Hans Fritz

Eine schicksalhafte Begegnung


Es ist nicht Brendas Art mit einem Fremden eine Bank zu teilen, nicht im Stadtpark und nicht am See. Aber gerade am Seeufer sind um die Mittagszeit fast alle Bänke besetzt. Bei der Bootslände haben es sich vier Männer auf einer Bank mit hoher Lehne bequem gemacht. Drei erheben sich rasch und begeben sich zum Parkplatz beim Kiosk. Der vierte bleibt. «Sie suchen einen freien Platz?» spricht er Brenda an. «Da sind Sie hier richtig, kommen Sie. Ich wünsche mir sowieso eine nette Gesellschaft, nachdem die drei Kollegen gegangen sind, die nur über Geschäfte reden können». Brenda schaut sich nochmals um. Es gibt wirklich keinen anderen freien Platz. «Woher wissen Sie, dass ich eine nette Gesellschaft garantiere?» fragt Brenda. «Merke ich doch. Ihrer Sprache nach sind Sie auch von hier». «Ja bin ich, bis zu meinem achten Lebensjahr war ich eine waschechte Grossstädterin, dann begleitete ich meine Eltern nach Quaisoka, wo ich jetzt noch zu Hause bin und als Lehrerin in der einzigen Schule des Ortes arbeite». «Oh, das ist ja, mit Verlaub, draussen in der Pampa, die einsamste Gegend der Welt». «Aber dafür eine der schönsten», meint Brenda, über ihre Gesprächigkeit selbst überrascht. «Und Sie, was machen Sie?» «Ich lebe schon ewig hier in der Stadt, besuchte zwei Fachschulen und bin nun Ressortleiter in einem Werk, das technische Geräte herstellt. Ich bin übrigens Harold». «Ich bin Brenda», sagt die Lehrerin. «Wie ist die Geschäftslage, glauben Sie noch an den Fortbestand des vielgepriesenen Wirtschaftswunders?» «Noch können wir uns vor Aufträgen kaum retten, wir exportieren auch viel». Ein Motorboot legt an. Eine junge Frau springt an Land und winkt Harold zu. «Das ist Adina, unsere Juristin. Dreht hier täglich ihre Runde», erklärt Harold. «Ich habe für heute meinen freien Tag genommen. Würde auch gerne eine Runde auf dem See drehen. Kommen Sie doch mit, Brenda». Brenda schaut auf ihre Uhr und sagt: «Ich war heute bei meiner Ärztin zur Routineuntersuchung, ist Vorschrift für Lehrpersonal». «Und ist alles in Ordnung?» «Jaja, alles bestens. Eine Stunde hätte ich noch Zeit. Dann muss ich die vorletzte Bahn nach Quaisoka erwischen, um morgen in aller Frühe ausgeruht an meinem Pult zu stehen». Harold besorgt am Kiosk einen Bootsfahrschein. An Bord fragt er: «Haben Sie eine Familie, die auf Sie wartet?» «Nein, habe ich nicht. Und wie steht es mit Ihnen?» «Ich lebe seit vier Jahren von meiner Frau getrennt. Ich weiss nicht, wo sie sich aufhält». Brenda fragt nicht weiter. Kaum sind sie hundert Meter gefahren, als ein plötzlich auffrischender Wind das Boot tüchtig schwanken lässt. Brenda ist die Sache nicht geheuer und bittet Harold umzukehren. Zurück an Land, verabschiedet sie sich rasch und nimmt ein Taxi zum Lokalbahnhof.

*

Der Alltag hat Brenda bald eingeholt und die Seegeschichte ist schon fast vergessen, als Harold vor der Schule steht. «Mache meinen Urlaub hier und wohne in der Pension Gletscherblick», erklärt er.

In den nächsten Tagen unternehmen beide ausgedehnte Spaziergänge, die Brenda fast mühelos bewältigt, Harold nicht ohne das ständige Bedürfnis längere Pausen einzulegen. Dann kommt es wie es kommen muss. Beide kommen sich näher und, schon um den nicht mehr zu überhörenden ‘Dorftratsch’ zu beenden, beschliessen sie möglichst bald zu heiraten. Geplant, getan. Harold kann jedoch nicht seinen Beruf aufgeben und nach Quaisoka übersiedeln. Brenda verspricht in spätestens drei Jahren in die Stadt zu ziehen. Bis dahin wäre eine so genannte Wochenendehe nicht zu vermeiden. Harold wird weiterhin sein Zweizimmerapartment in der Stadt behalten. So fügen sich beide in ihr Schicksal.

Ein auch in Quaisoka viel und gern gelesenes Wochenmagazin bringt einen ausführlichen Bericht über die Crahnobawerke und die Produktion hochmoderner Waffen, die fast alle für den Export bestimmt sind, und zwar offenbar vorzugsweise für Länder mit internen Konflikten oder internationalen Verflechtungen. Auf einer Abbildung ist Harold deutlich zu erkennen.

Brenda verfasst einen Brief an Harold des Inhalts, dass sie in ihrer Eigenschaft als engagierte Friedensaktivistin sich gezwungen sieht die mögliche Trennung nicht auszuschliessen. Der Vertrieb todbringender Waffen in politisch und gesellschaftlich höchst instabile Regionen sei nicht nur in ihren Augen ein Verbrechen, das niemand, der globalpolitische Verantwortung trägt, stillschweigend gutheissen kann.

Harold steht am folgenden Freitag Abend wie gewohnt vorm angemieteten quaisokanischen Domizil. Der Schlüssel passt nicht mehr. Brenda hatte tags zuvor den Schlüsseldienst bemüht. Harold eilt zur letzten Bahn. Er kommt nicht mehr nach Quaisoka zurück. Brenda glaubt, er habe ihr Zeichen verstanden.

*

Sechs Jahre später findet Brenda anlässlich eines Besuchs bei Verwandten den Weg zur Bank am See. Ihre kleine Tochter Emmy begleitet sie und bestaunt die Schwäne und die vielen bunten Enten. Vom Kiosk her nähert sich ein Mann und spricht: «Möchten Sie eine Bootsfahrt machen, das Wetter meint es heute gut. Es ist Harold, der sie da anspricht. «Wie - Brenda?» «Ja, Harold, ich bin es. Wie geht es dir?» «Blendend». Es kommt eine Frau im grünen Kleid hinzu. «Darf ich vorstellen – Gerhild, meine Ex-Frau. Wir leben nun wieder zusammen und haben die Bootslände hier gepachtet». Wortlos wendet sich Brenda ab. Emmy ist über den plötzlichen Aufbruch masslos enttäuscht, fügt sich dann aber. Später einmal wird ihr Brenda die Hintergründe ihres Tuns erklären.

*

Es ist ein Winter, hart, wie er selbst in Quaisoka selten zu spüren ist. Der Gletscher hat schon den Dorfrand erreicht. Im Wandern über vereiste Flächen ungeübt läuft Brenda auf ihren Skiern weit hinaus, zu weit. Mit Absicht oder nicht? Zwei Tage später geht bei der örtlichen Polizeibehörde eine Vermisstenmeldung ein. Brenda kehrt nie zurück. Emmy wächst bei den Grosseltern auf und wird einst, noch während ihres Studiums der Sozialpädagogik, im Wochenmagazin einen vielbeachteten Artikel über das Pro und Kontra von Waffenexporten schreiben.
 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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