Madelaine Kaufmann

Kranker Teil des Systems

Kranker Teil des Systems

 

Stellen wir uns einen Kompost vor, der irgendwo im Garten steht: Dort wird allerlei Zeug reingeworfen. Alles, was kompostierbar ist: Gartenabfälle und Essensreste. Das wird da gesammelt. So ähnlich läuft das in Familiensystemen ab. In der Psychologie wird eine Familie oft als System bezeichnet, in dem alle Teile zusammenhängen und sich gegenseitig beeinflussen.

Gefühle, Eigenschaften, Denkmuster, die nicht gewollt sind, die weg sollen, die einzelne im System bei sich nicht sehen, wahrnehmen und erleben wollen, werden auf jemanden drauf gestapelt und so fungiert derjenige als kranker Teil des Systems.

Das ist praktisch, denn dann muss sich derjenige, der da was drauf wirft, nicht mehr damit beschäftigen. Er gibt es also an jemanden weiter.

Das kann alles Mögliche sein:

Gefühle

Verrücktheiten

Überzeugungen

Muster

Verhaltensweisen

Gedanken

Und vieles mehr.

Immanuel Steiner war lange Zeit ein kranker Teil seines Familiensystems. Und in manchen Bereichen ist er das noch. Vor einiger Zeit hatte Immanuel festgestellt, dass die Verrücktheit, die ihm seit seiner Kindheit nachgesagt und eingeredet wurde, gar nicht seine Verrücktheit war. Diejenigen, die ihm das übertragen hatten, wollten sich ihre eigenen Verrücktheiten nicht anschauen. Sie hatten sie an ihn delegiert. Er sollte stellvertretend für sie verrückt werden, damit sie sich gesund fühlten.

Und Immanuel, der als Kompost gedient hatte und diente, hatte diese Rolle eingenommen, um überhaupt eine Rolle zu haben, um leben zu dürfen. Ohne diese Rolle hätte er in diesem System nicht überlebt.

Das ist ein System, in dem Kinder nicht akzeptiert werden, wie sie sind. Sie sollen für etwas gut sein: Als Trost oder Sündenbock oder Retter der Eltern, als Unterstützer, als Sinngeber, als Abladeplatz und vieles mehr. Familiensysteme dieser Art sind die Norm und keine Ausnahme.

Immanuel stellte fest, dass diese Systeme auch woanders praktiziert wurden. Zum Beispiel dort, wo er landete, als er suizidal war und Alkoholmissbrauch betrieb: In Kliniken.

Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass ein kranker Mensch nur geheilt werden muss, damit das Familiensystem wieder gesund ist (im System ist der Mensch krank geworden und krank ist letztendlich das System).

Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass nur der Mensch Hilfe und Behandlung braucht, der die Symptome zeigt.

Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass er gesund bleibt, wenn er in das kranke System zurückkehrt.

Für ein System ist es äußerst praktisch (wie mit der Kompostiererei), einen Verrückten oder Sündenbock oder ein schwarzes Schaf zu haben: Dann braucht man sich gar nicht mit seinen Problemen beschäftigen; dann kann man alle Energie darauf verwenden, diesem Kranken zu helfen, über ihn zu reden, zu beratschlagen usw.

Damit kann man sich sehr lange und sehr intensiv beschäftigen, dass ja nicht der Verdacht aufkommt, dass die Kompost-Scheiße vielleicht einem selbst gehört.

Immanuel war sehr traurig darüber, wenn er darauf schaute, dass er als Müllhalde-Platz gedient hatte. Das hat kein Kind verdient. Und je intensiver er sich das anschaute, desto deutlicher wurde ihm klar, dass es nun sein Job war, sich freizuschaufeln. Und so einen Kompost ausmisten, der schon Jahrzehnte vor sich hingammelt, ist Heidenarbeit.

Anstatt Kompost zu sein, hätte Immanuel auch geliebt werden können. Anstatt Kind sein zu dürfen, war er Komposthaufen der Familie gewesen.

Madelaine Kaufmann
Aus meinem neuen Buch "Abgewrackt"

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 03.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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