Denise Gehlert

Blau

Oh Gott, ihre Augen! Strahlend blaue, leuchtende Augen. Kein kaltes Blau. Es war dieses blau, das gutherzig und ehrlich war. Dieses seltene, atemberaubende blau. Irgendwo zwischen Karibik und Tiefsee, zwischen Nacht und Tag. Er konnte kaum sprechen, wenn er ihr in die Augen schaute. Die Leute starrten sie an, wo auch immer er mit ihr unterwegs war. Sie zeigten auf sie, flüsterten miteinander. Stolz nahm er ihre Hand in seine, drückte sie fest zu, als wolle er zeigen, dass kein anderer auch nur in ihre Nähe kommen dürfe. Er spürte den Ring, den er ihr einige Tage zuvor geschenkt hatte. Langsam fuhr er mit seinem Daumen an dem Saphir entlang, welchen er für sie ausgesucht hatte. Es musste einfach genau dieser Ring sein. Sie hatte geweint vor Freude, als er ihr den Antrag gemacht hatte. Er erinnerte sich daran, wie wunderschön ihre Augen glänzten, als ihr Freudentränen über die heißen Wangen kullerten. Und auch wenn ihre Augen unübertrefflich waren, so wollte er ihnen doch zumindest halbwegs gerecht werden. Er wollte ja nicht, dass man den Ring übersah. Jeder sollte wissen, dass diese Schönheit bald seine Frau werden sollte.
Er erinnerte sich noch genau an ihr erstes Treffen. Er erinnerte sich noch genau an den Moment, in dem sie ihm zum ersten Mal den Atem raubte. Der Moment, in dem er wusste, er musste sie haben, koste es, was es wolle.
Jede andere Frau, die ihn wollte, hatte seit diesem Tag keine Chance mehr. Er hatte es selbst nicht für möglich gehalten, dass es je so kommen würde. Bevor er sie kennenlernte, war er ein Draufgänger gewesen. Ein Macho. Er konnte alle haben, und er liebte dieses Gefühl. Jetzt war es ihm egal.
Es war der erste Einsatz an diesem Tag gewesen. Die Flammen loderten in den Himmel, schwarzer Rauch stieg aus dem Einfamilienhaus. Er kämpfte sich durch zu dem leblosen Körper, den er im zweiten Stockwerk in einem Zimmer liegen sah. Hoffentlich war dieser Mensch nicht auch tot. Sie hatten bereits zwei Tote geborgen. Jemand in dieser Familie musste doch überlebt haben.
Vorsichtig hob er den Körper auf. Die junge Frau regte sich nicht. Er rannte mit ihr in den Armen los, hielt sie fest und betete still, dass wenigstens sie es überleben würde. Er schaffte es aus dem Haus und schaute kurz auf sie herab. Plötzlich öffneten sich ihre Augen.
Das war er. Der Moment, in dem ihm alles andere egal wurde. Da war es, dieses blau, dieses schwere, hypnotisierende blau. Es war nur ein kurzer Moment gewesen, bis sie ihre Kräfte wieder verließen und ihre Augen sich schlossen. Doch dieser kurze Moment hatte gereicht.
Jetzt hatte er sie. Sie hatte überlebt, und er konnte ihr jeden Tag aufs Neue in die Augen schauen, solange er es aushielt.
Er sah sie an, streichelte sanft ihr verbranntes Gesicht. Die Verbrennungen würden für immer bleiben. Der Verlust und auch die Trauer würden für immer bleiben. Doch auch er hatte vor, für immer bei ihr zu bleiben. Oh Gott, ihre Augen!

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