser jetzt wie altes Silber.

 

Nach etwa fünfzehn Minuten erreichte ich einen Ort namens Bay Beach, der abseits des hektischen Badebetriebes lag, der sich hier tagsüber abspielte. Leider musste ich feststellen, dass sowohl die Badeanstalt als auch das Strandgelände geschlossen worden waren. Die Reihen der Strandkörbe unter den sanft hin und her wogenden Palmen lagen im Dunkeln. Gleiches galt für die bunten Badekabinen.

 

Ich stellte meinen Gleiter in eine stille Nebenstraße ab, gleich hinter der hohen Schwimmbadmauer, und ging zum nah gelegenen Strand hinunter. Von ein paar wenigen Fahrzeugen abgesehen, die ziellos und ohne Eile über die Strandstraße schwebten, war dieser Teil der Promenade still und verlassen wie ein Bahnhofswartesaal an einer wenig befahrenen Nebenstrecke.

 

Der schmale Weg zum Badestrand führte zu einem hohen Zaun mit Tor, das verschlossen war. Kurzerhand griff ich an die Oberstange und schwang mich hinüber. Ohne auch nur einen Laut zu verursachen, landete ich auf der anderen Seite im weichen Sand. Schnell huschte ich in der Dunkelheit im Schutz der hohen Palmen weiter und blieb dann stehen.

 

Eigentlich wusste ich nicht so recht, was ich hier eigentlich zu suchen hatte. War es Neugier oder pure Verzweiflung? Vielleicht wollte ich auch nur instinktiv jene Stelle besuchen, an der mein Partner Shannon so elendig gestorben war.

 

Dann, unter einer Palme stehend, spähte ich zu den Badekabinen hinüber. Es bestand immer noch die Möglichkeit, dass Inspektor Blanking seit dem Mord an meinem Partner Wachen zurückgelassen hatte, die den Strand rund um die Uhr beobachten würden. Ich wünschte mir im Augenblick nicht unbedingt, einem der hiesigen Gesetzeshüter in die Arme zu laufen. Das war das bestimmt das letzte, was ich jetzt brauchen könnte. Ich schaute vorsichtig in alle Richtungen, konnte jedoch außer dem Rauschen des Meeres und einigen vorbeikommenden, späten Spaziergängern, die sich oben auf der Straße lautstark unterhielten, nichts Besonderes und Auffälliges wahrnehmen.

 

Als ich mich davon überzeugt hatte, dass mich niemand stören würde, ging ich runter zu den Badehütten, bis ich die vorletzte erreichte. Es war die, in der mein Partner Mark Shannon gestorben war.

 

Vorsichtig drückte ich gegen die Tür. Nach ein paar Versuchen gab ich mein Bemühen auf, sie auf diese Art und Weise zu öffnen. Offenbar hatte man sie vorsorglich abgeschlossen. Aus meiner Hüfttasche holte ich eine Taschenlampe und ein kleines Stemmeisen. Mit Kennerblick untersuchte das Schloss und den Türpfosten, dann schob ich die abgeflachte Seite des Stahls zwischen den schmalen Spalt, drückte mit aller Kraft gegen die Füllung und im nächsten Moment schwang die Tür mit einem leisen Knirschen auf.

 

Ich machte einen Schritt nach vorne und blieb unter der offenen Tür stehen. Ich spürte, wie mir die aufgestaute Tageswärme aus dem kleinen Raum entgegenschlug. Dann trat ich hinein und ließ den Strahl meiner Taschenlampe langsam abwechselnd mal auf dem Boden und wieder an den Wänden entlang gleiten.

 

Am Inventar war offenbar nichts verändert worden. In der Ecke, wo Shannon gelegen hatte, befand sich ein großer, dunkler Fleck auf dem Boden, bei dessen Anblick ich im Schein meiner Lampe erschauderte.

 

Mir gegenüber waren zwei Türen, die in die Umkleidekammer führten. Die eine hatte wohl mein Partner benutzt, die andere das Mädchen, das ihn bis hier hin begleitet hatte.

 

Mir gingen ein paar Gedanken durch den Kopf. Wer mochte sie gewesen sein? War sie die Mörderin oder hatte sie nur als Köder fungiert, um Shannon hier in die Badehütte zu locken? Shannon war, wenn es um das weibliche Geschlecht ging, zu allem bereit. War er wild genug auf das Mädchen gewesen, um ohne die geringsten Bedenken in eine Falle zu gehen, die ihn zum Verhängnis wurde? Vielleicht hatte er sich aber auch nur mit dem Mädchen eines Schlägers eingelassen, der sich dann gerächt hatte? Vielleicht wurde Shannon von dem Mann beim Liebesspiel mit ihr überrascht, der dann auf ihn losging und ihn schließlich tötete, während sie in Panik einfach hinausgelaufen und geflohen war. Möglich war alles und nichts konnte ich beim jetzigen Stand der Dinge ganz ausschließen. Andererseits hatte das Mädchen all ihre Kleider in der Hütte zurückgelassen. Die Frage drängte sich mir auch auf, warum sie keine Hilfe geholt hat, um den Mörder daran zu hindern Shannon zu töten. Oder hatte sich einfach alles so schnell abgespielt, dass mein Partner schon tot war, ehe sie aus der Umkleidekabine herauskam, und sie deshalb floh, als sie sah, dass er tot war? Die Gedanken kreisten immer schneller in meinem Kopf und ich beschloss daher, vorerst nicht weiter darüber zu spekulieren.

 

Ich schob meinen Hut in den Nacken und strich mir mit dem Taschentuch über meine verschwitzte Stirn. Ich ging noch einmal zurück zur Eingangstür und machte sie zu. Ich wollte nicht, dass mir irgendein nächtlicher Strandbesucher oder jemand in einem zufällig vorbeikommenden Boot meine Lampe durch den offenstehenden Eingang bemerkte.

 

Dann ging ich wieder hinüber zur jene Tür, die in die erste Umkleidekammer führte, öffnete sie und blickte hinein. Der Raum war winzig und bot gerade mal für eine Person ausreichend Platz. Er war mit einer Bank, vier Kleiderhaken und einem kleinen Spiegel ausgestattet. Während ich den hellen Strahl meiner Taschenlampe in die Runde kreisen ließ, fragte ich mich, ob Shannon diesen Raum benutzt hatte. Ich rechnete eigentlich nicht damit, hier noch irgendwas zu finden, da Blankings Beamte sicherlich alles genau unter die Lupe genommen hatten. Ich fand auch nichts. Irgendwie kam mir deswegen plötzlich in den Sinn, dass ich meine Zeit nur vergeuden würde. Für mich gab es hier nichts, nicht einmal Atmosphäre. Das war’s dann, dachte ich und wollte schon gehen.

 

Vielleicht hätte ich mir nicht die Mühe gemacht, in die andere kleine Kammer hineinzusehen, aber plötzlich überkam mich das komische Gefühl, in der dunklen Hütte nicht länger allein zu sein. Regungslos blieb ich stehen. Meine Sinne schärften sich. Ich lauschte angestrengt und hörte meine eigenes Herz pochen, wie es von Innen gegen die Brust schlug. Meine Finger glitt im gleichen Moment auf den Knopf der Taschenlampe. Mit einem sanften Druck schaltete ich das Licht aus und dichte Finsternis umgab mich von einer Sekunde auf die andere.

 

Ich stand für einige Zeit nur so da und hörte nichts. Dann, als ich schon glaubte, dass mir meine Phantasie einen Trick spiele, nahm ich einen schwachen Laut wahr, der mir allerdings ganz nah schien. Es war eines dieser Geräusche, die einer macht, wenn er langsam durch den offenen Mund ein- und ausatmet, als bekäme er immer weniger Luft. Ich fühlte, wie sich die Haare in meinem Nacken sträubten. In dieser Situation wünschte ich mir, ich hätte meine Waffe dabei. Zwei leise Schritte brachten mich an die Tür der kleinen Kammer. Schnell hob ich die Taschenlampe und schaltete sie ein. Der weiße Lichtstrahl warf einen nichtssagenden Kreis auf den Bretterboden zu meinen Füßen. Ich ließ ihn mehrmals hin und her wandern, konnte aber nichts genaues erkennen. Dann lauschte ich wieder.

 

Oben auf der Strandstraße sauste gerade ein Turbinengleiter vorbei, mit jemand, der es offenbar sehr eilig hatte.

 

Ich richtete den Lichtstrahl diesmal direkt auf die Tür der zweiten Umkleidekammer, griff nach der Klinke und schob die Tür langsam auf. Dann leuchtete ich in den engen Raum hinein.

 

Ich erschrak und machte instinktiv einen Schritt nach hinten. Sie saß auf dem Boden und sah mich an. Sie trug einen hellblauen Badeanzug, ihre blonden Haare hingen Schweiß gebadet in Strähnen herunter. Der Blick ihrer Augen war leer. Von ihrer linken Schulter zog sich ein langer Streifen geronnenes Blut herunter, der sich im Stoff des Badeanzugs zu einem großen, hässlich aussehenden Fleck sammelte.

 

Es war ein hübsches Mädchen mit braun gebrannter Haut. Vielleicht mochte sie um die vier- oder fünfundzwanzig Jahre alt sein und ihre Figur war die eine Modells. Ich hatte Mitleid mit ihr und dachte, dass sie viel zu jung sei, um zu sterben.

 

Blicklos starrte sie in den hellen Lichtkegel meiner Taschenlampe. Ich stand fast wie gelähmt da. Eiskalter Schweiß bedeckte meine Stirn, der Puls fing an zu rasen und mein Mund war so trocken, als hätte ich seit Tagen nichts mehr getrunken. Erst als das Mädchen in einer entsetzlich anmutenden gespenstischen Stille langsam seitlich auf den Boden kippte, beugte ich mich vor, um sie aufzufangen. Aber inzwischen war es zu spät. Ich konnte nichts mehr für sie tun. Ihr Lebenslicht erlosch zusehends.

 

Das Mädchen lag jetzt ganz auf der Seite, ihr schönes helles Haar bedeckte ihr blasses Gesicht. Auf dem Boden entdeckte ich zu meiner großen Überraschung auf einmal einen Eispicker mit einem weißen Kunststoffgriff. Offenbar hatte der Mörder sein neues Opfer auf die gleiche Weise umgebracht wie Shannon. Das war der Beweis, obwohl die Hand des Mörders dieses Mal nicht so sicher zugestoßen hatte, denn mein Partner war nach wenigen Sekunden tot gewesen.

 

Ich beugte mich jetzt direkt über sie. Schweißperlen liefen mir über mein Gesicht und tropften von meinem Kinn. Als sich ihr Körper im Krampf auf dem Boden ein letztes Mal ausstreckte, verriet mir das eindeutig den Augenblick, in dem sie ihr Leben ganz ausgehaucht hatte. Ich brauchte nicht mehr nach ihrem Puls zu fühlen oder ihre Augenlider zu heben, um zu erkennen, dass es bei ihr für jede Hilfe zu spät geworden war. Ich ließ den Lichtkegel meiner Taschenlampe über ihren leblosen Körper gleiten. Es war nicht der geringste Anhaltspunkt vorhanden, der darauf hinwies, wer sie war. Sie hatte nur diesen Badeanzug an und sah sehr gepflegt aus. Sie konnte in der Tat ein Modell gewesen sein, aber genauso gut hätte sie eine der Tausende berufstätiger jungen Frauen von Terrania Bay City gewesen sein können. Eigentlich konnte sie alles gewesen sein. Aber von einem war ich sicher. Sie war das Mädchen, das Mark Shannon im Hotel Delphi abgeholt hatte und von dem Treaves überzeugt war, es sei dunkel gewesen. Als mir einfiel, dass er vermutete, sie hätte entweder eine Perücke getragen oder ihr Haar gefärbt, hielt ich die Lampe näher, um mich davon zu überzeugen, dass er sich wohl möglich geirrt hatte. Ich ließ mir mit dem Betrachten sehr viel Zeit und stellte schließlich fest, dass ich für Treaves Vermutungen keinen Beweis fand. Sie trug weder eine Perücke, noch hatte sie ihr Haar gefärbt. Daran gab es jetzt keinen Zweifel mehr, der Hausdetektiv lag mit seiner Annahme voll daneben.

 

Ich ließ nach einer Weile den Lichtkegel auf ihre Arme fallen. In dem hellen Schein schimmerten die weichen Härchen tatsächlich blond. Alles andere wäre unnatürlich gewesen. Ihrer Bräune nach zu urteilen, hatte sie seit Monaten die Sonne genossen, deshalb mussten die Härchen auf ihren Armen gebleicht sein.

 

Ich lehnte mich wieder zurück. Erst jetzt bemerkte ich die furchtbare Hitze in dem kleinen Raum. Auch meine Hände und mein Hemd waren total durchgeschwitzt. Ich stand auf und ging in den größeren Raum zurück.

 

Erst jetzt bemerkte ich eine weitere Tür, die offenbar eine Verbindung zur benachbarten Kabine bildete. An der Tür war ein Riegel, der aber nicht zugeschoben war, wie es eigentlich hätte sein müssen.

 

Schlagartig ließ mich das auffahren.

 

Ich erkannte nämlich sofort, dass der Mörder des jungen Mädchens durch diese Tür gekommen und wieder gegangen sein musste. Wahrscheinlich befand er sich sogar noch in der Nachbarhütte, wartete wohl möglich darauf, dass ich endlich wieder verschwinden würde. Mehr denn je wünschte ich mir, eine Waffe bei mir zu haben.

 

Geräuschlos schlich ich vorsichtig durch den Raum, schaltete meine Taschenlampe wieder aus und legte mein Ohr so sachte wie möglich gegen die Füllung der Tür. Ich atmete ganz langsam kontrolliert ein und aus, lauschte in die Dunkelheit hinein, vernahm aber nichts.

 

Ich tastete nach der Klinke, fand sie auch sofort, packte sei sogleich fest und drückte sie herunter. Als ich sie ganz unten hatte, presste ich leicht dagegen in der Hoffnung, dass sie sich öffnen ließ. Aber sie gab partout nicht nach. Irgend jemand war durch diese Tür in die Nachbarkabine gegangen und hatte sie hinter sich abgeschlossen, aber den Riegel freigelassen.

 

Befand sich vielleicht der Unbekannte noch in dem dahinter liegenden Raum?

 

Genauso behutsam und geräuschlos trat ich zurück, mein Mund war unerträglich trocken und meine Zunge klebte am Gaumen. Ich dachte daran, dass der Betreffende wahrscheinlich einen weiteren Eispicker bei sich hatte und, was mir noch mehr Angst einjagte, vielleicht sogar eine Schusswaffe bei sich trug.

 

Im nächsten Moment vernahm ich ein Geräusch, das mich zu Eis erstarren ließ und an meine strapazierten Nerven zerrte.

 

Plötzlich hörte ich aus der Ferne das Jaulen einer Polizeisirene, ein Heulen, das ständig lauter wurde und mir irgendwie verriet, dass ein Pol-Gleiter mit hoher Geschwindigkeit über die Promenade raste.

 

Erschreckt schaute ich mich um. Zwischen mir und dem Einsatzgleiter mussten vielleicht noch knappe tausend Meter liegen. Ich bildete mir nicht ein, dass mich die Polizeibeamten nicht bemerken würden. Gegen den weißen Sand und in dem hellen Mondlicht musste ich weithin gut sichtbar sein. Das war mir klar. Ich musste deshalb schnell handeln.

 

Ich verließ die Badekabine so schnell ich konnte und rannte los und machte die Tür hinter mir zu. Ich hatte ungefähr fünfhundert Meter zurückgelegt, als die Sirene des Pol-Gleiters verstummte. Jetzt war die Zeit zum Endspurt, aber das Laufen durch den weichen, nachgiebigen Sand war anstrengender, als ich geglaubt hatte. Obwohl ich eigentlich eine sportliche Figur besaß und trotz des täglichen Zigarettenkonsums relativ fit war, fing ich an zu keuchen, und meine Beine schmerzten. Ich spurtete trotzdem los, aber eine besondere Leistung war es nicht.

 

Dann bemerkte ich, dass der Strand scharf zum Meer abfiel und durch eine ziemlich langgezogene Düne einen Abhang bildete.

 

In ein paar Sekunden mussten die Polizisten aus ihrem Wagen heraus und unten am Strand sein. Dann würde der Spaß erst richtig losgehen. Als ich die Höhe erreichte, schoss ich im Hechtsprung den Abhang hinunter und landete in einer hohen Sandfontäne dicht vor der Wasserlinie.

 

Ich blieb einen kurzen Moment keuchend nach Luft schnappend erschöpft liegen. Hinter mir war kein Ruf zu hören, der mir verriet, ob ich bemerkt worden war. Schließlich richtete ich mich auf, kletterte gebückt den Abhang wieder hinauf, so dass ich gerade über den Rand der Düne schauen konnte.

 

Ich spähte vorsichtig nach den einsam daliegenden Badehütten.

 

Im Mondlicht stand ein Polizist, den Rücken zu mir gewendet. Die Tür der Hütte, in der ich mich noch vor wenigen Minuten aufgehalten hatte, stand jetzt weit offen. Und während ich hinsah, kam ein weiterer Polizist aus ihr heraus. Er sprach ein paar Sätze mit seinem Kollegen, der draußen auf ihn wartete und auf einmal zur Promenade zurücklief.

 

Keiner brauchte mir zu sagen, was jetzt kommen würde. Es wäre nur ein Frage von wenigen Minuten, bis der Strand von Gesetzeshütern nur so wimmeln würde. Wenn man mich hier finden würde, wäre der Ofen für mich aus in Terranie Bay City und Captain Fletcher wüsste, was er mit so einem Fang wie mich anzufangen hatte. Seine üblen Drohungen gegen mich waren sicherlich keine leeren Worte gewesen. Er hatte es ja schon angedeutet, was mir dann blühen würde. Auf jeden Fall wollte ich es vermeiden, dass er mich möglicherweise wochen- oder sogar monatelang hier festnagelt, bis über die ‚Mordsache Shannon’ Gras gewachsen wäre.

 

Im Schutz der hohen Sanddüne spurtete ich wieder los. Nach etwa einem Kilometer blieb ich ziemlich erschöpft stehen. Ich war am Ende meiner Kräfte. Trotzdem beruhigte mich der Gedanke, dass ich jetzt weit genug von den Badehütten entfernt war, um mich wieder landeinwärts zu bewegen. Ich hielt es für unwahrscheinlich, dass ich noch von den Polizisten gesehen werden konnte.

 

Etwas später erreichte ich über einen kleinen befestigten Plattenweg die Promenade. Ich überquerte die Straße und machte mich auf der anderen Seite auf den Weg zu meinem Gleiter zurück. Es dauerte eine geschlagene viertel Stunde bis ich meinen schnittigen Sportgleiter in der still da liegenden Nebenstraße gleich hinter der Schwimmbadmauer endlich erreichte und erleichtert einstieg. Ohne das Licht einzuschalten setzte ich die Turbine in Gang und schwebte mit halber Kraft auf die Promenadenstraße zu, auf der gerade zwei Pol-Gleiter mit eingeschaltetem Blaulicht in Richtung der Strandhütten vorbei rasten. Allerdings war das nur der Anfang. Denn vier weitere kamen gleich hinterher. In einem der Fahrzeuge saß Inspektor Blanking, der qualmend auf dem Beifahrersitz saß und mit der rechten Hand auf jenen Teil des Strandes deutete, genau dahin, wo das ermordete Mädchen lag.

 

Nachdem die Kette der Pol-Gleiter mit einem imponierenden Blaulichtgewitter endlich alle an mir vorbei gedüst waren, bog ich in die Promenadenstraße ein, verließ diese wieder nach etwa zweihundert Metern und schlich in gemäßigtem Tempo mit eingeschalteten Licht durch Seitenstraßen zurück in das Hotel „Delphi“.

 

Es war schon kurz nach Mitternacht, als ich dort ankam. Ein Nachtportier-Androide mit programmiertem Dauerlächeln fragte nach meiner Zimmernummer. Ich grunzte nur etwas, sagte meine Zimmernummer, nahm den Schlüssel an mich und ging hinüber zum altertümlich aussehenden Fahrstuhl. Während ich noch auf das Kommen der Fahrkabine wartete, hörte ich das Videotelefon auf dem Empfangstisch läuten. Der Androidenportier drückte ein paar Knöpfe und wartete geduldig auf das Gespräch. Die Kabine des Fahrstuhls glitt von oben geräuschlos herunter, die beiden Sicherheitstüren öffneten sich und als ich gerade im Begriff war, einzusteigen, rief er meinen Namen: „Mr. Random, hier ist ein Gespräch für Sie. Wollen Sie es auf Ihrem Zimmer oder lieber dort drüben in der Videotelefonzelle entgegennehmen? Ich entschied mich für die Zelle.

Mit metallisch plärrender Stimme wünschte der Androide mir eine schöne Nacht und wies mich darauf hin, wie schön der Mond über das weite Meer leuchtete. Seine programmierte Freundlichkeit stieß bei mir nicht auf Gegenliebe. Wie gerne hätte ich einen Portier aus Fleisch und Blut hinter dem Empfangstisch gesehen. Sie gab es nur noch in den teuren Hotel von Terrania Bay City.

 

Während ich den kleinen Kommunikationsraum betrat und extra langsam ein paar verschiedene Knöpfe drückte, fragte ich mich danach, wer mich um diese Zeit noch anrief.

 

Als die Verbindung stand, was durch ein grünes Licht angezeigt wurde, fing ich an zu sprechen.

 

„Hallo, ja?“

 

„Ist dort Mr. Random von Random & Shannon?“

 

Eine Frauenstimme war zu hören, klar, leicht gedämpft, aber dennoch sehr vertraut. Die Mattscheibe allerdings blieb schwarz. Es baute sich kein Bild auf.

 

„Ja“, gab ich zur Antwort.

 

„Hier ist Violetta Breedy.“

 

Ich war etwas verdutzt und blähte meine Backen auf. Woher wusste sie, in welchem Hotel ich wohnte? Dieser Gedanke schoss mir zuerst durch den Kopf, bevor ich weiterredete.

 

„Oh Miss Breedy, sehr freundlich von Ihnen, dass Sie mich anrufen.“

 

„Mr. Random“, sagte sie, „ich dachte zuerst schon, ich würde Sie nicht erreichen können. Aber ich habe eine wichtige Mitteilung für Sie, die ich Ihnen nicht vorenthalten möchte. Ich habe mir die Gästeliste angesehen. Ihr Partner Mr. Shannon ist nicht darin zu finden.“

 

Ich war natürlich überrascht, aber nicht zu sehr, um trotzdem sicher zu antworten: „Nun könnte es ja auch sein, dass er sich unter einem falschen Namen eingeschrieben hat.“

 

„Ja, die Möglichkeit habe ich auch schon in Betracht gezogen. Der Pförtner sagte mir allerdings, dass in der zurück liegenden Zeit kein rothaariger Mann in dem Club gekommen ist. Der Pförtner ist in diesen Dingen sehr zuverlässig. Falls Ihr Partner Shannon tatsächlich da gewesen wäre, hätte er sich mit Sicherheit darin erinnert. Ich frage mich daher, warum Sie glauben, dass er hier gewesen ist?“

 

Ich versuchte innerlich Ruhe zu bewahren.

 

"Ich fand in seinem Koffer eine flache Schachtel aus einem harten Spezialkunststoff mit drei eigenartig aussehenden Mikrochips darin, auf der die Adresse des Clubs stand.“

 

„Nun, Mr. Random, die kleine Schachtel mag aus dem Club sein. Sie ist ein reiner Werbegag, aber für gewöhnlich findet sie für andere Dinge Verwendung, als ausgerechnet Mikrochips darin zu verstecken. Jemand kann sie ihrem Partner auch geschenkt haben, als noch etwas ganz anderes in der Schachtel war.“

 

„Gewiss, Miss Breedy. Auch diese Möglichkeit muss ich in Erwägung ziehen. Jedenfalls vielen Dank für Ihre freundlich Unterstützung. Ich bin Ihnen wirklich sehr verbunden...“

 

Plötzlich summte das Videotelefon und die Verbindung wurde unterbrochen. Ich blieb noch eine ganze Weile wie angewurzelt stehen, starrte auf den schwarzen Monitor und fragte mich, weshalb Miss Violetta Breedy plötzlich ihre Ansicht geändert hatte und mir doch half. Ich stieß die Tür auf und ging zum Fahrstuhl.

 

Mark war offenbar doch nicht im „Robot Master Club“ gewesen. Ich konnte auch keinen Grund erkennen, weshalb ich an Miss Breedys Worten zweifeln sollte. Ich hatte Marks Koffer durchwühlt und wusste, dass er keinen Smoking oder ähnliches mitgebrachte hatte. Ohne Smoking allerdings wäre er bestimmt nicht an dem Pförtner vorbeigekommen, wenn es zutraf, was Treaves über die Exklusivität des Clubs gesagt hatte.

 

Wo kam aber dann die Schachtel mit dem Mikrochips her? Warum hatte Mark sie aufbewahrt. Er verwahrt nichts, es sei denn, es hatte irgendeinen Nutzen. Doch welchen?

 

Ich verließ den auf altmodisch getrimmten Fahrstuhl, ging durch den Korridor, öffnete meine Tür und trat in das Zimmer. Dann schloss ich hinter mir ab und trat an Marks Koffer. Ich suchte die Schachtel mit den Mikrochips heraus, setzte mich in den Sessel und sah sie mir näher an.

 

Die Innenseite des Klappdeckels war mit einem dünnen Stoffpolster ausgestattet, der Boden der Schachtel ebenfalls. Ich fummelte daran herum und zog beide heraus. Dabei fiel mir eine mehrfach zusammen gefaltete Anzeigenreklame entgegen, die aus irgendeiner Zeitung herausgeschnitten worden war. Interessiert klappte ich das Papier auseinander und las den Text.

 

 

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Wo Sie uns finden?

Am Promenaden Point gleich gegenüber

des legendären Hotels „Intergalaktica“.

Wir sind nicht zu übersehen!

Wir freuen uns auf Ihren Besuch!

 

Es folgte die genaue Adresse mit Straßennummer, den üblichen Verbindungen inkl. der einzelnen Ruf- und Verbindungsnummern, wie Telefon, Internet und sogar ein interplanetarischer Satelliten-Anschluß war mit aufgeführt. Die Geschäfte liefen offenbar gut. Sicherlich kein Wunder, denn das Institut für keramische Kunst samt Verkaufsladen befanden sich in bevorzugter Lage. Den ganzen Tag über tummelten sich auf dem Promenaden Point eine große Menge Touristen, die scharf auf alle möglichen Souvenirs waren.

 

Gleichzeitig fragte ich mich natürlich auch, weshalb eine Anzeigenreklame, die doch offensichtlich auf Touristen abzielte, in ausgerechnet diese Schachtel des exklusiven „Robot Master Club“ gekommen war, der bestimmt nicht irgendeinen dahergelaufenen Allerweltstypen in seinen hohen Hallen dulden würde. Ich fragte mich außerdem, ob ich hier vielleicht auf etwas Weiterführendes im Mordfall Shannon gestoßen war, oder ob es sich als Seifenblase oder eben doch als eine dieser unerklärlichen Geschichten erweisen würde.

 

Ich drehte das gefaltete Blatt auf die andere Seite und betrachtete sie ausgiebig. Als ich genauer hinschaute, fand ich zu meiner Überraschung einige fortlaufende sechsstellige Nummern, die dort mit einem feinen Stift in schwarzer Farbe hingeschrieben worden waren. Vor den Nummer stand jeweils ein Buchstabe:

A 577 333, B 577 334 und so weiter und so fort.

 

Ich steckte das Papier wieder zurück in die Kunststoffschachtel und zerbrach mir den Kopf darüber, was die Nummern wohl zu bedeuten hatten. Ich kam aber zu keinem Ergebnis.

 

Mittlerweile war es fast zwei Uhr geworden. Ich hatte in der Tat einen bewegten Tag hinter mir. Offensichtlich konnte ich nichts mehr tun, als auf den nächsten Morgen zu warten. Auf jeden Fall wollte ich mir zum Frühstück eine Zeitung kaufen und hoffte, etwas dahingehend erfahren zu können, wer das Mädchen im Badeanzug gewesen war. Nach dem Duschen und einer ausgiebigen Toilette legte ich mich zum Schlafen hin und war froh darüber, dass das Zimmer jetzt endlich angenehm klimatisiert war. Schon bald schlief ich tief und fest.

 

Fortsetzung folgt irgendwann!

Teil 9

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 30.05.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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