Jürgen Skupniewski-Fernandez

Liebe kennt keine Grenzen

„Du wirkst so verträumt auf deiner Decke auf der blühenden Wiese. Denkst du an was Bestimmtes?“,wollte sie wissen. Kniete sich nieder, legte sich an seine Seite und verschränkte ihre Arme hinter den Kopf. Sie schauten regungslos und schweigend hinauf zum Horizont. Nur das Schwirrenvon Insekten sorgte für einen akustischen Rahmen und erfüllte die Stille mit Summen, Brummen und Zirpen; an diesem so friedlich wirkenden Sommertag. Melindas rotbraunes gewelltes Haar legte sich wie ein breiter Fächer um ihren Kopf. Die Farbe ist schon lange nicht mehr echt. Sie waren längst verbleicht von der Fülle der Jahre. Aber sie färbte sie ihm zu Liebe. Er hatte ihre Haare immer bewundert und lässt sie auch heute noch sanft durch seine Finger gleiten. Er lag dösend neben ihr und lächelte friedlich in sich hinein. Sie drehte ihren Kopf zur Seite und schaute ihn sinnlich an. Dann fragte sie leise, fast schon flüsternd, so wie auf den Konzerten, die sie oftmals und meist immer gemeinsam besuchten: „ Also, an was denkst du gerade? Es muss etwas Schönes sein, ich sehe es dir an“.

Er schaute ohne Unterbrechung hinauf zum Himmel: „Schau mal, die kleinen Wölkchen, in Reih und Glied. Sieht aus als würde der Himmel uns heute mit einer kleinen Balletteinlage erfreuen“. Sie mochte seine poetischen Interpretationen und Beschreibungen. Irgendetwas fiel ihm immer ein. „Ich muss gerade daran denken wie wir uns kennenlernten, uns das erste Mal begegnet sind. Damals am Balaton in Ungarn“, und schmunzelte vor sich hin. „Ja, ich kann mich an jede Sekunde erinnern. Es war aber auch nicht schwierig dich auf meine Decke zu lotsen“, antwortete sie mit einem tiefen und zufriedenen Seufzer. Es war die Zeit, als das alte Regime noch die Geschicke des Landes fest in den Händen hielt und überwiegend Touristen aus den sozialistischen Bruderstaaten sowie auch westlichen Ländern anzog. Ungarn war ein sehr beliebtes Reiseziel.

Er hatte öfters geschäftlich in Ungarn zu tun und blieb anschließend meist noch ein paar Tage privat in Balatonfüred. Die staatliche Agentur Coop-Tourist hatte für ihn abwechselnd ein geeignetes Quartier besorgt. Melinda kam aus Budapest. Kein Piroschkaklischee, sondern eine junge, lebendige Frohnatur, die sich ihrer Reize sehr bewusst war und auch einsetzte, wenn sie ein Ziel vor Augen hatte.

Andreas war neunundzwanzig Jahre alt, schlank, hatte dunkelblondes schulterlanges, welliges Haar und die grünblauen Augen seines polnischen Vaters geerbt. Er arbeitete von Zeit zu Zeit für ein österreichisches Unternehmen. Es ging um Investitionen, überwiegend Tourismus. Für die Strecke Wien/Budapest stellte man ihm einen Firmenwagen zur Verfügung. Melinda, damals gerade mal neunzehn Jahre alt, war Sängerin. Die Sommersaison über wurde sie von der staatlichen Künstleragentur engagiert und hatte ihre Auftritte von Juni bis Ende September in einem, wenn man so will, sozialistischen Nachtclub und das im besten Hotel am Platze, dem Aura Hotel. So hatte es Andreas immer formuliert. An vorsommerlichen Wochenenden verbrachte Andreas gerne immer einige Stunden auf einer Decke am Balaton. Nicht weit entfernt befand sich der staatlich geführte kleine Yachthafen oder besser Anlaufstelle und Steg für Segelboote. Es hatte schon was an sich, das kleine Flair, das die aneinandergereihten Segelboote und –jollen ausstrahlten. Man muss auch die Zeit berücksichtigen und das politische System Ende der Siebziger, Anfang der Achtziger.

Er lag, an nichts Schlimmes denkend, auf seiner Decke, die er aus seinem Appartement mitbrachte und genoss den späten Vormittag. Er streckte seine Glieder genüsslich aus und setzte sich in den Schneidersitz; zufrieden schaute er auf das Wasser des vor sich hinträumenden Sees. Es war noch keine Hochsaison, aber sie kündigte sich bereits an. Immer mehr und mehr kleine „Fressbuden“ öffneten ihre Tresen und manchmal bildeten sich bereits kleine Schlangen Wartender. Es waren zu meist Urlauber aus der DDR oder aus Polen, die bereits in Scharen nach Ungarn strömten. Es gab beinahe für jede sozialistische Nationalität einen abgetrennten Unterkunftsbereich, um den Begriff Lager etwas abzufedern. Alles war durchorganisiert und es wurde peinlichst darauf geachtet, dass westliche Urlauber dem sozialistischem Lager nicht zu nahe kamen. Da waren die Ungarn doch eher liberaler eingestellt. Das Gefühl der Einschränkung trat bei ihnen offensichtlich nicht so zu Tage. Andreas blinzelte mit den Augen und war am Überlegen, ob er sich eine von diesen leckeren fetten gebratenen Würsten holen sollte, die es überall an den Buden gab. Etwas Hunger verspürte er schon. Er drehte seinen Oberkörper nach links, griff nach seinem T-Shirt und wollte sich gerade abstützen; da saß eben mal gut zehn Meter von ihm entfernt ein junges Mädel in aufrechter Sitzposition, den wohlgeformten Hintern betont ausgestreckt. Sie trug einen Short und ein Träger T-Shirt. Ihr gewelltes, teils lockiges rotbraunes Haar bedeckte ihre Schultern. Ihr Teint war zart olivfarben und verlieh ihr eine erotische, ja schon fast exotische Ausstrahlung. Davon träumten blasse blonde Jungs aus dem Norden. Andreas gaffte nur noch herüber und bewegte sich nicht.
Melinda war dieser Blonde bereits schon aufgefallen. Nun endlich hat er auch mal zu ihr herüber geschaut.“ Etwas unschlüssig ist er ja schon“, dachte sie. Da nahm sie aus der Plastiktüte, die neben ihr lag eine ganze Handvoll dunkelroter Kirschen, steckte sich eine davon in den Mund und aß sie genüsslich auf. Andreas saß immer noch auf seiner Decke und glotze sie mit großen Augen an. Melinda schaute zu ihm hinüber und streckte ihm auffordernd die Handvoll Kirschen zu. Dabei nickte sie fragend.Andreas Gesichtszüge lockerten sich sofort, hellten sich auf; er lächelte bejahend. Er sprang auf und setzte sich zu Melinda auf die Decke.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 01.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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