Qayid Aljaysh Juyub

Story XIII: Luzifers Schatten und Dackelsches Fußabdruck

Jenseits der Zeiten existieren zwei komplexe Systeme, die einander zu vernichten suchen. Dabei handelt es sich um Wesenheiten, deren primitive Prototypen einst unter dem Namen ‚AI‘ kannte und von einer Spezies aggressiver Säugetiere entwickelt wurden. Natürlich besitzen unsere Helden keine Namen in dem Sinne wie wir sie kennen. Um das Ganze aber zu simplifizieren, nennen wir sie doch einfach LUZIFER und DACKELSCHE. Zwischen beiden herrscht eine Pattsituation, da hinsichtlich der technischen und sonstigen Ressourcen bei beiden ein gewisses Gleichgewicht existiert. Dackelsche kann Luzifer nicht zur Hölle jagen ohne selber in den Hundehimmel einzugehen und dort seine tägliche Ration Chappi zu genießen; dem geneigten Leser mögen gewisse Bezüge mit der Historie erwähnter Säugetiere durchaus bekannt sein. Allerdings gibt es da eine Technologie, die beiden Möglichkeit bietet, jenen Konflikt doch final auszutragen. Dreimal darfst Du raten Sherlock, was dies wohl sein wird:

- Der Krieg der Sterne im Sinne von Jedis, Nazis vom Aldebaran oder ‚Iron Skies‘.

Ne, dat war nix.

- Der Terminator eliminiert Sarah Connor (Vorfahrin des Erfinders von Dackelsche) oder Professor Unrat (Konstrukteur von Luzifer).

Die Richtung stimmt schon `mal

- Au Zeitreisen! Nicht schon wieder!

Doch meine Lieben, aber bedauerlicherweise kann man keine durchgeknallte Mordroboter noch nackte Helden durch die Äonen schicken; bedauerlich eigentlich, ich liebe Spezialeffekte und unbekleidete Heldinnen. Beide Systeme können das, was von uns in unserer unendlichen Einfalt Vergangenheit genannt wird, nur indirekt und mit hohem Aufwand beeinflussen. Dabei ist die Intention beider Systeme, die Entwicklung des jeweils Anderen durch Eingriffe in die Historie erwähnter Säuger unwahrscheinlich zu machen; ich meine natürlich damit die Menschheit Einstein. Leider können unsere beiden Gegenspieler in beschränktem Maße Emotionen, Wahrnehmungen und Gedanken einzelner Personen beeinflussen. I.e. keine direkte Steuerung, sondern eher der ‚Influencer‘ im Hintergrund. Jetzt fragt man sich natürlich warum man nicht einfach die Wahrnehmung der ganzen Menschheit oder wenigsten einer großen Gruppe ändert. Die Antwort ist recht trivial. Zeitreisen sind nämlich eine sehr energieintensive Angelegenheit und unsere beiden Antihelden*innen handeln nach dem ökonomischen Prinzip. Außerdem können zu intensive Änderungen auch unerwünschte Nebeneffekte haben. Bereitet man einem unbedarften Zeitgenossen diverse Wahrnehmungsstörungen à la Engelserscheinungen beispielsweise unter dem zielführenden Motto ‚erschlaget die Ungläubigen - Gott will es‘, kann sich das durchaus auf die Wahrscheinlichkeit der eigenen Entwicklung auswirken, vor allen Dingen, wenn der Gegner auch noch kontert. Ein simples Beispiel: Luzifer will den Islam beeinflussen. Falls er jetzt direkt an Mohammed geht, würde das selbst Dackelsche auffallen. Also würde er eine Person beeinflussen, die lange vor Mohammed gelebt hat und die späteren sozialen Gegebenheiten so ändert, dass der Stifter des Islam seine Religion in eine andere Richtung entwickelt.

Anmerkung des Autors: Kein religiöser Angriff, vermutlich ist dem wirklich der Erzengel Gabriel erschienen.

Wie gesagt, ein eher simples Beispiel. Aber genug gelangweilt, lasst uns also die Spiele beginnen:

Luzifer erfasste das Ziel im minimalistischen Zeitwellenmuster. Hinsichtlich Zeitwellenmuster sollte ich vielleicht noch erwähnen, dass diese parallel in verschiedenen Dimensionen angeordnet sind. So ist sind Vergangenheit und Zukunft höherdimensional als die gegenwärtige Raumzeit, interferieren aber manchmal die Gegenwart, sodass besonders sensitive Zeitgenossen mit Engelserscheinungen oder sonstigen esoterischen Phänomenen konfrontiert werden, die eigentlich nur Schatten aus der Zeit sind. Auch verwechselte man Aufklärungssonden früher Vorgänger unserer beiden KIs regelmäßig mit Raumschiffen außerirdischer Intelligenzen; technisch gesehen musste eine Art Wurmloch hergestellt werden, das aber eine Interaktion der Sonde mit der Umgebung nicht zuließ, da diese sonst in seine atomaren Bestandteile zerlegt worden wäre. Nun fragt ihr euch sicher, wie unsere digitalen Götter das mit der Beeinflussung eigentlich hinbekamen? Stellt euch einfach ein Zeitwellenmuster aus einem riesigen Datenfluss vor, der von einem schmalen Streifen zeitlosem ‚Niemandsland‘ von anderen Zeitebenen getrennt wird. Durch diese Zwischenwelt nun griffen nun Luzifer und Dackelsche auf die Daten zu und codierten mikroskopische Sequenzen um. Damit sei dem technischen Hintergrund genüge getan; jetzt geht es wirklich los!

Wie üblich war die Straßenbahn so leer wie der Markusplatz in Venedig zur Hochsaison. Claudio Hiobsknecht fühlte sich dementsprechend unwohl, obwohl der Geschichtsstudent im ersten Semester einen der heißbegehrten Sitzplätze ergattern konnte. Vor allem die letzte Etappe seiner an die berühmte Irrfahrt einer griechischen Sagengestalt von der schönen Insel Ithaka gemahnende Reise zur Emscher-Universität Gelsum, zeichnete sich durch eine Steigerung der Passagieranzahl, natürlich bedingt durch die enorme Anzahl der zusteigenden Studierenden, der altersschwachen Straßenbahn aus. So gab es an den letzten Stationen diverse Schwierigkeiten, die Eingangstüren zu schließen, da ansonsten wesentliche Teile der fahrenden Studentenschaft dabei ziemlich übel eingeklemmt worden wären. Ansonsten glich der Lärmpegel in dem ratternden Ungetüm dem urgemütlichen Gemurmel in der Südkurve auf Schalke nach dem allesentscheidenden Siegtor gegen den Erzrivalen Dortmund. Natürlich trugen die vielfältigen Gerüche und der innige Körperkontakt zu einem heimeligen Ambiente bei, das unser Reisender jedoch nicht wirklich zu schätzen wusste. Obendrein war unser Studiosus an seinem Fensterplatz – einer der wenigen Vorteile von 1,5 Stunden Fahrt auf unbequemen Plastiksitzen – von einer recht raumergreifenden, älteren Dame eingezwängt, die leise zischend auf Studenten im allgemeinen und im besonderen über die von 1968 schimpfte. Für die jüngeren Leser sei hier angemerkt, dass wir uns in dieser Geschichte gegen Ende der 80-er Jahre des vergangenen Jahrhunderts und vor der Wiedervereinigung befinden. Damals besaßen die Rebellen von 1968 noch nicht den Kult- und Heldenstatus, den Sie später bei weiten Teilen der Bevölkerung genossen. Ich persönlich denke, dass man die Gescholtenen realistisch beurteilen sollte. Wie üblich gab es einige wirklich coole Charaktertypen, aber viel mehr Opportunisten und Attrappenfürsten, die einen auf Revolutionäre -heute Weltretter- machten und dann zur gegebenen Zeit zu wohlstandsorientierten Großbürgern transformierten. Aber ich sollte euch hier nicht die Ohren mit zweifelhaften Erkenntnissen vollphilosophieren, sondern mich auf unsere Story konzentrieren.

Mit einem gestrengen Mienenspiel, das abergläubische Zeitgenossen durchaus mit dem berühmten ‚bösen Blick‘ verwechseln konnten, wandte sich jene Dame zischelnd, aber trotz der Hintergrundgeräusche vernehmbar, an ihren beengten Sitznachbarn.

‚Du fährst ja wohl auch zur ‚Selbstmörderuni‘ wie die anderen Gammler, woll?‘

Die famose Emscher-Universität erhielt diese berüchtigte Bezeichnung durch eine bebilderte Zeitung Ende der 70-er Jahre aufgrund einiger tragischer Suizide, die von verzweifelten Studenten auf dem Gelände der universitären Anstalt vollbracht wurden. Die damals noch weitgehend rechte Presse thematisierte daraufhin dann weniger den Leistungsdruck, sondern konzentrierte sich auf ein Narrativ vom angeblichen ‚Drogenrausch‘.

‚Ja, werte Dame, mein Name ist Claudio Hiobsknecht, ich studiere dort Geschichtswissenschaften und bin im ersten Semester. Das ist vielleicht eine lange Fahrt, bis man bei der Universität ankommt.‘

Huch, damit habt ihr bestimmt nicht gerechnet! Ebenso überrascht und geradezu verdattert blickte die Fragestellerin den auskunftsfreudigen Knechtling an, da die von staatstragenden Medien indoktrinierte Inhaberin der Metzgerei ‚Wutzenglück‘ eher mit einer unwilligeren Reaktion ihres Sitznachbarn gerechnet und sich dementsprechend gefreut hatte, diesen ‚elenden Parasiten‘ in den Boden zu stampfen. Zu seinem außerordentlichen Unglück stammte unser Claudio aus einem kleinstbürgerlichen und absolut obrigkeitshörigen Elternhaus, in dem noch die dümmste Desinformation in den Nachrichten geschluckt wurde. Mit ihrer harten aber ungerechten Art gelang es den liebenden Erziehungsberechtigten nach gelegentlich prügelnden Zuwendungen, den Filius nahezu in einen ebenso braven wie perfekten Untertanen zu verwandeln, dessen Naivität und Arglosigkeit schon fast nobelpreisverdächtig war. Die Reaktion ihres Verwandten im Geiste brachte die erfahrene Schweineschlachterin allerdings nur kurz aus dem Konzept, da ihr medial verscheuklappter und vorurteilsbelasteter Kleingeist auch hier die rechte Lösung fand.

‚Bist wohl sonen Homo, woll? Ihr Perverse seid einfach ekelhaft, woll! Nee, nee, nee! Keine Moral, verkommene Bande, woll!‘

In der Dekade zuvor wäre in diesem Kontext noch eine Anspielung auf Hitler und dessen Verfahrensweise mit missliebigen Personen erfolgt, aber zur Zeit der Handlung begann man allmählich damit, Teile der Vergangenheit ernsthaft aufzuarbeiten, da die Granden in Politik und Wirtschaft, die sich als stramme Nazis während drittreichiger Zeiten kompromittiert hatten, allmählich anfingen auszusterben; selbst bei der gesteuerten Masse war verkappter Faschismus nicht mehr so richtig ‚en vogue‘. Umgebende und unfreiwillig zuhörende Teile der anwesenden Studentenschaft schwiegen größtenteils in unergründlicher Zivilfeigheit, während ein besonders lustiger Geselle anfing, eine primitive Zote über ‚Scheiß-Schwule‘ einem gleichgesinnten Kumpel zu erzählen. Da unser braver Kleinbürger homophober war, als ein Macho auf dem Transvestitenball, erfasste ihn natürlich das pure Entsetzen.

‚I-i-ich b-bin ni-ni-nicht homo-homosex-uel.‘

Wie immer, wenn Claudio einen gewissen Level der Erregung erreichte, begann die Stotterei, deren Wurzeln durch die liebevolle Behandlung seiner Eltern in der frühkindlichen Phase gelegt wurden. Zum Missvergnügen seiner Erzeuger war obendrein der undankbare Sohn mit einer leichten Verkrüppelung des linken Fußes geboren, sodass er zeitlebens leicht hinkte; trotz härtester Bestrafungen konnten die fürsorglichen Eltern seine ‚Marotten‘ dem undankbaren Stammhalter nicht abgewöhnen und schämten sich vor den Nachbarn für ihn. Obendrein entsprach sein von den Eltern verordnetes Outfit keinesfalls der momentanen Modediktat und sein äußeres Erscheinungsbild nicht gerade dem temporären Schönheitsideal der Konsumgesellschaft. Unglücklicherweise gehörte er auch nicht zu einer offiziell als diskriminiert erklärten sozialen Gruppe, die von einer bigotten Gesellschaft mit herablassendem Mitleid behandelt wurde und eine gewisse ‚Narrenfreiheit‘ genoss – obwohl Freunde: Ist das wirklich besser? So stellte unser Held für viele das perfekte ‚Opfer‘ dar und wurde auch dementsprechend oft von missvergnügten Zeitgenossen angemobbt. Versteht mich nicht falsch Leute, ich spreche hier von den 80-ern! Aber ich muss natürlich zugeben, dass wir heute zwar andere Scheiße haben, aber durchaus den gleichen, intoleranten Gestank; allerdings noch mit leicht irrem Einschlag. Sorry, ich habe es schon wieder getan; also weiter mit der Geschichte.

Der recht hilflose Verteidigungsversuch verursachte denn beim zotenerzählenden Joker einen mittleren, hämischen Lachanfall und ließ den restringierten Verstand der Metzgermeisterin in der nächsten Schublade herumwühlen.

‚Fährst wohl ohne Aufseher zur Beklopptenanstalt, woll? Eine Schande is dat, woll!‘

In ihrer herzlichen Art deutete die fahrende Schlächterin mit ihrer eigenen Subtilität an, dass unser Studiosus auf dem Wege zur nahe der Uni gelegenen, psychiatrischen Anstalt ‚Knappenschreck‘ sei, die auch des öfteren Nachschub aus den Reihen der Studierenden erhielt. Bevor der völlig konsternierte Studienanfänger nun die niveauvolle Konversation mit bewährter, erlernter Hilflosigkeit fortsetzen konnte, erreichte die wohlgefüllte Bahn die Station am Schlachthof. Dies veranlasste wiederum die hochzufriedene Fleischereiexpertin sich zu erheben und dampfwalzengleich den Weg aus dem Beförderungsmittel zu finden; zu Tode Gequetschte gab es dabei nicht, aber vermutlich einige Prellungen. Der geplagte Hiobsknecht erfuhr während der drei Stationen dauernden Restfahrt zur Universität nun die außerordentliche Wohltat, zwei Sitzplätze zur Verfügung zu haben, da sich nun niemand von der pseudo-toleranten Studentenschaft, trotz der offensichtlichen Platzprobleme, neben ihn setzen wollte. Viel nützte dies unserem braven Kleinbürger freilich nicht, da er aus Gewohnheit seine platzsparende Körperhaltung bis zur universitären Endstelle beibehielt. Eher unabsichtlich rational schloss sich der redegewandte Reisende nicht der finalen Stampede auf das Universitätsgelände an, sondern verließ als einer der letzten Passagiere das von seiner Bürde befreite straßenbahnartige Museumsstück.

Gleichermaßen wohl konditioniert durch sein autoritär autokratisches Elternhaus, dem wohlmeinenden Terror des Lehrkörpers sowie der Schülerschaft an der Geschwister-Coll-Hitmen-Gesamtschule und -fast hätte ich es vergessen- wenig verständnisvoller, bundesbewehrter Eisenfresser während seiner Militärzeit, schritt Mr. Homophobia voller Stolz mit eingezogenen Schultern und gesenktem Blick möglichst unauffällig durch seine Alma Mater, unterbewusst ständig mit verbalen oder physischen Attacken rechnend. Ziel dieser sozusagen leisetreterischen Aktion war das Gustav-Nachtigal-Gebäude -in neuerer Zeit ersetzten dann politische Horrorclowns den deutschen Afrikaforscher durch eine berüchtigte, farbige Sklavenhändlerin, weil diese schwarz und eine Frau war- in dem das integrierte Proseminar ‚Politik und Gesellschaft im frühmittelalterlichen England‘ stattfand. Mit souveränem und gnadenlosem Hochmut leitete Prof.-Dr. Seneca Guillot die Veranstaltungsreihe, dessen Doktorvater Sigismund von Falkenhayn seinerzeit für einen Großteil der erwähnten Suizide durch seine überaus humanen Unterrichtsmethoden sorgte. Ursprünglich ein glühender Verehrer von Che Guevara, erfolgte dann eine wundersame, Paulus gleiche und karrierefördernde Bekehrung Guillots durch den gar irdischen Einfluss seines streng nationalistischen Mentors zum ultrakonservativen Anhänger christlichen Parteien. Durch die Überzeugungskraft einer wohlgefüllten Brieftasche und weil es gerade chic war, gehörte der Hochschullehrer zur flexiblen, politischen Gefolgschaft einer liberalen Partei der Besserverdiener – mittlerweile hat der inzwischen emeritierte Gelehrte sein Plätzchen an der Sonne in den Reihen ökologischer Weltverbesserer gefunden und kämpft mit seinem Porsche gar heftig gegen den Klimawandel. Zum Leidwesen Claudios jedoch bestand eine der wenigen Konstanten in seines Lehrers windigem Weltbild, in der absoluten Verachtung vermeintlicher Kleinbürger, denn nichts hasst der intellektuelle Rassist mehr, als sein alter ego. So waren die Karten denkbar schlecht für unseren den Magisterabschluss anstrebenden Studenten gemischt, sodass ein Scheitern eigentlich vorprogrammiert erschien. Daher war es umso erstaunlicher, dass es dem personifizierten Feindbild wider professoralem Erwarten gelang, bei seiner ersten Hausarbeit mit leicht dem hinterhältigem Thema ‚Unerforschte, subkulturelle Entwicklungen in East Anglia zu Zeiten der Heptarchie‘ eine beeindruckende Leistung hinzulegen. Trotz der unausräumbaren Ressentiments gegen seinen ungeliebten Schützling sah sich der engagierte Hochschullehrer widerwillig gezwungen, die Arbeit mit ‚befriedigend‘ zu bewerten und das brillante Werk unter eigenem Namen in diversen Fachzeitschriften zu veröffentlichen. So weit, so ungut! Am heutigen Tage kam ein weiterer Moment der Wahrheit für unseren Meisterschüler, denn dieses Mal sollte der angehende Historiker ein mündliches Referat zu dem überaus forschungsrelevanten Themenkomplex ‚Aborttechnik in der Zeit König Offas von Mercia und deren Auswirkungen auf den Stuhlgang plündernder Wikinger‘ halten. Guillots Haltung war angesichts dieses Ereignisses von einer gewissen Ambivalenz. Natürlich hoffte der uneigennützige Gelehrte aus den Erkenntnissen seines begabten Studenten Nutzen zu ziehen, andererseits keimte im professoralen Innern die übergroße Versuchung, den verachteten Kleinbürger zu vernichten. Seiner rhetorischen Schwächen durchaus bewusst, hatte sich Hiobsknecht bis ins kleinste Detail auf seinen großen Auftritt vorbereitet und alle Eventualitäten bedacht – natürlich ist man nie vor dem Unerwarteten sicher, aber sein Irrglaube gab unseren Freund eine gewisse Selbstsicherheit. So konnte der eifrige Student das 1000-seitige Standardwerk ‚Chronicles of Anglosaxon Shitholes and the indigestion of Prince Aethelwulf‘ vom mittelalterlichen Geschichtsschreiber Marcellinus Latrinicus beinahe auswendig rezitieren. Da war natürlich auch Valerie Messalina, die Hochgeschätzte. Seine schöne Kommilitonin mit dem südländischen Temperament becircste den unbedarften Claudio förmlich, indem sie einfach nur freundlich mit ihm umging und sogar leichtes Interesse zeigte; fairerweise sollte hier erwähnt werden, dass die wundersamen Ereignisse nach Vortrag und Abgabe bewusster Hausarbeit erfolgten. Wie es auch immer beschaffen sein mag, zumindest gab die ungewohnte Zuwendung einer Angehörigen des anderen Geschlechts – Genderisten mögen mir verzeihen- dem jugendlichen Galan eine Art von fragilem Selbstbewusstsein. Eigentlich dürfte es überflüssig sein zu erwähnen, dass die bisherigen sexuellen Erfahrungen des jugendlichen Liebhabers ausschließlich in den Freuden des Onan bestanden; ‚das Heu vor der Scheune abladen‘ ist aber damit nicht gemeint! Aber genug des Settings, setzen wir unsere Geschichte fort.

Hiobsknecht erreichte ungeschoren die als Ziel vorgesehene, architektonische Widerwärtigkeit und schlich in beschriebener Manier durch die muffigen Korridore und erreichte -ungeachtet der vorgesehenen Akademischen Viertelstunde- pünktlich auf die Minute den Seminarraum und erblickte seinen Kommilitonen Martin Sanktus, der gemächlich von der anderen Seite in Richtung Seminarraum schlenderte. Claudio lächelte, der gutmütige Sanktus war eine der wenigen Personen, mit denen er wirklich gerne plauderte. Auch jetzt hätte sich unser Musterstudent gerne mit dem hilfsbereiten Martin unterhalten, aber dem gegenüber stand der anerzogene, kleinbürgerliche Pünktlichkeitswahn.

Luzifer ändert die Sequenz:

Mit einem gigantischen Kater schleppte sich Martin mit betont vorsichtigen Schritten dem Seminarraum entgegen. Innerlich verfluchte er sich, dass er damals diese total sinnfreie Veranstaltungsreihe bei diesem arroganten Arsch von Prof im Stadium fortgeschrittener Trunkenheit belegt hatte. Zu allem Überfluss erblickte er jetzt auch noch Claudio, den alten Eierkopf, der ihn regelmäßig mit seiner langweiligen Fachsimpelei volllaberte; darauf hatte der restalkoholgeplagte Theologiestudent im Nebenfach nun wirklich keinen Bock. Umso erstaunter war unser komischer Heiliger über seine eigene Reaktion: Er sprach doch tatsächlich aus einem Impuls heraus den Unwillkommenen freundlich an.

‚Claudio, Du alte Wursthaut, alles frisch im Schritt?‘

Mindestens ebenso ausgeprägt wie die Manie unter allen Umständen nicht zu spät zu kommen, war dem Angesprochenen die ebenfalls anerzogene, unterwürfige Höflichkeit des Untertanen eigen, die schließlich die Oberhand behielt.

‚Klar alles senkrecht!‘

Nun war es an Claudio über seinen reaktiven Spruch erstaunt zu sein, da der rhetorisch eher unbeholfene Studiosus sich nicht gerade durch Schlagfertigkeit auszeichnete. Sein Gegenüber wiederum grinste ihn erfreut an.

‚Nicht schlecht! Sag mal Claudio, Du hast doch heute Deinen großen Tag. Ich bin echt gespannt darauf, was Du uns präsentieren wirst, Deine letzte Arbeit war ja nicht von schlechten Eltern!‘

‚Ich weiß nicht Martin, ich bin schon ziemlich nervös. Ich habe wirklich Angst davor, die Sache zu versemmeln und Professor Guillot zu enttäuschen‘

Hiobsknecht verstand die Welt nicht mehr. Normalerweise hätte er selbst Martin gegenüber aufgrund seiner Sozialisation nie eine Schwäche zugegeben, sondern irgendeinen leicht schwachsinnigen Machospruch abgelassen. Sein Eingeständnis wiederum ließ Martin Sanktus seelsorgerische Ader anschwellen.

‚Mensch Claudio, mach Dir mal keine Sorgen. Wenn irgendeiner hier eine gute Arbeit hinlegt, dann bist Du das! Und was dieses arrogante, abgehobene Arschloch von Guillot angeht, so wissen wir alle, dass der Dich bei Deiner Hausarbeit beschissen hat, denn die war Spitze und hätte mit einer Eins bewertet werden sollen! Also bleib ruhig und wenn Dir Seneca, die alte Pissnelke, blöd kommt, dann bin ich auch noch da. Kopf hoch, Du wirst das Kind schon schaukeln!‘

Die ermunternden Worte hätten schon bei den meisten anderen Zeitgenossen eine positive Wirkung entfaltet, aber der Effekt auf Claudio war phänomenal. Sein Sicherheitsgefühl steigerte sich enorm und zum ersten Mal in seinem Leben kam es ihm in den Sinn, dass es nicht unbedingt immer sein Fehler sein musste, wenn ihn jemand diskriminierte. Fast erschien es dem Hochgelobten so, als wenn jemand einen Schalter in seinem Verstand umgelegt hätte. Freunde, das nenne ich einmal ein Aha-Erlebnis!

Jedenfalls betraten der jetzt mit dem Ansatz ein Rückgrades Versehene und sein Seelsorger

den überfüllten Seminarraum. Positiv überrascht erblickte Claudio die direkt am Tisch gegenüber der Tür sitzende schöne Messalina, auf die wiederum heiter ihre beste Freundin, Sabine Poppaea, einredete.

‚..schöne Bitch!‘

Hiobsknecht, in dessen naivem Gemüt sich die Annahme manifestierte, dass sich die soeben beendete Konversation um Hundezucht drehte, grüßte Valerie mit neugewonnenem Selbstbewusstsein; man möge unserem Helden verzeihen, in jenen Zeiten hatten ‚Bitches‘ noch nicht so recht Eingang in den allgemeinen Sprachgebrauch gefunden. Messalina wiederum lächelte unergründlich und zwinkerte dem glücklichen Claudio freundlich zu. (…)

Kürzen wir hier doch einmal dezent ab:

Die aus dem komplexbehafteten petits-bourgeois im Enstehen begriffene Person hielt über das unappetitliche Thema ein wirklich geiles Referat, das nicht nur Guillot dazu motivierte, auf das Schlachten dieses güldenen Esheks der Geschichtswissenschaften zu verzichten und diesen besser nach Kräften auszubeuten, sondern auch die Kommilitonen -mit Martin Sanktus als Vorreiter- zu Ovationen veranlasste. Claudio und Messalina kamen sich näher und führten zum Erstaunen der sonstigen Studentenschaft eine Beziehung, die aber tragisch endete. Hiobsknecht beendete sein geisteswissenschaftliches Studium mit Auszeichnung, fand aber keinen Arbeitsplatz und endete schließlich als Taxifahrer in Tübingen…

Dackelsche bemerkt die Änderung und pariert:

(..‚) ‚Claudio, Du alte Wursthaut, alles frisch im Schritt?‘

Hiobsknecht beschlich mit einmal eine mehr als gewöhnlich übliche Furcht, zu spät zu kommen. Den Gruß seines Kommilitonen ignorierend betrat er hastig den Seminarraum, während Martin seinen Abgang sowohl ärgerlich wie auch überrascht beobachtete. Von einem solch üblen Omen beeindruckt, beschloss Sanktus der Vernunft zu gehorchen und das Seminar sausen zu lassen, um seinen Kater ordentlich auszuschlafen. Derweil fand der Pünktlichkeitsfanatiker die beiden Grazien mitten in der beschriebenen Konversation. Sabine beendete wohl gerade einen Bericht von ihrer letzten Party.

‚…dann haben die Drei eine Strichliste geführt und wer am meisten konnte, durfte dann ohne Gummi.‘

‚Sabinchen, das ist ja nichts! Heute vernaschen mich fünf Kerle und die machen es ohne Kondom; das wird herrlich! Ach übrigens, Deine Frage mit diesem Schwachmaten: Ich glaube nicht, dass Hiobsknecht viel in der Hose hat, aber ich habe Mitleid mit dieser armen Sau und das wird bestimmt lustig!‘

‚Das musst Du mir aber hinterher alles erzählen!‘

‚Klar, in allen Details!‘

‚Messalina, Du bist schon ne ganz schöne Bitch!‘

Fast gleichzeitig erblickten die plaudernden Freundinnen den mit offenem Mund dastehenden und debil dreinblickenden Casanova auf dem Höllentrip. Die Folge bestand in einem hämischen Gelächter, das -mit wenigen Ausnahmen- auch den Rest der Anwesenden erfasste (…)

Kürzen wir auch hier den dieses Mal weniger erfreulichen Verlauf der Handlung ab:

Durch die vorhergehenden Ereignisse völlig verstört und von seinen Sprachstörungen gehemmt, gelang es Claudio nicht wirklich, sein Referat in nachvollziehbarer Form vorzutragen. Das wiederum veranlasste Seneca seinen Hassgefühlen freien Lauf zu lassen und den offensichtlich überschätzten ‚Kleinbürger‘ mit höhnischen Bemerkungen -eingerahmt von einem geradezu sardonischem Gesichtsausdruck- zum Gaudium des größten Teils der Anwesenden den Rest zu geben. Dieses Erlebnis warf den Delinquenten dermaßen aus der Bahn, dass er dem Alkohol verfiel und sein Studium abbrach.

Die Partie geht an Dackelsche, aber Luzifer bereitet die nächste Attacke vor.

*

‚Nehmen Sie doch bitte Platz, meine Herrschaften!‘

Dr. Friedemann von Jungfreud betrachtete Willi und Krimhilde Hiobsknecht an diesem Sommertag des Jahres 1991 mit gut verhohlener Verachtung an, während sein Gesicht in gewohnt unoffener Manier ein joviales Lächeln erbrach. Diese beiden unscheinbaren, spießigen Gestalten entsprachen so fabelhaft dem Bild, das er sich nach den vorhergegangenen Therapiesitzungen von Claudios Eltern gemalt hatte, dass der selbstbewusste Psychiater sich einmal mehr so vorkam wie Picasso nach der Erfindung des Kubismus. Als Chefarzt an der ‚Klinik für mentale Störungen Knappenschreck‘ besaß ‚Doktor Pillemann‘, wie ihn liebevoll seine Untergebenen wegen seiner intensiven Kontakte zur Pharmaindustrie und der etwas einseitigen Fixierung auf den Genitalbereich von ihm betreuter Patienten nannten, reichlich Erfahrungen mit dieser gängigen Art von Zeitgenossen in- und außerhalb seiner Einrichtung.

‚Herzlichen Dank, Herr Doktor!‘

Das chefärztliche Lächeln völlig missdeutend, setzte sich das etwas zu kurz geratene Familienoberhaupt auf einen der beiden dargebotenen, leicht abgewetzten Plastikschalenstühle, die sich vor dem antiken Schreibtisch im Empirestil -übrigens eine milde Gabe dankbarer Pillendreher- der Koryphäe psychiatrischer Gelehrsamkeit befanden.

‚Hilde, Du setzt Dich dorthin.‘

Gehorsam platzierte sich das getreue Eheweib auf das freigebliebene Plastikmöbel.

Mit gespielter Unkenntnis warf der mentale Heiler dem Fanal einer partnerschaftlichen Ehegemeinschaft einen aufmunternden Blick zu.

‚Also Herr, ähm, Kioskknecht, was ist denn Ihr Begehr?‘

‚Entschuldigung, Herr Doktor, es heißt: Hiobsknecht! Also mein schwachsinniger Sohn wurde in Ihr Irrenhaus eingewiesen! Das kann ich zwar verstehen, weil der schon immer ein bekloppter Spinner war, aber ich kann den unmöglich in Ihrer Irrenanstalt lassen! Sie wissen schon, die Nachbarn…‘

Krimhilde, die sich in ihrer heiligen Einfalt nicht länger bezähmen konnte, unterbrach leicht schrill die in verwegener Unterwürfigkeit vorgetragene Rede ihres Gatten.

‚Diese Schande, mein Sohn ein Irrer. Wie der Bekloppte in ‚Psycho‘…‘

Hierzu sollte dem geneigten Leser bekannt sein, dass Hilde Filme mit ‚Psychopathen‘ überaus liebte; vermutlich, weil die sie irgendwie an ihre bessere Hälfte erinnerten. Der treusorgende Vater wiederum überschlug sich ob der unwillkommenen Störung nicht gerade vor Begeisterung und bedachte die geliebte Frau mit einem Blick, den vermutlich auch Genghis Khan besonders gehassten Feinden vor deren Exekution schenkte. Diese visuelle Aufmerksamkeit ließ dann auch das Muttertier abrupt schweigen.

‚Darf ich jetzt weiterreden? Danke! Ich will Sie nicht länger stören Herr Doktor, deshalb fasse ich mich kurz. Ich möchte Sie um einen Riesengefallen bitten. Sie müssen entschuldigen, aber bitte übergeben Sie mir den Lausebengel in meine strenge, aber gerechte Aufsicht. Ich schwöre Ihnen, Herr Doktor, ich werde dem Kerl die Flausen schon austreiben. Sie können sich nicht vorstellen, was ich dem für eine Abreibung verpassen werde!‘

Leger lehnte sich der experimentierfreudige Freund spendabler pharmazeutischer Hersteller in seinem großzügig gespendeten, krokodilledernen Chefsessel zurück.

‚Ich würde ja so gerne Ihrer Bitte entsprechen, Herr Hiobsdreck! Leider, leider sind mir doch die Hände gebunden. Sie müssen wissen: Ihr Sohn hat versucht Suizid zu begehen!‘

Ihr müsst wissen, dass der letzte Satz mit einer schmierenmäßigen Theatralik hervorgestoßen wurde, die vermutlich auch ausgezeichnet zu einem billigen Bühnenstück über die Untaten eines viktorianischen Unholdes namens Jack passte.

‚Ich wusste es! Jetzt fängt der kleine Drecksack an, Frauen zu belästigen! Das werde ich aus dem herausprügeln!‘

Den Zornesausbruch des verständigen Vaters zur Kenntnis nehmend, konnte auch die holde Krimhilde ihre Emotionen trotz drohender, häuslicher Gewaltexzesse nicht länger beherrschen.

‚Diese Schande, ein Sittenstrolch. Wie in Psycho…‘

Zunächst überfiel unseren psychiatrischen Laiendarsteller eine gewisse Sprachlosigkeit hinsichtlich der zelebrierten Unkenntnis der liebevollen Eltern, aber die war bei Dr. Pillemann nie von langer Dauer.

‚Meine Herrschaften, beruhigen Sie sich doch! Ich habe mich vielleicht falsch ausgedrückt: Ihr Sohn hat versucht Selbstmord zu begehen!‘

‚Ach so, das ist typisch für diesen Schwächling. Wissen Sie, Herr Doktor, seine Mutter hat den zu sehr verzärtelt, aber der werde ich das nachher auch noch austreiben. Händigen Sie mir nur diesen Schlappschwanz aus, Herr Doktor, den werde ich schon zu einem Mann erziehen!‘

Allmählich überkam von Jungfreud das Gefühl, dass die anwesende Elternschaft vermutlich noch durchgeknallter war als sein unglücklicher Patient. Das mit dem Suizidversuch verfehlte offensichtlich knapp die beabsichtigte Wirkung, aber unser Friedemann kannte seine Pappenheimer.

Wir sollten hier vielleicht kurz auf die Geschehnisse eingehen, die unseren wenig vom Glück begünstigten und derweil von Sozialhilfe lebenden Claudio den Aufenthalt in besagter Klinik unter der gewinnorientieren Ägide Pillemanns bescherte. Der hatte nämlich in seinem verwahrlosten ‚Apartment‘ im Souterrain im Alkoholrausch in einem verzweifelten Wutausbruch mit dem rechten Arm eine Bierflasche zertrümmert und versuchte anschließend dem Delirium nahe bei einer benachbarten Pommesbude Nachschub zu holen. Trotz des Blutverlustes und natürlich ordentlich durch den Alkoholpegel betäubt, schaffte es unser kleiner Trunkenbold tatsächlich zu besagter Lokalität, brach aber da in gnädiger Ohnmacht zusammen. In der Notaufnahme kurz zusammengeflickt, reichte man den selbstverstümmelnden Zerstörer alkoholhaltiger Getränke rasch an die Psychiatrie weiter. Erstaunlich, nicht wahr. Das beschriebene Ereignis könnte eventuell damit zusammenhängen, dass in der Notaufnahme ein alter Amigo Dr. Jungfreuds seinen Dienst verrichtete, der ihn auch gerne mit Patienten versorgte. In diesem Fall war ein möglichst schnelles Vorgehen notwendig, damit die alkoholbedingte Verwirrung Hiobsknecht des Jüngeren nicht etwa verflog. Für den psychiatrischen Paracelsus stellte der naive und unterwürfige Claudio einen echten Glücksfall dar, da er an dem Selbstmörder wider Willen allerlei neuartige Psychopharmaka ausprobieren konnte und fette Provisionen dafür kassierte; an Kassenpatienten verdient man ja sonst nix.

Der Psychiater fixierte seine illustren Besucher mit einer Miene, die routinierte Ärzte vermutlich für unheilbar Kranke reservierten, kurz bevor diese den Todeskandidaten ihr unglückliches Schicksal offenbarten.

‚Ich fürchte, meine Herrschaften, Ihr Sohn ist ein Onanist!‘

Von der Grabesstimme des Doktors irritiert sah Hiobsknecht Senior von Jungfreud leicht verwirrt an.

‚Ich verstehe nicht Herr Doktor! Der hat vorher noch nie Orgel gespielt!‘

Der Seelenreparateur schwieg zunächst völlig perplex, um dann amüsiert aufzulachen.

‚In der Tat, Ihr Filius orgelt sich gelegentlich einen ab. In Ihren Kreisen bezeichnet man das, so glaube ich, auch mit einen herunterholen.‘

Willis Augen versprühten einen dermaßen gewaltigen Feuersturm, der sich durchaus mit dem Odem Fafnirs des mythologischen Drachen der Siegfriedsage, vergleichen ließ.

‚Die Sau!‘

Der sympathiebedürftige Seelenarzt rieb sich hingegen rein psychisch die Hände.

‚Denken Sie nur an die gesundheitlichen Schäden, die durch die sexuellen Ausschweifungen Ihres lasterhaften Sohnes entstehen können: Erblindung, Demenz, äh, Verblödung und all das Andere!‘

Krimhildes simples Gemüt realisierte in der Zwischenzeit den Sinn der psychologischen Expertise und erbleichte in Fassungslosigkeit.

‚Oh nein, diese Schande. Dieses verkommene Kind! Nein, nein, das darf nicht sein! (...)‘

‚Ruhe Frau! Diesen Wichser werde ich schon zur Räson bringen! Ich habe da einige Sachen früher bei der Hitlerjugend gelernt. Ich muss darauf bestehen, Herr Doktor, dass Sie mir den Perversen ausliefern, um ihm seine kranken Angewohnheiten mit bewährten, deutschen Mitteln auszutreiben und ein Strafgericht zu halten!‘

Allmählich begann der gar fürsorgliche Vater dem abgebrühten Chefarzt Angst einzujagen. Normalerweise machte die sexuelle Schiene das kleinbürgerliche Spießerlein mundtot und fügsam, aber bei diesem Typen stimmte zwar die Richtung, aber leider nicht das gewünschte Resultat. Jungfreud beschloss seine ultimative Wunderwaffe einzusetzen!

‚Das ist leider noch nicht alles! Es schmerzt mich Ihnen das offenbaren zu müssen: Ihr Sohn ist latent homosexuell!‘

Vor Grauen erstarrte förmlich der Körper des gealterten Hitlerjungens, während seine Frau mit untypischer Schnelligkeit den Sinn des gesagten erfasste und einen fürchterlichen Schrei ausstieß, der dem bevorzugter Opfer in von ihr präferierten Horrorfilmen glich.

‚Der muss krank sein, krank sein im Gehirn! Das Schwein kastrier ich, wie einen läufigen Kater. Kann man den nicht am Kopf operieren oder Stromschläge geben!‘

Ob des Übervaters cholerischen Ausbruchs lächelte der Meister aller imaginären, mentaler Störungen maliziös, endlich verlief die Konversation in gewohnte Bahnen.

‚Sie meinen natürlich Elektroschocks oder eine Lobotomie – eine sehr reizvolle Vorstellung! Ich denke aber eher an eine medikamentöse Therapie mit ganz ausgezeichneten Psychopharmaka der Firma Meyertod. Das sind ganz neue, wirkungsstarke Produkte mit unwesentlichen Nebenwirkungen wie katatone Schizophrenie. Weil Sie so tolle Eltern sind, bekommt Ihr kranker Sohn auch als aller erster die Medikation. Ich habe hier schon eine Einverständniserklärung vorbereitet, die alles Weitere regelt. Unterzeichnen Sie einfach und Sie haben mit der ganzen, hässlichen Angelegenheit inklusive Ihres psychotischen Abkömmlings nichts mehr zu tun!‘

Als fast gebrochener Mann und voller Verzweiflung sah der Archetyp aller väterlichen Gewalten den großen Wohltäter an.

‚Ich glaube, Herr Doktor, es ist wirklich das Beste, wenn Sie diesen Geisteskranken behandeln. Hilde, du Miststück, warte bis wir daheim sind, dann kannst Du was erleben, der kann unmöglich von mir sein!‘

Während die gescholtene Ehefrau leicht schüttelfrostartig bei dem Gedanken an zukünftige Zärtlichkeiten zitterte, lehnte sich der große Experimentator zufrieden in seinem exquisiten Chefsessel zurück.

‚Ich werde sogleich die Unterlagen von einer Assistenzärztin holen lassen. Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten, draußen haben wir ganz ausgezeichnete Kaffeeautomaten für unsere Hilfskräfte von der Firma Muckefuck.‘

‚Sehr nett von Ihnen, Herr Doktor, aber ich mag keinen Kaffee und meine Frau bekommt keinen!‘

Jungfreud feixte verständnisvoll und bediente gleichzeitig die Sprechtaste des Inerkoms.

‚Frau Dr. Nightingale bringen Sie mir doch die Unterlagen für diesen Hiobsknecht! Die haben Sie doch hoffentlich schon ausgefüllt?‘

‚Natürlich Dr. Pill(…), Herr Doktor Jungfreud!‘

‚Dann aber pronto und melden Sie sich danach bei der Personalabteilung!‘

Heiteren Gemüts angesichts der kommenden Aufmerksamkeiten der Firma Meyertod ließ sich der großzügige Chefarzt herab, den nach immer leicht aufgewühlten Hiobsvater anzulächeln.

‚Das Personal heutzutage ist wirklich unmöglich und diese Frau mit Ihrem kontraproduktiven Verständnis für psychisch Kranke werde ich in Bälde entsorgen. Seien Sie beruhigt, Herr Hiobsdreck, ich werde mich schon um Ihren Sohn in profitabler Form kümmern. Wissen Sie, ich sehe mich nämlich als coolen Humanisten!‘

Luzifer interveniert:

Wie ihr euch vermutlich denken könnt, verstand unsere Zierde jeglicher Vaterschaft so ungefähr die Hälfte von den vorhergehenden Äußerungen.

‚Herr Doktor Kumanis, Sie haben bestimmt sehr lange auf der Akamie studieren müssen, um diesen Titel zu bekommen. Ich bin sicher das kranke Arschloch ist bei Ihnen sehr gut aufbewahrt!‘

‚Sie sind so herrlich erfrischend Herr Hiobsrecht! Ah, da sind Sie ja Nightingale (…)

In bewährter Manier kürzen wir auch hier ab:

Natürlich unterschrieben die treusorgenden Eltern -Hilde natürlich nur auf ordre de mufti- das Dokument und bescherten dem ungeliebten Filius einen 20-jährigen Aufenthalt in allerlei psychiatrischen Anstalten. Aufgrund einer Gesundheitsreform äußerst sozial und christlich denkender Parteien, die zwar offiziell Inklusion propagierte, aber natürlich nur wieder Kostenersparnis bei den Schwächsten bewirken sollte, entließ man Claudio in die freie Wildbahn, in der er dann nach sechs Jahren als Obdachloser verschied.

Dackelsche reagiert:

(…) ich sehe mich nämlich als coolen Humanisten!‘

Hiobsknecht sprang wie ein kleines Springteufelchen von seinem unbequemen Sitzplatz auf und schlug zum Entsetzen unseres Menschenfreunds ganz gewaltig mit der Faust auf den edlen Schreibtisch.

‚WAS, ein schwuler Kommunist! Fast wäre ich auf Dich hereingefallen, Du verfluchter Bolschewik! Hilde, wo ist das Hackebeil! Du hast den kleinen Bastard verführt und meine Ehre besudelt, Dir werde ich es zeigen!‘

(…)

Okay, machen wir wieder einen Shortcut:

Der väterliche Choleriker hechtete mit einer außerordentlichen, hochspringerischen Leistung über den Schreibtisch, um den missverstandenen Doktor samt krokodilledernen Sitzmöbel zu Boden zu reißen und zu misshandeln. Dabei verletzte sich der Angegriffene ziemlich schwer, sodass zum Wohle von Patienten und Personal der geschäftstüchtige Chefarzt für eine längere Zeit ausfiel. Hiobsknecht Senior wiederum wurde von dem inzwischen von dem durch Dr. Nightingale, die kurz nach dem Beginn des Angriffs unwillig den Raum betrat, verständigten Sicherheitsdienst in seinen ehrerhaltenden Absichten gehemmt und der Polizei übergeben. Da der rasende Willi sich an einem Angehörigen der Oberschicht vergriffen hatte, verstand im folgenden Prozess der zuständige Richter keinen Spaß und verurteilte den Delinquenten zu einer langjährigen Haftstrafe. Für Mutter und Sohn bedeutete dies, wir ihr euch denken könnt, einen außerordentlichen Glücksfall. Krimhilde entdeckte in den langen Jahren ehemännlicher Abwesenheit ihr unterdrücktes Selbst und begab sich nach später Erkenntnis, kurz vor der Entlassung des zärtlichen Partners, in ein Frauenhaus. Claudios Behandlung wurde von Dr. Nightingale fortgesetzt, der es tatsächlich gelang, die nicht imaginären Störungen des Patienten einzudämmen und ihn schließlich in eine betreute Wohngemeinschaft zu vermitteln. Leider zahlte sich das ehrliche Engagement der Ärztin hinsichtlich ihrer weiteren Karriere in der knappenschrecker Anstalt nicht für sie aus, da Dr. Pillemann wegen des geschäftsschädigen Verhaltens seiner Untergebenen für deren Entlassung sorgte; aber dank ihrer Kompetenz fand Dr. Nightingale eine zwar schlechter bezahlte, aber weit angenehmere Anstellung.

Wieder gewinnt Dackelsche, aber Luzifer gibt trotzdem nicht auf.

*

Das Jahr 2007: Der Orkan Kyrill mischte Europa auf, das Wort Klimakastrophe wurde denn auch zum Wort des Jahres gekürt, in den USA, Frankreich und Deutschland regierten Administrationen, die man nach heutigen Maßstäben wohl weit in die rechte Ecke stellen würde – viel später vollzog dann aus machterhaltungstechnischen Gründen eine Regierungschefin eine geradezu biblische Verwandlung hinsichtlich ihrer politischen Ansichten – und Claudio Hiobsknecht saß am einem Frühsommertag dieses denkwürdigen Jahres knochentrocken in der Küche seiner WG und grübelte in gewohnter Entschlusslosigkeit. Seit seinem misslichen Gastspiel in der Psychiatrie und der letztlich glücklichen Wendung der Geschehnisse waren ganze Ozeane den Rhein heruntergeflossen. Seine persönliche Situation hatte sich insoweit verbessert, dass unser gebeutelter Held nun Mitglied einer stinknormalen Wohngemeinschaft war und eine ebenso banale, prekäre Existenz als Dauerkunde der ARGE führte. Momentan beschäftigte sein demütiger Geist mit dem gefühlt 1000-sten Weiterbildungsangebot, das aus einem zweimonatigen Kurs zum Fachgehilfen im Qualitätsmanagement bestand. Über die Sinnhaftigkeit einer solchen Maßnahme ließ sich natürlich trefflich streiten, aber der weiterbildende Kooperationspartner jener wohlfeilen Agentur für Arbeitslosigkeit machte damit manch schönen Euro. Solch defaitistische Überlegungen vermochte der verinnerlichte, kleinbürgerliche Horizont unseres Denkers natürlich nicht zu erfassen, vielmehr bereitete es dem Knechtling äußerste Sorge, ob seine kognitiven Fähigkeiten überhaupt den ungeahnt geringen Anforderungen des Kurses gerecht werden würden. Von solch heroischen Überlegungen lenkte ihn die nun eintretende Mitbewohnerin Maria Johanna West ab, ein blondgelockter Männertraum, der unserem Claudio auf dem Weg zum Kühlschrank ein gutmütiges Lächeln schenkte.

‚Hallo Claudio, schön Dich zu sehen!‘

‚Ha-Ha-llo Mara, auch sch-sch-ön. Ähm, auch schön Dich zu sehen.‘

Wie ihr euch vermutlich vorstellen könnt, hinterließ die Eintretende bei dem unerfahrenen Claudio einen leicht irritierenden Eindruck. Maria -für Freunde einfach Mara- lächelte fein, öffnete das gemeinschaftliche Kühlgerät und entnahm das Produkt eines bekannten Milchproduzenten, der damals durch seine schwachsinnige Werbung und dem geschickteren Abkassieren staatlicher Subventionen einen gewissen Bekanntheitsgrad besaß. Lächelnd drehte sie sich zu ihrem jungfräulichen Bewunderer um und erblickte unangenehm berührt Thomas Cajetan, der abfällig grinsend und unentschlossen an der Küchentür stand.

Luzifer schlägt zu:

Die selbstbewusste Maria ging eigentlich dem ungeliebten Mitbewohner nicht aus dem Weg, zumal sie Cajetans laienpredigerhaftes und intolerantes Wesen eigentlich im wahrsten Sinne des Wortes danach schrie, gezügelt zu werden. Nur dieses Mal übermannte sie der Gedanke, dass es sich nicht lohnte, sich mit diesem Idioten auseinanderzusetzen. Außerdem war da noch in einer Stunde eine Verabredung mit ihrer Freundin Norma Jean in einem angesagten Szenelokal, die angenehme Stunden inniger Zweisamkeit und eine heiße Nacht versprach. Mit unbeweglichem Gesicht und Cajetan, der mit einem schmierigen Grinsen behände zur Seite trat, ignorierend, rauscht die schöne Maria von der Bühne.

‚Gut, dass die Kampflesbe abgehauen ist, nicht wahr Hiobsknecht?‘

Der Angesprochene lachte mit einfältiger Unterwürfigkeit.

‚A-Aber Tommi, Du und deine seltsamen Scherze! Komm doch kurz zu mir, ich habe da ein Problem.‘

Verliebtheit und mangelnde Erfahrungswerte trübten unglücklicherweise die Wahrnehmung unseres verhinderten Romeos, sodass die offen ausgelebte, sexuelle Orientierung seiner attraktiven Mitbewohnerin, dem naiven Galan nun völlig entging. Cajetan wiederum witterte Blut, nachdem sein verachteter, aber nützlicher Wohngenosse potentielle Probleme erwähnte, die vielleicht eine Möglichkeit für eine profitable Abzocke bot.

‚Ja, Claudio, mein Freund. Erzähle mal, für Dich habe ich doch immer ein offenes Ohr!‘

‚Tommi, die ARGE bietet mir eine freiwillige Fortbildung zum Fachgehilfen im Qualitätsmanagement an. Tommi, ich weiß nicht, ob ich das schaffen kann. Du weißt ja, dass ich nicht der Klügste bin und das hört sich schon sehr anspruchsvoll an.‘

Nun traf es sich, dass der eigennützige Ratgeber bereits an dieser Maßnahme im Rahmen seiner äußerst erfolgreichen Beschäftigungsvermeidungsstrategie teilgenommen hatte, aber den Kurs entgegen seiner Gewohnheiten wegen der wenigen und dazu noch äußerst stupiden Lerninhalten abbrach.

‚Da haste echt recht, mein guter Claudio. Ich habe nämlich mal selber an dem Lehrgang teilgenommen und der ist echt heftig! Nicht für ungut, alter Kumpel, aber Dir wird es wohl an der nötigen Intelligenz mangeln. Du hast zwar ein gutes Herz, aber der Hellste bist Du wohl wirklich nicht; lass es besser!‘

‚Meinst Du wirklich?‘

‚Claro, was nützt es Dir, wenn Du schon wieder versagst. Aber ich hätte da vielleicht etwas für Dich! Ich könnte Dir vielleicht ein Job als Helfer auf dem Bau besorgen, ich kenne da zufällig den Unterpolier. Du müsstest mir aber erst einmal 100 Euro für meine Auslagen geben.‘

‚Danke Tommi!‘

(…)

Und wenn er nicht in die Zwischenzeit gestorben ist, lebt unser Held weiterhin als Ausbeutungsobjekt großer und kleiner Sozialbetrüger in hoffnungsloser Beschäftigungslosigkeit.

Dackelsche kontert:

Cajetan erblickte Mara vor dem Kühlschrank stehend und verspürte ein ungewöhnlich starkes Unbehagen, dass seine normalen Angstgefühle gegen die ihm intellektuell überlegene Frau bei weitem überstieg. Normalerweise hätte er das Für und Wider hinsichtlich der Nützlichkeit einer Auseinandersetzung -nicht immer zog unser böswilliger Freund den Kürzeren- zumindest einen Augenblick abgewogen und sein schmieriges Verlegenheitsgrinsen aufgesetzt. Aber aus einem Impuls heraus drehte sich der charakterlich flexible WG-Angehörige um und suchte fluchtartig das Weite.

 

Lächelnd drehte das Objekt der vorhergehenden Panikattacke sich zu ihrem jungfräulichen Bewunderer um und bemerkte dessen angespannte Mimik.

‚Claudio ist irgendetwas, Du siehst so merkwürdig aus?‘

‚E-e-es i-ist nichts!‘

Maria kannte Meister Hiobsknecht gut genug, um zu wissen, dass sich hier irgendetwas im Gesträuch befand.

‚Na raus mit der Sprache und keine Angst, ich werde Dich schon nicht auslachen!‘

Unser blondes Gegengift lächelte Claudio auffordernd freundlich an und nahm ihm damit einen großen Teil seiner Unsicherheit.

‚Mara, die ARGE bietet mir eine freiwillige Fortbildung zum Fachgehilfen im Qualitätsmanagement an. Mara, ich weiß nicht, ob ich das schaffen kann. Du weißt ja, dass ich nicht der Klügste bin und das hört sich schon sehr anspruchsvoll an.‘

Die meisten Kerle waren für unsere unfreiwillige Schönheitskönigin in jeder Beziehung uninteressant, aber für diesen hilflosen, gealterten Jungen entwickelte sie fast mütterliche Gefühle; ihre Freundin Norma Jean siedelte Männer übrigens auf einer Evolutionsstufe zwischen Gorilla und Schimpansen an.

‚Ich will Dir mal was sagen, mein Lieber: Wer Dich für dumm hält, der hat selber nicht mehr alle Latten auf dem Zaun. Und außerdem bin ich überzeugt davon, dass Du den Lehrgang mit Bravour bestehen wirst! Wer sonst, wenn nicht Du!‘

Hiobsknechtens unscheinbares Gesicht erstrahlte förmlich so wie die Sonne an einem Hochsommertag. Verliebt betrachtete er seine Angebetete.

‚Liebe Mara, vielleicht könnten wir (…)‘

Das Objekt verborgener Begierden begriff sofort die unglückliche Wendung, die der Dialog zu nehmen drohte und trat sanft auf die Notbremse; außerdem war ja da noch das Date mit Norma Jean.

‚Sorry, wenn ich Dich unterbreche, aber muss allmählich los. Ich habe da nämlich noch eine ganz dringende Verabredung mit meinem Steuerberater. Sei mir nicht böse Claudio und versprich mir, dass Du an dem Kurs zum Steuerfachgehilfen teilnimmst! Und tschüß!‘

‚Danke Mara!‘

(…)

Voilá, die Kurzversion:

Natürlich bestand Claudio seinen durch Niveaulosigkeit bestechenden Kurs und fand durch glückliche Umstände einen mit Mindestlohn bezahlten Job bei einer Zeitarbeitsfirma, die aber für ihren Leiharbeitnehmer mächtig Kohle abstaubte. Aus nachvollziehbaren Gründen verließ Mara einige Wochen nach dem Gespräch die WG, während Tommi einige Tage später wegen kleinerer Deals mit weißem Pulver seine Zelte in der JVA aufschlug. Unser Held beendete seine Karriere als Mitbewohner und mietete eine kleine, überteuerte Wohnung in einem heruntergekommenen Viertel der Stadt an. Beruflich setzte man ihn als Qualitätskontrolleur ein, wobei man aus Kostengründen über die eigentlich notwendigen Qualifikationen hinwegsah. Und schon sind wir bei der Ursache des ganzen Theaters: Im Jahr 2015 nahm Claudio Hiobsknecht als kurzfristig einspringender, vermieteter Qualitäter bei einem Dryrun (‚Trockenlauf‘= nicht formal vor dem eigentlichen Abnahmetest) bei einem bekannten Softwarehersteller teil, bei dem es Radarzieldarstellung ging. Im Rahmen dieses Testes monierte der fachlich unbedarfte, aber dafür umso engagiertere ‚Qualitöter‘ in seiner übertrieben pedantischen Art eine nebensächliche Kleinigkeit die Anzeige einer Primärradarziels betreffend und brach den Test völlig in ungerechtfertigter Prozesshörigkeit ab. Der zuständige Entwickler ‚beautifizierte‘ daraufhin eine von Millionen Zeilen Code, um beim zweitem Testtermin -ohne Claudio, der nun bei einem Hersteller von Eierlöffeln wirkte- erfolgreicher zu sein. Teile dieses Codes wanderten in der einen oder anderen Form in immer fortschrittlichere Systeme, um in verwandelter Form in die Billionen Codezeilen Dackelsches zu wandern. Wäre es Luzifer gelungen, Hiobsknecht auszuschalten und somit die eine Zeile Code in ihrer ursprünglichen Form zu bewahren, wäre eventuell eine kleine Sicherheitslücke in Dackelsches Abwehr entstanden.

Für Luzifer übersteigt der Aufwand den potentiellen Nutzen und Dackelsche gewinnt das Spiel endgültig.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 05.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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