Heinz Werner

Zukunft - (Heinz Werner)



Zukunft - (Heinz Werner)
(für e-stories Juni 2019)

Obwohl dieser Begriff in aller Munde und – zu Recht – das alles beherrschende Thema ist, möchte ich mich nicht mit den Teilbereichen Klima und Energiepolitik (hängt stark damit zusammen) befassen. Dazu haben sich sehr viel kompetentere Fachleute ausgiebig geäußert, leider auch viele, die weniger kompetent sind. Ich glaube nicht, hierzu noch Sinnvolles beitragen zu können. Auch zur Bewegung „Fridays for Future“ und zu den massenhaften Auftritten mancher Influencer möchte ich mich nicht äußern. Ich finde es bedauerlich, dass bei dieser Diskussion die dahinter stehenden mächtigen und teilweise weltweit operierenden Agenturen und Konzerne mit ihren sehr eigenen und sehr konträren Interessen unbeachtet bleiben. Wir sollten aufpassen, nicht in eine Situation zu geraten, in der nur noch „Governance by Shitstorm“ möglich ist!

Ich möchte Zukunft aus einem anderen Blickwinkel und weiter gefasst betrachten. Grundsätzlich versteht man darunter die Zeit, die noch bevorsteht, die noch nicht da ist. Es ist also die Zeit, die der Gegenwart nachfolgt. Vera Simon meinte, Zukunft bedeutet, viele Möglichkeiten zu haben: „Zukunft ist der Raum der Freiheit“. Zukunft ist auch ein Raum der Hoffnung, retrospektiv betrachtet oft auch ein Raum der Enttäuschung und Frustration. Optimisten unter uns begreifen die bevorstehende Zeit vor allem als Chance. Dafür gibt es gute Gründe, denn neue technische Entwicklungen, wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz, bieten ungeahnte Möglichkeiten. Trends und Megatrends versprechen ganz neue Anwendungsgebiete und neue Berufe, die bisher kaum bekannt sind. Dies wird andere und hochqualifizierte Arbeitsplätze schaffen. Ob die von vielen Funktionären und Wissenschaftlern genannten Zahlen allerdings realistisch sind, muss bezweifelt werden. Was wird mit denen geschehen, die dabei nicht mithalten können, die die Verlierer dieser neuen Zeit und neuer, herausfordernden Arbeitswelten sein werden? Ich fürchte, diese Gruppe wird größer sein als uns von interessierter Seite erzählt wird. Bisher gibt es darauf nur sehr oberflächliche und phrasenhafte Antworten. Auch da gilt es, genau hinzusehen, wer mit welcher Intention nicht zu beweisende Zahlen in die Welt setzt.
Müssen wir als doch Zukunftsangst haben oder sollen wir den neuen Zeiten erwartungsvoll und enthusiastisch entgegensehen? Zukunft kann natürlich auch neugierig machen, kann spannend sein. Was wird mit mir geschehen, wo werde ich in fünf oder zehn Jahren sein? Werde ich zu den Gewinnern oder den unglücklichen Verlierern zählen? Die Antwort wird sicher auch von mir abhängen. Bin ich bereit, die kommenden Herausforderungen anzunehmen, mich diesen zu stellen und mich weiter zu entwickeln, oder werde ich resignieren und passiv den Dingen ihren Lauf lassen? Will ich zu den Zukunftsoptimisten gehören und die Gegensatzpaare „Unsicherheit – Enthusiasmus, Angst – Faszination und Orientierungslosigkeit – Inspiration“ aktiv angehen und positiv für mich gestalten?
Werden wir diesen Raum der Freiheit nutzen können? Werden wir frei sein, selbst zu entscheiden und nicht von Algorithmen oder großen IT-Konzernen gesteuert und – unbewusst – ohne unser Zutun beeinflusst werden? Eine Horrorvision! Werden wir noch Herr unserer Daten bleiben und unser Privatleben einigermaßen schützen können? Dürfen wir liebgewordene Schrullen und Gewohnheiten beibehalten, ohne dabei beobachtet oder von irgendwoher darauf angesprochen zu werden?

Schon zu allen Zeiten wollten Menschen mehr über die Zukunft erfahren, sie waren neugierig, wie ihr Leben, ihre Umwelt, ihre Gesellschaft aussehen wird. Dies war die Stunde der Wahrsager. Wahrsagen ist in allen Gesellschaften und Zeitaltern nachgewiesen. Dabei wurde oft nur göttlichen Wesen eine Kenntnis der Zukunft zugeschrieben. Von großer Bedeutung zum Beispiel war dies bei den Germanen und Kelten. Druiden, als Spezialisten des Wahrsagens, übten erheblichen Einfluss auf Politik und Gesellschaft aus. Diesen Job übernehmen heute Zukunftsforscher, also Futurologen. Ob trotz moderner Methoden wie Computersimulationen, Nutzwertanalysen, Roadmapping u. a. die Richtigkeit der Vorhersagen größer ist als zu alten Zeiten, ist durchaus diskutabel. Damals wie heute gilt, dass Aussagen über Zukunft immer nur Wahrscheinlichkeitsaussagen sind. Es gibt sehr vieles, von dem wir nicht sicher sein können, ob es Zukunft hat. Wird Religion – zumindest so, wie wir sie heute praktizieren - noch Zukunft haben? Die Kirche beansprucht zwar einen theologischen Auftrag, da sie als Teil der Schöpfung aktiv mitbestimmen und mit gestalten will. Wird das gelingen, wird sie die Kraft aufbringen, sich grundsätzlich und radikal zu erneuern?
Natürlich stellen sich zum Thema Zukunft viel Fragen. Einige davon halte ich für entscheidend und möchte sie kurz auflisten:
Wie gestalten wir unser künftiges Zusammenleben in Politik und Gesellschaft
In welche Richtung wollen/können wir ökonomisch wachsen
Möglichkeit und Grenzen des technischen Fortschritts
Welche Zukunftsängste sind vorhanden, wie gehen wir damit um
Akzeptieren wir die menschliche Endlichkeit (Medizin und Ethik)

Da sich unser Zukunftsbild aus unserem Bild der Vergangenheit und der Gegenwart ergibt (Extrapolation), sollten wir dieses realistisch betrachten und weder in zu großen Optimismus, noch in zu großen Pessimismus verfallen.
Während einer philosophischen Diskussion 2016 in Zürich meinte Gertrude Hirsch Hadorn: Wir können zwar Angst vor der Zukunft haben, müssen aber nicht.
Bei allem Bemühen und mit Hilfe aller wissenschaftlichen Methoden ist ein Element nicht vorhersehbar, nämlich die Kreativität des menschlichen Geistes und künftige Innovationen, die wir bisher nicht mal erahnen. Es trifft sicher zu, dass wir unsere Zukunft selbst mitbestimmen können, indem wir Verantwortung für unser Leben und unsere Aktionen übernehmen und ein gesundes Selbstvertrauen pflegen. Handlungen der Gegenwart wirken schließlich auch in die Zukunft. Es ist meistens die Angst vor dem Ungewissen und dem Neuen, die uns Sorgen macht und uns lähmt. Das sollten wir nicht zulassen, denn es gibt auch etwas überaus Positives, nämlich die Hoffnung auf eine bessere Zukunft.
Zukunft ist uns allen jedoch sehr viel näher und mitten unter uns als viele abstrakte oder akademische Erörterungen. Wie sieht die Zukunft des schwer krebskranken Verwanden oder Bekannten aus? Hat er resignierend aufgegeben und sich in sein schlimmes Schicksal gefügt, mehr oder weniger dahin vegetierend und auf das Ende wartend? Ist er trotz allem lebensfroh und blickt erwartungsvoll seiner Zukunft entgegen, macht Pläne für die Zeit die noch kommt und hofft auf ein Wunder? Wartet er auf die Supermedizin, das Mittel, das endlich Heilung verspricht? Ich bewundere Menschen, die trotz eines schlimmen Schicksals noch positiv und dynamisch, freundlich und optimistisch ihr Leben angehen. Wie sehen Menschen ihre Zukunft, die ohne Job sind und auch sonst keine sinnvolle Beschäftigung haben und fürchten müssen, nicht wieder eine Stelle zu finden? Sind sie verzweifelt und verfluchen Gott und Welt? Was für eine Zukunft haben Menschen, die gerade Ihren Partner oder ihre Partnerin verloren haben? Wie tief wird das Loch sein, in das sie fallen werden, wie dunkel und zerstörerisch die Verzweiflung? Gibt es auch für sie Zukunft und wie wird diese aussehen? Was halten Eltern oder Großeltern von ihrer Zukunft, wenn sie ihre angestammte und geliebte Wohnung verlassen müssen und in ein Heim abgeschoben werden? Wie schlimm muss es für sie sein, Stunden um Stunden in einer Umgebung zu sein, die sie nicht kennen und die sie nie für sich gewünscht haben? Ist das ihre Zukunft, auf den Besuch von Kindern oder Enkeln zu warten – leider oft vergeblich – nur um schnell „abgefertigt“ zu werden und genau zu fühlen, dass diese Visiten mehr als Pflicht empfunden werden und nicht einem Herzenswunsch und einem inneren Bedürfnis entspringen? Ist es lebenswert, wenn Zukunft darin besteht, in ungeliebter Umgebung, hoffnungs- und hilflos, krank und einsam an die Decke zu starren und auf den Tod zu warten?
(Anmerkung: Dies soll keine Verallgemeinerung sein. Ich kenne viele
Fälle, bei denen es genau andersherum läuft und Besuche nicht als Pflicht empfunden werden, sondern gerne und aus ganzem Herzen erfolgen. Ich weiß auch, dass es unglücklicherweise oft keine bessere Alternative gibt).

Welche Zukunft hat die Menschheit generell und wie sieht es mit vielen anderen Lebewesen aus? Werden wir künftig noch Wildtiere in Afrika, Asien oder sonst wo in freier Wildbahn erleben können? Müssen wir künftig in den Zoo oder in Museen gehen, um diese herrlichen Kreaturen zu sehen?
Wird die Erde, wird unser Planet generell Zukunft haben? Wissenschaftler sagen, in 600 Millionen bis 1,2Mrd. Jahren wird das Leben auf der Erde verschwinden, weil unser Planet zu heiß, weil der CO2-Gehalt zu niedrig werden wird (Werner von Bloh, Geophysiker). Ohne so weit in die Zukunft zu denken: Wie werden unsere fernen Nachkommen leben, werden sie sich anpassen und unter evtl. völlig anderen Bedingungen existieren und sich weiter entwickeln können? Werden Menschen tatsächlich auf dem Mars leben und sich neue, bisher unbekannte und unvorstellbare Möglichkeiten und Umwelten schaffen? Wird die Endlichkeit der menschlichen Existenz noch immer gelten? Alleine die Gedanken an diese sehr ferne Zukunft und Möglichkeiten sind schwindelerregend, verstörend und machen unsicher. Sicher ist jedoch, dass auch unser Leben und das unserer Nachkommen – in gar nicht so ferner Zukunft- anders aussehen und andere Herausforderungen und Fähigkeiten erfordern wird. Sind wir darauf vorbereitet und willens, diese zu akzeptieren und zu meistern?

Wie gehen wir mit unserer persönlichen Zukunft um, mit unseren individuellen Zukunftsängsten? Manche davon sind bestimmt unbegründet und werden nie eintreten. Andere aber sind real und bereiten uns aus guten Gründen Sorgen. Tröstlich ist, dass wir Vorsorge treffen können, dass es Alternativen gibt, um diese zu vermeiden oder zumindest zu minimieren. Wir dürfen nicht zulassen, dass uns Zukunftsängste die Gegenwart ruinieren. Wer hätte gedacht, dass Deutschland nach dem zweiten Weltkrieg, total zerstört und am Boden, abhängig vom Willen und den Interessen Dritter, also ohne Zukunft, wieder erfolgreich aufgebaut und auferstehen würde? Es gibt ihn also, diesen Raum der Freiheit, den wir selbst gestalten und beeinflussen können – im positiven, wie im negativen Sinn. Wie sagten doch die Philosophen: „Wir können Angst vor der Zukunft haben, müssen aber nicht“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 10.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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