Jakob Kappert

Großspurigkeit


„Es ist doch so“ begann die Fahrgemeinschaftsspur „unter all den Fahrstreifen, die unsere Erdkruste schraffieren, gibt es solche, die eine Bestimmung haben und solche die es nicht haben.“

„Mhm“ brummte ihr Nachbar, eine gewöhnliche, kilometerweit gestaute Spur, an der Stoßrichtung der Diskussion desinteressiert.

„Nun mögen manche sagen, alleine der Zweck, tagtäglich befahren zu werden, sei doch eine Bestimmung - ist er nicht! Befahren zu werden ist die Daseinsvoraussetzung jedes Fahrstreifens, das Fundament, auf das er gegossen wird. Eine Bestimmung erhält er erst, wenn er über dieses Fundament hinaus wächst, immer höher und höher, bis er selbst zu höheren berufen ist.“

„Mag schon sein.“

„Nehmen wir uns als Beispiel. Du existierst, um befahren zu werden. Das allein zählt nicht als Bestimmung, aber es verursacht CO2. Ich wiederum wurde angelegt, um diesen CO2-Ausstoss zu regulieren. Das erhebt mich gegenüber dir nicht nur in Gefälligkeit, sondern in eine Bestimmung.“

Die Nachbarspur gähnte. Existentielle Diskurse langweilten sie zu Tode.

Die Fahrgemeinschaftsspur fuhr fort: „Wenn ich mir dich so anschaue mit deinem Stau, der scheinbar endlos in den Horizont hineinwächst, und den hämisch weitertuckernden Motoren, verstehe ich vollkommen, dass du so selbstgerecht daliegst, wie du es tust. Mich hingegen plagt deswegen immer und immer die selbe Frage: Verfehle ich meine Bestimmung, wenn ich durch meine Enthaltsamkeit die Entstehung eines Staus begünstige?“

„Solange wir beide grundsätzlich befahren werden, zerstören wir die Umwelt so oder so, die eine eben etwas mehr als die andere, sei also nicht so fadenscheinig, zu behaupten, deine Bestimmung läge darin, meine Zerstörung durch deine Zerstörung zu mildern. Ohne mich würde es dich überhaupt nicht geben; wenn hier also wer 'ne Bestimmung hat, dann jawohl ich! Und jetzt halt endlich ma die Schnauze! Ich hab zu tun.“

„Dann … habe ich meine Bestimmung gar nicht verfehlt, sondern schlichtweg verkannt? Liegt sie womöglich darin, dir die Möglichkeit zu liefern, mich Notwendig zu machen?“

„Das habe ich nicht ...“

„Oh, welch Erleichterung! Dank dir Freund!“

Sorgenfrei lehnte sich die Fahrgemeinschaftsspur zurück in die Behaglichkeit der Selbstgerechten, ließ sich die Sonne auf den Wanst scheinen und pfiff ihrem neuen Freund eine erquickende Melodie.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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