Lena Kelm

Wenn dieser Blick töten könnte

Früher war die U7 samstagmorgens leer. Oh, Wunder, ich finde einen freien Sitz und der gegenüber ist auch frei! Welche Wohltat, die Beine ausstrecken zu können. Die Arthrose in den Knien macht mir zu schaffen, allein die Vorstellung fast eine Stunde lang die Beine nicht ausstrecken zu können, ruft Phantomschmerzen hervor. Oft stehe ich zu Gunsten eines schnellen Displaywischers einfach auf, mein Buch in der Tasche verstauend. Ich ahne, nach ein paar Stationen werde ich meine Beine wieder einziehen müssen.

Irrtum. Die U-Bahn hält. Schon steht neben mir eine Frau. Stumm. Ich schaue auf, blicke in ein unscheinbares, blasses Gesicht, schätze sie auf Mitte sechzig. Vorwurfsvoll schweigend starrt sie auf meine Beine. Wenn dieser Blick töten könnte! Ich ziehe schnell meine Beine heran. „Entschuldigung, bitte!“ Warum ich das jetzt sage, verstehe ich selbst nicht. Mehr Konversation als – „Darf ich vorbei?“ – „Aber selbstverständlich, bitte.“ – „Dankeschön! – erwartet niemand.

Diese Frau ist irgendwie sonderbar. Das kommt vor. Ich registriere mit einem Seitenblick, wie sie mich mit ihren grauen kalten Augen missbilligend mustert. Das ist etwas seltsam. Es gibt keinen freien Platz mehr zum Umsetzen. Die Frau holt aus ihrer teuer aussehenden Tasche eine kleine Bibel und beginnt zu lesen. Jetzt kann ich, wenn auch verstohlen, gebe ich zu, Blicke auf sie werfen.

Plötzlich sind ihre Gesichtszüge milder. Täusche ich mich? Wird die Frau menschlicher, wenn sie mit Gott spricht? Was ist echt an dieser Zufallsbekanntschaft? Vielleicht begegnen wir uns noch einmal in der U7. Man trifft sich immer zwei Mal im Leben.

Diesen Beitrag empfehlen:

Mit eigenem Mail-Programm empfehlen

 

Die Rechte und die Verantwortlichkeit für diesen Beitrag liegen beim Autor (Lena Kelm).
Der Beitrag wurde von Lena Kelm auf e-Stories.de eingesendet.
Die Betreiber von e-Stories.de übernehmen keine Haftung für den Beitrag oder vom Autoren verlinkte Inhalte.
Veröffentlicht auf e-Stories.de am 07.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

Die Autorin:

Bücher unserer Autoren:

cover

Wenn der Fluss den Nebel trägt: Gedichte von Bernd Herrde



Kurz sind die Gedichte von Bernd Herrde. Und doch steckt in jedem einzelnen der Stoff eines ganzen Romans. Er handelt die großen Themen des Lebens ab, aber auch die kleinen Momentaufnahmen fehlen nicht. Ein Mosaik all dessen entsteht, was die Seelen der Menschen bewegt, flirrend bunt und schillernd, mal poetisch, mal augenzwinkernd, mal kritisch. Manchmal ist er voller Träume und getrieben von Sehnsucht, dann wieder lebensklug und herzensweise.

Möchtest Du Dein eigenes Buch hier vorstellen?
Weitere Infos!

Leserkommentare (0)


Deine Meinung:

Deine Meinung ist uns und den Autoren wichtig!
Diese sollte jedoch sachlich sein und nicht die Autoren persönlich beleidigen. Wir behalten uns das Recht vor diese Einträge zu löschen!

Dein Kommentar erscheint öffentlich auf der Homepage - Für private Kommentare sende eine Mail an den Autoren!

Navigation

Vorheriger Titel Nächster Titel

Beschwerde an die Redaktion

Autor: Änderungen kannst Du im Mitgliedsbereich vornehmen!

Mehr aus der Kategorie "Mensch kontra Mensch" (Kurzgeschichten)

Weitere Beiträge von Lena Kelm

Hat Dir dieser Beitrag gefallen?
Dann schau Dir doch mal diese Vorschläge an:

Unüberbrückbar? von Lena Kelm (Wahre Geschichten)
Kollektive Einsamkeit? von Christa Astl (Mensch kontra Mensch)
Ganz ohne Chance!? von Christina Wolf (Lebensgeschichten & Schicksale)