Claudia Savelsberg

Die tödliche Diagnose

Ich komme gerade aus dem Gespräch mit der Neurologin. Meine Nervenkrankheit ist nicht mehr therapierbar, ich werde nie mehr gehen können, kann mich nur noch mit einem Rollator fortbewegen, um die täglichen Dinge des Lebens zu schaffen. Ich bin schockiert, möchte weinen. Aber ich kann nicht weinen, weil ich zu Haltung und Disziplin erzogen wurde. In dieses Korsett wurde ich schon als Kind gepresst, und jetzt kann ich es nicht mehr ablegen. Claudia schafft alles. Immer die starke Frau, die sich nie Schwächen zugestanden hat, die immer funktionierte beruflich wie privat. Nach vielen Schicksalsschlägen immer wieder aufgestanden, immer wieder gekämpft … Andere Menschen haben mich bewundert ob meiner Stärke und meines Kampfgeistes. Ja, Claudia schafft alles.

Und jetzt habe ich diese Diagnose. Für mich ist es eine tödliche Diagnose. Die Nervenkrankheit ist nicht heilbar, ich werde nie wieder gehen können. Ich erinnere mich mit Schrecken an den Tag vor drei Monaten, an dem alles begann. Ich stand vom Sofa auf, mit wurde schwindelig, ich musste mich an der Wand festhalten, um vom Wohnzimmer bis ins Bad zu kommen. Als ich vom Klo aufstand, wurde mir schwarz vor Augen. Ich hatte Angst und rief einen Freund an, der innerhalb von fünf Minuten bei mir war. Die Angst wurde immer größer; denn ich hätte mit meinem Hund ausgehen müssen um diese Uhrzeit. Ich versuchte aufzustehen, aber es ging nicht. Ich konzentrierte mich und wollte nach der Hundeleine greifen, ich hatte ja immer alles geschafft in meinem Leben, ich würde es auch dieses Mal schaffen mit Haltung und Disziplin. Es ging einfach nicht, mein Freund musste mich auffangen. Für mich war dies ein fürchterliches Versagen, ich schämte mich wegen meiner Schwäche und war froh, dass mein Freund mit dem Hund eine kurze Runde ging.

Mein Arzt, den ich um einen Hausbesuch bat, verschrieb mir Tabletten gegen „Schwindel unbekannter Genese.“ Ich nahm sie hoffnungsfroh, aber sie halfen nicht. Ich konnte das Haus nicht mehr verlassen. Ein Freund kam täglich und kaufte für mich ein. Im Bademantel schaffte ich es, meinen Hund in den Garten zu führen und dort mit ihm zu spielen, damit er wenigstens sein Geschäft verrichten konnte und Bewegung hatte. Ich schämte mich entsetzlich und machte mir Vorwürfe, mich nicht mehr richtig um ihn kümmern zu können. Mein Hund ist alt, fast zwölf Jahre hat er sein Leben mit mir geteilt. Mittlerweile haben sich seine Augen eingetrübt, und er ist schreckhaft geworden. Eine Freundin sagte zu mir: „Für deinen Hund ist es doch das Wichtigste, dass er bei dir ist. Er kennt deine Stimme, er kennt deinen Geruch, er kennt seine täglichen Ritualen, er darf nachts auf dem Fußende des Betts schlafen. Er schafft das, wenn sein Frauchen bei ihm ist.“

Mein Hausarzt wollte mich in eine Klinik einweisen, was ich aber nicht wollte. Dann hätte ich meinen alten Hund in eine Hundepension geben müssen, für mich einfach unvorstellbar. Einen oder mehr Tage von ihm getrennt zu sein, das hätte ich nicht ausgehalten. Ich rief vorsorglich Spezialisten an, um mich zu erkundigen, was ich tun könnte.

Ich machte also einen Termin bei einer HNO-Ärztin, um Art und Ursache des Schwindels abzuklären, darauf hatte mein Hausarzt mich nicht hingewiesen. Er hätte es doch wissen müssen, dass eine Erkrankung der Ohren auch den Gleichgewichtssinn empfindlich stören und damit Schwindel verursachen kann. Aber wieder einmal in meinem Leben kämpfte ich allein, für mich und meinen Hund. Ich bin es nicht anders gewöhnt, ich muss immer allein kämpfen, seit Jahren schon.

Die HNO-Ärztin testete aufgrund meiner Symptome auf „Lagerungsschwindel“, eine relativ unangenehme Prozedur, die ich klaglos über mich ergehen ließ. Da mein linkes Ohr zu diesem Zeitpunkt entzündet war, konnte sie keine eindeutige Diagnose stellen, der Test sollte zu einem späteren Zeitpunkt wiederholt werden. Sie gab mir eine Broschüre mit, in der gymnastische Übungen standen, die ich täglich gegen den Schwindel machen sollte. Ich war zufrieden, es war also noch alles offen. Die Ursache für meinen Schwindel würde schon gefunden werden. Es wäre sicher alles halb so schlimm. Und mein Hund schaute mich vertrauensvoll an.

Dann hatte ich einen Termin bei einer Neurologin, die eine Nervenkrankheit diagnostizierte. Diese Nervenkrankheit befällt die sogenannten „peripheren Organe“, also Hände und Füsse. Bei mir sind es die Füsse. Die Nerven in den Füssen arbeiten nicht mehr richtig und senden die falschen Signale an das Gehirn, das daraufhin mit Schwindel reagiert. Ob diese Nervenkrankheit heilbar wäre, würde sie bei einer „Nervenmessung“ feststellen können. Also ließ ich mir einen weiteren Termin geben, die Wartezeit betrug sechs Wochen, für mich eine Ewigkeit. Jeden Tag verbrachte ich zwischen Angst und Hoffnung, musste mich zur Ordnung rufen, wenn ich in ein schwarzes Loch zu fallen drohte. Mit Disziplin zwang ich mich dazu, jeden Tag die Übungen zu machen, die gegen Schwindel helfen sollen. Ich wollte mir beweisen, dass ich meinen Körper überlisten kann, ihn zu Hochleistungen antreiben kann. Ich wagte es sogar, mit meinem Hund einen Spaziergang zu machen, weil ich es für ihn tun wollte. Nach zehn Minuten musste ich umkehren, ich schaffte es einfach nicht, es hätte für mich und meinen Hund gefährlich werden können. Dies war eine Niederlage für mich, ich fühlte mich meinem Hund gegenüber schuldig.

In der Zwischenzeit hatte mir eine Freundin den Rollator ihrer verstorbenen Mutter gegeben. Damit konnte ich mich recht gut fortbewegen, endlich die Wohnung verlassen und meine notwendigen Erledigungen machen. Eine große Erleichterung. Ich ging jeden Tag ein Stück weiter. Bis zum Supermarkt, dann bis zur Apotheke, dann sogar in die Tierarztpraxis, um die notwendigen Tabletten für meinen alten Hund zu holen. An diesem Tag war ich stolz, ich hatte den langen Weg geschafft – für mich und meinen Hund. Jetzt würde ich alles schaffen, wie immer in meinem verfluchten Leben. Mit Disziplin und Haltung.

Dann kam der zweite Termin bei meiner HNO-Ärztin, und die Tests wurden wiederholt. Mir wurde Eiswasser in die Gehörgänge gespült, was schmerzhaft war. Ich biss die Zähne zusammen und ließ es über mich ergehen. Dann kam die Diagnose: das Gleichgewichtsorgan in meinem linken Ohr funktioniert nicht mehr, der Schaden ist nicht mehr zu beheben. Aber mit entsprechenden Übungen könnte ich das rechte gesunde Ohr darauf trainieren, die Funktion der kranken Ohres zu übernehmen. Ich war schockiert. Ein Organ in meinem Körper funktionierte nicht mehr und würde auch nie mehr funktionieren. Als ich wieder zuhause war, ging ich mit meinem Hund als erstes in den Garten und spielte lange mit ihm. Dann „wütete“ ich gewissermassen durch meine Wohnung: Fenster putzen, Boden wischen, Regale abstauben, bügeln, etc. Ich wollte mir beweisen, dass ich meinen Gleichgewichtssinn überlisten und trainieren könnte. Immer wieder und wieder. Schließlich sass ich hechelnd und fast am Ende meiner Kräfte auf dem Sofa. Ich hatte es schaffen wollen, ich musste einfach funktionieren. Ich hatte in meinem Leben immer funktioniert, ich durfte keine Schwäche dulden. Ich musste es auch für meinen Hund tun, der sich auf mich seit zwölf Jahren verläßt.

Dann kommt der zweite Termin bei der Neurologin, die aufgrund der „Nervenmessung“ ihre Diagnose „Nervenkrankheit“ bestätigt sieht. Diese Nervenkrankheit ist nicht mehr heilbar, ich werde also nie mehr richtig gehen können. Ich werde den Rest meines Lebens nur noch mit dem Rollator gehen können. Ich will weinen, aber ich kann es nicht. Niemand soll mich schwach und hilflos erleben. Niemand.

Wieder Zuhause angekommen, gehe ich mit meinen Hund in den Garten und spiele mit ihm. Ich habe ihn zu mir geholt als er sechs Wochen war, jetzt ist er zwölf Jahre alt. Für einen großen Hund schon ein beachtliches Alter. Er braucht mittlerweile eine Herztablette und eine Tablette gegen seine Arthrose. Damit geht es ihm gut. Ich stehe mit ihm im Garten, meine Seele taub, meine Verzweiflung groß. Er schaut mich an aus seinen großen Augen, voller Vertrauen. Ich hebe die Finger meiner rechten Hand wie zu einem Schwur zum Himmel: „Dein Frauchen wird dich nie verlassen, du wirst immer bei mir bleiben. Koste es, was es wolle. Ich werde für dich kämpfen." Er schaut mich vertrauensvoll an.

Ich kann nicht mehr, für mich ist es eine tödliche Diagnose, nie mehr richtig laufen zu können, meinen Hund nicht mehr richtig betreuen zu können. Immer wieder Scheiße in meinem Leben, ein Schicksalsschlag nach dem anderen. Ich habe immer gekämpft, aber jetzt habe ich den Eindruck, dass mir die Kraft dazu fehlt. Ich wollte doch nur noch einmal wenigstens ein kleines bisschen Glück haben in meinem Leben nach der Scheiße, die ich fressen musste. Ein guter Freund, der ein gläubiger Mensch ist, will für mich beten, damit Gott mir Kraft schenkt. Ach ja, den „da oben“ gibt es ja noch. Und warum hilft er mir nicht? Warum lässt er mich mein Leben lang so leiden?

Ich betrinke mich, wohl wissend, dass dies keine Lösung ist. Aber ich will einfach nicht denken, ich kann nicht mehr denken. Diese Diagnose, die ich subjektiv als tödliche empfinde. Anderen Menschen geht es sicher schlechter als mir, aber dieser Gedanke kommt nicht in meinem Gehirn an. Ich sehe nur mich und die Sorge für meinen alten Hund. Im Internet suche ich gezielt nach einem Mittel, mit dem ich mich aus dem Leben schleichen kann. Das Mittel ist einfach zu bekommen, ich werde jederzeit Zugriff haben, wenn ich nicht mehr kann. Das gibt mir Trost.

Aber ich kann mich ja nicht so einfach aus dem Leben verabschieden, weil ich meinen alten Hund habe, den ich niemals alleine lassen werde. Ich habe ihm versprochen, ihn auf seinem letzten Gang zu begleiten, und dieses Versprechen werde ich halten. Wenn dieser Tag gekommen ist, dann werde ich aufrecht gehen, noch einmal kämpfen, um ihm einen würdigen Abschied zu ermöglichen.

Bis dahin halte ich durch. Aber wenn mein Hund nicht mehr an meiner Seite ist, dann werde ich gehen. Ich werde aufrecht und mit gutem Gewissen gehen. Ich werde wissen, dass ich alles für meinen Hund getan habe. Mein Leben war beschissen, aber er, ein Tier, war in guten wie in schlechten Zeiten bei mir. Und ich werde ihm folgen ….

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 04.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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