Lena Kelm

Die Sehnsucht ist blau. Könnte ich fliegen...

 

Als Kind sah ich fast jeden Morgen meinem Vater zu. Er stieg die Treppe zum Dachboden hoch, entriegelte das Türchen zum Taubenschlag und entließ die Tauben ins Freie. Mich beeindruckte das Bild meines auf der höchsten Stufe der Leiter stehenden Vaters mit einer Taube in der Hand, er streichelte sie leicht und sprach sie mit einem komischen Namen wie Brummelchen oder Schönling an. Nach dem Ritual startete die Taube von Vaters Hand gurrend ins Freie. Ich kann nicht mit Gewissheit sagen, wie viele Vögel mein Vater morgens auf die Flugreise schickte, schätzungsweise acht bis zehn. Bevor er frisches Wasser und Futter hochtrug, kam mein Vater herunter und sah den davonfliegenden Vögeln nach. Auch ich war fasziniert. Die Tauben entfernten sich immer höher und höher, weiter und weiter, so weit, dass sie wie Punkte verschwanden. Mir kam es vor, als flögen sie zum blauen Horizont, der für uns Bewohner der unendlichen scheinenden Steppe unerreichbar war.

Eines Tages stellte ich Vater die Frage: „Wie finden die Tauben zurück?“ – „Sie kehren in ihre Heimat immer zurück. Könnte ich fliegen, würde ich auch in meine Heimat zurückfliegen.“, sagte mein Vater. „Würdest du mich auch in deine schöne Heimat mitnehmen, Papa?“ – „Sicher doch, mein Kind.“ Vaters Blick folgte den Vögeln, stundenlang schien mir. Mutter wartete auf uns mit dem Frühstück.

Eines Morgens bemerkte ich, wie Vater den Tauben nachsah und seine Augen sich mit Tränen füllten. Ich sah ihn nie weinend und fragte besorgt: „Weinst du, Papa?“ – „Nein, mein Kind, das ist der Wind!“ Ich fragte nicht weiter nach, denn ich hörte meinen Vater oft genug über den kasachischen „Schlagwind“ schimpfen. In der Heimat meiner Eltern schützte Wald die Wiesen vor dem Wind. In der Steppe fegte er unbehindert über Land und Ortschaften. Für mich gehörte er wie der Geruch der Steppe zum Leben. Ich kannte zu der Zeit kein anderes Land.

Es herrschte wieder einmal Sommer in der kasachischen Steppe. Ich war inzwischen achtzehn Jahre alt und kehrte nach dem ersten Studienjahr aus dem tausende Kilometer entfernten Sibirien heim. Meiner Gewohnheit aus der Zeit der Kindheit treu, stand ich morgens an der Seite meines Vaters und sah ihm bei seinem Ritual zu. Ein Déjà-vu! Nichts hatte sich verändert. Vaters Tauben verließen ihr Heim und flogen in den weiten blauen Himmel, dem Horizont entgegen. Der Blick meines Vaters verfolgte sie wie ehe und je. Ich aber erkannte in seinem Blick die Sehnsucht nach grenzenloser Freiheit. Die Freiheit war ihm schon in jungen Jahren, während der Stalinzeit, genommen worden. Er überlebte die Flucht, den Zweiten Weltkrieg, die Jahre im Gulag unter Kommandantur, den endgültigen Verlust des Rechts auf Rückkehr in seine Heimat. Das geschah unter dem roten Stern und roter Flagge, mein Vater hasste die rote Farbe. An diesem Morgen wurde mir klar, wieso mein Vater blau-weiß karierte Hemden trug und in unserer Wohnung die Farben Grün und Blau vorherrschten. Die Sehnsucht ist blau wie Himmel und Horizont.

 

 

 

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