Lena Kelm

Was Hänschen nicht lernt

Am Hermannplatz steigt eine adrette ältere Dame in das U-Bahnabteil ein. Sie trägt eine schlichte Brille, in den Augen der Jugend ist sie eher altmodisch gekleidet. Ihr langer Wollmantel ist beige, Hut und Handschuhe sind farblich abgestimmt zum beige-rot-weiß kleinkarierten Schal, ein geschickter Kontrast zum gepflegten, schulterlangen Silberhaar. Die Tasche – obligatorisches Accessoire einer Dame, selbstverständlich milchkaffeefarben, aus feinstem Leder, bestimmt nicht aus letzter Kollektion – sieht aus wie neu. Ob sie die nur zum Ausgehen benutzt? Die Dame hält in der Hand zwei Blumensträuße.

Ein junger Mann am Kuchencontainer bietet der Dame höflich einen Platz an. Sie lässt sich dankend nieder, mir gegenüber, und hält die Milchkaffeetasche fest an sich geschmiegt. Vorsicht ist geboten! Die Blumensträuße liegen auf ihren Schoß. Sie sehen nicht üppig aus, zu lang die Stiele, wahrscheinlich Rosen vom Blumenhändler am Hermannplatz, sorgfältig verpackt, ich kenne das Papiermuster.

Das Papier ist durchnässt, Wasser tropft von den Stielen, hinterlässt einen kleinen feuchten Fleck auf dem Boden des Waggons. Leider bekommt der schöne Mantel der Dame etwas ab. Bevor ich bereit bin, sie zu warnen, bemerkt sie selbst das Malheur. Und holt eine Packung Taschentücher hervor. Die hat sie wohl stets parat an einem streng zugeordneten Platz in ihrer Tasche, stelle ich beschämt mit Bewunderung fest. So eine Ordnung gehört zu einem meiner guten Vorsätze beim Einräumen einer Tasche.

Die gutorganisierte Dame tupft sorgfältig die Blumenstiele ab. Was danach passiert, fasziniert mich wie ein längst vergessener Märchenfilm. Sie lässt das Tuch auf den kaum wahrnehmbaren Fleck fallen. Mit Blumen und Tasche auf dem Schoß kann sie sich leider nicht bücken, sie würde es garantiert tun. Dafür schiebt sie mit ihrem Schuh das Tuch hin und her, beugt sich mit höchster Anstrengung vor und hebt es auf. Entgeistert, mit höchster Bewunderung, sehe ich zu, wie sie das Taschentuch faltet und bis zum Aussteigen in der Hand hält. Natürlich sucht sie als erstes einen Abfalleimer. Erschüttert möchte ich den Displaywischern um mich herum zurufen: „Schaut Euch das an!“ Verwerfe den Gedanken jedoch, denn erstens heben sie ihre Köpfe nie, zweitens würde ich sie bestimmt nicht dazu bringen, den Boden zu wischen. Pizzareste, Bierflaschen, Dosen, Kaffeebecher räumt immer das Servicepersonal weg. Wie kann da Hänschen etwas lernen? Zu Hause angekommen, sortiere ich den Inhalt meiner Tasche, die Taschentücher kommen ins extra Täschchen.

In den 90er Jahren überwältigte mich die deutsche Ordnung. Gefegte Straßen, glasklare Vitrinen, gepflegte Menschen auf Gehwegen, die sich in richtiger Richtung bewegten, am Bus weder Gedränge noch Schubsen, Türen wurden aufgehalten mit einem kurzen „bitte“, lächelnde Verkäuferinnen und überall gepflegtes Grün, veranlassten mich zu glauben, ich lebte im Märchen. Das war einmal. Die höflichen Menschen scheinen verschwunden, die Straßen sind mit Kaffeebechern, Zigarettenstummeln, mit Schalen von Sonnenblumenkernen übersät und bespuckt, mit Sperrmüll „geschmückt“, das Grün zertrampelt. So sieht der Alltag in meinem Bezirk Neukölln aus. Diese Dame erscheint mir als ein Wunder, fast wie ein Relikt.

 

 

 

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