Anneliese Leding

Der Schweineöhrchen-Kater

Der Schweineöhrchen-Kater

Es war schon weit nach Mitternacht. Die Turmuhr der Kirche schlug zwei, als ich noch immer am Fenster saß. Am Tag war dies mein Lieblingsplatz. Die alte Buche verlor ihr Laub und ich sah den Blättern zu, wie sie im Wind auf- und ab tanzten. Der Herbst hatte Einzug gehalten und viele Singvögel hatten den Garten verlassen, um in die Wärme des Südens zu ziehen. „Kannst du auch nicht schlafen?“, kam es leise vom Sofa herüber, auf dem der alte Kater Ronny lag. „Nein, der Gedanke an morgen raubt mir den Schlaf“, antwortete ich traurig. „Ach Bommel, ich kann dich sehr gut verstehen. Du hast wenigstens noch deine Schwester Bibi. Alle anderen hier haben niemanden mehr und so einen Krüppel wie mich nimmt doch keiner.“ „Ruhe! Seid doch endlich still! Wir wollen schließlich schlafen!“, wetterte der der kleine Willi aus der Dunkelheit. „Der hat es gerade nötig zu meckern, wo der doch am Tage der Wildeste ist“, stellte ich fest. „Ach, lass ihn, er ist doch noch so klein und verspielt“, sagte Ronny mit seiner ruhigen Stimme. Irgendwann in dieser Nacht schlief ich dann doch noch ein.
 

Ich wurde erst wach, als die ersten Sonnenstrahlen durchs Fenster fielen. Ein reges Treiben herrschte im Raum. Paula und Sissi - unsere ältesten Damen – saßen schon auf ihren gepolsterten Stühlen und waren unermüdlich damit beschäftigt, ihr Äußeres zu verschönern. Ich rieb mir die Augen, reckte und streckte mich und verbrachte die erste Stunde des Tages damit, gründlich mein Fell zu putzen. Meine kleine Schwester Bibi lag eingerollt neben mir und schlief tief und fest. Wir sahen uns zum Verwechseln ähnlich, nur mit dem Unterschied, dass ich ein bisschen rundlicher war und hellrosa Ohren habe.
 

Der kleine Willi raste wild durchs Zimmer. Er turnte über Tisch und Schränke. Nichts war ihm hoch genug. Sogar die Gardinen musste er erklimmen. Inzwischen waren alle Futternäpfe dicht umlagert. Seit dem Sommer lebten wir Streuner auf engsten Raum in diesem Zimmer. Wir waren ein zusammengewürfelter Haufen. Jeder hatte seine eigene traurige Geschichte. Am schlimmsten hatte es aber Ronny erwischt. Die Menschen bei denen er gelebt hatte, ließen ihn einfach an der Autobahn-Raststätte zurück. Schwer verletzt fand man ihn. Ein Bein wurde ihm amputiert. Ich mochte ihn besonders gern. In all dem Elend hatte er nie den Humor verloren. Ronny war schon über zehn Jahre alt und hatte in seinem Leben viel erlebt, aus denen er uns Geschichten erzählte. Wir hörten ihm gern zu.

Weihnachten stand vor der Tür. Jetzt kamen täglich Leute ins Heim, um sich einen vierbeinigen Freund als Geschenk unter den Tannenbaum zu legen. Es wiederholt sich jedes Jahr. Ist das Fest vorüber, landen viele Tiere wieder im Heim. In der ersten Zeit ist die Freude bei den Kindern groß. Geht es um die Verantwortung, ist die anfängliche Euphorie vorbei. Wir sind dann nur noch eine Belastung.
 

Für heute haben sich gleich mehrere Familien angesagt. Einige von uns werden vielleicht ein neues Zuhause bekommen. Vorwiegend suchen sich die Menschen ganz junge Katzen aus. Über die älteren sieht man hinweg. Panik erfasste mich. Wenn ich nur daran dachte, dass meine Schwester Bibi und ich getrennt würden. Traurigkeit machte sich in mir breit. Was konnte ich kleiner Kater nur tun?
 

Es dauerte auch nicht lange, da hörte ich Schritte und Stimmen im Flur. Frau Sommer unser Tierschutzfrauchen, kam mit einer Frau und einem jungen Mann herein. Sofort wurden die drei von meinen Zimmergenossen umringt. Ich saß ganz still hinten auf dem Kratzbaum am Fenster. Von dort hatte ich den besten Überblick. Bibi, von Natur aus scheu, hatte sich Gott sei Dank unter einem Hocker verkrochen. „So Frau Behring, dann schauen Sie sich mal mit Ihrem Sohn in Ruhe um. Wenn Sie Fragen haben, werde ich sie Ihnen beantworten.“ „Tja, Frau Sommer, es soll ein Kater mit einem braunen Fell sein.“ Dabei schaute sie auf Willi, der seine geschickten Künste auf den Schultern des jungen Mannes fortsetzte. Zufrieden drehte ich mich auf die Seite. Mit unserem schwarzweißen Fell, würden wir nicht in Betracht kommen. Ich schloss die Augen. Meine Gedanken gingen zurück in den Juni.
 

Unser Zuhause war der Park der alten Villa Daheim. Der Geräteschuppen vom Gärtner bot uns Schutz vor Wind und Wetter. Von den Heimbewohnern wurden wir liebevoll umsorgt. Es war eine wunderbare Zeit. An einem Vormittag im Juli änderte sich alles. Wütend kam die mollige Heimleiterin der Villa Daheim übern den Rasen gestampft. Mit hochrotem Kopf machte sie vor dem Gärtner halt. Mit lauter Stimme kreischte sie: „Was fällt Ihnen ein, hier verwilderte Katzen aufzunehmen? Wo kämen wir denn hin, wenn Tiere in Altenheimen erlaubt würden!“ „Gute Frau“, erwiderte der Gärtner, „das wäre doch eine tolle Idee. Das würde den Bewohnern guttun.“ Es dauerte nicht lange, da fuhr der VW-Bus vom Tierheim vor. Man lud uns ein. So nahm unsere schöne Zeit ein jähes Ende.
 

„Ma! Sieh mal, die kleine Katze unter dem Hocker. Die hat ein hübsches Gesicht und ein wunderschönes Fell!“ Oh, nein! Er hatte sie entdeckt, meine Schwester Bibi. Jetzt nur nicht nervös werden, dachte ich. Immer wenn ich besonders aufgeregt bin, fange ich ganz laut an zu schnurren. „Ist das ein Kater?“, fragte Frau Behring und zeigte auf Bibi. „Nein eine Katze“, erwiderte Frau Sommer und kam direkt auf mich zu. Sie hob mich auf ihren Arm. Während sie mich kraulte, sagte sie: „Das hier ist unser Schmuser und ganz lieb.“ Recht hatte sie. Ich schmuse für mein Leben gern, nur nicht jetzt! „Der hat ja Schweineöhrchen“, lachte Frau Behring und streichelte mich. Jetzt war ich sauer. Ich und Schweineöhrchen. Nein , so was! „Bommel und Bibi sind Geschwister und fünf Monate alt“, hörte ich die Stimme von Frau Sommer. Jetzt meldete sich der Sohn Stefan zu Wort: „Ma, wir nehmen diese Katze!“ Er zeigte auf Bibi. Meine Gedanken überschlugen sich. Mein Herz raste. Werden wir jetzt für immer getrennt? Ich war so aufgeregt, dass ich zweimal hinhören musste, als Frau Behring zu ihrem Sohn sagte: „Weißt du was? Wir nehmen beide. Geschwister soll man nicht trennen.“ Hurra! Ich war überglücklich. Der Sohn setzte uns ganz vorsichtig in einen großen Transportkorb, der mit einer weichen Decke ausgelegt war. Beim Verlassen des Raumes blieb der junge Mann vor Ronny stehen. „Was ist mit ihm passiert? Ihm fehlt ja ein Bein.“ Frau Sommer erzählte die traurige Geschichte. Der Sohn streichelte Ronny über den Kopf und sah seine Mutter an: „Auf einen mehr kommt es doch nicht an. Wir haben doch so viel Platz. Ronnys Augen strahlten. Er konnte nicht glauben was er da hörte. Jetzt setzte sich Frau Behring neben den alten Kater aufs Sofa. Zärtlich kraulte sie ihn. „Du hast ja recht, mein Sohn. Der hat es doch besonders verdient.“
Aufgeregt kuschelten wir drei uns aneinander. Mit großen Augen verfolgten wir die Fahrt, die uns in ein neues Zuhause brachte.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 11.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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