Claudia Savelsberg

Instinkte

Clarissa war glücklich. Morgen würde sie Frank heiraten, den Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte. Clarissa war jetzt 45 Jahre alt. Vor fünf Jahren hatte sie sich von ihrem Mann Alexander getrennt. In den 12 Jahren ihrer Ehe hatten sie sich auseinandergelebt.

Clarissa konnte sich nicht mehr daran erinnern, wie es dazu gekommen war, dass sie sich einander entfremdet hatten. Im letzten Jahr ihrer Ehe hatten sie getrennte Schlafzimmer, und jeder ging seines Weges. Als Clarissa diesen Zustand nicht mehr aushielt, erklärte sie Alexander, dass sie sie von ihm trennen wollte. Er nahm dies gelassen, fast schon erleichtert, auf.

Die Zeit nach der Trennung war nicht einfach. Clarissa hatte sich eine kleine Wohnung genommen, die sie nach ihren Vorstellungen gemütlich einrichtete. Mit Alexander hatte sie in einem Einfamilienhaus gelebt, das für ein Paar ohne Kinder zu groß war. Aber er wollte es so, und er hatte alles so eingerichtet und gestaltet, wie es seinen Vorstellungen entsprochen hatte. Clarissa wagte keinen Einwand.

Nach der Trennung hatte sie deutlich weniger Geld zur Verfügung, musste haushalten und auf viele Annehmlichkeiten verzichten, die sie in ihrer Ehe gehabt hatte. Aber es reichte für sie und ihren Hund Tasso. Sie wusste, dass es die richtige Entscheidung gewesen war, sich von Alexander zu trennen. Irgendwann hätte er sie erstickt, weil sie sich immer wieder untergeordnet hatte.

Clarissa bekam oft Kopfschmerzen und Magenschmerzen. Ihr Hausarzt konnte keine organischen Ursachen finden; es wäre wohl alles psychosomatisch nach ihrer Trennung. Clarissa ließ sich Medikamente verschreiben, versuchte stark zu sein, knüpfte neue Kontakte und begann langsam ihr Leben wieder zu genießen. Irgendwann, so hoffte sie, würde sie auch wieder einen netten Mann kennenlernen. Ihre Beschwerden wurden nicht besser, und ihr Hausarzt riet zu einer Kur.

In der Klinik lernte sie Frank kennen. Vom Typ her war er ganz anders als Alexander, gerade so groß wie sie, etwas untersetzt und mit raspelkurzen dunklen Haaren. Was Clarissa gleich an ihm mochte, waren sein warmes Lächeln und seine graugrünen Augen. Er war etwas jünger als sie, 41 Jahre, geschieden und hatte zwei Kinder.

Sie verbrachten viel Zeit miteinander. Frank hörte ihr zu, wenn sie ihm von ihrer Trennung und der Zeit danach erzählte. Er hatte eine positive Ausstrahlung, von der sich Clarissa angezogen fühlte. Sie verliebten sich. Einfach so. Beide hatte es nach ihren schlechten Erfahrungen nicht gewollt. Jetzt genossen sie dieses Gefühl. Ihnen war klar, dass diese Beziehung mit dem Ende des Kuraufenthaltes nicht vorbei wäre.

Clarissa und Frank lebten 300 Kilometer von einander entfernt, für ein frisch verliebtes Paar nicht gerade optimal. Aber sie telefonierten täglich und schrieben SMS. Alle vier Wochen kam Frank zu Besuch, und sie genossen die gemeinsame Zeit in vollen Zügen, alberten herum wie die Teenager.

Frank brachte ihr nie Blumen mit, was Clarissa schade fand und irgendwie auch sehr nüchtern. Sie wollte ein bisschen verwöhnt werden. Frank tat das lächelnd damit ab, dass er nun mal keinen Sinn für Romantik hätte. Clarissa schluckte, sagte aber nichts. Sie merkte auch schnell, dass Frank sehr sparsam war, fast schon knauserig. Manchmal vermisste sie es, dass sie mit Frank nicht über die Sachen sprechen konnte, die sie interessierten. Sie las gerne und war mit Alexander auch oft ins Theater gegangen. Frank interessierte das nicht, er schraubte lieber an seinem Motorrad; sie könnte doch allein ins Theater gehen, er würde sie nach der Vorstellung auch abholen. Clarissa hatte deutlich andere Vorstellungen, aber sie schwieg. Sie hatten sich ja gerade erst kennen gelernt, und sie wollte ihn nicht gleich mit ihren Ansichten überfallen.

Nach einem halben Jahr fragte Frank Clarissa, ob sie zu ihm ziehen wollte. Sie war überrascht und glücklich. Es war die Aussicht auf eine gemeinsame Zukunft, und sie würde nicht mehr allein sein. Frank nahm Clarissa und Tasso mit zu sich nach Hause zum „Probewohnen“, wie er grinsend sagte.

Er lebte in einem ehemaligen Bauernhaus am Rand einer Kleinstadt. Mit im Haus wohnten sein Sohn Leo und dessen Freundin Maline. Seine Tochter Lara, die bei ihrer Mutter lebte, kam nur alle zwei Wochen zu Besuch. Sie freuten sich, dass Frank wieder eine Frau an seiner Seite hatte und begrüßten Clarissa sehr herzlich.

Im Haushalt herrschte das reine Chaos, auf dem Sofa im Wohnzimmer lagen Jacken und Hosen, in der Küche stapelte sich das schmutzige Geschirr. Clarissa seufzte; denn sie war ordentlich und hielt ihre Wohnung in Schuß. In diesem Haushalt fehlte eben eine Frau, sagte sie sich. Das Haus war kalt, es gab keine Heizung, sondern Öfen, die befeuert werden mussten. Auch nicht gerade komfortabel. Aber sie würde sich sicher daran gewöhnen können.

Tasso war nervös; denn er musste das ihm fremde Terrain erkunden, was für einen Hund natürlich ist. Aber er wich kaum von Clarissas Seite, folgte ihr auf Schritt und Tritt und wollte sich von Frank nicht anfassen lassen. Clarissa maß dem wenig Bedeutung zu, war allerdings etwas verwundert; denn so kannte sie ihren Hund nicht.

Am nächsten Tag übernahm Frank ganz selbstverständlich die Planung. Er wollte zu einem Baumarkt und auf dem Rückweg noch zu seiner Schwester, weil er ihr noch ein verspätetes Geburtstagsgeschenk geben wollte. Clarissa fuhr mit, fühlte sich allerdings übergangen, weil Frank sie nicht nach ihren Wünschen gefragt hatte. Abends plante er sogar schon den Umzug und überlegte, wie und wo er Clarissas Möbel bei sich unterbringen könnte. Sie wurde nicht gefragt.

Clarissa rief Tasso zu sich und machte mit ihm einen langen Spaziergang durch den Wald, sie brauchte Luft. Ein ungutes Gefühl beschlich sie, aber sie verdrängte es mit Macht. Als sie nachhause kam, hatte Frank schon für sie beide gekocht, was Clarissa als sehr aufmerksam empfand. Er war wirklich ein netter Mann. Vielleicht war sie einfach zu empfindlich.

Eines Tages, als sie beide vom Einkaufen nach Hause kamen, herrschte Aufruhr. Lara hatte sich mit Leo und Freundin Maline gestritten. Lara heulte, Leo schrie seine Schwester an und Maline keifte hysterisch. Clarissa versuchte, die Situation zu beruhigen, allerdings vergeblich. Frank, total angenervt, brüllte: „Ruhe, ihr Arschlöcher!“ Clarissa verzog sich ins Wohnzimmer. Diesen rüden Umgangston war sie nicht gewohnt. Tasso folgte ihr und setzte sich neben sein Frauchen auf das Sofa.

Wenig später kam Frank wild gestikulierend und fluchend ins Wohnzimmer. Als er sich dem Sofa näherte, richtete Tasso sich plötzlich auf und knurrte ihn an. Clarissa wies ihren Hund zurecht, der sich hinter einem Sessel verkroch und erst wieder hervorkam, als Frank den Raum verlassen hatte. Clarissa fühlte sich nicht wohl. Wieso hatte Tasso so reagiert? Hunde haben bekanntlich einen untrüglichen Instinkt und eine feine Wahrnehmung.

Clarissa war verunsichert. Sie war froh, als sie nach drei Wochen wieder zuhause war und genoss die ihr vertraute Umgebung und die Ruhe. Frank rief jeden Tag an und schickte auch noch spät abends liebevolle SMS, um ihr eine gute Nacht zu wünschen. Clarissa vermisste ihn und freute sich immer, wenn sie seine vertraute Stimme hörte und sein Lachen, das sie so liebte. Alles andere schien ihr unwichtig. Sie war einfach manchmal zu kompliziert, stellte zu hohe Ansprüche, war zu empfindlich. Das erschien ihr die logische Erklärung für ihre widerstrebenden Gedanken zu sein.

Als Frank ihr einen Antrag machte, nahm sie glückstrahlend an. Er schlug vor, im Rathaus von Clarissas Wohnort zu heiraten; bei sich zuhause m����e er seine ganze Verwandtschaft einladen, was er nicht wollte. Clarissa fand die Idee gut, große Familienfeiern waren auch nicht ihre Sache. Die Trauung sollte im kleinen Kreis stattfinden, nur mit den Trauzeugen, Lara und Leo. Dessen Freundin Maline wollte Frank nicht dabei haben. Für das Essen hatten sie einen Tisch in einem gutbürgerlichen Restaurant reserviert, weil Frank dort gerne hinging. Er hatte die Ringe ausgesucht: schlichte goldene, relativ dünn. Ein breiter Ring störte ihn beim Arbeiten, erklärte er knapp. Clarissa hatte für die Trauung ein graues Kostüm gewählt und Frank das Versprechen abgerungen, wenigstens an diesem Tag einen Anzug zu tragen.

Trotzdem hatte Clarissa das Gefühl, dass Frank seine Vorstellungen durchgesetzt hatte. Sie schluckte. Es fühlte sich für sie nicht richtig gut an. Wie oft hatte sie sich in ihrer Ehe den Wünschen von Alexander untergeordnet. Clarissa schob den Gedanken schnell zur Seite und sah Tasso an, der zufrieden neben ihr lag. Sie streichelte ihm sanft über den Kopf: „Dein Frauchen macht doch alles richtig, oder?“ Tasso sah sie aus seinen großen dunklen Augen an mit einem Blick, den Clarissa nicht deuten konnte.

Zusammen mit Clarissas Trauzeugin Monika gingen sie die Liste noch einmal durch. Sie hatten an alles gedacht bis auf den Brautstrauss. Clarissa erklärte Frank, dass es traditionell die Aufgabe des Bräutigams war, den Strauss auszusuchen und der Braut vor dem Standesamt zu überreichen. Frank winkte ab, sie wüsste doch, dass ihm jeder Sinn für Romantik fehlte. Clarissa schrie ihn an. Es war das erste Mal seit sie sich kannten, und Frank zog beleidigt ab.

Monika nahm Clarissa in den Arm: sie würde den Strauss besorgen mit ihren Lieblingsblumen, und sie würde natürlich darauf achten, dass der Strauss farblich mit ihrem Kostüm harmonierte. Clarissa war beruhigt und sagte: „Wenn der Kerl so weiter macht, dann sag ich einfach NEIN.“ Monika kicherte: „Bloß nicht. Frank ist doch so ein netter Mann!“ Ja, er war ein netter Mann.

Clarissa und Monika kannten sich schon lange und sie vertrauten sich, wie gute Freundinnen es tun. Plötzlich erzählte Clarissa von ihren widerstrebenden Gefühlen. Wollte sie tatsächlich ein Leben mit Frank? Monika beruhigte sie und schenkte ihr ein Glas Wein ein. Clarissa würde das Richtige tun, es wäre alles nur die Aufregung vor der Hochzeit. Monika gab sich Mühe, überzeugend zu klingen.

Als Clarissa ihren Tasso neben sich sah, beruhigte sie sich. Monika hatte recht, es war nur die Nervösität. Als Monika gegangen war, schenkte sie sich Clarissa noch ein Glas Wein ein. Dann ging sie die letzte Runde mit ihrem Hund. Als Frank, der sich mittlerweile beruhigt hatte, nachhause kam, kuschelte sie sich an ihn. Alles war gut.

Dann kam der große Tag. Das Standesamt war eher nüchtern. Hinter dem Tisch, an dem der Standesbeamte bereits saß, hing ein bunter Webteppich an der Wand, der offensichtlich die Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies zeigte. Eine merkwürdige Szene für den Beginn einer Ehe, dachte Clarissa.

Tasso saß neben Monika, Clarissa hatte die Erlaubnis bekommen, ihn mitzubringen. Der Standesbeamte bat das Brautpaar, sich zu erheben: „Wollen Sie, Frank Schneider, die hier anwesende Clarissa Wagner zur Frau nehmen, dann antworten Sie bitte mit Ja.“ Frank antwortete laut und deutlich: „Vielleicht …. ich meine natürlich Ja … also Ja.“ Dabei grinste er. Das war zuviel für Clarissa, ihr Kinn begann zu zittern und Tränen schossen ihr in die Augen. Sie drehte sich um und schaute hilfesuchend zu Monika. Plötzlich rannte Tasso auf Frank zu und knurrte ihn böse an. Dann setzte der Hund sich ganz nah an Clarissa und schaute sie mit seinen dunklen Augen an. Er fixierte sie geradezu.

Der Standesbeamte war bemüht, die Situation zu beruhigen: “Da Herr Schneider mit Ja geantwortet hat, frage ich jetzt Sie. Frau Clarissa Wagner, wollen Sie den ...“ Clarissa schaute in die Augen ihres Hundes. Sie erkannte, was er ihr sagen wollte. Er war seinem Instinkt gefolgt, den er von seinen Vorfahren, den Wölfen, geerbt hatte. Sie hingegen hatte es verlernt, auf ihren Instinkt zu hören, auf die vielen Warnzeichen ihrer Seele. Frank war ein netter Mann, aber er war nicht der Mann, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen wollte.

Clarissa schaute den Standesbeamten an: „Nein, das will ich nicht!“ Sie nahm Tasso und wandte sich zum Gehen. Aus den Augenwinkeln sah sie, dass Monika ihr zuzwinkerte. Ihre Freundin hatte verstanden.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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