Irene Lichtenberg

FEMINA - Das Geheimnis des verschwundenen Bildes

 

Ein Neubeginn in Rom

Francesco blinzelte und lächelte ein wenig. Er liebte es, von den ersten Sonnenstrahlen geweckt zu werden und hatte sein karges, einfaches Bett bewusst ein einer Ecke des kleinen Raumes platziert, wo die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne sein Gesicht treffen würden. Er blieb noch einen Moment liegen und betrachtete die Staubteilchen, die in den Sonnenstrahlen tanzten. Es würde ein heißer Spätsommertag werden. Die Kammer, in der Francescos Bett stand, war noch relativ dunkel und die beiden Gesellen, die mit ihm zusammen hier einquartiert waren, schliefen tief und fest. Ihr gleichmäßiges Atmen und gelegentliches Schnarchen durchdrang die Stille des frühen Morgens.

Leise stand Francesco auf und machte sich fertig für einen neuen Arbeitstag in der „Sixtina“. Seit einem halben Jahr nun war er Teil der Gruppe der Gehilfen in der Werkstatt von Michelangelo Buonarroti. Immer noch war er ein Fremder in der eingeschworenen Gruppe dieser bottega, die durchwegs aus Florentinern bestand, die nach Rom gekommen waren, um bei der Entstehung des großartigsten Freskos aller Zeiten mitzuhelfen. Francesco betrachtete es noch als Glück, kein Römer zu sein, sonst hätte er wohl niemals eine Chance bekommen, in die Dienste des berühmten Michelangelo Buonarroti treten zu dürfen. Allerdings war es auch für einen Mann aus Mantua immer noch schwer, sich das Vertrauen der Florentiner zu verdienen. Francesco hatte es nur seiner Hartnäckigkeit und seinem Wissen zu verdanken, dass er überhaupt die Gelegenheit bekommen hatte, zu zeigen, was er konnte. Vom Meister wurde er neugierig, mitunter argwöhnisch beobachtet, während er von den übrigen Mitgliedern der bottega als Maler geachtet, aber nicht unbedingt als Freund behandelt wurde.

Dabei hatte er nur schweren Herzens seinen Meister Andrea Mantegna in Mantua verlassen. Mantegna war ein großer Könner seines Faches, der es verstand, die Begeisterung des jungen Francesco Allieri für die Malerei und für die verschiedenen Techniken der Perspektive zu entfachen. Francesco wurde zum gelehrigen Schüler und zum ebenso talentierten wie hilfreichen Gesellen. Doch dann drang der Ruf Michelangelos bis nach Mantua. Man erzählte sich Großartiges von völlig neuen Techniken, von der unglaublichen Kraft und Lebendigkeit seiner Figuren. Er hatte auch von Raffael Santi gehört und von Bramante, dem Baumeister: alles herausragende Meister und berühmt für ihre Kunst. All das war Wasser auf die Mühlen Francescos, der nach Beendigung seiner Ausbildung bei Mantegna immer stärker mit seiner Sehnsucht zu kämpfen hatte, mehr von der Welt und insbesondere von der Kunst der Malerei kennenzulernen. Als Francesco hörte, man hätte Michelangelo mit der Aufgabe betraut, die Decke der Sixtinischen Kapelle zu bemalen, konnte er sich keinen Tag mehr auf seine Arbeit konzentrieren. Die Sehnsucht nach Rom, nach Abenteuer und danach, Michelangelo bei seiner Arbeit über die Schulter schauen zu dürfen, war einfach zu groß.

Sein Meister hatte ihn nur ungern gehen lassen, denn mit seinem Talent und seinem Geschick für Farben und Farbmischungen war er klar eine Bereicherung für seine bottega. Er wurde darüber hinaus immer besser in seiner Technik und schickte sich sogar an, seinen Lehrmeister zu überflügeln. Doch Mantegna kannte auch Francescos Freigeist, der in diesen Zeiten durchaus gefährlich werden konnte, denn er hielt mit seiner Meinung nur selten hinter dem Berg. Der Hassprediger Savonarola war noch nicht lange tot, für ein falsches Wort konnte man auch heute noch leicht auf dem Scheiterhaufen landen. So verließ Francesco letztendlich mit dem Segen seines Meisters seine bottega und machte sich auf den Weg nach Rom.

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An dem Tag, als er das erste Mal seinen Fuß in die Werkstatt des Maestro Buonarroti setzte, hatte er vor Aufregung zitternde Knie. Da seine Augen von draußen kommend noch an die Sonne gewöhnt waren, sah er erst einmal nicht viel in der vergleichsweise dunklen Kapelle. So stellte er sich einfach in den Eingangsbereich. „Buon Giorno! Ich suche Meister Buonarroti! Mein Name ist Francesco Allieri, ich habe meinen Meister in Mantua verlassen, um Aufnahme in eure bottega zu finden. Ich bin ein Bewunderer eurer Kunst und habe selbst die Malerei erlernt. Mein Meister, Andrea Mantegna meint, ich könne euch gewiss von Nutzen sein.“ Diese Ansprache hatte Francesco auswendig gelernt und sprach sie laut in die schwindelnden Höhen der Kapelle, wo seine Stimme von den Decken widerhallte.“

Die erste Absage erteilte Michelangelo allerdings, ohne ihn auch nur eines Blickes gewürdigt zu haben. Er schwebte hoch über dem Boden in einer komplizierten Vorrichtung unter der Decke, wobei er halb im Liegen und über Kopf malte, so dass Francesco bereits vom Zusehen die Arme schwer wurden.

Francesco konnte sehen, dass Michelangelo nicht einmal den Kopf wendete, als er kurz angebunden „Ich danke für euer Kommen. Ich stelle aber niemanden ein“, zurück rief. Er setzte noch nicht einmal den Pinsel ab, um Francescos Träume zu zerstören. Doch Francesco war nicht so weit gereist, um sich mit einem spontan daher gemurmelten Nein abspeisen zu lassen. Er kam Tag für Tag wieder, um sich ein missgelauntes „Nein!“ von Michelangelo abzuholen.

Nach zwei Wochen, als er schon fast aufgeben wollte, traf er den Meister zu seiner Überraschung auf dem Boden der Kapelle stehend an, in Betrachtung seines Werkes vertieft. Wie am ersten Tag wiederholte Francesco sein Ersuchen und wartete. Er stand da, seinen Blick auf Michelangelo gerichtet und erwartete eine Abfuhr. Michelangelo jedoch seufzte laut und zog Francesco zu der Stelle, wo die ersten Flächen an der Decke gemalt waren. Er fuhr den jungen Mann an. „Schau! Sieh Dir das Fiasko an und sag mir, was wir falsch gemacht haben, du hartnäckiger Schlaumeier. Wenn du eine Lösung für diese Katastrophe findest, überlege ich mir, ob ich dich einstelle.“

Francesco war erschrocken, denn er hatte mit vielem gerechnet, aber nicht unbedingt mit einer Herausforderung dieser Art. Doch er ließ sich nicht lange bitten und kletterte auf das Gerüst, um sich genau anzusehen, was der Künstler als Katastrophe bezeichnet hatte. Selbst die kleineren Fragmente des Freskos waren so eindrucksvoll, dass Francesco tief Luft holte und staunte. Er staunte über die Lebendigkeit, über die Kraft, die die Figuren, die noch nicht einmal vollständig sichtbar waren, jetzt bereits ausstrahlten. Allein in Teilen war die Arbeit Michelangelos bereits überragend, die Figuren waren mitten in ihren Bewegungen eingefangen. Michelangelos Stimme riss Francesco aus seinen Betrachtungen. „Na, jetzt fällt dir wohl nichts mehr ein. Stumm ist er wie ein Fisch. Ein Fisch aus Mantua, was will man da schon erwarten.“

Francesco riss seinen Blick los von den ersten fertigen Teilen des Freskos und begann den Teil zu untersuchen, der ganz offensichtlich das Fiasko war: Schimmel. Eine Fläche von etwa drei Tageswerken war betroffen und definitiv nicht mehr zu retten. Francesco kratzte etwas an der Farbe und untersuchte den Unterputz, intonaco genannt. Dann stieg er ab und rührte im Eimer mit der übrig gebliebenen Masse für den Untergrundverputz. „Was genau wurde dafür verwendet?“, wollte er wissen. Michelangelo schnaufte. „Was weiß ich, das ist die Sache meiner Gehilfen.“ Wie auf sein Stichwort schoben sich zwei Jungen nach vorne um die Frage zu beantworten. „Kalk, Wasser und Sand“, verkündete der erste Bursche. „Nein“ widersprach der zweite, „wir sind in Rom, da gibt es die Sorte Sand nicht, die wir in Florenz benutzen. Wir nehmen stattdessen Aschenboden, das ist hier so üblich.“

Francesco nickte leicht und rührte mit einer Kelle in dem Gemisch, dann hob er sie mit einer Portion des Putzes hoch. Das Gemisch drohte fast von der Kelle zu fließen. „Hattet ihr Probleme beim Auftragen?“, fragte Francesco. Er war konzentriert, einige Falten zeigten sich auf der Stirn und sein Blick war starr auf den Putz gerichtet, als wolle er in das Gemisch eintauchen. „Na ja“, gab der erste Bursche zögerlich zur Antwort.“ „Er war schon sehr flüssig, fand ich. Aber ich habe genau nach den Vorgaben gearbeitet. Da ist nicht ein Tropfen Wasser mehr drin, als im Rezept steht.“ Diese Erklärung, die eher wie eine Rechtfertigung oder eine trotzige Entschuldigung klang, nahm Francesco nachdenklich zur Kenntnis, während Michelangelo mit den Augen rollte und über die Unfähigkeit seiner Gehilfen schimpfte.

Francesco hingegen nahm sich einen anderen Bottich, zog sich mit einer kurzen Entschuldigung in eine Ecke der Baustelle zurück und begann, mit der Zusammensetzung des Gemischs zu experimentieren. Es dauerte etwa eine Stunde, bis er sich wieder an Michelangelo und seinen Gehilfen wandte, mit seinem Bottich in einer Hand, die Kelle in der anderen. „Es liegt an der Zusammensetzung“, verkündete er und als der erste Gehilfe Luft holte um ihm zu widersprechen, fuhr Francesco mit seiner Erklärung fort: „Es liegt an der Asche. Sie hat in der Verwendung andere Eigenschaften als der Sand in Florenz. Man kann beide Materialien nicht in gleicher Weise vermischen. Sie braucht weniger Wasser.“ Mit der Kelle demonstrierte er, wie sein neu gemischter Putz sich leichter auftragen ließ. „Ich denke, das war’s. Zuviel Feuchtigkeit.“ Francesco hob abschließend die Schultern und schaute den Meister an. Der grunzte etwas und murmelte unverständlich in seinen Bart. Dann herrschte er seine Gehilfen an: „Worauf wartet ihr noch? Ich bezahle euch nicht fürs Herumstehen. An die Arbeit!“ Damit nahm er Francesco die Kelle ab und drückte sie dem ersten Gehilfen in die Hand. Der beeilte sich, den Anweisungen nachzukommen, genauso wie die beiden anderen Jungen, die sich eiligst an die Arbeit machten.

Michelangelo sah Francesco versonnen an, dann drückte er ihm den Karton für die Vorarbeiten zum vorgesehenen Tageswerk in die Hand. „Na denn. Zeig‘ was du kannst“, meinte der Meister und Francesco konnte sein Glück kaum fassen. Er beeilte sich, die vorperforierten Linien für die zu bemalende Fläche an die Decke zu bringen und pfiff dabei fröhlich vor sich hin, was ihm ab und zu einen leicht irritierten bis verärgerten Blick seines Meisters einbrachte, doch er wusste: er hatte die erste Hürde genommen.

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Michelangelo ließ für Francesco in seinem Haus ein zusätzliches Bett in einer Kammer aufstellen, die er sich nun mit dem zweiten Gesellen Luigi und Beppo teilen musste. Die beiden waren nicht begeistert, hüteten sich aber, ein Wort des Protestes zu äußern. Der Meister konnte sehr jähzornig werden und man wusste im Vorfeld nie, wie er reagieren würde. Im Grunde hatten sie nichts gegen Francesco, es wurde nur etwas eng zu dritt in der Kammer, die ohnehin eine recht karge Unterkunft für Gehilfen des berühmten Künstlers darstellte. Während andere Maler von ähnlich bekanntem Ruf sich deutlich mehr Luxus gönnten, wohnte Michelangelo in einem sehr bescheidenen Haus. Es lag in einem der weniger beliebten Viertel der Stadt, unweit der feuchten Niederungen des Tibers und die Kammern für seine Gehilfen waren bestenfalls als karg zu bezeichnen.

Auch bei der Verpflegung sparte der Maestro, er lebte mit seinen Gehilfen von einfachsten Speisen. All diese Umstände trugen Michelangelo den Ruf eines Geizhalses ein, doch solche Dinge waren für den Maler so unwichtig, dass sich jede Bemerkung dazu erübrigte. Er zwang niemanden, so zu leben wie er, doch er sah auch nicht ein, etwas daran zu ändern. Abgesehen davon musste Michelangelo noch seine ganze Familie in Florenz unterstützen, die ihn zwar wegen seines Berufes nur mit Herablassung behandelte, aber doch immer wieder die Hand aufhielt, wenn es galt, Rechnungen zu bezahlen. Briefe von seinem Vater waren häufiger Anlass für Michelangelos schlechte Laune bei der Arbeit.

Die Malerei der Deckenfresken stellte den Künstler allerdings gerade in den ersten Wochen vor große Herausforderungen. Michelangelo hatte keine Erfahrung in der Freskenmalerei, wollte sich aber auch keine Blöße geben und bei den erfahrenen Malern in Rom Rat einholen. „Die warten doch nur darauf, dass ich aufgebe, aber sie haben die Rechnung ohne Michelangelo Buonarroti gemacht. Meine Kunst erhebt sich über das bloße Handwerk“, pflegte er zu sagen und meinte damit den Papst und seinen Baumeister Bramante. Michelangelo glaubte daran, dass er nur deshalb den Auftrag für die Fresken der Sixtinischen Kapelle bekommen hatte, weil man davon ausging, dass er kläglich scheitern würde. Bramante, Günstling des Papstes, der vor kurzem mit dem Entwurf und Neubau des Petersdoms betraut worden war, wollte ihn vor der Welt demütigen, davon war Michelangelo überzeugt.

Dabei war er mit Leib und Seele Bildhauer. Er liebte es, die schönsten Skulpturen aus dem Marmor zu befreien. Doch statt für den Papst, wie versprochen, ein riesiges Grabmal mit über 50 Skulpturen zu entwerfen, hatte man ihn nun dazu verdammt, die Decke der Sixtinischen Kapelle zu bemalen. Für Michelangelo war es offensichtlich, dass Julius II damit rechnete, dass der Künstler versagen oder aufgeben würde. Das jedoch war das einzige, was Michelangelo niemals tun würde. Francesco ging davon aus, dass dies mit ein Grund dafür war, dass der Meister ihn schließlich doch eingestellt hatte.

Tatsächlich ergaben sich gleich in den ersten Tagen und Wochen immer wieder Situationen, in denen Michelangelo bei den Entwürfen Francesco hinzuzog, um mit ihm die vorbereiteten Kartons zu besprechen. Dabei handelte es sich um große Bögen Papier, auf die der Maler seinen Bildentwurf malte. Mitunter waren die Bögen mehrere Meter hoch bzw. breit und mussten in Einzelteile zerlegt werden um die Linien auf den intonaco übertragen. Die Gehilfen machten dafür entlang der Linien kleine Löcher in das Papier, die mit schwarzem Kohlestaub betupft wurden. Eine äußerst zeitraubende, aber notwendige Vorarbeit, bevor der erste Pinselstrich des Meisters erfolgen konnte. Francesco war schlau genug, dabei so unauffällig wie möglich auf Fehler in der Perspektive hinzuweisen, so dass Michelangelo weder vor sich, noch vor Anderen zugeben musste, auf den Rat eines erfahreneren Malers angewiesen zu sein. Es entsprach nicht dem herrischen Charakter des Meisters, solche Schwächen zuzugeben. Doch er wusste um seine Schattenseiten und obwohl er zu keinem Zeitpunkt auch nur ein einziges Wort dazu verlor, vergaß Michelangelo Francescos Unterstützung nicht.

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Nach einem guten halben Jahr in Rom fühlte Francesco sich immer noch nicht wirklich in der bottega von Michelangelo angekommen. Er war der Mann aus Mantua, der zwar ein gewisses Geschick bewiesen hatte und Erfahrung in der Freskenmalerei mitbrachte, aber bislang durfte er kaum mehr malen als Teile der Ornamente. Keiner der Gehilfen durfte wesentlich mehr an Malerei übernehmen, denn der Maestro machte keinen Hehl daraus, dass er keinem seiner Gehilfen zutraute, auch nur einen Pinselstrich so zu führen, dass er mit seiner eigenen Technik mithalten konnte. Obwohl Michelangelo selbst kaum Erfahrung mit der Freskenmalerei hatte, machte er mit Geschick und Instinkt gute Fortschritte und gewann Übung in der Technik des Malens auf dem intonaco und mit der Perspektivenverkürzung. Die Perspektiven mussten bei der Arbeit an den Fresken mit besonderer Sorgfalt behandelt werden, da nicht auf ebener Wand gemalt wurde, sondern auf der gewölbten Decke. Dafür musste der Künstler eine bestimmte Technik anwenden, damit die Figuren auch in der Krümmung natürlich wirkten. Man musste sie beim Malen an der Decke optisch verkürzen, um sie für den Betrachter am Boden der Kapelle lebensecht aussehen zu lassen. Das war bereits für gute Maler eine Herausforderung. Michelangelo hingegen malte die Menschen in der Bewegung, teilweise in sehr komplexer Haltung, das war in der verkürzten Perspektive eine knifflige Aufgabe. Unauffällig für Außenstehende arbeiteten Francesco und Michelangelo hervorragend zusammen. Francesco gab sich als Gehilfe und übte alle Handgriffe eines solchen aus, doch er fand auch immer wieder unauffällige Wege, Michelangelo wertvolle Hilfestellungen bei den speziellen Fertigkeiten der Freskenmalerei zu vermitteln. Entweder stellte er eine unauffällige Frage, die Michelangelo, der eine besondere Antenne für Francescos versteckte Hinweise entwickelt hatte, die richtige Information lieferte, oder er machte es an unauffälliger Stelle bei den Ornamenten oder in einer Ecke des Kartons einfach vor. Auf dieser Ebene verstanden sich Michelangelo und Francesco ohne Worte und was noch wichtiger war: sie waren in gewissem Sinn auf Augenhöhe.

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An diesem Morgen gingen wie immer die Gehilfen voraus um die Werkzeuge für das Tageswerk vorzubereiten und den Unterputz, den intonaco, anzurühren. Der intonaco war eine wichtige und anspruchsvolle Grundvoraussetzung für ein erfolgreiches Tagwerk. Es war enorm wichtig, den Putz in der richtigen Konsistenz auf das Mauerwerk aufzutragen. War er zu feucht, bildeten sich später Salzkristalle auf der Farbe, die sie langsam, aber sicher zersetzten. Auch Schimmel war gefürchtet, er konnte sich schnell ausbreiten und ein ganzes Fresko zerstören. Zu trocken aufgetragen, bildeten sich schnell Unebenheiten, die das Bild störten und der Maler hatte zu wenig Zeit zum Malen. Der intonaco konnte die Farbe nur aufnehmen, solange er noch feucht war. Einmal trocken, versiegelte und bewahrte er die Farben, dann war keine Änderung, und sei sie noch so minimal, mehr möglich, weil der Putz die Farbe nicht mehr annahm. Sie blätterte unweigerlich irgendwann ab. Das machte die Technik der Freskenmalerei so anspruchsvoll. Wenn etwas nicht sofort gelang, konnte es kaum mehr korrigiert werden. War wirklich etwas misslungen, musste man mit Hammer und Pickel das gesamte Tagwerk wieder von der Decke klopfen und von vorne beginnen.

Die Aufgaben waren klar verteilt. Francesco und Luigi waren die Gesellen, die bereits eine Ausbildung begonnen oder abgeschlossen hatten. Sie führten die Malereien an der Ornamentik aus, sowie kleinere Attribute in den Fresken. Darüber hinaus waren sie für die Bestellungen von Farbe und all den anderen Dingen betraut, die tagein, tagaus für die Arbeit benötigt wurden. Auch die Kontrolle des intonaco war eine wichtige Aufgabe. Michelangelo konnte äußerst ungehalten werden, wenn der Unterputz nicht die ideale Beschaffenheit hatte, denn selbst bei guter Grundierung war das Aufbringen der Farbe eine außerordentlich mühselige Arbeit. Der Maestro musste über Stunden halb auf dem Rücken liegend und über Kopf arbeiten.

Carlo und Matteo bereiteten die Grundierung zu und die einfachen, gängigen Farben vor. Beppo schließlich war der Laufbursche und hielt Baustelle sowie Werkzeuge und Pinsel sauber. Beppo war ein großer, stämmiger junger Mann, dem es zwar an Schlagfertigkeit und Gewitztheit fehlte, nicht aber an Herz. Kinder und Tiere mochten Beppo sofort und suchten seine Nähe. Mit den Erwachsenen tat er sich hingegen schwerer. Die Gehilfen der bottega spielten ihm immer wieder hässliche Streiche und machten sich über seine Schwerfälligkeit lustig. Es dauerte allerdings nicht lange, bis Francesco und er Freunde wurden.

Francesco war erst wenige Tage in die bottega aufgenommen, da kam er am Morgen hinzu, als die Gesellen sich einen Spaß daraus machten, Beppos Kappe zwischen sich hin und her zu werfen. Beppo hatte bei den schnellen, flinken Bewegungen keine Chance, an seine Kopfbedeckung zu kommen. Er stand hilflos zwischen den feixenden Gehilfen, die Beppo immer wieder seine Kappe in Reichweite vor die Nase hielten, aber nur um sie schnell zurückzuziehen, sobald er danach greifen wollte. Die Kappe flog dann hoch über seinen Kopf zu dem Gesellen hinter ihm. Francesco hatte nichts für grobe Späße übrig, die auf Kosten von Schwächeren gingen. Er runzelte die Stirn, ging dazwischen und fing die Kappe mit einer schnellen Handbewegung auf. Ohne ein Wort des Kommentars gab er Beppo seinen Hut und machte sich danach an seine Arbeit. Dieser Vorfall genügte, um Beppo danach weitgehend vor den Umtrieben der anderen Gehilfen zu schützen und von diesem Tag an war Francesco Beppos auserwählter Liebling. Francesco hingegen schätzte Beppos Sorgfalt bei allem, was er tat. Wenn Beppo die Farbtöpfe reinigen sollte, konnte man sicher sein, dass er ganze Arbeit leisten würde. Nachlässigkeiten gab es bei ihm nicht. Außerdem war Beppo ein überaus sanftmütiger Mensch, der niemals jemandem etwas zuleide tun würde. Man konnte sich auf ihn verlassen, auch wenn er weder schreiben, lesen und nur wenig rechnen konnte. So wurden die beiden Außenseiter der bottega Freunde, die einander beschützten und beistanden

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Francesco hatte angefangen, seinen Meister bei der Arbeit zu beobachten und seine Technik studiert, wann immer er die Gelegenheit dafür bekam. Ohne Zweifel überragte Michelangelos Inspiration das künstlerische Können eines Großteils seiner Zeitgenossen um Welten. Er schien ein ganzes Universum in seinem Kopf zu haben, das nur darauf wartete, nach außen gebracht zu werden. Es war, als ob er nur abrufen musste, was für eine bestimmte Stelle des Freskos von Gottes Gnaden vorgesehen war.

Wenn die Arbeiten am Fresko des Abends beendet waren, zog Francesco sich oft zurück, um selbst an seinen eigenen Zeichnungen zu arbeiten und für sich auszuprobieren und umzusetzen, was er beobachtet hatte. An manchen Tagen gesellte sich Beppo still dazu und saß einfach da, während er eine Katze oder einen Hund streichelte. Tiere liefen ihm in Scharen zu und suchten seine Nähe, deshalb war Beppo, wo immer er sich aufhielt, meist von einem oder sogar mehreren Tieren begleitet. Beide Freunde schätzten die Gesellschaft des Anderen, obwohl oft für Stunden kein Wort gesprochen wurde.

Es dauerte nicht lange, bis Francesco die ersten Fortschritte machte und seinen eigenen Bildern mehr Leben und Bewegung einzuhauchen verstand. Er begriff, dass es sich nur zum Teil um eine andere oder ausgefallene Technik handelte: es war vielmehr eine andere Art des Bewusstseins. Es war eine andere Art des Sehens und des Strebens. Francesco erkannte, dass die Persönlichkeit des Malers, seine ganze Leidenschaft, sich nur dann in seinen Bildern zeigen konnte, wenn er mutig den Pinsel führte und sich frei machte von erlernten Grundsätzen und auferlegten Restriktionen. Manchmal musste man die gängigen Regeln der Malerei sprengen, um neues zu schaffen. Für diese Art des Malens war ohne Frage Michelangelo von allen Künstlern der Hervorragendste, denn niemand malte mit so viel Leidenschaft, niemand projizierte sein ganzes Herz, ja seine Seele und sein Leben auf diese Weise in sein Schaffen.

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Im Laufe der Wochen und Monate wurde es Francesco zur Gewohnheit, den Meister nicht nur genau zu beobachten, sondern in seinem Vorgehen nachzuahmen. Er achtete auf die Bewegungen und die Technik. Er beobachtete Michelangelo dabei, wie er sein Werkzeug gebrauchte und achtete vielleicht noch mehr auf seinen Blick und den entsprechenden Gesichtsausdruck bei bestimmten Arbeiten. Er lernte zu erkennen, wann sein Meister das Auge unscharf werden ließ, den Verstand ausschaltete und aus dem Herzen arbeitete. Dann wieder wurde der Blick scharf und konzentriert, wenn er technisch die Perspektive und die Proportionen im Blick hatte.

Am Abend dann versuchte Francesco, es seinen Meister gleichzutun und zeichnete, während Beppo ihm Modell stand. „Wozu machst du dir nur so viel Mühe?“, fragte Beppo eines Abends. „Du sollst bitte nicht so werden wie er“, meinte er und machte ein Gesicht wie ein verängstigtes Kind. „Ich mag es nicht, wie er malt. Das macht mir Angst…“ Francesco ließ überrascht den Stift sinken und sah Beppo an. „Was macht dir Angst?“ Beppo suchte offensichtlich nach Worten. „Seine Menschen… sie sehen so lebendig aus. Und sie sind entweder bedrohlich oder sie leiden.“ Francesco war beeindruckt. Besser hätte man das Werk ihres Meisters wohl kaum zusammenfassen können. Michelangelo malte die Abgründe der Menschen, er war kein Freund des oberflächlichen Scheins. Selbst bei den Figuren der Schönheit war das Leid Teil ihres Ausdrucks, denn das war nun einmal ein wesentlicher Zug der Persönlichkeit und der Seele ihres Malers. „Ja, du hast Recht, Beppo. Aber es sind nur Bilder, du musst dich davor nicht fürchten.“ Beppo sah ihn an und die Zweifel sprachen aus seinen Augen. Michelangelos Werke wirkten so lebendig, dass Beppo sich nach wie vor bedroht fühlte. „Welche Ausdruckskraft!“, dachte Francesco staunend.

„Weißt du, ich muss die Technik beherrschen lernen, um meine Bilder richtig zu machen. Ich möchte mit meinem Werk der Schönheit der Frauen angemessenen Ausdruck zu verleihen. Ich will nicht das Leid malen, ich will das Mysterium des Lebens malen und das, lieber Beppo, findet sich am besten im Bildnis einer Frau. Oder was meinst du?!“ Francesco grinste Beppo an, dessen Gesichtszüge sich bei seiner Erklärung deutlich aufgehellt hatten. „Oh ja. Frauen sind schön. Das werden ganz bestimmt sehr schöne Bilder.“ Dann stutzte er und runzelte etwas die Stirn. „Pater Angelico sagt aber, die Frauen tragen die Sünde in sich. Weil doch Eva daran schuld ist, dass die Menschen aus dem Paradies vertrieben wurden.“ Beppos Gesicht drückte all seine Ängste, aber auch seine Zweifel aus. Es war ihm anzusehen, dass er hin und her gerissen war, was seine Haltung gegenüber Frauen anging. Francesco konnte das gut verstehen. „Weißt du, Beppo, ich kann nicht glauben, dass die Sünde nur in den Frauen steckt. Ich bin unter Frauen aufgewachsen und habe als Junge viel mit ihnen gespielt und mit ihnen geredet. Ich habe sie gut kennen gelernt und in meinen Augen sind sie nicht sündiger als wir Männer. Nur anders. Vielleicht fürchtet die Kirche sie nur, weil sie sie nicht versteht.“ Dabei ließ er es bewenden. Beppo hatte aufmerksam zugehört und nickte, die Begründung schien ihm einzuleuchten. Auch er hatte wohl nichts Böses in den Frauen gesehen, die er bislang kennen gelernt hatte Er zeigte sich erleichtert, denn Francesco hatte damit einen Zwiespalt beseitigt, der Beppo als gläubigen Christen durchaus beschäftigt hatte. Die beiden Männer lächelten und nickten sich in gegenseitigem Einverständnis zu.

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Francescos Aufmerksamkeit blieb Michelangelo nicht verborgen. Ohne je etwas dazu zu sagen, ging er dazu über, mitunter einen Moment abzuwarten, bevor er sich einem neuen Arbeitsschritt oder einer anderen Figur zuwandte, ganz so, als wolle er seinem heimlichen Beobachter die Gelegenheit geben, seine Schritte mit zu verfolgen. Ohne dass ein einziges Wort gewechselt wurde, ergab sich langsam zwischen dem Meister und seinem Gesellen eine weitere Ebene der gegenseitigen Aufmerksamkeit. Francesco fiel das veränderte Verhalten von Michelangelo schnell auf und für die unausgesprochene Unterstützung bedankte er sich, in dem er sich bemühte, Werkzeug und Farbe bereit zu halten und anzureichen, noch bevor der Meister danach verlangte. Francesco hatte es schnell heraus, welche Schritte Michelangelo wohl als nächstes machen würde und machte sich einen Spaß daraus, den einen oder anderen überraschten Blick seines Meisters aufzufangen, wenn er ihm das Gewünschte bereits reichte, noch bevor er danach verlangen konnte. Freilich war in so einem Moment die Reaktion abhängig von Michelangelos Gemütsverfassung, die wiederum sehr schwanken konnte. Das Spektrum reichte von einem kurzen, überraschten Blick über geflissentliches Ignorieren, ärgerliches Brummen bis hin zu einem versteckten Schmunzeln.

Dieser minimale Austausch ohne Worte war Francescos tägliche Motivation, ebenso wie seine Fortschritte in den heimlichen Übungen, die er in seiner freien Zeit machte, wenn er sich in einen stillen Winkel der Kapelle zurückzog.

 

Ein Talent wird entdeckt

 

Eines Abends kam Michelangelo nach Beendigung seines Tagewerks noch einmal zurück zur Baustelle, um sich die zu bemalende Fläche für den nächsten Tag noch einmal in Ruhe anzusehen. Er schien bei der Betrachtung der Fläche das bereits fertige Bild zu sehen, anders war es nicht zu erklären, dass er teilweise freihändig direkt die Farbe auf den Putz auftrug, ohne vorher die Konturen aufzutragen. Spätere Veränderungen waren nicht mehr möglich, sobald der Putz mit der Farbe getrocknet war. Doch Michelangelo führte den Pinsel mit traumwandlerischer Sicherheit über die Fläche und zauberte seine Entstehung der Welt wie aus dem Handgelenk an die Decke der Sixtinischen Kapelle.

An diesem Abend stand der Meister zu später Stunde noch einmal vor seinem Werk und versenkte sich in die Betrachtung der noch leeren Fläche. In seinem Geist entstand das Bild mit allen Einzelheiten, wie es am nächsten Tag gemalt werden sollte. Nach einer Weile wurde er sich der Anwesenheit eines weiteren Menschen in der Kapelle bewusst. Er stieg vom Gerüst, ging leise um eine Säule herum und fand Francesco, der dort ein stilles Plätzchen gefunden hatte. Er kauerte auf einem Treppenabsatz und war ganz auf seine Zeichnung konzentriert, die er auf dem Schoß hatte. Als Michelangelo ihm über die Schulter schaute, erschrak Francesco und versuchte unwillkürlich, sein Werk mit einem Arm zu bedecken. Es war eine Zeichnung der Mutter Maria mit ihrem neugeborenen Sohn auf dem Schoß. Francesco wollte die Schönheit einer Frau und Mutter mit der Heiligkeit der Mutter Maria verbinden, wollte die irdische Schönheit der Frau auf die höhere Ebene einer Göttlichkeit heben. Michelangelo nahm ihm die Skizze aus der Hand und betrachtete sie eingehend. Er nahm sich Zeit dafür, während Francesco kaum zu atmen wagte. Nach einer gefühlten Ewigkeit gab Michelangelo die Zeichnung zurück und bemerkte knapp: „Der Faltenwurf ist noch etwas statisch, die Stellung der Füße passt nicht ganz zur Körperhaltung. Aber du bist auf dem richtigen Weg. Das wird gut.“ Damit drehte er sich um und verschwand. Francesco blieb etwas verdattert zurück. So viel und so freundlich hatte Michelangelo noch nie mit ihm gesprochen. Er war auf dem richtigen Weg, hatte er gesagt. Das wird gut, hatte der Meister persönlich angemerkt. Bei Michelangelo kam diese Bemerkung einem Ritterschlag gleich. Francesco griff nach dem Stift und widmete sich mit einem glücklichen Lächeln den Füßen der Madonna.

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Francesco hatte sich vorgenommen, für sein eigenes künstlerisches Schaffen dort anzusetzen, wo für sein Gefühl Michelangelos geniale Sensibilität als Maler Grenzen fand. Der Meister liebte die Schönheit und wusste sie wirkungsvoll in seinen Werken einzufangen, daran gab es nicht den geringsten Zweifel. Doch er suchte die Schönheit hauptsächlich in männlichen Körpern und schenkte ihnen sein ganzes Können. Die Schönheit der Weiblichkeit war eher selten Gegenstand und Ziel seines künstlerischen Schaffens. Es schien fast so, als habe der Meister einen großen Teil seiner Sensibilität für die Weiblichkeit bereits auf die Pietà verwendet. Die Figur der Maria mit dem vom Kreuz abgenommenen Körper Jesu auf dem Schoß war die schönste Figur, die Francesco jemals gesehen hatte. Sie war von nahezu überirdischer Schönheit und zog jeden Betrachter in seinen Bann.

In Francescos Augen war Michelangelo jedoch wie gefangen in seiner Liebe zur Schönheit des männlichen Körpers, den er in jeder nur denkbaren Haltung mit unglaublicher Lebendigkeit und kraftvoller Präsenz darzustellen vermochte. Francesco vermisste eine ähnliche Hingabe Michelangelos bei der Darstellung der Weiblichkeit und nahm sich vor, genau an diesem Punkt mit seinem eigenen künstlerischen Streben anzusetzen. Er träumte davon, einzigartige Bilder zu malen, die ähnlich kraftvoll, lebendig und strahlend waren wie die seines Meisters, doch Francesco wollte dabei seinen eigenen Weg gehen, er hatte das Bedürfnis, die Frau in den Mittelpunkt stellen. Er wollte sie malen, wie er sie sah. Er bewunderte, wie Rafael Santi ihre Schönheit, die Zartheit ihrer Züge und die Weichheit ihrer Körper in seinen Werken in Szene setzte, doch Francescos Streben ging über die Darstellung der äußeren Schönheit weit hinaus. Er bestaunte den weiblichen Körper, der im Vergleich zum männlichen so völlig anders proportioniert war, für Francesco war er ein Altar für das Geheimnis des Lebens. Noch mehr aber war er fasziniert von ihrem Anderssein, von der Komplexität ihrer Emotionen, von der mystischen Aura ihrer Persönlichkeit. Es war eine geheimnisvolle Macht und ein besonderes Wissen, das Frauen in sich trugen, egal ob sie schon Mutter waren oder nicht. Es war ein Siegel, das nicht wirklich sichtbar, aber doch signifikant spürbar für die weibliche Natur war. Diese Essenz galt es einzufangen und ihr Ausdruck zu verleihen, Francesco fühlte sich aufgerufen, in seiner Kunst danach zu streben.

So galt Francescos Aufmerksamkeit den Frauen in seiner Umgebung, als Mann ohnehin, aber vielleicht noch mehr als Künstler. Er bewunderte manche Frau, ohne sie zu begehren, weil seine Sinne für das weibliche Mysterium empfänglich waren, während viele Männer genau das fürchteten. Vermutlich lag diese Sichtweise daran, dass er unter Frauen aufgewachsen war. Seine Mutter hatte ihn zusammen mit zwei älteren Schwestern aufgezogen. Seine Schwestern hatten sich um ihn gekümmert und ihn an ihren Gesprächen teilhaben lassen, selbst als er älter wurde. Sein Elternhaus lag etwas außerhalb von Mantua, deshalb kam er nur dann mit anderen Jungen zusammen, wenn seine Eltern in die Stadt fuhren, um auf dem Markt ihr Gemüse zu verkaufen und Besorgungen zu machen. Francesco hatte die Gesellschaft und die Verbundenheit mit so vielen Frauen nie als negativ empfunden, denn er spürte deutlich, dass die meisten Frauen im Gegensatz zu vielen Männern, denen er begegnet war, überaus vielschichtig in ihrer Persönlichkeit waren.

Die meisten Männer, die Francesco kennen gelernt hatte, waren eher einfach in ihrem Denken und Fühlen. Allenfalls die gelehrten Männer in seiner Bekanntschaft waren zu originellen Überlegungen und ausgefallenen Gesprächen fähig. Nahm man sich aber die Zeit, Frauen bei ihren Gesprächen zuzuhören, stellte man fest, dass selbst die einfachen Gemüter über mehr Flexibilität in ihren Betrachtungen verfügten, als so mancher Mann. Für eine Frau schien es selten eine einfache Lösung für ein Problem zu geben. Es war ihre Art, alles von unterschiedlichen Blickwinkeln zu beleuchten. Francesco hatte das häufig bei seinen Schwestern beobachtet und mehr als einmal darüber gestaunt, wie viele „Aber“ und „Vielleicht“ sich bei simplen Vorgängen finden ließen, wenn man unentschlossen war und zum Grübeln neigte.

Bei aller Bewunderung war Francesco aber auch froh, selbst ein Mann zu sein. Er empfand die Freiheit in seinem Tun als großen Vorteil und fand es schön, zielgerichtet auf einfache Lösungen hinzuarbeiten. Darüber hinaus genoss er es, beim Einsatz purer Muskelkraft seinen Körper zu spüren und mit der Kraft seines Körpers bei schwerer Arbeit etwas bewegen zu können und sei es nur eine Anzahl von Getreidesäcken. Vieles war für einen Mann einfacher und Francesco war gerne eigener Herr seines Schicksals.

 

Von der Liebe gefunden

 

Der folgende Winter war so hart, dass es an vielen Tagen einfach zu kalt war, um an den Fresken zu arbeiten. Selbst der angewärmte Putz wurde an der Decke nicht fest. Er hielt nicht, um die Farbe aufzunehmen. An weiteren Arbeiten am Fresko war nicht zu denken. Stattdessen wurde die Baustelle geputzt, das Werkzeug gereinigt und der Vorrat an Farbe aufgefüllt. Jeder suchte sich Beschäftigungen um die Zeit auszufüllen. Francesco machte sich an einem sonnigen, aber eisig kalten Tag auf den Weg zum Händler. „Hey, Francesco!“ rief ihm Michelangelo hinterher. „Lass dich nur nicht von Giovanni, diesem römischen Halsabschneider, über den Tisch ziehen. Zehn Dukaten, mehr darf die Bestellung nicht kosten. Wenn er sich weigert, sag‘ ihm, dass ich meinem Auftraggeber von seinen Besuchen in Trastevere erzählen werde.“ Mit dieser humorigen Andeutung wollte Michelangelo auf die zahlreichen Besuche des Kaufmanns bei den Prostituierten hinweisen. Halb Rom wusste über die besonderen Vorlieben des Händlers Bescheid.

Francesco winkte und machte sich auf den Weg. Rom sah in diesen Tagen aus wie eine große Baustelle. Aufbruchsstimmung herrschte überall. Insbesondere seit Julius II 1503 auf den päpstlichen Thron gewählt wurde, veränderte sich die Stadt und blühte auf. Julius II hatte sich in den Kopf gesetzt, der Heiligen Stadt seinen Stempel aufzudrücken. Er war ein großer Unterstützer der Künste und vergab an zahlreiche Baumeister, Maler und Bildhauer umfangreiche Aufträge. Alte Baudenkmäler aus der Antike wurden Stein für Stein abgetragen. Sie wurden für neue Bauten verwendet und so wurden neue Gebäude aus und auf alten Ruinen errichtet. Trotz der Kälte war geschäftiges Treiben auf den Straßen. Francesco freute sich über die Gelegenheit, durch Roms Gassen zu streifen und pfiff eine fröhliche Melodie vor sich hin. Die Bäume, aber auch die Simse an den Häusern waren von funkelndem Raureif überzogen. Der Himmel strahlte in diesem hellen Winterblau, das Francesco so liebte. Einige kleine Wölkchen zogen über den Himmel und malten Sprenkel auf das Blau .Er atmete die kalte Luft ein und genoss die winterlichen Sonnenstrahlen, die zwar noch keine Wärme spendeten, dafür aber die Straßen Roms erstrahlen und die mit Raureif überzogenen Steine wie Diamanten glitzern ließen.

Gut gelaunt schlenderte Francesco pfeifend durch die Straßen und freute sich, der Beengtheit und der Dunkelheit in der Kapelle zu entkommen. Die Verhandlungen mit Giovanni, dem Farbenhändler, waren erfolgreich und Francesco handelte sogar einen kleinen Nachlass für das bestellte Leinöl aus. Er machte sich beschwingt auf den Rückweg und lief über die Piazza Rusticucci, wo einige Menschen am Brunnen standen, um zu trinken oder Wasser zu holen.

Francesco hatte vom Feilschen und Diskutieren einen trockenen Mund und Durst. Er musste ein wenig warten, denn vor ihm stand eine junge Frau am Brunnen. Als sie sich umdrehte, wäre sie beinahe mit Francesco zusammengestoßen. „Oh, Verzeihung…“, murmelte sie überrascht. Beide schauten sich einen kurzen Moment lang an, bevor die Frau sich zur Seite drehte und über die Piazza lief. Doch der Augenblick genügte, um für Francesco die Welt still stehen zu lassen. Er stand da wie verzaubert. Sie hatte Augen wie Samt, in der Farbe wie Bernstein: warm und lebendig. Überschattet waren ihre Augen von den längsten Wimpern, die er sich vorstellen konnte. Sie warfen ihren Schatten bis auf die blassen Wangen, die ebenmäßig mit einem rosigen Hauch dazu verführten, sie zart zu streicheln. Ihre Lippen leuchteten rosig, noch nass vom Wasser, und auf ihrem Kinn glitzerte noch ein kleiner Tropfen. Francesco hätte mit Freuden den gesamten Inhalt seines Beutels gegeben, um diesen Tropfen mit seinem kleinen Finger wegwischen zu dürfen. Er stand immer noch da, in die Erinnerung an das bezauberndste Gesicht vertieft, das er je gesehen hatte. Selbst ihre Stimme war wie ein süßes Versprechen: melodisch und wohl klingend. Seine Knie waren weich und sein Mund offen, doch unfähig, auch nur einen Laut von sich zu geben. Dabei hätte er ihr sofort und ohne Umschweife seine Liebe gestanden, hätte sie auch nur einen Moment lang gezögert.

Doch sie hatte ihn nur kurz angesehen, bevor sie sich umdrehte und ihren Weg über die Piazza fortsetzte. Francesco konnte seinen Blick nicht von ihrer Gestalt lösen und lief ihr nach, als zöge sie ihn an einem unsichtbaren Faden hinter sich her. Nichts sah er mehr von den Schönheiten der ewigen Stadt, denn seine Augen waren nur noch auf eine Schönheit gerichtet, die in edlen, aber abgetragenen Stoffen gekleidet, erhobenen Hauptes durch die immer enger werdenden Gassen vor ihm her schritt und all seine Sehnsüchte auf sich vereinte. Erst, als sie eine reich verzierte Tür öffnete und in einem Haus verschwand, kam Francesco wieder zu sich und sah sich um. Er sah an der Hausfassade hoch um zu sehen, ob sie nicht zufällig an einem Fenster stand und er noch einen Blick auf sie werfen könnte. Doch es tat sich nichts und so machte er sich daran, eilig zurück zur Sixtinischen Kapelle zu laufen. Die Anderen würden sich sicher schon fragen, wo er abgeblieben war.

Den Rest des Tages konnte Francesco sich weder auf seine Arbeit, noch auf die Maltechniken Michelangelos konzentrieren, der weitere Kartons für die nächsten Bilder anfertigte. Francesco dachte nur noch an wimpernumrahmte Bernsteinaugen und sinnliche, feuchte Lippen. Ab und zu entfuhr ihm ein leiser Seufzer. „Hey, du zermahlst den Stein nun schon eine halbe Stunde. Feiner wird der Staub nicht mehr…“, nörgelte Luigi. Wortlos reichte Francesco seine Schale weiter, statt, wie sonst, seinem Kollegen eine gepfefferte Antwort zu geben. Luigi sah ihn prüfend an. „Was ist mit Dir? Bist du krank?“ Das ließ Francesco sich zusammenreißen. Er wollte niemandem davon erzählen, er wollte das Bild dieser Frau nur in seinem Herzen betrachten.

Als die Anderen schließlich nach Hause gegangen waren, näherte sich auch Beppo. „Was ist mit dir? Wo sind deine Gedanken heute?“, wollte er wissen. Francesco konnte sich ein breites Lächeln nicht mehr verkneifen. „Meine Gedanken“ sprach er, „die sind bei der schönsten Frau, die ich je gesehen habe.“ Beppo lachte mit Francesco. „Du bist verliebt“, stellte er fest. Francesco zog eine Tafel aus seiner Tasche und fing an, ihr Gesicht zu zeichnen. Beppo verfolgte seine Bewegungen über die Schulter blickend. „Oh, das ist wirklich schön“, bestätigte er. Damit war das Thema für ihn erledigt. Er widmete sich seinem Schützling: eine getigerte, kleine Katze, die heute bei ihm Zuflucht gefunden hatte. Mit einer unendlichen Geduld streichelte er ihren kleinen Körper zärtlich und vorsichtig. Ein lautes Schnurren war sein Lohn. Es sah ganz danach aus, als habe sie beschlossen, diesen herrlichen Ort in Beppos Armbeuge nie wieder zu verlassen.

*

 

Francesco nutzte jede Gelegenheit, um das Haus aufzusuchen, in dem die Frau vom Brunnen verschwunden war. Sehnsüchtig wanderte dann sein Blick von einem Fenster zum anderen, immer in der Hoffnung, ihre Gestalt in einem Fenster zu erblicken. Doch nichts tat sich, Tag für Tag stand er vor dem Haus, ohne auch nur ein einziges Mal einen Schatten dieses wundervollen Wesens erhaschen zu können.

Da er viel von seiner freien Zeit dort verbrachte, freundete sich Francesco mit dem Besitzer eines kleinen Tuchgeschäftes an, das nur einen Steinwurf entfernt war. Filippo hieß der Besitzer, doch auch er wusste nicht, wer in dem Haus residierte. Es gehörte dem reichsten Bankier Roms, Agostino Chigi. Er nutzte das Haus, um Gäste zu beherbergen, die gerne unerkannt bleiben wollten. „Zur Zeit wohnt dort eine Dame mit ihrem Gefolge“, wusste Filippo zu erzählen. „Ich weiß nicht, wer sie ist, ich kann mir beim besten Willen keinen Reim darauf machen. Es muss eine Dame von hohem Rang sein, doch was sie trägt und wie sie lebt, ist ausgesprochen bescheiden.“ Filippo zuckte mit den Schultern und schaute Francesco ratlos an. „Sie hat weder Kleider, Stoffe, noch Bänder bei mir bestellt und dabei habe ich einen untadeligen Ruf in Rom.“ Filippo war etwas verärgert über diese Missachtung seines Geschäfts, zumal von einer Dame. „Sie geht auch nicht aus, die hohe Dame. Ich frage mich wirklich, wer das ist und was sie hier in Rom zu tun hat.“

Während Francesco so oft er konnte in der Via del Falco wartete und auf eine Begegnung mit der Dame seiner Sehnsucht hoffte, herrschte in der bottega schlechte Stimmung. Michelangelo war aufbrausender als sonst und schon seit Tagen übellaunig. Schuld daran war ein Brief seiner Familie. Giuliano Sangallo, Michelangelos Freund und Mitstreiter, brachte den Brief mit und Michelangelo kletterte sofort von seinem Platz unter der Decke nach unten, um die Nachrichten aus Florenz zu lesen. Doch bei der Lektüre der Zeilen verfinsterte sich sein Gesicht zunehmend und am Ende schlug er mit seiner Faust laut auf den Tisch, auf dem die Farben angerührt und vorbereitet wurden. Es kümmerte ihn nicht, dass einige Schalen auf dem Steinboden zerbrachen und die Farbe hässliche Flecken machten.

Michelangelos Gehilfen verzogen sich so gut es ging, um nicht im Weg zu stehen und womöglich einen weiteren Wutanfall des Meisters auszulösen. „Schon wieder Geld. Diese Bagage hat nichts anderes im Sinn, als mich arm zu machen!“, donnerte seine Stimme durch die Sixtinische Kapelle. Immer wieder war Michelangelos Familie Grund für Ärger und Verdruss, denn sein Vater akzeptierte seine Entscheidung, Bildhauer zu werden, nicht, scheute sich aber auch nicht, immer wieder die Hand aufzuhalten und Geld für den Unterhalt der Familie zu fordern. Da die Brüder Buonarroti, die in Florenz geblieben waren, weder mit Arbeitseifer noch mit Geschäftssinn gesegnet waren, war das Geld stets knapp. So sah Michelangelo sich gleichzeitig in der Rolle des missratenen Sohns der Familie und des willfährigen Geldesels. Nur an Anerkennung ließ es die gesamte Familie Buonarroti gegenüber Michelangelo mangeln. Er seufzte. Man konnte nichts machen, es war nun einmal Gottes Wille. Michelangelo wendete sich langsam und seufzend, als ob er binnen Minuten um ein Jahrzehnt gealtert wäre, wieder dem Gerüst zu und erkletterte mühsam seinen Arbeitsplatz. Den Rest des Tages verbrachte er, ohne ein einziges weiteres Wort zu sagen, in seine Malerei vertieft. Obwohl er dabei gezwungen war, eine äußerst mühselige und unnatürliche Haltung einzunehmen, war seine Arbeit doch sein Refugium. Mit dem Pinsel in der Hand unter seinem Fresko hängend fühlte er sich gänzlich als der Mensch, der er sein sollte und als Werkzeug des Herrn. Als er am Ende des Tages herabstieg, hatte er sich zwar körperlich verausgabt, aber sein Geist war zur Ruhe gekommen und hatte in seiner Arbeit neue Kraft und Zuversicht geschöpft

*

 

Der Winter ging vorbei und die Frühlingssonne lockerte seinen eisigen Griff. Mit der noch zögerlichen Wärme kamen die Menschen wieder aus den Häusern und suchten die ersten Sonnenstrahlen des Märzes. Wieder einmal stand Francesco auf der Via del Falco und hielt Ausschau nach dem Zauberwesen, dem er schon vor Wochen begegnet war. Wie so oft saß er mit Filippo vor seinem Laden, die beiden waren in ein Gespräch über Farben und deren Verarbeitung vertieft, als eine weibliche Gestalt eilig an ihnen vorüberschritt, die Kapuze ihres Mantels zum Schutz vor dem immer noch kalten Wind ins Gesicht gezogen. Francesco hätte sie beinahe nicht bemerkt. Erst aus den Augenwinkeln sah er ihren bernsteinfarbenen Blick unter den dichten Wimpern. Augen, von denen er schon so viele Nächte seit der ersten Begegnung geträumt hatte. Mitten im Satz sprang er auf und haspelte eine kurze Entschuldigung. Dann lief er ihr hinterher, immer ängstlich darauf bedacht, sie nur ja nicht aus den Augen zu verlieren. Sie war offensichtlich wieder allein und schien sich in den Straßen Roms recht gut zurecht zu finden.

Francesco folgte ihr um einige Ecken herum, durch einige Straßenzüge, bis er eine Vermutung hatte, wohin ihr Weg sie führten könnte. Sie war, so schien es, auf dem Weg zum Vatikan und dort zur Päpstlichen Residenz. Francesco staunte. Tatsächlich wurde sie einige Minuten später in die Residenz von Julius II eingelassen. Francesco beobachtete aus einiger Entfernung, dass die Frau kurz mit einer Wache sprach, der sie zu kennen schien. Ohne Verzögerung wurde sie eingelassen und war wieder verschwunden, ohne dass Francesco mehr über sie erfahren konnte. Ganz im Gegenteil: die Tatsache, dass sie problemlos in die Räumlichkeiten von Papst Julius eingelassen wurde, vergrößerte nur das Geheimnis, das diese Frau umgab. Francesco wartete noch eine Weile an der Ecke, unschlüssig, was er jetzt tun sollte. Er wollte sich gerade umdrehen und zu seiner bottega zurück eilen, als die Tür wieder aufging und seine Angebetete aus dem Gebäude trat. Für einen Moment war er wieder wie verzaubert von ihrem haselnussbraunem Haar, das nach der herrschenden Mode glatt nach hinten gekämmt und dort kunstvoll verflochten war. Es glänzte in reichen Brauntönen in der Frühlingssonne. Ihr Gesicht jedoch sah angespannt aus und ihre Augen waren von Sorgen umschattet. Hastig streifte sie ihre Kapuze über und schritt aus, um zurück zu eilen. Francesco hatte Mühe, mit ihr mit zu halten und kurze Zeit später verschwand sie wiederum in dem Haus in der Via del Falco.

 

Das Schicksal der Katharina von Aragon

 

„Hat er Dich empfangen? Erzähl‘, wie war’s und was hat Seine Heiligkeit gesagt?“ Elena hatte kaum ihren Mantel abgelegt, als Katharina sie mit ihren Fragen bestürmte. Elena aber knickste erst einmal, wie es sich für die Hofdame einer Prinzessin gehörte. Katharina von Aragon war immerhin die Tochter von Ferdinand II von Aragon und Isabella I von Kastilien. Sie war als jüngste Tochter des spanischen Königshauses geboren worden und wurde in relativer Freiheit erzogen. Umso schwerer war es für Katharina, als sie aus politischen Erwägungen im Alter von 12 Jahren mit Arthur verlobt wurde – dem älteren Sohn von Heinrich VII von England. Wie üblich war es eine Ehe, die gestiftet wurde, um die Königshäuser Aragon und Tudor enger miteinander zu verbinden. Von Liebe war nie die Rede gewesen. Arthur war noch jünger als Katharina und mit der jungen Ehefrau völlig überfordert. Sie waren sich in den ersten Wochen geflissentlich aus dem Wege gegangen, doch Katharina bereute heute zutiefst, dass sie ihrer Scham und ihren Vorbehalten gegenüber dem pickeligen und hochnäsigen Arthur nachgegeben hatte. Als beide an einem Fieber erkrankten, erholte sich Katharina nach einigen Wochen, während Arthur auf Grund seiner schwächlichen Konstitution der Krankheit erlag. So wurde sie nach nicht einmal einem Jahr Ehe bereits Witwe, ohne die Möglichkeit gehabt zu haben, dem Land einen Thronfolger zu schenken.

Die Geburt eines Sohnes war Grundvoraussetzung für das Wohlergehen einer Prinzessin. Als kinderlose Witwe war sie wie ein unbrauchbar gewordenes Möbelstück, das nicht entsorgt werden kann. Katharina war nur noch eine lästige Schwiegertochter, die niemandem mehr von Nutzen war. Der König ließ sie das jeden Tag spüren und verweigerte ihr jeglichen Unterhalt mit der Begründung, dass sie nur solange Recht auf eine Apanage habe, solange sie für England von Nutzen sei. Eine Rückkehr freilich in ihr Heimatland kam nicht in Frage, denn mit der Heirat der beiden Königshäuser ergaben sich zahlreiche Übereinkommen. Sie zu brechen, konnte und wollte keine der beiden Seiten riskieren. So wurde Katharina von Aragon zum Spielball der Politik.

Katharina litt sehr am englischen Hofe: fremd und unerwünscht in einem Land, das durch das Meer von ihrer Heimat getrennt war, hatte sie sich jeden Abend in den Schlaf geweint. Nur eine Hofdame aus ihrem spanischen Gefolge durfte an ihrer Seite bleiben. Es war Elena, die schon seit Kindertagen ihre Freundin und Vertraute war. Katharina aß kaum noch und wurde zu einem Schatten ihrer selbst, bis Heinrich sich entweder aus Mitleid oder, was wahrscheinlicher war, weil er ihres Anblicks überdrüssig war, dazu entschloss, ihr zu erlauben, sich bis auf weiteres in seine Londoner Residenz House Durham zurückzuziehen. Dort war das Leben für Katharina nur bedingt einfacher. Sie entkam zwar den strengen Regeln des englischen Hofprotokolls, doch der König gewährte ihr eine so geringe Apanage, dass es nur mit finanzieller Unterstützung ihrer Eltern möglich war, ein überaus bescheidenes Dasein zu fristen.

Es war ein schwieriges Leben in House Durham. Das Geld reichte kaum für Nahrung und Holz für den Kamin, im Grunde fehlte es an allem. Am gesellschaftlichen Leben konnte die Prinzessin deshalb nicht teilnehmen. Katharina wurde mit der Zeit klar, dass von alleine nichts an ihrem Dasein besser werden würde. Sie musste etwas tun und überdachte sorgfältig alle ihre Möglichkeiten. Bei genauerer Betrachtung lag die Lösung auf der Hand. Die geschlossenen Verträge würden nur dann nachhaltig ihre Gültigkeit behalten, wenn sie mit einem Prinzen aus dem Hause Tudor verheiratet war. Ihr verstorbener Gemahl Arthur hatte einen jüngeren Bruder. Katharina musste eine Ehe mit ihm anstreben. Heinrich war zwar noch ein Kind, aber die einzige Zukunft, die Katharina hatte. Dafür brauchte sie allerdings die Zustimmung der Kirche. Es galt, vom Papst persönlich den Dispens für ihre erste Ehe zu bekommen. Katharina bat ihre Mutter um Fürsprache und machte sich mit nur einem Diener und einer Hofdame auf nach Rom: ihrer persönlichen Schicksalsreise.

*

 

Elena knickste vor Ihrer Herrin und übergab ihr das Schreiben, das ihr in den Räumlichkeiten des Papstes Julius II ausgehändigt wurde. Gespannt verfolgte sie die hastigen Bewegungen von Katharina von Aragon, als sie das Siegel des Schreibens erbrach und den Bogen Papier entrollte.

Elena wusste, dass von diesem Schreiben nicht nur die Zukunft von Katharina von Aragon abhing. Ihr eigenes Schicksal war unwiderruflich mit dem Leben der Prinzessin verquickt. Nach dem Tod ihrer Eltern, die zum Gefolge von Ferdinand von Aragon gehört hatten, hatte sie im Alter von 7 Jahren Aufnahme als Hofdame und Spielgefährtin der jüngsten Tochter, Katharina von Aragon, gefunden. Seit ihren Kindertagen waren die beiden Frauen über die gesellschaftlichen Unterschiede hinweg eng miteinander befreundet gewesen. So war es selbstverständlich, dass Elena mit im Gefolge der Prinzessin war, als diese zur Hochzeit mit Arthur von Tudor nach England gereist war. Elena hatte mit Katharina die Höhen und Tiefen einer angehenden Königin und einer gesellschaftlich im Abseits stehenden, kinderlosen Witwe erlebt und erlitten.

So hoffte sie nun ebenso wie ihre Herrin darauf, dass Seine Heiligkeit Julius II Katharina von Aragon empfangen würde. Elena versuchte in Katharinas Miene zu lesen, ob das Schreiben hoffen ließ, oder beide Frauen ins Elend stürzen würde. Elena trat von einem Bein auf das andere. „Was schreibt er, Euer Gnaden, sagt doch!“ bat Elena. Katharina sah von dem Schreiben auf und schenkte ihrer Hofdame ein strahlendes Lächeln. Sie sah von einem Augenblick auf den anderen wie eine junge, hübsche Frau aus, voller Lebensfreude und Übermut. Ihr Lächeln war es, das der sonst unscheinbaren Frau einen besonderen Glanz verlieh.

„Er empfängt mich, Elena. Seine Heiligkeit wird morgen mein Anliegen hören. Was für ein Glück! Ich weiß, ich werde kein Auge zu tun, aber das ist meine Chance. Bete, Elena, dass ich einen Dispens erwirken kann. Bete für uns, liebe Elena!“

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Francesco hatte es eilig, zurück zur Baustelle zu kommen, denn er wollte seinen Meister nicht durch Abwesenheit verärgern. Er hatte Glück und traf einen Moment vor Michelangelo in der Sixtinischen Kapelle ein. An diesem Tag war er allerdings nicht allein, hinter ihm betraten zwei weitere Männer die Baustelle und wurden vom Rest der bottega mit erfreuten Rufen und Schulterklopfen empfangen. Piero Rosselli war ein bekannter Maler und Bildhauer. Als solcher war er es gewesen, der mit seinen Männern in mühevoller Kleinarbeit die Decke der Sixtinischen Kapelle von dem Fresko befreit hatte, das vorher das Gotteshaus geziert hatte. Trotz Mühen und Schwierigkeiten hatte Rosselli seine Aufgabe mit enormer Fertigkeit und in sehr kurzer Zeit erledigt. Als Florentiner kannte er natürlich alle Gehilfen Michelangelos und war mit einigen eng befreundet. Der zweite Mann war Giuliano Sangallo, einer der führenden Architekten Roms und für Michelangelo Buonarroti gleichermaßen Freund und Tutor. Francesco hielt sich im Hintergrund und beobachtete die Szene. Alle schienen sich ehrlich über den Besuch der beiden Männer zu freuen. Zu seiner Überraschung drehte sich Michelangelo schließlich zu ihm um und stellte ihn vor. „Das hier ist übrigens mein neuer Gehilfe aus Mantua, Francesco Allieri. Er ist zwar kein Florentiner, aber er kann dennoch etwas. Er hat unfehlbar Talent.“ Francesco und die beiden Besucher waren gleichermaßen überrascht von dieser Ansprache. So positiv hatte Michelangelo sich noch nie zu einem anderen Maler geäußert. Selbst Rafael Santi bezeichnete er bestenfalls als „durchaus begabten Pinselklekser“. „Na, das klingt ja durchaus vielversprechend. Kann man denn schon etwas von seinen Werken sehen?“ Giuliano schaute Francesco fragend an, der sich vor Verlegenheit wandte und rote Ohren bekam. „Ich habe bislang nur geübt, ich habe hier in Rom nur Zeichnungen angefertigt, nichts, was einer näheren Betrachtung standhalten würde“, stammelte er. Sangallo lächelte. „Wenn der Maestro sagt, sie sind gut, dann müssen sie überragend sein. Nur keine Scheu. Ich würde sie mir morgen gerne ansehen.“ Rosselli nickte. „Das will ich meinen. Nur Mut, das werde ich mir nicht entgehen lassen.“

Francesco verbrachte den Abend damit seine Zeichnungen zu ordnen und zu betrachten. Er konnte es noch immer kaum glauben, dass sein Meister ihn seinen Freunden als talentiert empfohlen hatte. Aufgeregt legte er eine Zeichnung nach der anderen in seine Tasche. Nur die beiden Bilder, die er zuletzt gezeichnet hatte, packte er zur Seite und versteckte sie. Es waren Zeichnungen von einer schönen Frau mit haselnussbraunem Haar und bernsteinfarbenen Augen.

*

 

„Mhmh…“ Giuliano Sangallo sah sich die Zeichnungen eine nach der anderen eingehend an. Jede einzelne besah er sich eine lange Zeit, gab sie weiter an Rosselli, der sie sich mit ähnlichem Interesse und gelegentlichem Nicken anschaute. Beide Männer schauten sich alle Zeichnungen lange an, machten sich gegenseitig hin und wieder mit einem Fingerzeig auf Details aufmerksam.

Francesco machte sich inzwischen daran, das Azurblau für das heutige Fresko vorzubereiten. Doch er war alles andere als konzentriert, immer wieder wanderte sein schneller Blick zu Sangallo und Rosselli. Er versuchte an ihren Gesichtszügen zu erkennen, was sie wohl von seinen Zeichnungen hielten. Schließlich hielt er es nicht mehr aus, er legte Schale und Mörser an die Seite und stellte sich neben die beiden Männer, um ihr Urteil abzuwarten. Es dauerte allerdings noch eine gefühlte Ewigkeit, bis Michelangenlos Freunde Francesco direkt in die Augen sahen. „Sieh an… da haben wir tatsächlich ein Talent in der bottega, wer hätte das gedacht…“, kommentierte Sangallo und ein Schmunzeln spielte um seinen Mund. „Wirklich beachtlich! Nun verstehe ich, weshalb Michelangelo deine Arbeit gelobt hat“, stimmte Rosselli zu, ohne weiter auszuführen, was genau er damit meinte. Francesco konnte nicht mit Bestimmtheit sagen, ob er Spott oder Achtung zwischen den Worten hörte. So blieb er unsicher stehen und wusste nicht, wie er reagieren sollte. Piero lachte und schlug ihn etwas zu heftig auf die Schulter. „Du magst zwar aus Mantua kommen, aber du bist, so wahr ich hier stehe, wirklich gesegnet. Deine Zeichnungen sind unglaublich! Wirklich gut! Ich möchte erst mal sehen, was du mit dem Farbpinsel zu Werke bringst!“ Auch Sangallo lachte. „Du wirst es noch weit bringen. Hier jedenfalls bist du richtig, denn du bist eine großartige Ergänzung in Stil und Technik.“ Auch Sangallo erklärte nicht genau, was er damit meinte. Das war ihm auch gar nicht so wichtig, denn er freute sich über alle Maßen über die lobenden Worte zweier so bekannter Künstler Roms.

Michelangelo trat zu der kleinen Gruppe und besah sich nun ebenfalls alle Zeichnungen. Im Gegensatz zu seinen Freunden blieb er allerdings stumm, als er sie zurücklegte. Erst am Ende des Tages, nachdem sich die bottega geleert hatte, übergab er Francesco eine Tafel. „Du solltest endlich dein erstes Werk malen. Die Farbe kannst Du dir hier abzweigen, solange es nicht zu viel wird.“ Er versuchte, sein gewohnt strenges Gesicht zu machen, doch Francesco entdeckte unter dem Bart ein angedeutetes Lächeln und bedankte sich leise. Er wusste genau, welches Bild er malen würde.

*

Wieder wartete Francesco viele Tage an der Via del Falco um einen Blick auf seine Angebetete zu erhaschen. Filippo, der Tuchhändler, hatte inzwischen Neuigkeiten für ihn. „Ich habe Gerüchte gehört…“, meinte er eines Abends, als Francesco vor seinem Laden stand und wieder einmal die Fenster nach einem Gesicht absuchte. „Der Bäcker meint, Katharina von Aragon wäre in der Stadt, um beim Papst ihre Ehe mit dem Prinzen von Wales für ungültig erklären zu lassen.“ Francesco sah ihn überrascht an. „Oh, die Dame ist in einer überaus verzwickten Situation“, wusste Filippo zu berichten. „Arthur aus dem Hause der Tudors ist vergangenes Jahr am Fieber gestorben. Die junge Witwe ist deshalb auf Gedeih und Verderb dem Schwiegervater, Heinrich VII, ausgeliefert. Er soll die junge Frau nicht sonderlich gut behandeln, heißt es. Sie hat nur das Wenige, was ihr ihre Eltern aus Spanien an Geld zur Verfügung stellen. Nur wenn sie einen Dispens ihrer Ehe mit Arthur erreicht, kann sie auf eine Vermählung mit dem neuen Thronfolger, Heinrich VIII. hoffen. Das ist wohl, sagt man, ihre einzige Möglichkeit, aus dieser unwürdigen Situation zu entfliehen. Deshalb auch die bescheidene Unterkunft, sie ist hier nur mit einer Hofdame und einem Diener angekommen. Jede Händlersgattin reist mit größerem Gefolge Filippo hatte ganz offensichtlich Mitleid mit der adligen Dame in Not. „Jedenfalls hat man Katharina von Aragon bislang weder bei gesellschaftlichen Anlässen angetroffen, noch verlässt sie sonst das Haus. Sie wartet wohl nur auf die Entscheidung Seiner Heiligkeit.“ Filippo hatte ganz rote Wangen beim Erzählen bekommen. Er liebte dramatische Geschichten, insbesondere solche über edle Damen in Notlagen. „Dann war die Dame, die ich gesehen habe, vermutlich ihre Hofdame“, überlegte Francesco laut. Filippo nickte und fügte hinzu. „Ich habe gehört, sie kauft für die Prinzessin jeden dritten Tag auf dem Markt ein.“ Er zwinkerte Francesco zu. Der lächelte dankbar und ergänzte: „Ich muss also nur den richtigen Tag erwischen, um sie beim Einkaufen zu treffen.“ Beide Männer lächelten sich an.

*

 

Es dauerte allerdings eine ganze Woche, bis Francesco Tag und Stunde richtig erriet, da Katharina von Aragons Hofdame auf dem Markt einkaufte.

Francesco hatte sich unter dem Vorwand, beim Händler mehr Farbe zu bestellen, von der bottega weg gestohlen und drehte ein paar Runden über den Marktplatz, als er sie tatsächlich mit einem Weidenkorb kommen sah. Er erkannte sie sofort und war wie gebannt von ihrer vornehmen Erscheinung und ihren wunderbaren Augen. Jetzt, da er sie wieder so nah sah, wusste er nicht, wie er sie ansprechen sollte. Sein Kopf, in dem er sich so viele verschiedene Begegnungen mit ihr ausgemalt hatte, war leer gefegt. So konnte er ihr nur folgen und sie aus der Ferne bewundern. Er betrachtete ihre feingliedrigen Hände, als sie auf eine bestimmte Frucht deutete und hörte ihre melodische Stimme, wenn sie den Händler etwas fragte. Dabei fiel ihm ein leichter Akzent auf. Sie schien Spanierin zu sein, sprach aber ein exzellentes Italienisch. Viel zu schnell hatte sie alle Erledigungen gemacht und war auf dem Rückweg zu ihrem Domizil. Francesco folgte ihr, bis sie hinter der bekannten Tür verschwand. Dann seufzte er und drehte sich um. Filippo stand grinsend vor ihm. „Na? Lass‘ mich raten. Du hast kein Wort an sie gerichtet…“. Francesco ließ mit einem Seufzer die Schultern fallen. „Wie könnte ich auch? Ich bin ein Niemand und sie ist so schön, so gelehrt. Wie könnte ich mich ihr nur einfach so nähern?“ Verzweifelt sah er Filippo an, doch der konnte leider auch nur mit den Schultern zucken. Es war in der Tat keine gute Idee, sie einfach so auf der Straße oder auf dem Markt anzusprechen.

Francesco ging mit hängenden Schultern zurück zur bottega. Er war zu niedergeschlagen, um hinreichend zu erklären, ob und welche Farben er wohl in Auftrag gegeben hatte. Beppo warf ihm einen kurzen, fragenden Blick zu, doch Francesco machte sich sofort daran, frische Grundierung für die Farbe herzustellen, den Blick stur auf das gerichtet, was er gerade tat. Erst nach Beendigung der Arbeit konnte er Beppo berichten, wie nah er ihr gewesen war, ohne mehr tun zu können, als sie aus der Ferne zu bewundern. „Wie um Himmels Willen soll ich mit ihr sprechen können? Ich könnte genauso gut immer noch in Mantua sein, das ergibt doch keinen Sinn!?“, jammerte er, während Beppo geduldig zuhörte und ab und zu nickte. Er musste nichts sagen, Francesco war froh über den stummen Zuhörer. Schließlich begab Beppo sich zum Schlafen in Michelangelos Haus. Francesco wusste, dass er nicht würde schlafen können. So nahm er seine Tafel zur Hand, zündete eine weitere Kerze an und begann damit, das bezaubernde Gesicht einer jungen Unbekannten auf die Tafel zu bannen.

*

 

Einige Tage später betrat Michelangelo schon mit übelster Laune die Baustelle. Ungewohnt redselig jedoch erzählte er Francesco und den anderen Gehilfen, dass Seine Heiligkeit, Julius II, gleich mit einem Gast erscheinen würde. Julius bestand darauf, zumindest die ersten fertig gestellten Teile des Freskos zu sehen, um seinen besonderen Gast zu beeindrucken. „Jetzt schleppt er schon die ganze adlige Sippschaft an. Als wären wir hier auf einem Jahrmarkt!“, polterte Michelangelo. Gleichwohl ging er daran, die Stoffbahnen, die unterhalb der jeweiligen Arbeiten zum Schutz aufgespannt waren, teilweise einzurollen. Der Bereich der laufenden Arbeiten sollte durch darunter gespannte Tücher von unten nach oben vor Blicken geschützt werden und von oben nach unten vor herabfallenden Farbtropfen oder Klecksen des Unterputzes.

Michelangelo war noch nicht ganz fertig, als die ersten Soldaten des Vatikans die Kapelle betraten, gefolgt von Seiner Heiligkeit in Begleitung von zwei Damen und dem Regenten der Päpstlichen Kanzlei, Andrea della Valle. Letzterer war ein Mann mittlerer Größe und von berechnender Persönlichkeit. Michelangelo war nicht sonderlich überrascht. Er kannte seinen Auftraggeber und dessen Angewohnheit, sich dem weiblichen Geschlecht gegenüber wie ein Pfau zu gebärden. Julius war in bester Laune und sonnte sich in der Aufmerksamkeit seiner Zuhörerinnen. Dabei musste es sich um Damen handeln, die entweder von besonders hohem Rang oder von großer Schönheit waren, oder beides. Seine Heiligkeit schien sich große Mühe zu geben, den Damen zu Gefallen zu sein: der Prinzessin von Wales, Katharina von Aragon und ihrer schönen Hofdame.

„Hier sind wir nun, meine Damen. Ich darf Euch unseren geschätzten Michelangelo Buonarroti vorstellen. Sein Ruhm dürfte in nächster Zeit durchaus bis Spanien und England dringen, denn seine Meisterwerke sind herausragend und werden von sich reden machen.“ Michelangelo verbeugte sich kurz vor den Damen. „Maestro, ich möchte einen Teil Eures Werkes der Prinzessin von Wales zeigen, die mir die Ehre erweist, für eine kurze Zeit mein Gast zu sein.“ Die Äußerung interessierte niemanden der Anwesenden sonderlich. Nur Francesco trat wie von der Tarantel gestochen aus einer Ecke im Hintergrund hervor und erstarrte. Ein Stück hinter der Prinzessin stand sie: die schönste Frau der Welt, zumindest in Francescos Augen. Sie hielt sich im Abstand hinter der Prinzessin und versuchte offenbar, nicht aufzufallen. Das war allerdings ein schwieriges Unterfangen, denn die Prinzessin selbst war von eher unauffälligem Äußeren. Sie hatte etwas hervorstehende, blassblaue Augen und dünnes, glanzlos braunes Haar. Immerhin fiel bei näherer Betrachtung der intelligente, wache Blick auf, mit dem sie ihre Umgebung wahrnahm. Ihre Haltung war stolz und wahrhaft königlich, auch wenn sie in abgetragenen Stoffen gekleidet war. Im Gegensatz zu ihrer Hofdame erschloss sich die Schönheit der Katharina von Aragon dem Betrachter erst auf den zweiten Blick, denn es war die Persönlichkeit, die Katharinas Zauber ausmachte. Deshalb nahm auch keiner der Anwesenden die Prinzessin wirklich wahr, denn ihre Hofdame war dagegen eine Augenweide. Ihr für die herrschende Mode etwas zu dunkel geratener Teint ließ ihre Augen in der Farbe von Bernstein leuchten. Das Haar glänzte und bildete einen edlen Rahmen für das ebenmäßige Gesicht. Auch sie trug abgetragene Kleider, doch wie die Prinzessin selbst hätte sie auch in Lumpen noch eine edle Haltung ausgestrahlt, die beeindruckend war.

Während Francesco seinen Blick nicht von der schönen Begleiterin der Prinzessin nehmen konnte, wendete sich die kleine Gruppe dorthin, wo Michelangelo sie geleitete, um ihnen einen ersten Blick auf sein Werk zu gewähren. Auch der Meister ließ die Damen nicht aus den Augen, aber für ihn war nur wichtig zu sehen, wie sie auf seine Bilder reagierten. Staunend, ja: ungläubig, schauten sie nach oben. Beide Frauen fielen nacheinander auf die Knie und bekreuzigten sich, während Seine Heiligkeit mit offenem Mund stand und schaute, überwältigt von der Kraft und der Lebendigkeit der Figuren, die die Decke ausfüllten und fast vor Leben zum Bersten brachten. Viele Minuten lang knieten und staunten die Besucher, ohne auch nur ein Wort äußern zu können. Nur Andrea della Valle hatte offenbar keine Schwierigkeiten, seine Bewunderung in Grenzen zu halten. Er betrachtete die Fresken mit einem gewissen, kalten Kalkül. Danach wandte er seine Aufmerksamkeit Francesco zu und ließ seinen abschätzenden Blick über Francescos Gestalt wandern. Mit einem weißen Taschentuch fächelte er sich dabei affektiert Luft zu. Das offensichtliche Interesse des Kämmerers entging den meisten Menschen in der Kapelle. Nur Beppo trat vor Unbehagen von einem Bein auf das andere.

Michelangelo nahm zufrieden zur Kenntnis, wie sehr die Betrachter seines Werkes darin gefangen waren. Mehr wollte er nicht. Offene Ovationen waren ihm zuwider, doch diese unverfälschte Reaktion tat seiner Seele wohl. Francesco trat an seinen Meister heran und flüsterte ihm ins Ohr „In Gottes Namen, Maestro, bitte stellt uns vor, ich bitte Euch. Ich tu‘ alles, aber bitte stellt uns vor“, flehte er. Michelangelo musterte ihn interessiert. „Du meinst, ich soll dich vorstellen, wie?! Hast Gefallen gefunden an einer der Damen, oder?! Ist das nicht vielleicht eine Nummer zu groß für dich?“ Seine Mundwinkel zuckten dabei verdächtig. Francesco ignorierte es geflissentlich. „Bitte Maestro, mein Glück hängt von euch ab. Ich arbeite die nächsten Monate für den halben Lohn, wenn ihr mich nur vorstellt, bitte.“ Nun schmunzelte Michelangelo tatsächlich und meinte: „Dann freilich muss es wohl Liebe sein…“

Als Papst Julius II und seine Gäste wortreich über das Werk des Meisters gestaunt und es gepriesen hatten, wandte sich die Gruppe zum Gehen. Michelangelo räusperte sich laut und meinte: „Darf ich meinen verehrten Bewunderern kurz meine Gehilfen vorstellen, die mich tagtäglich in meinem Streben unterstützen und es mir erst möglich machen, in diesem Tempo mein Werk zu erschaffen.“ Natürlich nutzte Michelangelo die ungewöhnliche Situation zu einem Seitenhieb an Seine Heiligkeit, der immer wieder rüde zur Eile drängte, was die Fertigstellung des Freskos anging. Es war nicht üblich, dass ein Maler seine Gehilfen vorstellte, doch der Papst und seine Begleitung ließen sich ihre Überraschung nicht anmerken und nickten jedem Gehilfen höflich zu, der mit Namen vorgestellt wurde. Diese verbeugten sich nacheinander, unbeholfen und überrascht, doch nur Francesco bekam feuerrote Ohren vor Aufregung und verbeugte sich tief. Als er sich erhob, hatte er weder für Katharina von Aragon, noch für Papst Julius II. oder für den Vertreter der Päpstlichen Kanzlei Augen. Sein flammender Blick galt Katharinas Hofdame. Sie blickte ihn kurz an und senkte die Augen. Sogar die Prinzessin bemerkte Francescos Interesse, sie wandte sich mit der Andeutung eines Lächelns zum Gehen. Als letzter verabschiedete sich Andrea della Valle huldvoll und mit einem langen Blick auf Francesco.

Als die Gäste die Kapelle schließlich verlassen hatten, stand Francesco immer noch auf seinem Platz und sah zur Tür, durch die seine Traumfrau gerade eben die Sixtina verlassen hatte. Aber nicht ohne nun seinen Namen zu kennen. Es war sein persönliches Wunder, über das er staunend nachdachte. Dazu ließ man ihm freilich nicht allzu lange Zeit, denn der Meister schlug ihm freundschaftlich auf die Schulter und holte ihn damit wieder zurück in die Gegenwart. „So, nun muss ich dich schon deinen Liebsten vorstellen, ich frage mich, welche Aufgaben du mir sonst noch zugedacht hast.“ Gut gelaunt wies er seine Gehilfen an, ihre Arbeiten fortzusetzen. Er selbst war offenbar der Meinung, heute genug gearbeitet zu haben, denn er verließ ohne ein weiteres Wort die Baustelle.

*

 

„Meine liebe Elena, dieser freche, junge Mann ist ohne Frage verloren für den Rest der Frauenwelt, denn sein Herz scheint ganz und gar dir zu gehören.“ Katharina war fröhlich, zum ersten Mal seit vielen Wochen. Sie zog ihre Hofdame freundschaftlich am Arm, um die Reaktion auf ihre Worte in Elenas Gesicht zu beobachten. „Schmuck ist er ja, das muss man sagen. Aber wohl leider ohne Geld und Ansehen, wenn er in der bottega des Meisters Buonarroti arbeitet.“ Sie seufzte theatralisch, denn sie wusste, dass Elena darauf reagieren würde. „Geld und Ansehen bedeuten mir nichts, das müsstet ihr mittlerweile über mich wissen.“ Katharina lachte übermütig. Sie hatte wieder Hoffnung für ihre eigene missliche Lage und Freude daran, einmal über die Angelegenheiten von anderen Menschen zu sprechen. Es lenkte sie von ihren eigenen Problemen ab und das tat ihr unendlich gut. Elenas Wangen hatten eine leichte Röte angenommen, die ihr ausnehmend gut stand. „Erwischt! Er ist dir also nicht ganz gleichgültig. Wie schön, ich liebe Liebesgeschichten. Und wie besonders, ich kann mich an keinen Mann erinnern, der es bislang vermocht hätte, dich zu beeindrucken.“ Elena lächelte warm. „Nun weiß ich wenigstens, dass er es war, der mir letztens gefolgt ist, als ich vom Markt und vom Vatikan zurück gelaufen bin. Ich bin jedenfalls froh, dass es keiner von Heinrichs Männern gewesen ist. Es war nur dieser Malerjunge. Schmuck ist er, das gebe ich zu. Stattlich, aber allzu dreist, finde ich. Bringt Meister Buonrarroti dazu, euch alle seine Gehilfen vorzustellen….eine Frechheit ist das!“, schimpfte Elena aufgebracht. Echten Ärger vermochte sie allerdings nicht zu spüren, dafür war sie viel zu geschmeichelt von der Geste und dem Einfallsreichtum ihres jungen Galans. Katharina war hingegen mit ihren Überlegungen bereits einen Schritt weiter. „Ich fürchte jedoch, wenn wir nicht tätig werden, wird er dir für den Rest unseres Aufenthaltes wie ein Hund hinterher laufen. Es gibt in Rom keinen gesellschaftlichen Rahmen, in dem ihr euch treffen und kennenlernen könntet.“ Katharina war ganz in ihrem Element. Sich für andere Menschen den Kopf zu zerbrechen, bereitete ihr großes Vergnügen und andere Ablenkungen hatte sie nicht, da sie sich in Rom große Zurückhaltung auferlegen musste.

*

 

In den darauf folgenden Tagen ertappte Elena ihre Herrin immer wieder dabei, wie sie ihren Blick immer wieder längere Zeit auf ihrer Hofdame ruhen ließ. Offenbar führte sie etwas im Schilde, doch Elena war klug genug, nicht nachzufragen. Sie kannte Katharina von Aragon, sie würde erst dann ihre Gedanken preisgeben, wenn sie zu einem Ergebnis gekommen war. Bis dahin erging sie sich in kleinen Spaziergängen im Innenhof des Gebäudes, stets begleitet von ihrer Hofdame. Es war schon eine kleine Routine geworden, die kühleren Nachmittagsstunden in dem kleinen Garten mit dem lieblichen Springbrunnen zu verbringen. Hier war es still und ruhig. Nur das Wasser plätscherte fröhlich vor sich hin. Katharina seufzte. „Ach, ich wünschte, ich könnte immer hier bleiben. Dieses Klima ist so sonnig warm wie in Spanien. Wie sehr ich doch meine Heimat vermisse. Einige Tränen liefen der Prinzessin über ihre Wangen. Elena ging es nicht anders, sie verstand genau, was ihre Herrin meinte. Tröstend legte sie ihre Hand auf die der Prinzessin.

England war ganz anders. Innenhöfe dieser Art gab es dort nur auf den großen Wohnsitzen auf dem Land. Aber auch die waren nicht mit dieser Atmosphäre zu vergleichen. Hier in Rom atmeten sie die heiße, von Blumenduft geschwängerte Luft des Nachmittags, genossen den strahlenden Sonnenschein und die flirrende Hitze des Sommers, die in den frühen Abendstunden einer angenehmen Wärme wich. Vegetation und Menschen waren bunt und vielfältig. Selbst in der Abgeschiedenheit dieses Innenhofes schwelgte man doch in Farben, Formen und Gerüchen überaus vielfältiger Art.

Englands Klima unterschied sich grundlegend. Das Licht dort war ebenso blass wie das Temperament der Menschen. In England verhielt sich jedermann mit höflicher Zurückhaltung, selbst der Himmel schien keine echte Freude zu kennen. Die Reserviertheit der Engländer machte den beiden Frauen, die das spanische Temperament im Blut hatten, auch nach Monaten noch zu schaffen. Man hielt sich bedeckt: die Menschen, das Wetter und die Farben. Manches Mal in den vergangenen Monaten hatte Elena geglaubt, unter den dichten Wolken Großbritanniens ersticken zu müssen. Hier in Italien konnte sie endlich wieder frei atmen. Ihre Haut atmete die Sonne ein und mit ihr das Leben. Elena fühlte sich in Rom lebendig und hätte vieles gegeben, wenn sie mit ihrer Herrin hätte hier bleiben können. Doch eine allein stehende Frau und Prinzessin konnte es sich nicht aussuchen, wo sie leben wollte.

Beide Frauen hingen offenbar ähnlichen Gedanken nach, denn nach einiger Zeit seufzten beide, schauten sich überrascht an und lachten. Noch waren sie hier und sie würden die Zeit in Rom genießen, so lange sie andauerte.

*

Zwei Tage später lächelte Katharina geheimnisvoll, als Elena ihr wie üblich das Haar bürstete. Es war immer noch etwas stumpf vom schweren Fieber, von dem sich Katharina von Aragon nur sehr langsam erholt hatte. Beide Brautleute hatten sich kurz nach ihrer Eheschließung angesteckt. Die ohnehin schwächliche Konstitution des Prinzen war der Krankheit nicht gewachsen, Katharina selbst lag viele Wochen schwer danieder, erholte sich aber von der Krankheit. Langsam kam nun auch der Glanz ihres dunkelbraunen Haars wieder, nicht zuletzt dank Elenas täglicher Pflege und Fürsorge.

„Ich habe eine Überraschung für dich. Ich habe mich nämlich dazu entschlossen, Heinrich ein Geschenk zu machen. Senior Chigi ist so großzügig und unterstützt mich dabei finanziell.“ Elena hörte gespannt zu, war aber zunächst etwas verwirrt. „Das ist eine wunderbare Idee. Ein Geschenk könnte eure Lage durchaus verbessern. Aber es müsste vermutlich etwas ganz Besonderes sein, denn einen englischen König kann man nur schwer beeindrucken.“ Elena konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, was Katharina von Aragon dem König von England schenken könnte um in seinen Augen Gnade zu finden. „Nun, ich denke, ein Porträt von der Hand Michelangelo Buonarrotis dürfte ein angemessenes Geschenk sein.“ Katharina lächelte und ihre Augen funkelten vor Vergnügen über ihren Einfall. Elena war immer noch verwirrt. „Aber der Maestro ist beschäftigt mit den Fresken für die Sixtinische Kapelle, er wird wohl kaum in dieser Zeit noch andere Aufträge annehmen“, gab sie zu bedenken. „Das habe ich wohl bedacht, liebe Elena. Ich habe auch gehört, dass Seine Heiligkeit nicht besonders großzügig mit den Geldmitteln ist, die er Buonarroti zukommen lässt. Er hält ihn, wie man so sagt, an der kurzen Leine. Dem Meister wird zusätzliches Geld willkommen sein und weil seine Zeit knapp bemessen ist, wird er sich von seinem fähigsten Mitarbeiter helfen lassen.“ Mit ihrem Fächer tippte sie Elena bei den letzten Worten spielerisch auf den Arm. Erwartungsvoll sah sie ihre Hofdame an, die vor Überraschung die Luft einsog, als sie begriff, was Katharina ihr zu verstehen geben wollte. Sie fühlte sich etwas übergangen, freute sich aber auch an dem kindlichen Vergnügen der Prinzessin. Schließlich klopfte ihr Herz bei dem Gedanken etwas schneller, den Jüngling aus Michelangelos bottega wieder zu sehen.

 

Der erste Auftrag

„Nun mal langsam, mein junger Freund, wir kommen schon noch rechtzeitig zu deiner kleinen Freundin.“ Michelangelo eilte hinter Francesco her, der es nicht erwarten konnte, zu dem Haus zu kommen, in dem die Frau seiner Träume anzutreffen war. Die Kunde von dem neuen Auftrag hatte Francescos kühnste Träume übertroffen. Irgendjemand im Himmel oder auf Erden meinte es ganz offensichtlich gut mit ihm. Michelangelo war nicht so angetan, als Katharina von Aragon anfragen ließ, ob der Meister wohl ein Portrait von ihr anfertigen würde. Mit ihren Schmeicheleien und nicht zuletzt mit einem ordentlichen Vorschuss hatte sie am Ende natürlich ihren Willen bekommen. Michelangelo konnte es sich nicht leisten, so einen Auftrag auszuschlagen. Weder des Geldes wegen, noch aus gesellschaftlichen Gründen. Die Prinzessin mochte arm wie eine Kirchenmaus sein. Sie hatte dennoch Gönner und Freunde in den allerhöchsten Kreisen. So einen Auftrag lehnte man nicht ab, noch nicht einmal dann, wenn man ein gefeierter Maler und Bildhauer in päpstlichen Diensten war. Nun hastete Michelangelo also schlecht gelaunt hinter seinem Gesellen her, dem es nicht rasch genug gehen konnte, bis er seine Angebetete wiedersehen würde. Als sie aber kurz vor dem Haus in der Via del Falco waren, wurden Francescos Schritte immer langsamer. Der Mut verließ ihn und als sie schließlich nur noch wenige Meter vor dem Haus waren, wäre er am liebsten zur Sixtina zurückgekehrt. Nun war Michelangelo derjenige, der voran schritt, wie es sich für einen Meister mit seinem Gesellen gehörte. Sie wurden unverzüglich in den Salon vorgelassen, wo Katharina von Aragon bereits in ihrem besten Kleid wartete, ihre Hofdame aufgeregt an ihrer Seite.

„Michelangelo Buonarroti! Es ist mir eine besondere Freude, euch begrüßen zu dürfen. Ich träume immer noch von eurem wundervollen Fresko. Es hat mich so beeindruckt, dass ich ein Werk von eurer Hand nach England mitnehmen möchte, um euren Ruhm auch dort zu verbreiten.“ Anmutig hielt sie Michelangelo ihre Hand zum Kuss hin, die er etwas ungelenk nahm und kaum Verständliches in seinen Bart murmelte. Konversation war eindeutig nicht seine Stärke.

Über die Köpfe der beiden Hauptpersonen hinweg sahen sich Elena und Francesco an und nahmen wenig davon wahr, was zwischen der Prinzessin und dem Maler gesprochen wurde. Francescos Blick tauchte in die großen braunen Augen der Hofdame von Katharina von Aragon. Wie Bernstein war die Farbe und sogar die dunkelbraunen Flecken waren da, links und rechts. Warm und intelligent war ihr Blick, der ihn umfing. Francesco nahm kaum mehr etwas anderes um ihn herum wahr, als dieses zauberhafte Wesen, das hinter der Prinzessin stand. Michelangelo musste ihn mit einem Seitenhieb seines Ellbogens aus seinen Träumen reißen. „Nun mach‘ schon, ich brauche Stift und Papier, reiß dich zusammen, wir sind zum Arbeiten hier.“ Das ernüchterte Francesco, der hektisch in seiner Tasche kramte und seinem Meister das Gewünschte reichte. Der wies ihn an, auch selbst eine Skizze anzufertigen und sah ihm dabei streng in die Augen. Vermutlich wollte er damit nur verhindern, dass er mit seinem zärtlich-bewundernden Hundeblick die Hofdame der Prinzessin in Verlegenheit brachte. Also machte auch Francesco sich daran, sich auf die Erscheinung von Katharina von Aragon zu konzentrieren.

Sie saß auf einem Stuhl am Fenster und blickte leicht über die Schulter in den Raum. Es fiel Francesco schwer, seine ganze Aufmerksamkeit auf die Prinzessin zu richten und zunächst wanderte sein Blick auch immer wieder zur Hofdame, die seine Augen magisch anzog. Je mehr sich Francesco aber auf seine Arbeit einlassen konnte, desto mehr tauchte er in die Betrachtung der Persönlichkeit von Katharina von Aragon ein. Er nahm ihre königliche Haltung wahr, in die sich Trotz, Tapferkeit, Ausdauer und ein Hauch von Rebellion mischten. Er fühlte eher, als dass er sah, dass die Prinzessin eine starke Persönlichkeit war, die nach Selbstbestimmung strebte, obgleich sie als Frau zur Unterordnung gezwungen war. Francesco sah ihren unabhängigen Geist und ihre Zähigkeit. Ihr noch immer etwas stumpfes Haar erzählte von ihrem Kampf gegen Krankheit und von ihrem schweren Schicksal, dem sie sich mutig stellte. All das sah und fühlte Francesco, während seine Hand über den Bogen Papier flog. Ehe er sich’s versah, war er ganz zum Medium der Darstellung geworden. Er war Auge und Herz, er war Seele und Stift, während er zu Blatte brachte, was er mit all seinen Sinnen wahrnahm.

Als die Schatten langsam länger wurden, tauchte Francesco erschöpft aus seiner Arbeitshaltung auf. Auch Michelangelo war dabei, seine Skizzen einzupacken. Während er mit der Prinzessin über das weitere Vorgehen sprach, stand plötzlich die Hofdame der Prinzessin an seiner Seite, um ihm einen Krug Wein zu reichen. „Wie heißt ihr? Ich sehe euch in meinen Träumen, doch ich weiß nicht einmal euren Namen.“ Francesco konnte selbst kaum glauben, dass er den Mut aufbrachte, sie anzusprechen. Sie lächelte ihn an und sein Herz wurde weit. „Elena. Mein Name ist Elena Garcia Castillo. Es freut mich euch kennen zu lernen, Francesco Allieri.“ Ihre Stimme war wie Honig: süß und samtig. Francesco war hingerissen.

Michelangelo nahm ihn mit Nachdruck zur Seite und gab ihm nicht einmal mehr die Zeit, sich zu verabschieden. Gehilfen verabschiedeten sich nicht. Auf dem Rückweg zu Michelangelos Haus lief Francesco nicht mehr voraus. Er setzte nur noch mechanisch einen Fuß vor den anderen. Seine Gedanken waren ganz bei Elena. „Elena“…flüsterte er leise vor sich hin. Wie zärtlich dieser Name klang… Francesco war sich sicher, dass es auf der ganzen Welt keinen schöneren Namen für eine Frau gab. Elena Garcia Castillo… das war der Name von Francescos Glück und Streben. Endlich hatte sein Traum einen Namen. Und ein Lächeln. Sie hatte ihm ihren Namen und ein Lächeln geschenkt. Mehr konnte er vom Leben nicht mehr erwarten. Ihre vollen Lippen hatten waren so verlockend und ihre ebenmäßigen, weißen Zähne waren wie Perlen, die ihr wunderbares Lächeln kostbar erstrahlen ließen. Dazu kam die Art, wie sie seinen Namen ausgesprochen hatte: mit leichtem, spanischen Akzent. Es war einfach hinreißend. Es war wie ein Versprechen. Solche und tausend weitere Gedanken fluteten Francescos Geist. Er hatte noch nicht einmal bemerkt, dass sie in Michelangelos Haus angekommen waren. Sein Meister musste ihn zweimal auffordern, ihm seine Zeichnung der Prinzessin zu zeigen.

Michelangelo hatte drei Kerzen auf den Tisch gestellt, um gut sehen zu können. Er legte beide Entwürfe nebeneinander und war für eine ganze Weile nicht mehr ansprechbar. Francesco, aus seinen verliebten Gedanken gerissen, beobachtete nervös seinen Meister, dessen Blick von einer Zeichnung zur anderen glitt und wieder zurück. Angespannt wartete Francesco ab, doch die Zeit zog sich. Michelangelo war und blieb versunken in seiner Betrachtung der beiden Zeichnungen. Francesco hielt es nicht mehr aus. „Ich kann eine neue Zeichnung machen, wenn sie nicht gut ist. Ich hab‘ ja nur geübt, Meister. Bitte seid mir nicht böse.“ Damit wollte er nach seiner Zeichnung greifen um sie zu zerreißen. Michelangelo hielt ihn davon ab. „Lass‘! Das ist es nicht.“ Der Meister atmete tief ein und ließ die Luft langsam wieder aus. Dann hieß er Francesco an den Tisch zu treten. „Schau! Zwei Zeichnungen derselben Dame. Zwei Welten. Unterschiedlicher geht es kaum.“ Francesco war zerknirscht. „Ich wollte nur versuchen…“, meinte er hilflos, doch eine Handbewegung seines Meisters hieß ihn schweigen. „Ich habe Katharina von Aragon gezeichnet, wie ich sie gesehen habe. Du aber…“ Michelangelo sah seinem Gesellen in die Augen. „Du aber hast ihr Wesen erfasst. Schau, du hast die Prinzessin gezeichnet wie sie ist und nicht wie sie aussieht.“ Diese Aussage war so ziemlich das Letzte, was Francesco erwartet hatte. Meister und Geselle sahen sich an. Michelangelo musterte Francesco, als habe er ihn eben erst zum ersten Mal gesehen. „Du malst die Prinzessin. Ich habe Besseres zu tun.“ Francesco protestierte halbherzig. „Aber Maestro, ihr habt den Auftrag angenommen…“ Wieder schnitt der Meister seinem Gehilfen mit einer Handbewegung das Wort ab. „Es ist entschieden. Du malst das Portrait, du bist schließlich ein Teil der bottega Michelangelo Buonarroti. Ich bin vielleicht der größere Maler, aber du hast die Wahrnehmung für die Frauen. Für mich sind die Männer die interessantere Spezies.“ Damit war für ihn das Gespräch beendet. Er drehte sich um und ging in seine Kammer. Zurück blieb ein junger Mann aus Mantua, der über diesen Tag der Wunder nur noch staunen konnte.

*

So war es Francesco, der sich regelmäßig bei Katharina von Aragon einfand, um ein Portrait von ihr zu malen. Die Prinzessin schien dabei seltsame Angewohnheiten zu entwickeln. So wurde sie zum Beispiel frühzeitig müde und musste sich eine ganze Weile zur Ruhe begeben, um sich zu erholen. Sie begab sich mit einem kleinen Lächeln in ihr Schlafgemacht und wies ihre Hofdame an, während ihrer Abwesenheit für das Wohlergehen ihres Gastes Sorge zu tragen. Elena war völlig klar, dass dies ein abgekartetes Spiel ihrer Herrin war. Am Anfang waren Francesco und Elena noch sehr aufgeregt, wenn sie alleine im Raum waren. Schnell legte sich allerdings die Verlegenheit und beide lernten sich mit der Zeit und durch viele Gespräche langsam kennen. Francesco wollte alles über Elena wissen. Sie erzählte von ihrer Kindheit am spanischen Hof, von den langen Unterrichtsstunden, in denen Elena zusammen mit ihrer Herrin nicht nur Italienisch, Englisch und Latein lernte, sondern auch den höfischen Tanz und Philosophie, sowie ein wenig die Naturwissenschaften. Aus diesem Grund war es für Elena kein Problem, sich in Rom zu verständigen. Francesco, selbst nicht ungebildet, staunte über Elenas Wissen und Umgangsformen. „Ich habe nun einmal einen großen Teil meiner Kindheit mit der Prinzessin verbracht. Manchmal ist sie wie eine Schwester für mich, wir stehen uns sehr nah.“

Elena war wiederum überrascht von Francescos Offenheit und auch von seiner respektvollen Art ihr gegenüber. „Ich war von Kindesbeinen an von Frauen umgeben, deshalb habe ich sie schätzen gelernt“, meinte er schulterzuckend dazu.

Sie erzählten sich ihre Erinnerungen, ihre Träume und ihre Ängste, während Francesco über Stunden vergaß, am Portrait der Prinzessin weiter zu arbeiten. Er war viel zu gefangen vom Zauber dieser Frau, die ebenso viel Herz wie Verstand besaß und deren Gegenwart seine Knie weich werden ließ. Ein Blick in ihre Augen ließ ihn Zeit und Raum vergessen, so dass er oft erst am späten Nachmittag überrascht und etwas verlegen feststellte, dass er mit seiner Arbeit keinen Strich weiter gekommen war. Wenn die Prinzessin am Ende des Tages wieder den Salon betrat, schien ihr allerdings gar nicht aufzufallen, dass ihr Bild keinerlei Fortschritte machte. Mit einem kurzen Blick auf die Staffelei bestellte sie Francesco einfach für den nächsten Tag wieder in ihr Haus und verabschiedete sich freundlich von ihm.

Während Francesco auf den Schwingen seiner frischen Verliebtheit zurück zu Michelangelos Haus schwebte, stellte die Prinzessin ihrer Hofdame bei einem kleinen Abendessen tausend Fragen. Elena beantwortete sie nur allzu gerne, denn auf diese Weise konnte sie ihre durchaus verwirrenden Gefühle mit einer eifrigen Zuhörerin teilen. „Wie er mich ansieht, Herrin, manches Mal fühlt es sich fast so an, als würde er mich mit seinem Blick berühren“, schwärmte Elena. „Ach, ich wünschte, wir könnten immer so zusammen sitzen und miteinander sprechen. Er hört zu und versteht, was ich sage, er scheint sogar zu verstehen, was ich nicht ausspreche…“, seufzte sie und lächelte. Katharina von Aragon lächelte Elena liebevoll an, doch gleichzeitig überschatteten sich ihre Augen. „Ach, ich wünschte, ich könnte auch so etwas Wunderbares erleben.“ Sie schlug die Augen nieder und eine kleine Träne schimmerte in einem Augenwinkel. Elena ergriff ihre Hand. Katharina von Aragon war es aufgrund ihrer Stellung nicht vergönnt, auf ihre Gefühle zu achten. Sie musste im Sinne des Königshauses handeln und entscheiden. „Das Beste, was mir passieren kann, ist eine Ehe mit Heinrich, der fast noch ein Kind ist und mit dem ich noch nie mehr als einen Gruß gewechselt habe. Meine Zukunft ist das kalte, neblige England.“ Ihre Stimme war getränkt von Angst und Kummer. Sie hasste den englischen Hof und die Familie der Tudors. Bislang hatte sie von dieser Seite kaum je ein freundliches Wort gehört und für ihren Schwiegervater war sie nur wie ein lästiges Insekt, das er nicht loswerden konnte. Viel schlimmer noch wäre ihr Schicksal, wenn sie keinen Dispens beim Papst erwirken konnte, denn dann war sie auf Gedeih und Verderb ihrem Schwiegervater ausgeliefert. Ein Leben im Elend wäre wohl das, was sie erwarten würde, wenn ihre Mutter ihr nicht beistehen konnte, doch auch ihre Möglichkeiten waren sehr begrenzt.

Für eine Katharina von Aragon würde es keine Verliebtheit geben, der sie nachgeben durfte, das wusste sie. Beiden Frauen war aber auch bewusst, dass Elenas Schicksal mit dem ihrer Herrin verbunden war. Katharina würde niemals alleine nach England zurückgehen. Was immer also Elena hier in Rom erleben würde: es würde in Rom bleiben und würde hier enden. Eine Zukunft mit Francesco konnte es nicht geben. Elena senkte traurig den Kopf, nun kamen auch ihr die Tränen.

Katharina von Aragon wischte sich Nase und Augen mit ihrem Tuch und richtete sich auf, indem sie ihren Rücken durchdrückte. Sie versuchte sich in einem fröhlichen Lächeln und hob ihr Glas Wein. „Wir sollten jetzt nicht den Mut verlieren. Das Leben will gelebt werden und solange es Geschenke für uns hat, sollten wir sie genießen.“ Sie hob das Glas und wartete einen Moment, um mit Elena anzustoßen.

*

 

Als Francesco immer noch verträumt lächelnd die Tür zu Michelangelos Haus öffnete, saßen alle Gehilfen um den großen Tisch, der jedoch nach wie vor leer und ungedeckt war. Es gab offensichtlich noch kein Abendbrot. Die Stimmung war angespannt und alle schienen darauf zu warten, was der Meister ihnen zu sagen hatte. Francesco, der mit einigen ärgerlichen Blicken wegen seines späten Erscheinens begrüßt wurde, beeilte sich, seinen Platz am Tisch neben Beppo einzunehmen.

Michelangelo machte ein finsteres Gesicht. Es war ihm deutlich anzumerken, wie unangenehm ihm die Situation war. Er lief leicht schwankend auf und ab, die Hände hinter dem Rücken verschränkt. Die Arbeit an den Fresken, die ihn über Stunden in eine ungesunde, oft schmerzhafte Körperhaltung zwang, begann Spuren zu hinterlassen. Michelangelos Sehkraft ließ nach und sein Gang wurde unsicher, oft bewegte er sich nur noch humpelnd vorwärts. Schließlich blieb er vor dem Tisch stehen und sah von einem Gehilfen zum anderen. „Also gut: es hat ja keinen Sinn, darum herum zu reden. Ihr wisst, dass Seine Heiligkeit seit seinem Vorschuss vor fast einem Jahr nichts mehr an Lohn für meine Arbeit bezahlt hat. Außerdem muss ich das Fresko allein malen, denn dies ist meine Prüfung, die Gott für mich vorgesehen hat.“ Bei diesen Worten streckte er beide Hände aus und betrachtete sie. Es schien, als wolle er ermessen, ob sie für ihn wohl Fluch oder Segen waren. Dann blickte er auf. „Ich werde euch entlassen müssen, denn ich kann euch nicht mehr bezahlen. Beppo bleibt, er ist bei mir am besten aufgehoben. Matteo und Luigi, ihr könnt zurück nach Florenz, dort wartet mehr als genug Arbeit auf euch. Die bottegas dort werden euch mit Freude aufnehmen, weil ihr bei mir gearbeitet habt. Carlo, du wolltest ohnehin heiraten und in Zukunft deine Fertigkeiten der Tischlerfamilie deiner Braut zur Verfügung stellen.“ Ein leises Gemurmel entstand, als sich die Gehilfen über ihre Zukunftspläne austauschten. Carlo fiel es schwer, sich von Matteo und Luigi zu verabschieden, zwischen ihnen hatte sich eine Freundschaft entwickelt.

Michelangelo sah Francesco an. „Für dich wird es Zeit, deine eigene bottega zu gründen. Der Lohn für das Portrait von Katharina von Aragon gehört dir. Damit kannst du dir etwas aufbauen. Ich habe mit Guiliano gesprochen. Er stellt dir sein Haus in der Via Aurelia zur Verfügung. Es steht im Moment leer. Du kannst dort ein Arbeitszimmer einrichten, er wird dir mit den Kosten entgegenkommen, bis du regelmäßige Aufträge bekommst. Ich denke mir, dass dir das Bildnis der Prinzessin zu vielen weiteren Aufträgen verhelfen wird.“ Francesco sah seinen Meister an. In seinen wildesten Träumen hatte er nicht gewagt, sich so etwas auszumalen. Ein Haus, eine eigene bottega… möglich gemacht von Michelangelo Buonarroti, der sich nun als sein Wohltäter erwies.

Bevor Francesco seinem Meister überschwänglich danken konnte, wehrte der mit energischer Handbewegung ab. Er erhob noch einmal seine Stimme: „Ich wünsche euch allen viel Glück! Es tut mir leid, euch gehen lassen zu müssen. Ich habe euch gerne bei mir gehabt.“ Damit griff er nach seiner Jacke und verließ das Haus. Zurück blieben fünf verdutzte junge Männer. So viel und so freundlich hatte Michelangelo in der ganzen vergangenen Zeit nicht mit ihnen gesprochen. „Harte Schale und weicher Kern“, bemerkte Luigi achselzuckend, bevor er sich wieder zu Matteo wendete, um mit ihm ihre Zukunftspläne zu besprechen.

Francesco sah Beppo an. Sie erhoben sich beide vom Tisch, um zur Sixtina zu gehen. Dort zogen sie sich in eine ruhige Ecke zurück, die ihr Lieblingsplatz geworden war. Eine ganze Weile saßen sie zusammen und schwiegen. Beppo machte ein klägliches Gesicht. „Ich will nicht mit dem Meister alleine sein. Kann ich zu dir kommen?“ wimmerte er schließlich kläglich. „Was willst du denn? Du bist der einzige Gehilfe, den der Meister behält. Das ist eine Auszeichnung.“ Natürlich wusste Francesco, dass Beppo so wenig Lohn bekam, dass er der einzige war, den Michelangelo sich noch leisten konnte. Beppo schüttelte trübsinnig den Kopf. „Ich will nicht mit ihm und seinen Dämonen alleine sein. Sie machen mir Angst.“ Beppo sah bei der Bemerkung ängstlich hinter sich. Francesco legte ihm seine Hand auf die Schulter. „Ich hab‘ dir doch schon gesagt, dass du keine Angst haben musst. Der Kampf des Meisters wütet in seiner eigenen Seele, er betrifft keine anderen Menschen.“ Beppo wurde etwas ruhiger, aber er beharrte darauf, lieber für Francesco arbeiten zu wollen, als für Michelangelo. „Ich verspreche dir, dass du der erste sein wirst, der in meiner bottega anfängt, sobald ich das Geld habe, dich zu bezahlen.“ Das entlockte Beppo ein zaghaftes Lächeln. „Wann immer du zu viel Angst hast, kommst du einfach zu mir. Ich werde mir alle Mühe geben, dich zu beschützen“ versicherte Francesco und musste lächeln, denn er selbst war um ein ganzes Stück kleiner und schmächtiger als Beppo, der Riese mit dem empfindsamen Gemüt.

*

 

So machte sich Francesco mit neuem Eifer daran, Fortschritte bei dem Portrait von Katharina von Aragon zu erzielen. Es fiel im erst schwer, seine Aufmerksamkeit von Elena auf die Prinzessin zu richten, doch Elena rückte bald ihren Stuhl während der Sitzungen seitlich hinter Francesco. So konnte er sie nicht sehen, wusste sie aber in seiner Nähe. Das gab ihm Sicherheit und die Möglichkeit, sich ganz auf sein Modell einzulassen. Auf diese Weise konnte er sich auf seine Auftraggeberin konzentrieren, die er unbedingt mit seinem Werk zufriedenstellen wollte. Sie blieb nun auch länger im Salon und genoss die Gesellschaft der zwei Liebenden. Francesco gewöhnte sich daran, sie mit seinem inneren Auge zu sehen. Er lernte ihre Schlagfertigkeit zu schätzen und ihren unbändigen Stolz. Dieser Stolz hatte sie auch die niederträchtigste Behandlung von Heinrich VII klaglos ertragen lassen. Ihre freundliche Bescheidenheit half ihr, ihr Los anzunehmen und trug ihr die Bewunderung und die Sympathien der Menschen ein, die sie kannten. Francesco staunte über ihre innere Stärke, ihre Güte und ihre Intelligenz.

All das ließ er bewusst und unbewusst in seine Arbeit einfließen. Das Portrait, das Francesco von der Prinzessin malte, veränderte sich in seiner Aussage und Wirkung, je mehr er von der inneren Haltung Katharina von Aragons einarbeitete. Es war, als ob das, was Francesco mit seinem Herzen sah, durch den Pinselschwung und die Farbnuance auf das Portrait gebracht würde. Elena, die es liebte, Francesco bei seiner Arbeit über die Schulter zu schauen, war fasziniert von der Entwicklung des Bildes. Obwohl er das Aussehen der Prinzessin nicht wirklich veränderte, ließ er ihre Persönlichkeit auf eine Weise einfließen, die nicht zu übersehen war, auch wenn man es nicht an bestimmten Einzelheiten hätte festmachen können.

Am Ende seiner Sitzungen wurde Francesco oft noch von der Prinzessin eingeladen zu bleiben und mit ihnen zu Abend zu essen. Es waren stets sehr einfache Mahlzeiten, doch Francesco genoss die Gesellschaft der beiden Damen und fühlte eine gewisse Vertrautheit sich entwickeln. Seine Tage bestanden überwiegend aus seiner Arbeit am Portrait und seinen Gesprächen mit der Prinzessin und ihrer Hofdame. Für Francesco hätte es noch lange so weitergehen können, denn er war rundum zufrieden, auch wenn er sich noch mehr Zeit alleine mit Elena gewünscht hätte.

So war der Tag, an dem er sein fertiges Portrait vorstellte, für Francesco kein Tag der Freude. Auf dem Weg in die Via del Falco überlegte er sich tausend Vorschläge, die Arbeit an dem Portrait sich noch hinziehen zu lassen, aber es waren wirre Gedanken, die ihn nirgendwo hinführten. Als er wenig später die Räumlichkeiten der Prinzessin betrat, merkte er sofort, dass etwas anders war als sonst. Die Atmosphäre war angespannt und der Diener wies ihn hektisch an, in einem kleinen Raum zu warten. Die Anspannung war ansteckend und so wartete Francesco nervös darauf, vorgelassen zu werden. Als er schließlich den ihm mittlerweile so vertrauten Salon betrat, saß neben Katharina von Aragon Seine Heiligkeit Julius II. Der Papst saß auf einem besonders prächtigen, ausladenden Stuhl, der sich in dem kleinen Salon wie ein Thron ausmachte. Julius II war in aufgeräumter Stimmung und in zwanglosem Gespräch mit der Prinzessin von Wales vertieft. Katharina hingegen merkte man eine gewisse Anspannung an. Für sie war dieses Treffen offenbar von entscheidender Bedeutung und deshalb hatte sie besonders aufwändige Vorkehrungen getroffen, um Seine Heiligkeit angemessen empfangen und bewirten zu können.

Wieder war er begleitet von Andrea della Valle, dem Regent der Päpstlichen Kanzlei. Der saß etwas abseits und war sichtlich gelangweilt von der Unterhaltung, an der er sich nicht zu beteiligen schien. Sauertöpfisch starrte er aus dem Fenster, als Francesco eintrat. Als della Valle jedoch Francesco erblickte, erhellte sich seine Miene deutlich, er zeigte sich erfreut und lächelte den jungen Maler unbestimmt an. Francesco verbeugte sich unsicher.

„Kommt heran, junger Freund! Ich habe schon einiges von euch gehört. Meister Michelangelo ist ganz angetan von eurem Talent und das allein ist durchaus eine Auszeichnung. Der Maestro ist im Allgemeinen nicht allzu großzügig mit Komplimenten.“ Julius II lachte laut und dröhnend über seinen Witz. Katharina von Aragon stimmte fröhlich ein und della Valle verzog das Gesicht zu einem Grinsen. Auch Francesco lächelte, wusste aber nicht genau, was für ihn die angemessene Reaktion war. Bevor er sich darüber weitere Gedanken machen konnte, fuhr Seine Heiligkeit fort. „Ihr habt die Arbeit Michelangelos am Bildnis der Prinzessin weitergeführt und vollendet, wie wir hören. Wir sind gekommen, weil wir das fertige Werk sehen wollen.“ Francesco nickte. Das Bild war sein Werk, es hatte nichts mehr von Michelangelo, aber das konnte er nicht sagen, ohne den Wert des Portraits zunichte zu machen. Also hütete er sich, diese Aussage zu kommentieren. Er war ohnehin vollends damit beschäftigt, sich vor Seiner Heiligkeit angemessen zu verhalten. Als junger Maler aus Mantua hatte Francesco nicht jeden Tag die Gelegenheit, sich mit dem Oberhaupt der Kirche zu unterhalten und ihm sein Werk zu präsentieren. So verbeugte er sich kurz und tief. Er stellte wortlos sein Bild am Fenster auf, wo man es im besten Licht betrachten konnte. Schließlich schlug er den Stoff zurück, mit dem es verhüllt war und erwartete das Urteil der erlauchten Anwesenden.

Julius II erhob sich umständlich aus seinem Sessel und bot seiner Gastgeberin galant den Arm. Sie ergriff ihn lächelnd und trat mit Julius II langsam ans Fenster, um das vollendete Bild zu betrachten. Auch sie sah ihr Portrait zu ersten Mal, denn Francesco hatte Wert darauf gelegt, ihr erst das fertige Werk zu enthüllen. Minuten vergingen, ohne dass ein Wort gesprochen wurde. Auch della Valle war, wohl mehr aus Höflichkeit denn aus Neugier, zu Katharina von Aragon und Julius II getreten, um das Portrait zu betrachten. Während die hoch gestellten Persönlichkeiten in ihrer Betrachtung versunken waren, sah Francesco sich unauffällig nach Elena um. Es machte ihn unsicher, sie nicht im Raum zu wissen. Er fühlte sich immer besser und stärker, wenn sie zugegen war. Er entdeckte Elena im Türspalt, sie hatte heimlich eine Tür geöffnet um zu sehen, was vor sich ging. Francesco sah sie, wie sie ihm aufmunternd zuzwinkerte und atmete erleichtert auf. Er lächelte sie an, für ihn war es nun nicht mehr wichtig, wem das Portrait zugeordnet werden würde.

Andrea della Valle hatte sich das Portrait nur kurz angeschaut und kam nun wieder an seinen Platz zurück. Er schien mehr an dem Maler interessiert als an seinem Werk. Francesco war irritiert von der Aufmerksamkeit des Kämmerers. Der hob seinen Weinkelch und sah Francesco an, als er daran nippte. Die blassblauen Augen schienen zu schwimmen, als er Francesco seinen Kelch anbot. „Hier, trinkt! Es ist sehr warm heute.“ Der seltsame Gesichtsausdruck gab Francesco Rätsel auf und er verneinte dankend. Ein flüchtiger Ausdruck der Enttäuschung verdunkelte kurz die blassblauen Augen. Della Valle drehte sich weg und trat hinter Seine Heiligkeit.

Julius II und Katharina von Aragon standen noch immer vor dem Portrait. Julius sprach als erstes: „Wunderbar. Ganz außerordentlich. Ein echter Michelangelo, aber wir erkennen auch euer Wirken darin, junger Freund. Sagt uns noch einmal euren Namen.“ Francesco verbeugte sich. „Francesco Allieri, eure Heiligkeit. Zu euren Diensten.“ Auch Katharina von Aragon war aus ihrer Starre erwacht. „Das ist großartig. Ihr habt aus mir eine schöne Frau gemacht ohne mir allzu deutlich zu schmeicheln. Ich danke Euch sehr. Ihr versteht euer Handwerk, Meister Allieri.“ Sie lächelte huldvoll und Francesco verneigte sich ein weiteres Mal. Sie hatte ihn „Meister Allieri“ genannt und das im Beisein Seiner Heiligkeit, dem Papst Julius II.

„Michelangelo hat nicht übertrieben, ihr habt wirklich Talent. Wir werden noch viel von euch hören.“ Damit klopfte er ihm väterlich auf die Schulter und wandte sich zu seinem Kämmerer. „Nicht wahr, della Valle? Solche Künstler braucht Rom, um an seine frühere Pracht und Stärke anzuschließen.“ Della Valle nickte und sah Francesco vielsagend an. „Seine Heiligkeit hat einen besonderen Blick für besondere Künstler. Ihr habt sicherlich Recht. Sehr viel versprechend ist er, der junge Maestro.“ Sein Ton war wie geschmolzener Honig: zuckersüß und klebrig. Julius schien nichts Anstößiges gehört zu haben und wandte sich an die Prinzessin. „Es ist ein äußerst gelungenes Portrait, Euer Schwiegervater wird entzückt sein. Nun wäre ein Schlückchen Wein das Richtige und vielleicht ein kleiner Imbiss, seid Ihr nicht auch meiner Meinung, Prinzessin?!“

Katharina von Aragon nickte lächelnd und betätigte eine kleine Klingel, woraufhin sich die Tür öffnete, hinter der, wie Francesco wusste, Elena wartete. Sie knickste tief und verschwand wieder, nachdem Katharina ihre Anweisungen gegeben hatte. Sie bat Seine Heiligkeit an einen erlesen gedeckten Tisch, wo Wein bereit stand. Elena war schon wieder zurück und beeilte sich, die Herrschaften zu bedienen. Die Türen gingen auf und Bedienstete brachten allerlei Tabletts mit Speisen, die die Tafel in wenigen Minuten komplett bedeckten. Seine Heiligkeit war bester Laune und freute sich offensichtlich auf die vielfältigen Genüsse. Er erhob seinen Becher und prostete Francesco aufmunternd zu. „Meister Allieri, trinkt mit uns auf das gelungene Werk!“ Francesco, der mit hochroten Ohren von Elena den Wein entgegen nahm, erhob auch seinen Becher etwas ungelenk und trank. „Wir sind sehr angetan und überaus zuversichtlich, dass dies nur das erste von vielen weiteren Werken sein wird.“ Der Papst war in huldvoller Stimmung, was womöglich mit der Fülle der Köstlichkeiten zu tun hatte, über die sein begehrlicher Blick wanderte. Katharina von Aragon hatte zu Ehren Seiner Heiligkeit keine Kosten und Mühen gescheut. Sie ließ alles auffahren, was Gaumen und Kehle erfreuen konnte.

Die Herrschaften setzten sich zu Tisch. Die Zeit für niedere Bedienstete war ganz offensichtlich nun vorbei, Francesco überlegte fieberhaft, wie er sich nun angemessen und unauffällig verabschieden konnte. Elena machte ihm ein kleines Zeichen, ihr zu folgen. Francesco verbeugte sich noch einmal demonstrativ und tief. Julius II war bereits damit beschäftigt, sich seinen Teller füllen zu lassen. Katharina von Aragon lächelte Francesco zu und nickte zum Abschied. Francesco drehte sich um und eilte der geöffneten Tür zu, wo Elena schon auf ihn wartete. Im Rücken spürte Francesco dabei den Blick von della Valle. Alle Nackenhaare stellten sich senkrecht. Julius II hingegen hatte Francesco bereits vergessen und plauderte angeregt mit der Prinzessin, während er zwischendrin von seinem Wein nippte oder sich einen Happen in den Mund schob.

Katharina von Aragon zeigte sich von ihrer charmantesten Seite. Für sie war es extrem wichtig, sich Papst Julius II geneigt zu machen. Da sie nicht über außergewöhnliche Schönheit verfügte, musste sie ihn mit anderen Mitteln für sich einnehmen, um das Anliegen noch einmal anzusprechen, das über ihre Zukunft entscheiden würde. Sie schickte ein Stoßgebet zum Himmel, lächelte und schenkte Seiner Heiligkeit Wein nach.

*

 

Kaum hatte Elena die Tür zum Salon hinter Francesco geschlossen, drehte sie sich zu ihm, so dass er dicht vor ihr stand. Sie schloss ihre Arme um seinen Hals und küsste ihn. Seine Begegnung mit dem Papst und dessen Lob für sein Werk war nichts im Vergleich zu den Gefühlen, die über Francesco hereinbrachen, als er Elenas warme, weiche Lippen auf seinen spürte. Francesco hatte sich immer gut mit Mädchen und später mit Frauen verstanden, doch die körperliche Komponente des Umgangs mit dem weiblichen Geschlecht war ihm bislang mehr oder weniger unbekannt geblieben. Nie hätte er sich ausmalen können, wie sich ein Kuss anfühlte. Er vergaß alles um ihn herum und existierte nur noch im Jetzt und Hier. Francescos ganzes Sein war überwältigt und im Mittelpunkt seines Sinnens und Trachtens war das Gefühl von Elenas zärtlichen Lippen. Sein Körper entwickelte ein Eigenleben und reagierte, während sich Francescos Verstand leerte. Er konnte nicht mehr denken, er konnte nur noch fühlen und drückte Elenas weichen Körper an seinen, während seine Lippen die ihren liebkosten und dann über ihren Hals wanderten um die zarte Haut unterhalb der Ohren sanft mit Küssen zu bedecken. Er spürte Elenas Körper erbeben und die Welt stand still. Sie auf diese Weise auf seine Zärtlichkeiten reagieren zu fühlen war mehr, als er jemals in seinem Leben als größtes Glück hatte erwarten dürfen. Euphorie erfasste ihn, doch sie drückte ihn weg, bevor er sich ganz vergaß. Keuchend standen sie sich gegenüber und rangen um Fassung. Francesco ergriff Elenas Hand, erlaubte sich aber nicht mehr. „Ich wohne in der Via Aurelia. Wirst du mich besuchen kommen? Bitte Elena, komm!“ Er hörte sich an wie ein winselnder Hund, fand Francesco, aber es war ihm egal. Alles was zählte, war diese wunderbare Frau, die ihn eben zum Leben erweckt hatte.

Elena sah sich hektisch um. Sie waren allein, doch es konnte jeden Moment jemand um die Ecke kommen. Heute waren deutlich mehr Menschen im Haus als sonst. „Ich weiß nicht.“ Francesco hatte eine Idee. „Ich kann Dir meinen Freund Beppo schicken. Er ist ein lieber Kerl und ebenso zuverlässig wie stark. Er wird dich begleiten. Bitte sag ja.“ Elena konnte ganz offensichtlich Francescos bittendem Blick nicht widerstehen. „Also gut. Sag ihm, er soll mich morgen nach dem Angelusläuten abholen.“ Sie hielten sich immer noch fest. Elena sah versonnen auf ihre Hand in Francescos, dann blickte sie auf und sah ihm in die Augen. „Wir müssen vielleicht bald abreisen.“ Bevor Francesco etwas erwidern konnte, erklang aus dem Salon die Klingel. Elena drehte sich um und betrat mit einem letzten Blick auf Francesco den Salon. Der stand da wie ein begossener Pudel. Was Elena gesagt hatte, katapultierte ihn vom Hochgefühl seines ersten Kusses in die Vorhölle einer allzu düsteren Zukunftsaussicht. Das konnte nicht sein. Das durfte einfach nicht sein. Francesco konnte es nicht glauben. Und doch: Elena hatte in ihren Gesprächen mehrmals erwähnt, dass ihre Herrin nur hier in Rom war, um etwas mit dem Papst zu besprechen. Nie war ihm aber die Idee gekommen, dass Katharina von Aragon wieder nach England zurückkehren könnte. Und mit ihr selbstredend ihr Hofstaat, auch wenn und besonders weil der nur aus zwei Personen bestand: ihre Hofdame und ihr Diener. Bedrückt verließ Francesco das Haus und begab sich zur Sixtinischen Kapelle, um mit Beppo zu sprechen.

Sie zogen sich in ihren Winkel der Sixtina zurück und Francesco erzählte seinem Freund, was an diesem Tag geschehen war. Er hatte viel zu erzählen und Beppo machte große Augen, während er zuhörte, ohne seinen Freund zu unterbrechen. Als Francesco von seiner innigen Begegnung mit Elena erzählte, strahlte Beppo über das ganze Gesicht. Das war eine Geschichte ganz nach seinem Geschmack. Die Aussicht auf ein abruptes Ende tat Beppos Begeisterung keinen Abbruch. Ein bisschen Drama gehörte für ihn zu jeder guten Liebesgeschichte und natürlich war klar, dass dieses Paar dazu bestimmt war, seine Liebe zu leben. Als Francesco ihn bat, seine Elena abzuholen und zu seinem Haus zu geleiten, nickte Beppo breit lächelnd. „Die schöne Frau, die uns besucht hat? Sehr gerne, ich begleite und beschütze die edle Dame mit meinem Leben, darauf kannst du dich verlassen.“ Nun musste auch Francesco endlich lächeln. „Das weiß ich, Beppo, ich bin dir auch sehr dankbar dafür. Ich wüsste sonst niemanden, dem ich so etwas Kostbares wie diese Frau anvertrauen könnte“, versicherte er und dachte bei sich, dass das nicht einmal gelogen war. Niemandem vertraute Francesco so, wie seinem Freund Beppo. Der wurde vor Freude ganz rot im Gesicht und schlug Francesco mit der Hand auf die Schulter, dass es nur so krachte.

 

Im Sturm der Liebe

Francesco lief ungeduldig in seinem Haus auf und ab. Er hatte die vergangene Nacht kein Auge zugemacht. An jede einzelne Sekunde ihres Kusses hatte sich Francesco immer wieder erinnert. Den ganzen folgenden Tag verbrachte Francesco damit, sein neues Domizil zu putzen, einzukaufen und alles für Elenas Besuch vorzubereiten. Dennoch schien die Zeit still zu stehen. Viel zu schnell war er fertig mit seinen Vorbereitungen und wartete nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit auf seinen Besuch. Rastlos lief er im ganzen Haus umher, rückte hier etwas zurecht, strich dort etwas glatt oder kämmte sich zum xten Mal seine kurzen Locken. Als es endlich an der Tür klopfte, erschrak Francesco so sehr, dass er zusammenfuhr. Er eilte zur Tür, um Beppo mit Elena herein zu lassen.

Auch Beppo war aufgeregt und freute sich über alle Maßen über seinen wichtigen Auftrag. Deshalb war er fast eine Stunde zu früh an der angegebenen Adresse und wartete lange, bis Elena aus dem Haus trat. Die beiden waren sich sofort sympathisch und freundeten sich auf dem Weg zu Francescos Haus an. Sie waren schon fast beste Freunde, als Beppo an die Tür klopfte. Francesco sah sofort, dass Beppo Elena bereits in sein großes Herz geschlossen hatte. Sie tranken noch ein Glas Wein zusammen, dann zog Beppo sich verschwörerisch lächelnd zurück. Was als unauffällige Geste gedacht war, hätte nicht auffälliger ausgeführt werden können. Francesco und Elena lachten, als Beppo betont leise die Tür schloss. Es war klar, dass die drei nun eine verschworene Gemeinschaft geworden waren.

Als Francesco dann doch schließlich mit Elena alleine war, breitete sich erst einmal unbehagliches Schweigen aus. „Hmhm…“, machte Francesco auf der Suche nach den richtigen Worten. „Wie, äh, hast du deinen Tag verbracht?“, versuchte er eine Unterhaltung zu beginnen. Elena lächelte. „Ich habe viel an dich gedacht.“ Francesco hob überrascht den Kopf. „Ja? Wirklich? Ich konnte den ganzen Tag über an nichts anderes denken, als an dich und unseren Kuss“. Francesco überlegte, ob er sich damit wohl um Kopf und Kragen geredet hatte, aber immerhin war das die einfache Wahrheit. „Wirklich?“, fragte nun auch Elena lächelnd. „Mir ging es genauso.“ Weder Francesco noch Elena waren gewillt, in diesem Moment schwierige Fragen zu besprechen. Keiner von beiden sprach das Thema Zukunft an. Sie waren hier und jetzt, das genügte für diesen Moment.. „Beppo mag dich jetzt schon, du hast nun in ihm einen treuen Freund gefunden“, lachte Francesco. Sie sahen sich über ihr Glas Wein hinweg tief in die Augen. Ihr Lachen erstarb und Verlangen erfüllte den Raum. Greifbar fast war die Sehnsucht der beiden Menschen nach einander. Nichts anderes war mehr wichtig. Francesco und Elena wurden von einander angezogen wie zwei Magnete. Und als sie sich in die Arme fielen, fühlte es sich für beide an, wie nach Hause kommen.

*

 

Francesco wurde wach und fühlte zweierlei: einmal, dass sich etwas in seinem Leben grundlegend verändert hatte und zweitens, dass er beobachtet wurde. Dann fühlte er sie. Elena und ihren wunderbaren Körper. Er blinzelte und fragte sich einen Augenblick, ob er wohl alles nur geträumt hatte. Sie strich mit ihrem Finger die Kontur seiner Lippen nach… sanft, langsam und unglaublich aufregend. „Ich hab‘ dir beim Schlafen zugesehen“, sagte sie leise und zärtlich. Francesco fand keine Worte für das, was in ihm vorging. Pure Wonne jagte durch seinen Körper und sein Geist war voller Staunen, übergroßer Freude und purer Liebe. Er küsste ihren Finger und zog sie in seine Arme. Für den Moment siegte der Körper und forderte mit aller Macht die Erfüllung seines Verlangens. Elena schien es genauso zu gehen, denn sie öffnete sich ihm und empfing ihn mit all ihrer Hitze und ihrer Sehnsucht.

Als ihrer beider Verlangen gestillt war, rang sich Francesco zu der Frage durch, die ihm seit gestern im Kopf herum spukte: „Wieso sagtest du, dass ihr vielleicht abreisen müsst?“ Elena seufzte und sah ihn an. „Du weißt, dass meine Herrin nur für eine Unterredung mit Seiner Heiligkeit nach Rom gereist ist. Sie muss irgendwann zurück nach England. Und wenn sie geht, dann muss ich auch gehen.“ Francesco setzte sich auf. „Musst du? Musst du das wirklich? Wir könnten heiraten. Deine Herrin kann sich nicht gegen dein Glück stellen. Wir könnten fliehen…“ Elena legte liebevoll ihre Hand auf seinen Arm. „Ich kann sie nicht allein lassen, Francesco. Du musst das verstehen. Wir sind zusammen aufgewachsen und ich bin alles, was sie hat. Und sie ist alles, was ich habe. Wenn ich gehe, ist sie völlig alleine. Das kann ich nicht tun. Ich kann sie nicht allein und einsam nach England gehen lassen.“ Elena sagte das entschieden, doch verzagt. Francesco erkannte, wie aussichtslos die Lage für Elena war und damit auch für ihn. „Du lieber Gott…“, war alles, was er in diesem Moment dazu sagen konnte. Beide schwiegen und hingen ihren Gedanken nach.

„Ich könnte nach England mitkommen. Auch in England gibt es Maler, oder etwa nicht?“ Elena küsste ihn. „Es ist eine Reise ins Ungewisse. Meine Herrin weiß nicht, was aus ihr werden wird. Im Moment kann sie genau genommen nicht einmal mich und Pedro bezahlen. Unser Schicksal ist unwiderruflich mit dem Los von Katharina von Aragon verknüpft. Deines nicht, du hast hier eine bottega und eine Zukunft.“ Francesco schüttelte den Kopf. „Eine Zukunft ohne dich ist keine. Elena, ich will sein, wo du bist. Ohne dich macht doch das alles hier keinen Sinn!“ Mit einer Geste seines Armes schloss Francesco das Haus ein, mit allem, was darin war.

Sie sprachen noch lange und überlegten, was sie tun könnten, doch sie fanden keine Lösung, die allen gerecht wurde. Als Beppo kam, um Elena zurück in die Via del Falco zu bringen, traf er die beiden mit sorgenvollem Gesicht an und wunderte sich. Francesco hatte aber nicht die Zeit, um ihm die Situation zu erklären. Er musste sich fertig machen, denn Michelangelo hatte ihn gebeten, in die Sixtina zu kommen.

„Da bist du ja endlich. Man möchte meinen, dass jemand, der keine Arbeit hat, pünktlicher zu seinen Verabredungen kommt.“ Michelangelos Augen, um die ein Lächeln spielte, straften seine Worte Lügen. Francesco lächelte und erzählte davon, dass sein Portrait erst vor kurzem fertig geworden war. „Gut so, junger Freund. Dann hast du ja Zeit, einen Auftrag zu übernehmen, den ich nicht erfüllen kann, ich bin leider anderweitig beschäftigt. Mit einer kleinen Geste wies er auf das Gerüst, das mittlerweile den gesamten Bereich der zu bemalenden Decke einnahm. Er machte gute Fortschritte und das, obwohl er mittlerweile nur noch Beppo als Gehilfen hatte. Francesco staunte einmal mehr über die Schaffenskraft seines früheren Meisters. „Finde dich heute Nachmittag beim Tuchhändler Giovanni Millanese ein. Er will ein Portrait seiner Frau anfertigen lassen. Ich denke, das ist genau das Passende für dich.“ Francesco freute sich über den neuen Auftrag. Freilich war ihm auch bewusst, dass Michelangelo auch ohne ihn den Auftrag abgelehnt hätte. Er hatte keine besondere Vorliebe für Portraits, besonders nicht, wenn reiche Männer ihre Ehefrauen oder Mätressen malen lassen wollten. Er fand das viel zu langweilig. Für Francesco hingegen war es eine weitere Gelegenheit, sein Können unter Beweis zu stellen.

So fand er sich am Nachmittag in der Villa Millanese ein und wurde wohlwollend vom Herrn des Hauses begrüßt. Francesco merkte, dass die Empfehlung von Michelangelo ihm ohne Zweifel viele Türen öffnete, die sonst verschlossen geblieben wären. Das Wort seines Meisters aber ließ diesen reichen Kaufmann den jungen Maler zuvorkommend behandeln und schnell wurde man sich einig. Bereits am nächsten Morgen wollte Francesco seine Arbeit in der Villa Millanese beginnen.

Die Arbeit am Portrait der Kaufmannsgattin erwies sich zunächst als schwierige Herausforderung. Die Dame war überaus schüchtern und äußerte kaum ein Wort, während sie angespannt und still auf ihrem Stuhl am Fenster saß. Francesco versuchte ein Gespräch, scheiterte aber immer wieder an der verschlossenen und angespannten Haltung seines Modells. Er versuchte alles, um sie aus der Reserve zu locken, doch sie blieb wortkarg und hinter einer Bastion an Zurückhaltung verborgen. Francesco sah nur die blasse Haut, braune Augen, die nichts davon preisgaben, wie es in ihrem Inneren aussah. Ihre hellbraunen Haare trug sie streng nach hinten gekämmt und ohne Haarschmuck. Klein und von eher untersetzter Gestalt, fehlte es ihr äußerlich an jeglicher Besonderheit. Sie schien so sehr dem Durchschnitt zu entsprechen, dass sie nahezu unsichtbar wurde, sobald mehrere Menschen im Raum waren. Francesco fiel es langsam schwer, den Pinsel anzusetzen, weil er auch nach einer guten Woche noch vor einer weiblichen Fassade saß. Dem Modell und seinem Gebaren entsprechend war Francescos Entwurf ohne Aussagekraft und im Grunde langweilig. Nach wie vor blieb ihm die wahre Natur dieser Frau verborgen und das machte die Sitzungen ebenso anstrengend wie unergiebig.

Ein Zufall kam ihm schließlich zu Hilfe. Mitten in einer überwiegend schweigend verbrachten Sitzung war mehrmals das Weinen eines Kindes zu hören. Jedes Mal steigerte sich die Anspannung der Signora Millanese noch. Kurze Zeit später ging die Tür auf und die Amme brachte ein kleines Kind in den Raum, das verzweifelt nach seiner Mutter verlangte. Bestürzt nahm die Mutter der Amme den kleinen Jungen ab und mit einem Mal brach die Fassade ein. Francesco betrachtete fasziniert das bislang so distanzierte, farblose Gesicht. Es verwandelte sich vor seinen Augen zu dem einer liebevollen Mutter, die ihr Kind auf den Arm nahm. Das Braun der Augen vertiefte sich und zeigte eine Zärtlichkeit, die man in dem blassen Wesen kaum für möglich gehalten hätte. Ihr Mund wurde unsagbar weich und lächelte. Sie sang dem kleinen Jungen ein Liedchen zur Beruhigung und dabei erklang eine Stimme, die überraschend rund und wohl klingend war. Eine kleine Locke ihres Haares machte sich los und fiel in die weiche Stirn, die Wangen röteten sich leicht. Schnell flog Francescos Stift über das Papier. Das bislang eher wenig anziehende Gesicht der Kaufmannsfrau drückte nun ein Übermaß an Zärtlichkeit aus, die direkt ans Herz ging. In diesem Moment sah sie wie ein Engel aus. Francesco wusste: er musste die Dame als Mutter malen, um das Beste in ihr sichtbar zu machen. Auch Luisa Millanese fühlte sich allem Anschein nach wohler, wenn sie ihr Kind bei sich hatte und von diesem Tag an verbrachten Maler und Modell die Sitzungen in entspannter und lockerer Atmosphäre, die von Kinderliedern und Kinderlachen untermalt wurde.

*

 

An vielen Abenden, wenn Francesco in seinem Haus seine Entwürfe ausarbeitete, leistete ihm Elena Gesellschaft. Durch ihre Anwesenheit war das Haus bald zu Francescos Zuhause geworden. Es tat ihm gut, sie in seiner Nähe zu haben. Wenn sie da war, war die Welt für ihn in Ordnung. Wenn er wusste, dass sie kommen würde, freute er sich auf jede einzelne Minute des Abends. Elena sagte stets ehrlich, was sie dachte und nahm an seiner Arbeit regen Anteil. Schnell lernte Francesco Elenas Urteil zu vertrauen, denn sie hatte ein hervorragendes Gespür für die Nuancen eines Blickes oder eines Gesichtsausdrucks. Elena wiederum war beeindruckt von Francescos Blick für die Persönlichkeit seiner vorwiegend weiblichen Modelle. Sie schätzte sein Streben, hinter die Fassade der Menschen zu blicken. Francesco sah das Schöne in Frauen, die nicht über äußerliche Schönheit verfügten. So wurde das Portrait der Kaufmannsgattin ein großer Erfolg. Giovanni Millanese war erstaunt darüber, wie gut seine Frau auf dem Bild aussah und freute sich, dass sie so, wie er sie kannte, nun auch der Rest der Welt sehen konnte. Der Lohn war reichlich, so dass Francesco Beppo Geld gab, um für ein Festmahl einzukaufen. Diesen Abend würden sie feiern: seinen Erfolg, seinen reichlichen Lohn und das Leben selbst.

Francesco hatte eine Haushälterin gefunden, die ebenso gutmütig wie fleißig war. Matilda war eine stämmige Frau mittleren Alters und stolz darauf, in Rom geboren zu sein. Ihre fünf Kinder hatte sie mehr oder weniger aus eigener Kraft groß gezogen, denn nach ihren eigenen Aussagen taugte ihr Mann zu nicht viel mehr als zum Herumlungern. Auch ihr kam der großzügige Lohn ihres Herrn zugute, denn sie bekam einen kleinen Teil davon als besondere Bezahlung. Dafür legte sie sich ungemein ins Zeug und zauberte einen Festschmaus, an dem sich Francesco, Elena und Beppo mit Freude labten. Sie tranken Wein, sangen italienische und spanische Lieder und prosteten sich ausgelassen zu. Es war schon spät, als Beppo murmelte, dass er sich nun verabschieden musste. Er hatte Schweiß auf der Stirn und schwankte beim Aufstehen. Francesco wunderte sich, denn sonst war Beppo wie ein Fels in der Brandung und vertrug mehr Wein als alle anderen. Als er ihn stützen wollte, merkte er, wie heiß sein Freund war. Es war nicht der Wein, der Beppo wanken ließ, es war Fieber. Er schien innerlich zu brennen und stammelte mittlerweile wirres Zeug.

Francesco brachte Beppo in eine Kammer und legte ihn vorsichtig auf das Bett. Während Elena mit einem feuchten Tuch seine Stirn kühlte, zog er Beppo die Jacke aus und erschrak, als er in der Ellenbeuge eine dicke lilablaue Beule entdeckte. Einige weitere waren am Hals und in der Leistengegend. Francesco und Elena sahen sich an. Keiner von beiden wagte es auszusprechen, doch es war klar, was diesen gutmütigen Riesen zu Fall gebracht hatte: Beppo hatte die Pest.

Sie setzten sich an den Tisch und beratschlagten, was sie nun tun sollten. Beppo in ein Hospital zu bringen, kam nicht in Frage, denn es hätte ohne Zweifel seinen Tod bedeutet. Während Elena bei Beppo blieb, ging Francesco noch einmal einkaufen. Er kaufte Vorräte für ein paar Wochen, denn es war klar, dass sie sich nicht mehr vor die Tür wagen durften. Sie durften niemanden gefährden und sie mussten auf alles gefasst sein. Er übermittelte Matilda, Michelangelo und Katharina von Aragon eine kurze Nachricht, brachte die Vorräte nach Hause und verriegelte alle Türen.

 

Die Pest

Die Pest hatte in der Tat die Heilige Stadt erreicht und sie wütete gnadenlos. Bereits am nächsten Tag konnte man es an den Geräuschen auf den Straßen hören: ständig fuhren die Fuhrwerke mit Toten am Haus vorbei. Viele Menschen versuchten sich vor der Pest zu verstecken und verriegelten wie Francesco ihre Türen. Andere nutzten die Gunst der Stunde und plünderten verlassene Häuser oder bestahlen kranke Menschen, die auf der Straße zusammenbrachen. Die Pest suchte und fand ihre Opfer. Die Luft war bald erfüllt vom Rauch der verbrannten Toten und von den Schmerzensschreien der Kranken. Der Alltag kam zum Erliegen und Plünderungen waren an der Tagesordnung. Rom befand sich im Ausnahmezustand und wer konnte, versuchte zu fliehen.

Elena und Francesco wechselten sich am Bett von Beppo ab und versuchten mit feuchten Wickeln das Fieber zu senken und ihn zum Trinken zu bewegen. Beppo delirierte und versuchte einige Male aufzustehen, um nach draußen zu gehen. Nur mit vereinten Kräften konnten Elena und Francesco den großen Mann wieder beruhigen und zurück auf sein Bett bringen. Zwischendrin versank Beppo in tiefer Ohnmacht, diese Stunden waren ein Segen für alle drei, denn im halbwachen Zustand wand er sich stöhnend vor Schmerzen.

Die Tage kamen und gingen und der Zustand von Beppo verschlechterte sich zusehends. Die hässlichen Beulen wurden immer größer und mit ihnen der Schmerz. Beppo wand sich und schrie, wenn sie ihn anfassten.

Jeden Tag tasteten Elena und Francesco einander ab und suchten nach den verräterischen Beulen. Bislang aber, stellten sie dankbar fest, schienen sie sich nicht angesteckt zu haben. Beppo jedoch konnte nichts mehr essen und selbst das Schlucken von Wasser wurde für ihn eine qualvolle Anstrengung. Im Haus roch es muffig, doch sie wagten nicht zu lüften. Es wäre egal gewesen, denn der Gestank von Pest und Tod drang durch alle Straßen Roms und machte auch vor den vornehmen Häusern nicht Halt.

Eines Abends versank Beppo nach einem weiteren Fieberanfall wieder einmal in einer tiefen Ohnmacht. Das war ein Segen, der ihn ereilte, wenn die Schmerzen zu schlimm wurden. Francesco betrachtete die Beulen, die immer größer wurden und ihn böse anzustarren schienen. Die Haut war so angespannt, dass sie zu glänzen schien. Francesco fasste einen Entschluss. Elena hatte ihm kürzlich von einer neuen Heilmethode eines persischen Arztes erzählt. Sie hatte davon in einem Buch gelesen, das Julius II Katharina von Aragon zur Verfügung gestellt hatte.

Elena brachte Wasser zum Kochen und schnitt ein sauberes Betttuch in Streifen. Einen dickeren Streifen Stoff band Francesco sich unterhalb der Augen über das Gesicht. Elena und er sahen sich kurz an. Noch einmal ein kurzer Blick zu Beppo und Francesco ritzte kurz entschlossen mit einem scharfen Messer die erste Beule an. Ein übel riechendes, grün-gelbes Sekret spritzte mit hohem Bogen aus der Wunde und Francesco war froh um das Stück Stoff vor seinem Gesicht. Beppo stöhnte kurz im Schlaf auf, rührte sich aber ansonsten nicht. So schnitt Francesco eine Beule nach der anderen auf und entfernte den Inhalt der Beulen so gut es ging. Elena assistierte ihm dabei und achtete darauf, mit den giftig aussehenden Ausscheidungen nicht in Berührung zu kommen. Sie warf die Stoffbinden mit dem Sekret ins Feuer. Francesco reinigte die Wunden mit Wasser und verband sie mit dem Rest der sauberen Stoffbahnen. Schließlich lag Beppo immer noch ganz still in seinem Bett mit dicken Verbänden über den aufgeschnittenen Beulen.

Nach dieser Prozedur hatten beide das Bedürfnis, sich zu säubern und wuschen sich gegenseitig ab. Trotz ihrer Müdigkeit und der Erschöpfung der vergangenen Tage gewann das Verlangen Oberhand und sie liebten sich danach in Francescos Schlafzimmer. Sie liebten sich mit einer Leidenschaft, die aus dem Bewusstsein entstand, dass sie sich vielleicht angesteckt hatten und ihre Zeit bereits so gut wie abgelaufen war. Schon morgen könnten sie die verräterischen Beulen an sich entdecken und dann hätten sie womöglich keine Zukunft mehr. So hielten sie sich fest, als gäbe es kein Morgen, sie erlebten jeden Moment in einer nie gekannten Intensität.

*

 

In dieser Nacht schliefen Beppo, Francesco und Elena zum ersten Mal seit langem die ganze Nacht durch. Am nächsten Morgen sah Francesco besorgt nach, ob sein Freund die vergangenen Stunden überlebt hatte und war froh, ihn regelmäßig atmen zu sehen.

Wenig später wurde eine Nachricht unter der Tür durchgeschoben. Sie war von Katharina von Aragon. Es war ein Brief voller Angst und Trauer. Sie wusste, dass Francesco die Pest im Hause hatte und war untröstlich. Sie hatte große Angst um Elena und vermisste sie schmerzlich jeden Tag. Doch auch die Angst vor der Pest, die nach wie vor mit unverminderter Heftigkeit in der ewigen Stadt wütete, machte ihr zu schaffen. Nun hatte sie die Anweisung vom englischen Königshaus erhalten, so schnell wie möglich aus Rom abzureisen und nach England zurück zu kehren. Die Prinzessin war untröstlich, doch es blieb ihr keine andere Wahl. Der Ruf aus England und die Angst um ihr eigenes Leben zwangen sie, ohne ihre Hofdame die Rückreise nach England anzutreten. Noch in dieser Stunde würde sie die Via del Falco verlassen und zum Hafen nach Civitavecchia reisen, um das nächste Schiff nach England zu besteigen.

Elena konnte sich Katharinas innere Zerrissenheit gut vorstellen. Sie wollte alles, nur ihre einzige Hofdame und ihre einzige Freundin auf der Welt nicht in einer Stadt zurück lassen müssen, in der die Pest grassierte. Aber sie war immer noch Katharina von Aragon und Mitglied des spanischen und englischen Königshauses. Überdies hatte sich Seine Heiligkeit, Julius II, wohlwollend zu einem Dispens ihrer ersten Ehe geäußert. Bevor auch seine Heiligkeit aus Rom flüchtete, würde er für Katharina wohl noch das begehrte Dokument unterzeichnen. Auch der Papst hatte es nun eilig, die Stadt zu verlassen. Er war nicht der Einzige. Wer es sich leisten konnte, verließ die Stadt, in der der Tod umging.

Katharina von Aragon versuchte in ihrem Brief, Elena ihre Situation zu erklären und bat gleichzeitig um Verzeihung dafür, dass sie Rom verließ, ohne sie mitzunehmen. Elena las den Brief und weinte. Francesco nahm sie wortlos in die Arme. Es schmerzte ihn, seine Geliebte leiden zu sehen. Auch wenn ein Teil von ihm glücklich darüber war, sie an seiner Seite zu haben, so wollte er im Grunde nichts anderes als Elena mit Katharina weit weg zu schicken, wo sie vor der grausamen Seuche in Sicherheit wäre. „Es spielt keine Rolle“, sagte sie unter Tränen.“ Wenn wir dem Tode geweiht sind, dann können wir nichts dagegen tun. Es ist Gottes Wille und wir können nicht davor weglaufen. Aber Katharina ist auch meine einzige Freundin, meine Familie. Nun bin ich allein auf der Welt.“ Wieder liefen ihr dicke Tränen über die Wangen. Francesco fiel vor ihr auf die Knie. „Niemals wieder bist du allein, meine Geliebte. Wenn du ja sagst, werden wir noch heute getraut. Du bist die Sonne in meinem Leben, du bist für mich alles, wofür es sich lohnt zu leben. Meine Liebe, meine Elena, werde meine Frau und sei meine Gefährtin für den Rest unseres Lebens, wie lange es auch noch dauern mag.“

Elena sah in Francescos Gesicht. Sie sah die Aufrichtigkeit in seinen Augen, ebenso die Liebe und die Hingabe, die er für sie in seinem Herzen trug. Neue Tränen liefen ihr übers Gesicht, doch nun waren es Tränen der Freude und der Liebe. Sie nahm Francescos Gesicht in ihre Hände und küsste ihn innig. Es war der Kuss, der ihre beiden Schicksale besiegelte, denn von nun an waren sie einander versprochen und an einander verloren. Francesco stand auf und nahm sie erneut in den Arm.

*

 

Lange hatten sie so zusammen gestanden, als Beppos Stöhnen sie aus ihrer eigenen, kleinen Welt zurück in die Wirklichkeit rief. Sie eilten an sein Bett, fühlten seine Temperatur und versuchten, ihn anzusprechen. Tatsächlich schien das Fieber etwas gesunken zu sein, doch Beppo war noch nicht bei Bewusstsein. Er drehte sich nur ruhelos hin und her und schien Schmerzen zu haben. Doch sie konnten nichts mehr für ihn tun. Nun war es an ihm, gesund zu werden.

Draußen ging noch immer der Tod um und die Menschen in Rom begegneten sich nur noch mit größter Vorsicht und Argwohn. Jeder fürchtete sich davor, auf solch qualvolle Weise den Tod zu finden. Nur sehr wenige überstanden die Krankheit und erholten sich wieder. Beppo zählte offenbar zu den Glücklichen, denn die Beulen gingen nach weiteren zwei Tagen langsam zurück. Noch aber war er äußerst schwach und der große Mann, der sonst so robust und stark war, wirkte ausgesprochen zerbrechlich und verwundbar. Er schlief viel, doch er delirierte nicht mehr und der Schmerz ließ nach.

Nach ein paar weiteren Tagen war Beppo wieder klar im Kopf, doch mehr als wenige Löffel Suppe konnte der bärenstarke Mann, der auf die Hälfte seiner stattlichen Erscheinung geschrumpft zu sein schien, noch nicht zu sich nehmen. Nach wie vor kümmerten sich Elena und Francesco um Beppo. Das Haus zu verlassen war noch zu gefährlich, noch immer wurden täglich die Toten eingesammelt und verbrannt. Es wurde geplündert und getötet. Noch immer lag der Geruch von Krankheit, Verwesung und von Rauch in der Luft. Doch der Lärm des Elends ließ langsam nach, es konnte nicht mehr lange dauern, bis Recht und Ordnung wieder hergestellt wurden.

Elena und Francesco lebten wie ein Ehepaar zusammen und erfreuten sich an einander wie Kinder. Sie lebten für den Moment, außerhalb der Zeit und jeglicher Konventionen. Nur die Anwesenheit von Beppo erinnerte sie daran, dass es eine Welt außerhalb ihres kleinen Paradieses gab. Eine so glückliche und zufriedene, kleine Hausgemeinschaft gab es ganz sicher in ganz Rom nicht ein zweites Mal.

Beppo erholte sich zusehends. Er wunderte sich sehr, die Qual überstanden zu haben. Er freute sich über alle Maßen am Leben und „von seinen lieben Freunden“ gerettet worden zu sein. In tiefer Dankbarkeit schluckte er jeden Löffel, jeden Bissen, den Elena ihm reichte. Er lauschte den Geschichten, die Francesco und Elena sich erzählten und lachte laut über jede lustige Posse, mit der Francesco sie aufheitern wollte. Wären nicht langsam die Vorräte aufgebraucht gewesen, hätten sie gerne noch länger in der Abgeschiedenheit von der Welt gelebt.

*

Nach einigen Wochen, in denen Rom in Krankheit, Tod und Verbrechen versunken war, zeichnete sich nun ein Rückgang der Pest ab. Es gab weniger Kranke und Tote und die Gerichtsbarkeit war zurückgekehrt. Damit hörten auch die Plünderungen auf und der Alltag kehrte mich erstaunlicher Geschwindigkeit zurück in das Leben der Römer, die die Pest überlebt hatten.

Noch bevor sich die drei Freunde entschlossen, sich wieder hinaus in die Welt zu wagen, drang die Welt in ihr Haus ein. Eines Tages klopfte es laut und energisch an der Haustür. Nach den langen Wochen der stillen Abgeschiedenheit erschraken alle bei dem Geräusch. Ein Soldat aus dem Vatikan stand vor der Tür und übergab Francesco einen Brief. Dann salutierte er zackig und wandte sich zum Gehen, während Francesco mit vorsichtigen Blicken in die Umgebung die Tür schloss. Neugierig öffnete er das Schreiben und fragte sich, was wohl Seine Heiligkeit von ihm wollte. Doch der Brief kam aus der Päpstlichen Kanzlei. Andrea della Valle erkundigte sich nach seinem Befinden und ersuchte ihn, in seinem Büro zu erscheinen. Voller Unbehagen zeigte er seinen Freunden das Schreiben. Auch Elena runzelte die Stirn. „Ich erinnere mich. Das ist ein ausgesprochen unangenehmer Mensch.“ Sie sah Francesco an. „Er hat etwas vor mit dir. Er hat dich mit seinen Augen verfolgt, als du das Portrait enthüllt hast. Du musst dich von ihm in Acht nehmen.“

Beppo stand entschlossen auf, etwas zu schnell allerdings, denn er schwankte und musste sich festhalten. „Nehmt mich mit, ich beschütze euch, mit meinem Leben, wenn es sein muss!“ Sein bleiches Gesicht und sein durch die Krankheit noch sehr ausgemergelter Körper zeugten jedoch davon, dass er in seiner derzeitigen Verfassung nicht mal ein Kind würde in die Flucht jagen können. Nachdem er dem Tod nur knapp entronnen war, brauchte er noch einige Zeit, um wieder zu seiner alten Stärke zu kommen. Francesco grinste und legte Beppo freundschaftlich die Hand auf die Schulter. „Du, mein treuer Freund, musst erst noch reichlich von Elenas Suppe essen, damit du wieder zu Kräften kommst. Es handelt sich immer noch um den Regenten der Päpstlichen Kanzlei. So ein wichtiger Mann in hochwohlgeborenen Diensten wird mir schon nichts tun.“

Elena lächelte, doch die Sorge stand ihr dennoch ins Gesicht geschrieben. Der Papst war das Oberhaupt der Christlichen Kirche, doch weder er noch seine Bediensteten hatten große Skrupel, übelste Verbrechen zu begehen, wenn es um ihren persönlichen Vorteil oder um ihre Leidenschaften ging. Das war kein Geheimnis.

*

 

So fand sich Francesco also allein zum angegebenen Zeitpunkt in den Räumen der Päpstlichen Kanzlei ein. Er wurde von einem Bediensteten, der überraschend elegant gekleidet war, mit ausgesuchter Höflichkeit in einen kleinen Salon geführt, wo für ihn bereits Wein und Früchte zur Bewirtung bereit standen. Er wurde lächelnd gebeten, sich ein wenig zu gedulden. So schlimm, sagte sich Francesco, konnte die Vorladung wohl nicht werden. Er sollte sich gründlich irren.

Es dauerte eine kleine Weile, bis Andrea della Valle schwungvoll durch die Tür schritt. Auch er war elegant in feine Stoffe gekleidet und sorgfältig parfümiert. Für Francescos Geschmack war der Duft ein wenig zu penetrant, er fühlte sich dagegen wie ein schlichter Bauer und nahm an, dass diese Wirkung durchaus gewollt war. Della Valle begrüßte Francesco mit einer Umarmung, als ob sie schon seit langem gute Freunde wären. „Meister Allieri! Wie schön, euch bei guter Gesundheit zu sehen. Der schwarze Tod hat so viele dahingerafft, es ist eine Schande. Ich habe eine Villa in Ostia, wo ich Zuflucht gesucht habe, als die Pest die Ewige Stadt heimsuchte. Seit ein paar Tagen bin ich zurück und musste feststellen, dass ich viele Freunde und Bekannte verloren habe.“ Della Valle machte ein trauriges Gesicht, aber Francesco war nicht ganz sicher, ob es echt war. „Es war ein schwerer Kampf, eure Exzellenz. Ich bitte euch, mein Beileid für eure Verluste entgegen zu nehmen.“

„Danke, das ist überaus freundlich von euch.“ Mit diesen Worten goss er sich einen Becher voll Wein, nahm eine Traube und trank einen großen Schluck. „Die Seuche ist überstanden und wir sind noch da. Der Tod hat uns verschont und nun, finde ich, sollten wir das Leben feiern.“ Mit diesen Worten sah er Francesco tief in die Augen. Er goss einen weiteren Becher voll Wein und gab ihn Francesco mit einem bedeutungsvollen Blick. Dann griff er nach einer Traube und wollte Francesco die Frucht langsam in den Mund schieben. Francesco wich dieser seltsamen Geste unwillkürlich aus und senkte den Kopf, um an seinem Getränk zu nippen. Er war so überrascht, dass er einen Schritt zurück trat. Was für eine intime Geste, dachte er bei sich und sah seinen Gastgeber verwirrt an. Die Augen waren dezent geschminkt und betrachteten Francesco, während die Hände, deren Finger mit zahlreichen Ringen geschmückt waren, nachdenklich den Becher drehten. Auf einmal verstand Francesco, was vor sich ging. Della Valle liebte Männer und er hatte es nun auf ihn abgesehen. Der Gedanke war so absurd, dass Francesco lachen musste. Gleichzeitig trat er, ohne darüber nachzudenken, noch ein paar Schritte weiter zurück, wohl um mehr Abstand zu dieser unwirklichen Szene zu haben. Della Valle jedoch hatte Francesco genau beobachtet und wusste diese Reaktion zweifelsohne als Zurückweisung zu deuten.

„Es ist nicht nötig, vor mir zu fliehen, junger Freund“ sagte della Valle leise. Seine Stimme war wie flüssiges Öl und seine Augen verdunkelten sich, als er sprach. „Ich wollte dir lediglich einen Auftrag erteilen. Ich will, dass du mich malst.“ Francesco suchte fieberhaft nach einem Grund, den Auftrag abzulehnen. Della Valle wusste, dass Francesco als junger Maler noch wenige Aufträge bekam. Aus diesem Blickwinkel betrachtet war es ein lohnendes Geschäft, denn Aufträge aus dem Vatikan waren besonders wertvoll, die Künstler konnten immer mit entsprechend zahlreichen Folgeaufträgen rechnen. Eine Absage wäre eine grobe Beleidigung gewesen, die Francesco sich beim besten Willen nicht leisten konnte.

So machte er eine Verbeugung und bedankte sich für diese Geste des Wohlwollens „Es ist mir eine Ehre, Eure Exzellenz. Wann meint Ihr, sollte ich mit dem Werk beginnen?“ Della Valle lächelte und Francesco hätte beim besten Willen nicht sagen können, was sich dahinter verbarg. „Gleich morgen wollen wir beginnen. In meiner Villa in der Via Rustica. Ich erwarte dich nach dem Mittagessen. Wer weiß schon, wieviel Zeit uns noch bleibt, nicht wahr?“

 

Unheilvolle Begegnung

Am folgenden Tag betrat Francesco zum ersten Mal die Gemächer des Regenten der Päpstlichen Kanzlei. Andrea della Valle wohnte geschmackvoll und elegant in einem der bevorzugten Viertel der Stadt. Die Einrichtung war von gediegener Eleganz, doch bei genauerer Betrachtung fanden sich überall Statuen und Bilder nach antikem Vorbild mit zumeist nackten Männerkörpern. Michelangelo wäre hier der richtige Künstler gewesen, ging es Francesco durch den Kopf. Er klammerte sich an seine Tasche mit seinem Werkzeug. Er war hier zum Malen und alles andere ging ihn überhaupt nichts an.

Er wurde in einen hellen Raum geführt, in dem eine große Liege von erlesener Schönheit stand und ein edler, mit purpurnem Samt überzogener Hocker. Unschlüssig, wo er Platz nehmen sollte, stand Francesco in der Mitte des Raumes. Nach einigen Augenblicken kam della Valle durch die große, zweiflügelige Tür. Er war in ein weißes, langes Tuch aus feinstem Stoff gehüllt und in eine Wolke dieses für Francescos Geschmack etwas penetranten Duftes. Zwar tat er sehr geschäftig, doch man konnte deutlich merken, dass er nervös war. Francesco hob unmerklich die Augenbrauen und verbeugte sich leicht. „Eure Exzellenz! Zu Euren Diensten.“ Della Valle sah ihn kurz an. „Ja ja. Wir fangen gleich an. Ich erwarte nur noch eine Person.“ Er hatte dies kaum ausgesprochen, als ein Diener klopfte und mit lauter Stimme „Magister Georgius de Casali!“ ankündigte.

Ohne ein weiteres Wort abzuwarten, kam ein Mann in schwarzer Robe und einer wertvollen, dicken Kette um den Hals in den Salon. An der Kette trug der ein Kreuz mit wertvollen Edelsteinen besetzt. Die Erscheinung des Mannes war trotz des prunkvollen Schmuckes ausgesprochen düster. Passend dazu hatte der Mann ein grob geschnittenes, kantiges Gesicht, das aussah, als habe es das Lachen vergessen. Die Haare waren bereits grau, obwohl der Mann erst Anfang der 30er sein konnte. Sein Blick aus ungewöhnlich dunklen Augen war stechend und Francesco fror, als er diesen Blick auf sich ruhen fühlte. Es war offensichtlich, dass man sich diesen Mann nicht zum Feind machen sollte. Er wusste um die einschüchternde Wirkung seiner Erscheinung und schien es zu genießen. Della Valle ging auf ihn zu und begrüßte ihn. Es war offensichtlich, dass die beiden sich gut, sehr gut, kannten und schätzten. Beide wandten sich nun Francesco zu. „Meister Allieri, ich möchte euch den Inquisitor von Cremona vorstellen: Magister Georgius de Casali. Wir kennen uns schon viele Jahre und sind gut befreundet.“ Francesco schluckte. Er hatte noch nie mit einem Vertreter der Inquisition zu tun gehabt, doch hatte er sich diese Leute immer genau so vorgestellt. „Georgius, dies hier ist Francesco Allieri, ein junges Talent aus Mantua: erst Schüler von Andrea Mantegna und bis vor kurzem Gehilfe in der bottega von Michelangelo Buonarroti. Nun hat er seine ersten eigenen Aufträge ganz ausgezeichnet erfüllt. Ich will ihm ein Portrait von mir in Auftrag geben.“

Francesco fror. Es war ihm nicht klar gewesen, wie viel Andrea della Valle von ihm wusste. Weshalb? Für ihn war er nur einer von zahllosen, hoffnungsvollen Malern der Stadt Rom. Das Interesse dieses Mannes an seiner Person konnte nichts Gutes bringen. Während der Vorstellung ließ der Inquisitor Francesco nicht aus den Augen, er fühlte sich wie gebannt. „Meister Allieri, ich bin hocherfreut euch kennen zu lernen.“ Die Worte Casalis standen im krassen Gegensatz zu seinem Gesichtsausdruck. Seine Stimme hatte einen unangenehm hohen Ton, der aber ansonsten glatt und ausdruckslos war. Ohne das geringste Anzeichen irgendeiner positiven Regung, schien er nur darauf zu lauern, dass Francesco sich durch ein unbedachtes Wort oder eine Geste verraten würde.

Della Valle hatte Francescos Reaktion auf seinen Freund beobachtet und zeigte sich befriedigt. Es war fast zu deutlich, dass er ihn einschüchtern wollte. Er führte seine Gäste in einen anderen Salon, wo einige Erfrischungen gereicht wurden. Casali ließ sich einen Becher Wein reichen und nippte daran. Bedächtig kostete er die Qualität des Weines und nickte schließlich zustimmend. Francesco fragte sich, was er wohl tun würde, wenn der Wein nicht nach seinem Geschmack wäre und die feinen Härchen im Nacken richteten sich bei dem Gedanken auf. Er wäre am liebsten sofort gegangen und hätte dieses Haus nach Möglichkeit nie mehr betreten. Doch er war nun einmal hier und damit gezwungen, mit dieser Situation umzugehen, möglichst ohne es sich mit diesen beiden Männern zu verderben.

„Ich hatte jüngst das Vergnügen, ein Bildnis von eurer Hand bewundern zu dürfen. Ich war beeindruckt von der Lebendigkeit der Farben und des Ausdrucks.“ Francesco verneigte sich höflich und glaubte Casali kein Wort. „Ich fand es erstaunlich, wie viel Sorgfalt ihr für das Portrait einer Frau verwendet habt. Dabei weiß jeder, dass eine Frau ungefähr so vielschichtig ist wie ein Huhn.“ Während Casali keine Miene verzog, grinste della Valle breit. „Vielschichtig ist freilich nur das Böse, wenn es Einzug halten kann in einen weiblichen Geist.“ Wieder stellten sich bei Francesco die Haare im Nacken auf. Er empfand den Satz eindeutig als versteckte Drohung und schwieg wohlweislich dazu. „Tja, so ist es wohl“ bestätigte della Valle selbstgefällig. „Aber als junger Künstler kann man sich seine Kunden nicht aussuchen und man muss immer sein Bestes geben.“ Er zwinkerte Francesco dabei zu und lachte, als hätte er einen guten Witz gemacht. .„Wir werden sehen, wozu der Meister fähig ist, wenn er einen Mann malt.“ Wieder nahm die Stimme della Valles die Färbung von Öl an und ließ das Ende des Satzes vielsagend offen. Casali registrierte diesen Blick und die Geste von della Valle und wurde eine Nuance blasser. Seine ohnehin dünnen Lippen wurden zu einer noch dünneren Linie, er hob eine Augenbraue und sah Francesco an. „Dann gebt euer Bestes, Meister, ich bin gespannt und werde euer Schaffen gerne weiterhin beobachten.“ Aus dem Mund des Inquisitors war das eine deutliche Drohung. Francesco schluckte und verbeugte sich leicht, denn seine Stimme versagte ihm den Dienst.

Della Valle besprach mit Casali kurz ein bevorstehendes Treffen bei Julius II und dann verabschiedete sich der Magister Georgius de Casali, Inquisitor von Cremona, mit einer angedeuteten Verbeugung. Bevor er sich zum Gehen wendete, sah er della Valle an und dann bedachte er Francesco mit einem Blick, der nichts Gutes verhieß.

Als er den Raum verlassen hatte, war es Francesco, als ob es plötzlich heller würde und die Luft frischer. Er nahm einen kräftigen Schluck Wein, um sich für die bevorstehende Sitzung zu stärken: mit dem Regent der Päpstlichen Kanzlei und Freund der Inquisition.

*

 

Della Valle stand aufrecht neben dem Hocker, sein Blick in die Ferne gerichtet. Die blonden Haare waren sorgfältig in Wellen gelegt und die Augen mit einem Lidstrich betont. Er stand mit nacktem Oberkörper Modell, das weiße Tuch sah aus wie zufällig von der Schulter gerutscht, war aber sorgfältig von einem Diener nach della Valles Anweisung drapiert worden. Francesco hätte am liebsten den Kopf geschüttelt. Er wunderte sich, dass er nicht von Anfang an bemerkt hatte, wie affektiert della Valle sich gab. Obwohl auch Michelangelo mehr den Männern zugetan war als den Frauen, war doch das Gebaren seines Meisters ein ganz anderes und bar jeder Lächerlichkeit.

Francesco hatte zunächst große Schwierigkeiten, sich auf seine Arbeit zu konzentrieren. Zu gegenwärtig war die Bedrohung, die sich mit diesem Bild verband und Francescos Adern gefrieren ließ. Er trank noch einen Becher Wein und war dankbar, als er dessen stimulierende Wirkung spürte. Es dauerte noch eine Weile, doch dann ließ er sich ganz auf seine Zeichnung ein und schaltete sein Denken aus.

„Was meint ihr, soll ich das Kinn noch etwas weiter heben?“ fragte della Valle nach einer Weile. Er hatte nun jede Arroganz abgelegt und war einfach nur ein unsicherer Mann, der gerne gefallen wollte. Seine wasserblauen Augen bekamen einen verträumten Ausdruck, als er sich entspannte. Die Lippen waren für einen Mann auffällig weich und sinnlich. Die fein geschwungenen und gezupften Augenbrauen dagegen verliehen dem Gesicht einen hochmütigen Ausdruck. Francesco war ganz in seiner Hingabe als Maler und erfasste mit all seinen Sinnen die verschiedenen Facetten seines Modells. Sein Stift fing die Sehnsucht ein und die stille Angst, nie Erfüllung zu finden. Die Züge della Valles und seine Haltung drückten durchaus den Hochmut aus, den er aus der Macht zog, die ihm sein Amt verlieh. Unter der zur Schau getragenen Arroganz sah Francesco aber auch langsam den Rest eines liebenswerten jungen Mannes verblassen, der nach Aufmerksamkeit und Liebe hungerte. Francesco hätte es nicht benennen können, doch in der Stille der Sitzung gab es eine Verbindung zwischen Maler und Modell, die nicht von Gesprächen verfälscht wurde. Er spürte sie genauso wie della Valle und beide schwiegen, um diese Verbindung nicht zu unterbrechen.

Am Ende des Nachmittags kam della Valle zu Francesco und trat hinter ihn, um seine Skizze anzusehen. Francesco jedoch packte seine Papiere schnell in seine Tasche. Er hatte die Angewohnheit von Michelangelo übernommen, seinen Modellen erst das fertige Bild zu zeigen. Nun war della Valle allerdings hinter ihn getreten und Francesco fühlte seinen Atem im Nacken. „So nervös?“ fragte er, mit seiner Stimme wie Öl. „Äh, ja. Ich werde zu Hause erwartet, Eure Exzellenz. Aber ich werde an Eurem Bild weiter arbeiten, damit ich es euch bald als fertiges Portrait präsentieren kann.“ Damit nestelte er an seiner Tasche und wollte sich erheben, doch die Hand, die sich leicht auf seine Schulter legte, hinderte ihn daran. Der Zeigefinger strich zart über Francescos Hals und prompt stellten sich sämtliche Nackenhaare hoch. „Wie schade…“, die Stimme aus Öl verriet ein Lächeln. Della Valle spielte Katz und Maus mit Francesco. Nun aber nahm er seine Hand von Francescos Schulter und ließ den Maler gehen. Der verbeugte sich rasch und war froh, die Gemächer della Valles verlassen zu können.

Zurück in seinem Haus erzählte er Elena und Beppo von dieser seltsamen, aber auch bedrohlichen Begegnung. „Fest steht, dass beide Männer dir schnell gefährlich werden können“, meinte Elena mit von Sorge zerfurchter Stirn. Beppo saß da und bebte vor Wut. Gleichzeitig war ihm aber nur allzu sehr bewusst, wie wenig er dieser Kombination aus Macht und Kalkül entgegenzusetzen hatte. Seine starken Fäuste würden niemanden vor Männern wie della Valle oder Casali retten. Sie redeten und redeten, doch wie sie Francescos Situation auch betrachteten: er konnte nur verlieren. Man konnte nur hoffen, dass er sich auch weiterhin so geschickt aus allen Verwicklungen würde heraus halten können, bis ihnen etwas Besseres einfiel. Einig waren sie sich jedenfalls darin, dass äußerste Vorsicht und Zurückhaltung geboten war.

Trotz der bedrückenden Vorzeichen waren die folgenden Sitzungen im Hause von della Valles mehr ein harmonisches Zusammensein von zwei Männern, als das Werben des Einen um die Gunst des Anderen. Es war anzunehmen, dass della Valle gewillt war, über Freundschaft an Francesco heranzukommen. Er ließ sich offensichtlich Zeit und verstrickte Francesco in Gespräche über allerlei Themen. Und tatsächlich ließen beide Männer innerhalb dieses persönlichen und auf eine gewisse Weise geschützten Rahmens eine Offenheit zu, die beide wohl vorher nicht für möglich gehalten hätten. Ehe er sich’s versah, erzählte della Valle von seiner unglücklichen Kindheit als Sohn eines Despoten und einer desinteressierten Mutter. Francesco erzählte von seinen Kinderjahren auf dem Land, von der Armut seiner Familie, aber auch von seiner Leidenschaft für die Malerei. Zu Francescos Überraschung waren die Annäherungsversuche seines Auftraggebers eher selten und dann verhalten bis zaghaft. Francesco versuchte nach Kräften, sie zu umgehen oder er tat so, als würde er sie gar nicht bemerken. Dabei achtete er sehr darauf, della Valle möglichst nicht zu verletzen. Francesco fand im Laufe der Stunden im Gespräch oder in gemeinsamem Schweigen Sympathie für seinen Auftraggeber und konnte ihm mit aufrichtiger Gewogenheit begegnen. Seine Bemerkungen und sein Trost bei allzu unglücklichen Erinnerungen waren aufrichtig und das blieb auch della Valle nicht verborgen. Obwohl Casali nicht noch einmal in Erscheinung trat, blieb hinter all der Harmonie während der Stunden, in denen della Valle für Francesco Modell stand, die Bedrohung, die von seiner Stellung und seinen Verbindungen ausging. Francesco wusste nur zu gut, dass er della Valle nicht gegen sich aufbringen durfte, ohne sein Leben zu riskieren.

*

 

So war er immer froh, wenn er das Haus des Kämmerers verlassen und in sein eigenes Heim zurückkehren konnte. Elena wartete dort schon und ließ sich genau erzählen, was Francesco erlebt hatte. Er liebte es, nach getaner Arbeit nach Hause zu kommen. Mit Elena besprach er all seine Sorgen und Ängste. Sie teilte seine Bedenken, was seine neue Bekanntschaft mit Georgius de Casali anging und verstand genau, weshalb Francesco nicht einfach den Auftrag ablehnen konnte. Sie gab ihm Tipps für den Umgang mit della Valle, sie war schließlich als schöne Frau sehr geübt darin, Männern, die sie mit Schmeicheleien umgarnten, weder nachzugeben, noch sie vor den Kopf zu stoßen.

Beppo hatte wieder angefangen, bei Michelangelo als Gehilfe zu arbeiten und wurde vom Meister mit Herzlichkeit begrüßt. Er war froh, seinen einzigen Gehilfen gesund wieder zu sehen. Freilich hatte Beppo immer noch nicht ganz seine alte Kraft wieder erlangt, aber er hatte einfach genug vom Rumliegen. Er wollte Elena und Francesco nicht weiter zur Last fallen und wieder aktiv sein, denn im Grunde liebte er seine Arbeit. Mittlerweile hatte er auch nicht mehr so große Angst vor Michelangelos Launen und Abgründen. Nachdem er nun sogar die Pest überstanden hatte, war er ein ganzes Stück selbstsicherer geworden.

Als Francesco anfing, zu Hause an della Valles Portrait zu malen, erschien wie früher oft Beppo, um den Abend mit seinen Freunden zu verbringen. Er setzte sich, wie früher in der Sixtina, zu Francesco und schwieg einfach oder unterhielt sich leise mit Elena. Meist hatte er einen kleinen Hund oder ein Kätzchen auf dem Arm, das dann die Streicheleinheiten von Beppo und Elena genoss und sich auf dem Schoß genüsslich räkelte. Zwischendurch warf Beppo einen Blick auf das Bild und ließ sich ab und zu sogar zu einem Kommentar hinreißen. An diesem Abend schien er irritiert zu sein. Immer wieder schaute er das Bild an. „Ein komischer Mann.“ Mehr sagte er nicht, aber man sah, dass es in ihm arbeitete. „Ihr müsst aufpassen, Francesco, er ist verletzlich und deshalb gefährlich.“ Francesco staunte. Beppo hatte die besondere Persönlichkeit seines Auftraggebers instinktiv erfasst. Dass er Francesco beim Vornamen nannte, bedeutete, dass er ehrlich besorgt war. „Mach dir keine Sorgen, Beppo, ich bin vorsichtig. Und ich könnte mir vorstellen, dass ihm sein Bild gefällt. Dann bin ich ihn los.“ Beppo sah man seine Zweifel deutlich an. Francesco selbst hatte allerdings auch seine Zweifel, ob es zutreffen würde, was er da sagte.

Elena kam mit einem Tablett, auf dem drei Becher und zwei Krüge mit Wasser und Wein standen. Francesco sah seine Geliebte an. „Du bist in letzter Zeit sehr blass, du siehst müde aus, Elena. Geht’s dir nicht gut?“ Er griff nach ihrer Hand und hielt sie an sein Herz. Elena bedachte ihn mit einem liebevollen Lächeln. „Ganz im Gegenteil, es ging mir nie besser.“ Sie sah die beiden Männer, die ihr am nächsten standen, erwartungsvoll an und verkündete ihr Geheimnis. „Mir geht es deshalb so gut, weil ich guter Hoffnung bin.“ Francesco verstand nicht sofort. Er rührte sich nicht, er starrte Elena nur an, bemüht, das Unfassbare zu begreifen. „Ich bekomme ein Kind, Francesco, verstehst du mich? WIR bekommen ein Kind.“ Francescos Augen wurden ganz groß. Er zog Elena in seine Arme und küsste und herzte sie. Zusammen schlossen sie sich Beppo an, der viel schneller begriffen hatte und freudig durch den Raum tanzte. Francesco blieb so abrupt stehen, dass Beppo gegen ihn stieß, als er einen weiteren Luftsprung machen wollte. „Wir brauchen einen Priester. Sofort! Wir werden heiraten, schon morgen!“ verkündete Francesco.

Beppo klatschte vor Vergnügen in die Hände und Elena strahlte über das ganze Gesicht. „Beppo! Du holst mir einen Priester“, begann Francesco. Sein Kopf arbeitete auf Hochtouren. „Nein, ICH spreche mit einem Priester. Du lädst bitte Michelangelo ein, Piero, Giuliano und Filippo. Sag‘ Matilda, sie soll uns was besonders Leckeres kochen und geh einkaufen, was sie braucht.“ Er gab Beppo etwas Geld. „Kleid!,“ rief Beppo. „Elena braucht ein Brautkleid!“ Francesco und Elena sahen sich an. Ohne Worte verstanden sie sich und sagten beide wie aus der Pistole geschossen: „Das dauert zu lange. Wir heiraten morgen. Basta.“ Sie lachten und schauten sich verliebt in die Augen, einig in ihren Gefühlen und in ihrer Eile. Nichts sollte sie daran hindern, ihre Liebe von Gott segnen und ihren Bund vor der Welt besiegeln zu lassen. Beppo klatschte begeistert in die Hände, dann war er schon aus der Tür, um den Freunden die frohe Nachricht zu überbringen. Auch Francesco hatte es eilig, einen Priester für diese wichtige Zeremonie ausfindig zu machen. Er wollte dabei so wenig Aufsehen wie möglich erregen, denn er wusste nicht, wie della Valle reagieren würde, wenn er von der geplanten Hochzeit mit Elena erführe. Er sollte möglichst vor vollendete Tatsachen gestellt werden. Nachdem Francesco mit einem freundlichen Priester gesprochen hatte, der gegen eine ansehnliche Summe Geld gerne bereit war, morgen pünktlich die Trauung zu vollziehen, besorgte Francesco noch die schönsten Ringe, die er für das Geld, das er noch in der Tasche hatte, bekommen konnte.

Als er seinen Freund Filippo traf, der einen großen Anteil an seiner Liebesgeschichte mit Elena gehabt hatte, erzählte er ihm, dass sie wohl ohne Hochzeitskleid würden heiraten müssen. Filippo war nicht umsonst Tuchhändler. Er versprach, am nächsten Morgen mit einer Überraschung vor der Hochzeit zum Haus des Brautpaares zu kommen. Am späten Abend dann waren die Vorbereitungen getroffen und das Brautpaar konnte vor Anspannung keinen Schlaf finden.

*

Am Morgen seines Hochzeitstages war Francesco schon vor Sonnenaufgang auf den Beinen. Er legte alles zurecht, was sie für die Trauung brauchen würden und lief anschließend nervös durch die Räume. Als es klopfte, sah er überrascht auf und öffnete Filippo die Tür. Sein Freund hatte beide Arme voll mit Tuch. Wie sich herausstellte, war es ein wunderbares Kleid als Hochzeitsgeschenk, das er stolz präsentierte. Auch Elena war schon lange wach und überwältigt von der Eleganz und dem edlen Stoff des Kleides, das ein klein wenig zu lang war, aber ansonsten gut passte. Filippo strahlte über das ganze Gesicht, als Elena das Kleid außer sich vor Freude an sich hielt. Als sie wenig später angekleidet und frisiert in den Raum kam, hielt Francesco den Atem an. Das Goldgelb des Seidenstoffes brachte Elenas Bernsteinaugen zum Leuchten. Ihr haselnussbraun glänzendes Haar war kunstvoll geflochten und im Nacken zusammen gesteckt. Das eng anliegende Oberteil brachte Elenas schmale Taille zur Geltung, betonte aber auch reizvoll ihre durch die Schwangerschaft etwas üppiger gewordenen Brüste. Der lange, weite Rock mit den Spitzen ließ sie größer erscheinen und verlieh ihr eine dezente Eleganz. Elena glänzte und strahlte mit der Sonne um die Wette. Sie war ohne Zweifel die schönste Frau, die Francesco je gesehen hatte. Sie sahen sich beide an und hätten glücklicher nicht sein können.

Erst kurz bevor Francesco mit Elena zur Kirche aufbrach, schickte er einen Boten in den Vatikan, um della Valle davon in Kenntnis zu setzen, dass er wegen seiner Hochzeit leider verhindert war und die heutige Sitzung ausfallen müsse. Am nächsten Tag, so versicherte er, käme er wie gewohnt zur Arbeit.

Die Trauung erfolgte in einer kleinen Kirche, schnell und in aller Stille. Doch es gab in ganz Rom kein glücklicheres, kein strahlenderes Paar als Elena und Francesco, als sie Hand in Hand aus dem Kirchenportal traten. Selbst Fremde, die zufällig an der Kirche vorbei kamen, jubelten dem frisch vermählten Paar zu. Sie standen noch da und unterhielten sich mit dem Priester, als sich ein Reiter mit lautem Hufgetrappel näherte. Als Francesco sich umsah, erblickte er Andrea della Valle, der mit hochrotem Gesicht seinen Rappen parierte. Francescos Bedenken waren ganz offensichtlich nicht grundlos gewesen. Doch er war zu spät. Della Valle erkannte den Ehering an den Fingern der Brautleute. Er sah die lachenden Gesichter und die gratulierenden Gäste. Das Gesicht zu einer Maske erstarrt, gab er seinem Pferd die Sporen und verschwand ebenso überraschend, wie er gekommen war.

Francesco verdrängte seine Sorgen und drückte seine Braut an sich, um sie zu küssen. Die kleine Feier zu Hause war ausgelassen und fröhlich. Es wurde gesungen und getanzt und viel getrunken. Es dauerte lange, bis der letzte Gast gegangen war und Francesco endlich seine Frau von ihrem edlen Kleid befreien und in sein Bett ziehen konnte, um ihre Hochzeitsnacht zu genießen. Lächelnd und eng aneinander gekuschelt schliefen Francesco und Elena als die glücklichsten Menschen weit und breit ein.

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Als Francesco am nächsten Morgen aufwachte, lächelte er bei der Erinnerung daran, dass er nun ein verheirateter Mann war. Erst als er aufstand, verzog sich sein Gesicht angesichts der Kopfschmerzen zu einer Leidensmiene. Elena frühstückte mit Francesco und küsste ihn zum Abschied. Als sie die Tür schloss, bewölkten Sorgen ihre Stirn.

Im Salon von Andrea della Valle herrschte eine angespannte, fast feindselige Atmosphäre. Della Valle hatte Francesco in übler Laune empfangen und nun arbeitete der Maler seit Stunden wortlos, während sein Modell Schwierigkeiten hatte, dem inneren Aufruhr Herr zu werden, der ihn immer wieder dazu zwang, seine Position zu verlassen und im Salon umher zu gehen. Schließlich blieb er vor Francesco stehen. „Soso, vermählt habt ihr euch. Schön. Aber etwas plötzlich, findet ihr nicht?“ Seine Stimme war schroff und sein Gesicht drückte seine Verletztheit vermutlich viel deutlicher aus, als ihm lieb war. „Vielleicht, Herr, oder auch nicht. Ich weiß nicht. Ich weiß nur, dass ich bereits seit vielen Wochen über beide Ohren in diese Frau verliebt war, als sie mit der Prinzessin Katharina von Aragon, Seiner Heiligkeit und mit euch das erste Mal in die Sixtinische Kapelle kam, um Michelangelos Fresken zu sehen.“ Francesco erreichte mit dieser Erklärung, was er wollte: della Valles Miene erhellte sich um eine kleine Nuance, denn sie lieferte ihm die Erklärung dafür, weshalb Francesco nicht empfänglich für seine Annäherungsversuche war. Es war nun einmal eine Tatsache, dass Francesco schon in Elena verliebt gewesen war, bevor er Andrea della Valle kennenlernte. Es war zwar eine dünne Erklärung, aber sie war ehrlich und nachvollziehbar. Das wichtigste daran war aber, dass sie della Valle erlaubte, sein Gesicht zu wahren. Francescos Zurückweisung konnte mit der zeitlichen Abfolge der Ereignisse erklärt werden und war nicht zwingend eine Entscheidung gegen della Valle. Er ging zurück und nahm erneut seine Position ein.

Francesco hatte Elena alles erzählt und zusammen hatten sie überlegt, wie er sich nun am klügsten verhalten sollte. Er beeilte sich, della Valle von diesem delikaten Thema so gut es ging abzulenken. „Dafür werde ich aber, gewissermaßen um mein Fernbleiben etwas zu entschuldigen, euer Portrait morgen fertig gestellt haben. Morgen früh werde ich es für euch enthüllen.“ Mit diesen Worten verabschiedete er sich und ließ einen Mann zurück, der noch etwas mit seinen widersprüchlichen Gefühlen zu kämpfen hatte. Letztendlich war die Ablenkung in Form des vollendeten Portraits genau das passende Mittel, um die verletzten Gefühle della Valles zu trösten, denn nichts war dem Regenten der Päpstlichen Kanzlei letztendlich wichtiger als er selbst.

Als Francesco am nächsten Morgen das Portrait aufstellte und für seinen Auftraggeber enthüllte, war nur noch wenig von der Feindseligkeit und der Enttäuschung zu spüren. Neugierig trat della Valle an das Portrait und betrachtete es eingehend. Er erkannte sich selbst wieder, wie er sich zeigte, aber auch, wie er in seinem Inneren war. Francesco war es gelungen, die hellen und die dunklen Seiten seiner Persönlichkeit einzufangen. Letztendlich hatte Francesco die guten Charakterzüge seines Auftraggebers unterstrichen, gewissermaßen als Schmeichelei, aber auch um diese Vorzüge seiner Persönlichkeit auch in der Realität zu betonen. Andrea della Valle war bezaubert von seinem eigenen Bildnis und konnte kaum die Augen davon lassen. „Ihr seid ein großer Meister, Francesco Allieri“, flüsterte er schließlich. Dann drehte er sich zu Francesco um, in seinem Blick lag Bewunderung. „Ihr habt mich gesehen. So, wie ich bin und so, wie ich aussehe. Ich bin beeindruckt. Und ich bin traurig, weil ihr dennoch keine Liebe zu mir empfinden könnt.“ Zum ersten Mal war della Valle ganz offen, doch in seinem Blick lag weder Kalkül, noch Feindseligkeit. Della Valle zeigte sich in diesem Moment, wie er wirklich war: verletzt und traurig. Ehe Francesco etwas antworten konnte, fuhr er fort. „Ja, ich sehe es. Ich sehe es in dem Bild. Es wäre anders geworden, könntet ihr etwas für mich empfinden. Doch eure Liebe gehört bereits einer Anderen, einer Frau. Unter den nun einmal gegebenen Umständen ist es einzigartig geworden und dafür danke ich euch.“ Della Valle ließ einen Diener seine Geldschatulle bringen und übergab Francesco zu seiner Überraschung den vollen, vereinbarten Betrag für das Portrait. Francesco war auf alles vorbereitet gewesen, er hatte sich vorsichtshalber darauf eingestellt, kaum oder sogar gar nicht bezahlt zu werden. Er verneigte sich zum Dank. „Ihr seid ein großer Mann, Andrea della Valle“.

Sein Auftraggeber neigte kurz den Kopf, er konnte gut die Erleichterung von der gezielten Schmeichelei unterscheiden. „Ihr habt euren Teil des Vertrags eingehalten, es ist nicht mehr als recht und billig. Nun wünsche ich euch recht viel Erfolg und Klugheit bei all euren Taten“. Diese kryptischen Wünsche hinterließen einen etwas faden Nachgeschmack, zumal auch Elena, der er sofort nach seiner Rückkehr von der Begegnung erzählte, sie nicht zu deuten vermochte.

Die Bedenken wegen Andrea della Valle hielten allerdings nicht lange an, sie wurden bald von der Freude am neuen Alltag als Eheleute und werdende Eltern verdrängt. Francesco bekam zwei neue Aufträge, die ihr Einkommen sicherten, doch es blieb noch Zeit um das Leben als frisch verheirateter Mann zu genießen. An den Abenden machte sich Francesco nun daran, das zu tun, was er schon seit dem ersten Tag vorhatte, an dem er Elena gesehen hatte: er wollte sie malen. Francesco wollte seine Frau malen, wie sie niemand sonst malen konnte. Er wollte sie malen, wie er sie sah. Es sollte ein Bild werden, was unverkäuflich war, weil es allein ihm und seiner Frau gehören sollte. Er wollte all seine Liebe, sein Verlangen und seine Sehnsucht malen, ebenso wie all seine Freuden und all sein Glück.

Ab und zu kam Beppo vorbei und gesellte sich zu ihnen. Er war zum Teil ihrer kleinen Familie geworden und setzte sich auf seinen Platz, von dem aus er Francesco erst beim Zeichnen und später beim Malen zusehen konnte. So war auch er es, der als erster wahrnahm, dass Francesco zunehmend angespannt und unruhig war, als bereitete ihm das Malen ungewöhnlich viel Mühe. Elena, die als Modell weniger von ihrem Mann als Maler sah, der hinter der Staffelei arbeitete, war zusätzlich abgelenkt von dem neuen Leben, das in ihr wuchs. Die Schwangerschaft war zunächst anstrengend, doch sie war das Größte, was Elena sich je hatte vorstellen können. Das kleine Wunder, das in ihr heran wuchs, erfüllte sie tagtäglich mit Ehrfurcht und Staunen und nicht zuletzt mit unendlicher Liebe.

Es war deshalb Beppo, der eines Abends, als Francesco sich an die Staffelei setzen wollte, sich ihm in den Weg stellte. „Ihr arbeitet zu viel. Macht doch heute einmal Pause und trinkt mit mir noch etwas Wein.“ Francesco lachte seinen Freund an. „Wieso bist du so besorgt, mein Freund? Mir geht’s gut, es ging mir, genau genommen, noch nie besser in meinem Leben.“ Damit schob er Beppo bei Seite und setzte sich um die Farben vorzubereiten. Beppo runzelte die Stirn, sagte aber weiter nichts.

*

 

Die Wochen vergingen und Francesco fühlte sich wohl, aber auch zunehmend von einer seltsamen Unruhe erfüllt. Er arbeitete viel, denn er hatte ja bald eine Familie zu versorgen und wollte es ihr an nichts fehlen lassen. Seine Arbeit machte ihm Freude und seine Auftraggeber waren stets sehr zufrieden. So wurden seine Aufträge zahlreicher und er konnte bald Beppo als ersten Gehilfen einstellen. Beppo war sehr froh, endlich von Michelangelo weg zu kommen, der nach wie vor tagtäglich mit seinen eigenen Dämonen zu kämpfen hatte. Als empfindsamer Mensch, der Beppo nun einmal war, fühlte und litt er mit ihm. Er fürchtete sich vor den Abgründen seines Meisters und hatte in den letzten Wochen immer weniger Freude an seiner Arbeit gehabt. Umso mehr freute er sich, endlich dort leben und arbeiten zu können, wo er seiner Meinung nach hin gehörte.

Schon nach wenigen Wochen verstand Beppo es, sich unentbehrlich zu machen. Er trug für Matilda die Einkäufe nach Hause, für Elena die Wäsche und alles, was seiner Meinung nach zu schwer war für eine werdende Mutter. Beppo war überall dort, wo ein paar starke Arme von Nutzen waren. Er hatte seine alte Kraft und Fülle wieder erlangt und war mehr denn je ein Mann von beeindruckender Größe.

Trotz der tatkräftigen Hilfe seines treuen Freundes arbeitete Francesco immer mehr. Viele Aufträge waren zu erledigen und als junger Maler traute er sich nicht, auch nur einen davon abzulehnen. Also arbeitete er viele Stunden an Portraits, Ikonen und Fresken. Aber auch nach der Auftragsarbeit fand er keine Ruhe. Schon während des Abendessens drängte es ihn in die Werkstatt und oft aß er nur ein paar Bissen, um sich anschließend mit unverminderter Schaffenskraft an das Bild von Elena zu setzen. Wäre es ein normales Portrait gewesen, wäre er schon längst damit fertig geworden. Doch es handelte sich nicht um ein Werk wie jedes andere. Es war viel mehr geworden und Beppo hatte das längst bemerkt. Er machte sich langsam Sorgen, denn es war kein „normales“ Bild. Immer wieder setzte Francesco neu an. Immer wieder änderte er Pose, Haltung oder Hintergrund. Manches Mal brütete er lange Stunden, während er auf das Bild starrte, nur um dann komplett noch einmal von neuem zu beginnen.

Nur in den Nächten fand Francesco Ruhe. In Elenas Armen fand er den Frieden, dem er tagsüber hinterher jagte. Wenn sie sich liebten, fand er die Erfüllung, nach der er sich sehnte. Doch sobald er sich am Morgen von seinem Lager erhob, trieb ihn eine ihm unbekannte Macht zur Eile an.

Eines Morgens, als er sich anzog, spürte er Elenas Blick auf sich ruhen. Er sah sie an und bemerkte die Sorge, die ihren Blick beschattete. „Was ist los? Was hast Du, meine Sonne?“ fragte er lächelnd. „Oh, das muss ich dich fragen, Francesco. Was ist mit dir? Du bist so…“ sie suchte nach den richtigen Worten. „So ruhelos, so getrieben. Was ist es, das dich so antreibt und dir die Kraft raubt? Du hast dunkle Schatten unter den Augen und ich kann deine Rippen zählen…“ Francesco zog sein Hemd an. „Mach dir keine Sorgen, das ist jetzt nur eine anstrengende Zeit, denn als junger Maler muss ich mehr leisten als die bekannten Meister. Aber sobald ich mir einen Namen gemacht habe, wird alles etwas ruhiger. Spätestens, wenn unser Kind geboren ist, werde ich mir ganz viel Zeit für euch nehmen.“

Damit küsste er Elena und rannte zur Tür hinaus. Elena war nicht beruhigt, sie seufzte. Sie hatte diesen leicht fiebrig wirkenden, unsteten Blick gesehen und glaubte nicht an eine vorübergehende Eile, die sich legen würde.

*

 

Als Francesco am Abend heimkehrte, empfing ihn seine aufgeregte Frau mit einem Brief von Katharina von Aragon in der Hand. Lange hatte sie auf ein Lebenszeichen der Prinzessin gewartet. Besonders nachdem sie ihr von ihrer Hochzeit geschrieben hatte, war sie gespannt und auch etwas besorgt gewesen, wie ihre Herrin wohl reagieren würde. Nun war ein langer Brief angekommen, der Elenas heimliche Ängste bei Seite wischte. Die Prinzessin freute sich aufrichtig mit ihrer früheren Hofdame und wünschte, sie wäre bei den Feierlichkeiten dabei gewesen. Sie entschuldigte sich mehrmals für ihre Abreise während der schwersten Zeiten, als die Pest in Rom gewütet hatte. Noch immer war sie untröstlich, ihre engste Freundin in der Zeit der Not zurückgelassen zu haben. Die Schuldgefühle verfolgten sie, so schrieb sie, fast jede Nacht.

Nun hatte sie aber gute Neuigkeiten zu verkünden. All die Mühen, die Katharina von Aragon auf sich genommen hatte, schienen sich nun auszuzahlen. Heinrich VII hatte einer Ehe zwischen ihr und seinem jüngsten Sohn, dem künftigen König von England, Heinrich VIII, zugestimmt. Noch war kein Datum festgelegt, doch das sei, meinte Katharina, nur noch eine Sache der Hofastrologen. Sie zeigte sich sehr erleichtert, wenn auch etwas zurückhaltend, was ihren künftigen Gemahl anging. Sie kannten sich noch nicht und Katharina hoffte, künftig ihr Leben an der Seite eines guten Menschen und Königs verbringen zu dürfen. Auf Liebe wagte sie schon lange nicht mehr zu hoffen, zumal ihr künftiger Gatte einige Jahre jünger war als sie.

Elena las Francesco den Brief vor und seufzte am Schluss. Sie vermisste ihre Herrin, mit der sie so viele gemeinsame Jahre verbanden und so viele kleine Geheimnisse. Eine kleine Träne küsste Francesco ihr aus dem Augenwinkel. „Sei nicht traurig. Sobald unser Kind groß und kräftig genug ist, werden wir nach England reisen. An den Hof von Heinrich VIII. Du wirst sehen, das wird schön. Lass uns hoffen, dass dann auch Katharina von Aragon dem englischen Königshaus bereits einen Thronfolger geschenkt hat, dann wird die Freude doppelt so groß sein“, lächelte er. Elena lachte bei dieser Vorstellung. „Ja, hoffentlich bringt sie bald einen gesunden und kräftigen Jungen zur Welt.“ Dann wurde sie ernst. „Ich bete, dass sie schnell einem Thronfolger das Leben schenkt. Ich wünsche ihr, dass sie viele Jungen gebären kann, damit ihr Wohlergehen gesichert ist.“ Ihr abwesender Blick kam zurück zu Francesco, sie sah ihn liebevoll an. „Was für ein Glück, dass ich kein Mitglied irgendeines Königshauses bin. Ich durfte mich verlieben und durch ein Wunder bin ich nun auch noch mit dem Mann verheiratet, den ich über alles liebe.“

Sie küsste Francesco und stutzte, als ihr ein Gedanke kam. „Würdest du auch gerne einen Sohn haben wollen, oder dürfte es auch eine Tochter sein?“ Francesco lachte. Er küsste Elena, hob sie in die Höhe und drehte seine quietschende Frau im Kreis. Dann setzte er sie vorsichtig ab und sah ihr tief in die Augen. „Für mich ist es völlig egal, ob es ein Junge wird oder ein Mädchen. Solange es nur unser Kind ist, gesund und wohl behalten. Solange du da bist, ist mir alles egal.“ Elena lachte und küsste ihn. Francesco sah seine Frau liebevoll an. „Eigentlich wäre es schön, eine kleinere Ausgabe von dir zu bekommen. Unsere Tochter würde bestimmt wunderschön und klug. Das würde mir gefallen. Ich würde alle Verehrer unserer Tochter auf Abstand halten, bis der Richtige für sie kommt.“ Elena war entzückt von Francescos Übermut. Sie tanzten durch die Stube und liebten sich danach leidenschaftlich.

Als sie schließlich müde und zufrieden in ihre Kissen sanken, strich Francesco liebevoll über Elenas Bauch, der sich bereits zu wölben begann. „Ich liebe dich“, flüsterte Francesco leise, aber eindringlich. „Und ich liebe unser Sternchen, welches Geschlecht es auch haben mag.“ Mit einem Kuss auf ihren Bauch besiegelte er das Gesagte und schlief fast augenblicklich ein, als sein Kopf wieder auf sein Kopfkissen sank.

 

Streit der Giganten

 

„Francesco, du musst kommen, bevor noch ein Unglück geschieht!“ Piero Rosselli stand in der Tür und war ebenso aufgeregt wie in Eile. „Michelangelo und Seine Heiligkeit. Sie streiten und ich habe große Sorge, dass Michelangelo in allergrößte Ungnade fällt. Er braucht dich jetzt, bitte komm. Schnell!“

Mehr musste er nicht sagen. Francesco hatte bereits nach Tasche und Jacke gegriffen und im Laufschritt eilten die beiden zur Sixtinischen Kapelle. Als sie dort ankamen, standen sich tatsächlich beide Kontrahenten wie zwei Stiere in Drohhaltung gegenüber. „Ihr habt die Verträge einzuhalten. Ich bin euer Auftraggeber und sage, wie und was gemacht wird“, verkündete Julius II und klopfte mit seinem Stab angriffslustig auf den Boden der Sixtina, so dass es laut in der Kapelle widerhallte. Das beeindruckte Michelangelo allerdings nicht. „Ich bin der Künstler und ich habe einen Ruf zu verlieren. Wenn ich schon meine Gesundheit und mein Augenlicht riskiere, dann soll das Werk ein herausragendes werden, es soll die Gläubigen zum Staunen bringen und sie das Wunder Gottes schauen lassen“, hielt der Maestro dagegen. Offenbar standen beide Streithähne schon einige Zeit so da und versuchten ihren jeweiligen Standpunkt mit zunehmender Lautstärke und Vehemenz zu vertreten.

Rosselli und Francesco verständigten sich mit Blicken. Während Rosselli einen Tisch in der Ecke frei machte, stellte sich Francesco einfach zwischen die beiden Männer. Er war froh, deutlich größer zu sein als der Papst und Michelangelo. „Halt! Eure Heiligkeit, verehrter Meister, bitte beruhigt euch. Ich bin sicher, es findet sich eine Lösung. Wir haben alle dasselbe Ziel, nämlich die Sixtinische Kapelle zu einem Kleinod für die Gläubigen zu machen, die hierher kommen, um Erleuchtung zu suchen. Wir alle wollen, dass die Sixtina die Herrlichkeit der Schöpfung preist.“ Mit diesen Worten führte er die beiden Männer, die sich so ähnlich waren in ihrer sturen Forderung, die Fresken nach ihrer Vorstellung zu gestalten, zum Tisch. Sie setzten sich einander gegenüber, ohne sich aus den Augen zu lassen.

Rosselli hatte eiligst Wein besorgt und goss nun zwei Becher voll. Er sah Francesco über die Köpfe der beiden streitenden Männer hinweg an. Sie holten beide Luft und setzten sich dazu. Es wurde ein hitziges Duell, das mit Argumenten, mit gebrüllten Worten und lauten Faustschlägen auf die Tischplatte ausgetragen wurde. Rosselli und Francesco passten auf, dass niemand etwas tat, was er später bereuen würde. Offenbar hatte Michelangelo keinerlei Absicht, die Fresken der Sixtina gemäß den genau durchdachten Vorgaben der Kirche zu malen. Michelangelo hatte Größeres im Sinn und nach allem, was Francesco bisher gesehen hatte, würde es wirklich etwas Großes werden. Er war jedoch nicht gewillt, Seiner Heiligkeit seine gesamten Entwürfe vorzulegen und berief sich auf seinen Ruf und seine künstlerische Freiheit.

Seine Heiligkeit hingegen hatte nichts im Sinn mit künstlerischer Freiheit. Der Maler, ob Künstler oder nicht, hatte das auszuführen, was sein Auftraggeber ihm vorgab. Auf der anderen Seite war auch Julius II daran gelegen, mit seinem Namen in die Geschichtsbücher einzugehen als der Papst, unter dessen Führung der Vatikan zu bislang nicht gekannter Größe und Glanz gelangte. Auch wenn er es niemals zugegeben hätte, fand er die genauen Vorgaben für die Fresken der Sixtinischen Kapelle zwar sehr schön und durchdacht, aber nicht wirklich originell oder gar inspirierend. Einige Gelehrte hatten sich viele weise Gedanken dazu gemacht und jedes Detail sorgfältig abgewogen. Die Darstellungen folgten einer genau geplanten und in sich schlüssigen Abfolge, doch überraschend oder gar überwältigend war die Ausarbeitung nicht. Sie diente der Erbauung, aber sie würde den Betrachter nicht entzücken.

Francesco hatte den Rednern geduldig und aufmerksam zugehört. Als beide Männer ihren Standpunkt ausführlich und mit allen Gefühlsausbrüchen, deren sie fähig waren, dargestellt hatten, räusperte sich Francesco.

„Nun gut, ich weiß gar nicht, weshalb ihr so miteinander hadert. Ihr habt doch beide das gleiche Ziel. Eure Heiligkeit! Meister Michelangelo! Ihr wollt beide die Gemeinschaft der Gläubigen in eine neue Erfahrung der heiligen Kunst entführen. Ihr wollt beide die Besucher der Sixtinischen Kapelle mit nie da gewesenen Bildern beglücken und ihren Glauben an die Macht des Schöpfers stärken.“ Michelangelo und Julius II nickten beide, wenn auch etwas widerwillig. „Maestro Buonarroti, Ihr kennt die Vorstellung Seiner Heiligkeit von einem vollendeten Fresko. Er kennt allerdings Eure Vision nicht. Bitte habt Verständnis dafür, dass er zumindest eine Ahnung davon bekommen muss, welches Meisterwerk ihr zu schaffen gewillt und fähig seid. Nur so kann er seine Zustimmung geben. Immerhin spricht Seine Heiligkeit nicht nur für sich selbst, er steht hier und spricht für die Gesamtheit der Gläubigen. Das Gesicht des Papstes hellte sich auf, als er in knappen Worten gekleidet hörte, was er erfolglos in seiner Wut versucht hatte, Michelangelo klar zu machen.

„Meister, könntet Ihr nicht Seiner Heiligkeit entgegen kommen und ihm einen Teil eurer Ausarbeitungen zeigen, eure Ideen erläutern, damit Seine Heiligkeit sich ein Bild von der Großartigkeit eurer Vision machen kann?! Andernfalls riskiert ihr, dass ein anderer euer Werk vollendet und das wollen wir alle nicht.“ Francesco hatte mittlerweile glühend rote Ohren. Er hatte noch nie gewagt, solch kühne Worte gegenüber so hoch gestellten Persönlichkeiten zu äußern. Er war sich seiner Dreistigkeit wohl bewusst, aber der Ernst der Lage erforderte eine entschlossene Rede. Stille trat ein. Beide Kontrahenten erwogen die vorgebrachten Argumente, während Rosselli geflissentlich Wein nachschenkte und Francesco hoffte, die richtigen Worte gefunden zu haben.

Schließlich nickte Michelangelo kurz, wandte sich zu seinem Freund Rosselli und bat ihn, aus seinem Haus die vorbereiteten Kartons zu holen. Rosselli beeilte sich, der Bitte nachzukommen und verschwand. Nun, da die Anspannung zwischen dem Meister und Julius II etwas nachgelassen hatte, nahmen beide einen kräftigen Schluck Wein. Das Streiten hatte sie durstig gemacht. Es wurde nicht gesprochen, doch beide Männer entspannten sich sichtlich und warteten auf Rossellis Rückkehr. Der schien zu fliegen und war überraschend schnell mit ein paar großen Papierbögen zurück. Er legte sie feierlich Michelangelo in die Arme, der sie auf einer sauberen Fläche außerhalb des Baustellenbereichs ausbreitete.

Julius II erhob sich und trat an die Kartons. Michelangelo sagte kein Wort der Erklärung, er ließ seine mit kühnen Strichen skizzierten Entwürfe für sich sprechen. Er wusste: sie waren über jede Erklärung erhaben. Und so war es. Seine Heiligkeit war in Betrachtung der Kartons versunken und ließ dabei jeden Abschnitt der Reihe nach auf sich wirken. Schließlich hob er den Kopf und sah Michelangelo mit Tränen in den Augen an. Ohne ein Wort zu äußern ging er zurück zum Tisch, um einen weiteren Schluck Wein zu nehmen. Dann drehte er sich ganz langsam zu den drei Männern um, die immer noch wie angewurzelt da standen und auf seine Worte warteten. „Das, Maestro, wird ein Meisterwerk. Ich gebe euch meine Zustimmung, denn dies übertrifft alles, was je von Menschenhand geschaffen wurde.“ Ohne ein weiteres Wort drehte Julius II sich um und verließ die Kapelle.

Die drei Künstler, die immer noch an derselben Stelle standen, sahen sich an und grinsten. Michelangelo streckte seine Arme aus, um beide Hände auf die Schultern von Francesco zu legen. „Wer hätte gedacht, dass ein Mann aus Mantua mir einmal Glück bringen würde.“ Er grinste Francesco schief an. „Danke, Freund, durch deine besonnenen Worte hast du meine Fresken gerettet.“ Dann drehte er sich um und schlug Rosselli freundschaftlich auf die Schulter. „Dank auch dir, Piero, du hast tapfer zu mir gehalten und den richtigen Mann an unsere Seite geholt. Nun lasst uns auf unsere geglückte Heldentat trinken. Die Welt wird dank uns bald um ein Meisterwerk reicher sein.“ Michelangelo hob seinen Becher und prostete seinen Freunden zu.

 

Es muss mehr sein…

 

„Komm essen, Francesco, du musst essen und trinken um bei Kräften zu bleiben“, seufzte Elena. Es war schon spät und Francesco saß immer noch in seiner Werkstatt, um an dem Bild zu arbeiten. Er sah blass aus und die Schatten unter seinen Augen waren noch dunkler geworden. Als er nach Hause gekommen war, war er sofort in seiner Werkstatt verschwunden.

Nun kam Elena mit einem Tablett herein, auf dem Brot, Käse und Salami angerichtet waren, zusammen mit einem Krug Wein. Sie schenkte Francesco einen Becher ein und reichte ihn ihrem Mann. Der nahm ihn, ohne seinen Blick von der Leinwand zu nehmen. Elena seufzte. Sie stellte sich vor die Staffelei und erreichte so, dass Francesco aus seiner geistigen Versenkung auftauchte. Sein Blick war unstet, bis er sich in ihre Augen versenkte. Elena nahm sein Gesicht in ihre Hände und sah ihren Geliebten an. „Was ist das, Francesco? Was treibt dich an, bis zur Erschöpfung an diesem Bild zu arbeiten?“ Francesco sah seine Frau an und wusste genau, was sie meinte. Er holte tief Luft, stieß sie mit einem Seufzer wieder aus und hob beide Hände. „Wenn ich es nur wüsste! Ich müsste glücklich sein und der stolzeste Mann Italiens. Ich habe eine wunderschöne Frau, die ich über alles liebe. Wir werden bald eine Familie sein und ich bin dabei mir in Rom einen Namen als Maler zu machen. Das sage ich mir immer wieder…“ Seine Stimme versagte. Er trank einen Schluck Wein und wendete sich der Staffelei zu. „Aber da ist eine Unruhe in mir, die ich nicht erklären kann. Sie treibt mich an, Elena, ich kann überhaupt nichts dagegen tun.“ Er sah seine Frau mit hilflosen, fast bittenden Augen an. „Ich weiß nur, dass ich dieses Bild beenden muss, unbedingt, und dass ich nur eine begrenzte Zeit dafür habe. Ich muss ein Bild schaffen, das die Menschen verändert, die es betrachten. Es soll sie an etwas erinnern, das sie in sich tragen. Nur ich kann das schaffen, das ist mir bewusst. Oh, ich weiß, wie hochfahrend das klingt, aber dennoch fühlt es sich für mich so an, als wäre mir nur dafür dieses Leben geschenkt worden. Doch so sehr ich mich auch anstrenge und mich bemühe: ich schaffe es nicht. Ich weiß einfach nicht, was noch fehlt. Ich träume wild und in tausend Farben davon, doch wenn ich aufwache, zerrinnt alles wie Sand zwischen meinen Fingern.“ Francesco ließ erschöpft den Kopf sinken.

Elena gab nicht auf. „Hilf mir zu verstehen, bitte. Du wolltest doch nur ein Portrait von mir malen. Weshalb muss es nun so viel mehr sein?“ Francescos Kopf schnellte hoch, er sah sie an. „Ja, genau. Soviel mehr. Es muss so viel mehr sein. Es muss mehr sein… „ Francesco schüttelte hilflos den Kopf. „Es muss mehr sein als ein Portrait, Elena, es ist nicht nur das Bildnis von Dir, es wird…“ Francesco suchte nach Worten. „Es wird ein Bild der Frau an sich. Es hat mit dir angefangen, aber es geht noch weiter. Ich habe das Gefühl, ich müsste nicht nur dein Geheimnis einfangen, es muss das Mysterium aller Frauen sein. Ich verstehe es selbst nicht. Kannst du es denn verstehen?“ Er schaute sie hoffnungsvoll an.

Elena setzte sich auf einen Stuhl, betrachtete das Bild und dachte nach. „Mein Geheimnis? Wie bist du denn auf den Gedanken gekommen, mein Geheimnis einfangen zu wollen?“, fragte sie ausweichend. Francesco wollte sich die Haare raufen. „Das weiß ich doch nicht! Ich habe keine Ahnung. Aber ich habe das dringende Bedürfnis, den Wunsch, die Sehnsucht… alles treibt mich da hin, dein Mysterium zu entdecken und für die Welt sichtbar zu machen. Nein: mehr, das Mysterium von euch Frauen… was auch immer das sein mag. Das macht mich verrückt…!“ Verzweifelt vergrub Francesco den Kopf in den Händen.

Elena legte ihre Hand auf seine Schulter und überließ sich ihren Gedanken. Ein Maler, der das Mysterium der Frau in seinem Bild einfangen will. Seltsam. Aber doch nicht ganz abwegig. Sie war fasziniert von diesem Vorhaben, obwohl sie selbst nicht hätte sagen können, was es mit diesem Geheimnis auf sich hatte. Sie streichelte ihrem Mann über den Kopf und nahm ihn dann bei beiden Schultern. Er hob den Kopf und sah sie an. Ihr Blick erzählte von ihrer Liebe zu ihm und von ihrem Verständnis. Elena lächelte. „Ich kann dir vielleicht nicht helfen, aber ich weiß, dass du es schaffen kannst. Von allen Malern dieser Welt hast du die Gabe, das Mysterium zu erkennen.“ Francesco war über die Maßen erstaunt über das, was er hörte. Elenas Worte waren wie Balsam, denn er hatte erwartet, dass sie wenig Verständnis dafür haben würde, dass er so wirres Zeug dachte und von so schwer fassbaren Gedanken getrieben wurde.

Stattdessen fasste sie ihn bei der Hand und zog ihn hoch. Wie vorhin nahm sie sein Gesicht zärtlich in ihre Hände und küsste es. Dann trat sie einen Schritt zurück und öffnete langsam die Schnürung ihres Mieders. Sie strich Francesco das Hemd über die Schultern. Francesco betrachtete sie wie hypnotisiert, während sie langsam die Nadeln, die ihr Haar hielten, löste. Ihr glänzendes, braunes Haar fiel in Kaskaden über ihre Schultern. Bei allem, was sie tat, gab sie ihrem Mann die Zeit, ihre Gesten mit seinen Augen aufzunehmen und von ihrem Blick, der auf ihm ruhte, zu trinken. Sie küsste ihn, langsam, aber leidenschaftlich. Lockend und fordernd. Alles, was geschah, vollzog sich in aller Langsamkeit, damit alle Sinne sich auf ihre Zweisamkeit einstellen und jede einzelne Bewegung in sich aufnehmen konnten. Ihr Blick hüllte ihn ein und fing ihn auf in seiner Unsicherheit. Francesco fühlte sich wie von ihr geleitet und ihr ergeben. Es war ein herrliches Gefühl des Ankommens und der Geborgenheit. Alles machte auf einmal Sinn: ihrer beider Schicksale waren miteinander verbunden und alles war genauso, wie es sein sollte. Francescos Körper spannte sich, während sein Geist losließ. Er trank ihren Anblick, als ihr Hemd über ihre Schulter rutschte und den Blick auf ihre vollen Brüste frei gab. Ein Teil von ihm registrierte, dass er so sein Bild würde malen müssen, während seine Hand nach ihr griff, um sie in seine Arme zu ziehen und sie vom Rest ihrer Kleider zu befreien.

Sie liebten sich in aller Langsamkeit, die ihnen die Zeit gab, mit allen Sinnen den Anderen wahrzunehmen und in tausend kleinen Zärtlichkeiten zu genießen. Als sie schließlich gleichzeitig zum Höhepunkt kamen, fühlte sich Francesco so frei wie noch nie in seinem Leben. Sein Körper jubelte, während seine Seele flog…

In dieser Nacht schlief Francesco tief und traumlos. Als er erwachte, fühlte er sich wie ein neuer Mensch und ging mit neuer Kraft und Zuversicht in den Tag. Als er am Abend von einer Sitzung für ein neues Portrait für den Bankier Agostino Chigi wieder zurückkam, konnte er es kaum erwarten, in seine Werkstatt zu kommen. Er wusste nun, wie er für sein Bild neu ansetzen musste. Sein Stift flog wie beflügelt über die frische Leinwand und skizzierte Elena, wie er sie gestern gesehen hatte. Nie würde er ihren Anblick, nie würde diesen Augenblick vergessen. Bei der Erinnerung daran hielt seine Hand mit dem Pinsel einen langen Moment inne, bevor er fortfuhr, sein Bild neu zu beginnen.

*

 

Der Neubeginn von Francescos Bild war viel versprechend. Wenn er nicht weiter wusste, stellte er sich Elena in dem Moment vor, wo sie ihre Bluse gelöst hatte, um ihn zu verführen. Das ewige Weib: Verführerin, weise Frau, Gefährtin und Göttin in einer Person. Er mischte neue Farbnuancen, denn die gängigen waren nicht passend für diese Haut, für diesen Gesichtsausdruck, für dieses Feuer in ihren Bernsteinaugen. Nichts war normal oder wohl bekannt an diesem Bild. Francesco hatte das Gefühl, sich in der Malerei auf ganz neue Wege zu begeben. Sie hatte nichts mehr mit den zarten Formen, den frommen Gesichtern und der Reinheit der Unschuld zu tun. Francesco ließ die Darstellung der Frau, so wie sie bis zu diesem Tag gemalt wurde, weit hinter sich. Er wollte die Realität und vor allem wollte er das, was hinter dem äußeren Bild der Frau zu finden war. Er wollte das einfangen, was die Augen nicht sehen konnten und was deshalb so viele Menschen noch nie erblickt hatten.

Ihm war klar, dass damit das Bild der Frau in den Köpfen der Menschen revolutioniert werden würde. Er würde den Menschen zeigen, was und wie Frauen wirklich waren, obschon sie sich meist selbst nicht darüber im Klaren waren. Ob sie es nun wussten oder nicht: die Essenz der weiblichen Kraft, ihrer ganz eigenen Art, war immer da. Francesco spürte sie immer deutlicher, je mehr er sich mit ihr beschäftigte.

Von Elena abgesehen war Beppo der erste, der es sah. Als er an einem Abend im Herbst sich zu Francesco in die Werkstatt gesellte, hatte dieser sein neues Bild schon fertig skizziert und mit der Ausarbeitung begonnen. Beppo setzte sich wie immer schräg hinter Francesco, um ihm beim Arbeiten zuzusehen und ab und zu ein Wort mit ihm zu wechseln. Heute hatte er einen Welpen bei sich, den er verletzt aufgegriffen hatte und gesund pflegte. Er war noch so klein, dass er in eine von Beppos großen Jackentaschen Platz fand. Dort fühlte er sich offensichtlich wohl und geborgen. Als Beppo ihn hervorholte und streichelte, leckte der Hund ihm die Hände. Beppo sah Francesco eine kleine Weile zu. „Das ist neu“, stellte er fest. Es dauerte etwas, bis er hinzufügte: „Das ist aber ein sehr besonderes Bild, das ihr da malt“. Francesco lächelte in sich hinein. „Ich weiß“, bestätigte er. Auch Beppo lächelte.

*

 

Die Wochen vergingen und Elenas Bauch begann zu wachsen. Francesco arbeitete immer noch viel und malte die Abende an seinem Bild. Die Unruhe war wieder da und hinterließ ihre Spuren, Francesco magerte ab und hatte wieder dunkle Ringe unter den Augen. Nur wenn er im Bett mit Elena lag und seine Hand jede Bewegung in ihrem Bauch fühlte, war er ganz bei sich und im Augenblick. Er war glücklich und er liebte.

An einem Abend klopfte es an die Tür, als Francesco und Elena beim Abendbrot saßen. Als Francesco öffnete, stand Michelangelo vor ihm und sah ihn lange an, ohne ein Wort des Grußes zu äußern. Francesco schmunzelte, er kannte die recht spezielle Art seines Meisters. „Wollt ihr nicht herein kommen und bei einem Glas Wein eure Beobachtungen fortführen?“, bot er Michelangelo an. Sie setzten sich an den Tisch und Francesco füllte Michelangelo und sich selbst Wein in einen Becher. Dann begegnete er dem Blick seines Meisters: bereit, sein Urteil zu hören. „Du siehst schlecht aus. Sehr schlecht“, stellte Michelangelo ohne Umschweife fest. Er sprach es weder als Frage, noch als Vorwurf aus, es war eine wertfreie Feststellung: direkt und unverblümt, wie Michelangelo nun mal war. Francesco hob die Schultern. „Ihr seid aber auch kein Abbild von Kraft und Lebensfreude“, gab er zurück und erntete ein amüsiertes Lächeln seines Meisters. „Ich hab‘ einen Grund dafür. Die Fresken des Papstes werden noch mein Ruin sein“, polterte er in gewohnter Manier. Doch seine Augen beobachteten Francesco mit unverminderter Aufmerksamkeit.

„Ich arbeite viel. Bald kommt mein Kind, ich muss dafür sorgen, dass meine Familie nicht hungern muss“, argumentierte Francesco lächelnd, wohl wissend, dass er damit Michelangelo nicht täuschen konnte. „Unsinn!“, tat er die Erklärung mit einem Handwedeln ab. „Wenn jemand von etwas besessen ist, dann sehe ich das. Bin ich doch selbst von so vielen Dämonen gejagt.“ Michelangelo runzelte seine Stirn, doch bevor er sich in seinen eigenen, trübsinnigen Gedankengängen verlor, tat er auch diese mit einer kurzen Geste ab. Er richtete sich zu voller Größe auf und forderte Francesco auf. „Zeig mir, woran du arbeitest“. Natürlich war das keine Bitte. In diesem Moment spielte er seine ganze Autorität aus. Er wollte er sich davon überzeugen, was die Veränderung seines früheren Gehilfen herbeigeführt hatte. Als leidenschaftlicher Maler wusste er, was die Vision eines Bildes mit seinem Maler anstellen kann und welche Kräfte sich während der Entstehung von so manchem Werk verselbständigen konnten. So war es wohl gleichermaßen Neugier wie Sorge, die Michelangelo zu Francesco geführt hatten. Er wollte sich selbst ein Bild machen, wie es um seinen früheren Gehilfen und Freund stand. Er folgte Francesco in die Werkstatt und wartete still ab, bis Francesco die Staffelei drehte, so dass er sehen konnte.

*

 

Michelangelo verlor sich für einige Minuten in der Betrachtung der Frau auf Francescos Bild. Es war die Darstellung von Elena mit nackten Schultern und halb entblößter Brust. Das Haar fiel in üppigen Wellen über ihren Oberkörper und verlieh der Gestalt Fülle und etwas wie ein Versprechen. Die Augen waren im Mittelpunkt, sie leuchteten, waren präsent und voller Leben. Sie sprachen von Intelligenz, Leidenschaft und Lebensfreude. Und doch waren sie nicht so lebendig wie der Ausdruck ihres Mundes, der lockte, liebte und lachte, der die Welt versprach und das Universum verschwieg. Der Schatten ihrer Wangen verhieß das Himmelreich und der Schwung ihrer Augenbrauen erzählte von Weisheit und Wissen. Das Grübchen über ihrem linken Mundwinkel schien in sich Humor und Durchsetzungskraft zu vereinen, während der Betrachter hinter der hohen Stirn Schmerz ebenso wie Hingabe zu erkennen vermochte. Ihre Haltung und die Form ihrer Schultern ließen auf Stolz und innere Stärke schließen.

Die Nase, so zierlich und fein geschwungen, erzählte vom Leben, Lieben und Leiden, von der Vergänglichkeit des Menschen und der Ewigkeit des Daseins. In den Tiefen der bernsteinfarbenen Augen versank der Blick unwillkürlich, denn er wurde ins Zentrum der menschlichen Abgründe und Göttlichkeit gezogen, die in ständigem Widerstreit miteinander lagen, doch von einer großartigen Herzenswärme dominiert wurden.

All das und mehr erzählte das Bild, erzählte Elenas Gesicht, das in gewissem Sinne nicht mehr nur ihr Gesicht war. Francesco hatte Elenas Züge auf eine höhere Ebene gehoben, die weit über alles für das bloße Auge sichtbare hinausging.

Dies alles teilte sich Michelangelo als feinsinnigen Menschen und genialen Künstler mit. Er saß lange vor dem Bild und ließ es auf sich wirken. Als Francesco schon dachte, er wäre eingeschlafen, tauchte er aus seinen Betrachtungen auf, räusperte sich und sah Francesco an. „Wenn du nicht mein Freund wärst, würde ich dich mit allen Mitteln bekämpfen müssen“, sagte er dunkel. „Du malst, was hinter der Fassade versteckt ist, Francesco. Du malst wie ich auf einer höheren Ebene. Du musst aber wissen, was Du tust, denn es birgt Fluch und Segen. Je größer Deine Kunst, desto gefährlicher ist sie, zumindest, was die Darstellung der Frau betrifft. Die Kirche kann die Verehrung des Weibes nicht leiden, in diesem Punkt ist sie sehr empfindlich. Als Künstler darf man die Frau nicht offen wertschätzen, wenn überhaupt, muss man es geschickt verstecken.“ An dieser Stelle blitzte der Schalk aus Michelangelos Augen. Francesco schaute ihn fragend an. „Wollt ihr mir etwa erzählen, dass ihr in euren Fresken der Frau huldigt?“ Francescos Ton war so zweifelnd, dass Michelangelo lachen musste. „Du siehst: nicht einmal du siehst es. Auf meinen Fresken wirst du es sehen können, wenn es soweit ist.“ Francesco sah ihn immer noch mit fragendem Gesicht an. „Es ist die Pietà. Es ist so offensichtlich, dass es niemand wirklich sehen kann und das ist die eigentliche Kunst“, stellte der Meister selbstzufrieden fest. Mit einem Blick auf Francesco entschloss er sich zu erklären. „Ich wollte die Pietà etwas anders gestalten. Ich wollte die Figur so realistisch gestalten, wie es mir möglich war. Ich habe nämlich Jesus in den Armen von Maria Magdalena gemalt, nicht in den Armen seiner Mutter. Du musst ihr nur ins Gesicht sehen, dann erkennst du es.“ Francesco sah den Maestro verdutzt an. „Aber… Maria Magdalena… das wäre Ketzerei, das…“ Francesco sog geräuschvoll die Luft ein und versuchte sich die Skulptur, die er sich schon so oft angesehen hatte, vorzustellen. Überrascht riss er die Augen auf. „Ich hatte es als die Schönheit und Alterslosigkeit der Unschuld interpretiert.“ Francesco grinste. Michelangelo lächelte zurück. „Eigentlich wollte ich es noch deutlicher machen, aber mein Entwurf wurde abgelehnt. Also hab‘ ich die Figur etwas verändert und eine gute Erklärung geliefert. Aber wenn man die Figur unvoreingenommen betrachtet, weiß man, wen man vor sich hat.“ Michelangelo lächelte verschmitzt, wurde aber schnell wieder ernst. „So etwas kann ich mir nur erlauben, weil jeder weiß, dass ich viel lieber männliche Körper male. Im Grunde aber will ich die Wahrheit zeigen. Die Wahrheit ist: der Mensch ist aus Fleisch und Blut und die Liebe ist in ihm. Deshalb liebt der Mensch mit Fleisch und Blut, das ist seine Natur und die Natur ist Gott. Das, lieber Francesco, ist meine Überzeugung. Aber wir wissen, dass Überzeugungen gefährlich werden können, wenn sie nach außen getragen werden. Du musst also genau überlegen, was von deiner Wahrheit die Welt zu sehen bekommen soll.“

Michelangelo machte eine Pause. Er sah Francesco unverwandt an. „Du musst dir darüber im Klaren sein, dass das, was du auf diese Weise malst, die Kirche gegen dich aufbringen wird. Sie mögen niemanden, der den Weibern mehr Macht zugesteht als einem Hund.“ Michelangelos Stimme wurde hart und Francesco war überrascht von dem aggressiven Ton, den er anschlug. „Ich kann mir Nacktheit in meinen Werken leisten, weil ich den Mann in den Mittelpunkt stelle. Mit der Verherrlichung der Frau betrittst du aber verbotene Gärten. Die Kirche kann es nicht leiden, wenn die Frau geschätzt wird, denn sie fürchten nichts mehr als ihre wahre Macht.“ Francesco war von den Worten seines Meisters völlig überrascht. Nie hätte er eine solch positive Haltung gegenüber Frauen hinter seinem mürrischen Wesen vermutet. Aber das war vermutlich alles nur ein Versteckspiel, um seine wahren Gedanken zu verbergen.

„Danke, dass ich Dein Bild betrachten durfte.“ Abrupt stand Michelangelo auf und schien es plötzlich eilig zu haben. Auf dem Weg zur Tür blieb er jedoch stehen. Er kam in die Werkstatt zurück. Sein Blick galt zunächst noch einmal dem Bild, dann sah er Francesco in die Augen. „Lass mich dich vor dir selbst warnen. Was du tust ist Folgendes: du malst mit deinem ganzen Sein und deiner ganzen Seele. Deshalb ist dieses Bild schon jetzt ein Werk, das seinesgleichen nirgendwo auf der Welt findet. Es ist einzigartig und von besonderer Genialität.“ Francesco fühlte sich geschmeichelt, vielleicht aber auch belächelt. Er wollte etwas entgegnen, doch Michelangelo schnitt ihm mit einer energischen Geste das Wort ab. „Du gehst damit einen gefährlichen Weg, Francesco, und damit meine ich nicht die Kirche. Du musst wissen, dass deine ganze Lebenskraft in dieses Bild fließt. Wenn du es beendest, wird es nichts Vergleichbares geben, es wird heilig sein. Doch es kann dich das Leben kosten. Das ist ein hoher Preis, vor allem, wenn ich sehe, dass deine Frau dein Kind in sich trägt. Überlege dir gut, was du willst, Francesco.“ Mit einem flüchtigen Gruß drehte Michelangelo auf dem Absatz um und rannte fast aus der Tür. Francesco war erschüttert, denn er fühlte, dass Michelangelo die Wahrheit gesprochen hatte

*

 

Francesco setzte sich auf seinen Platz vor der Staffelei und versuchte, sein Bild mit den Augen Michelangelos zu betrachten. Es wollte ihm nicht so recht gelingen und er fragte sich zum tausendsten Mal, ob das Bild nicht einfach in einen hinteren Winkel der Werkstatt abstellen und vergessen sollte. Aber es war müßig, sich so etwas vorzustellen, denn er wusste, dass er das nicht konnte. Er konnte dieses Bild nicht aus seinem Denken und Trachten streichen. Die Gedanken daran durchwirkten seine Überlegungen und seinen Tätigkeiten bei Tage. In seinen Nächten tauchten das Bild und alles, wofür es stand, in seinen Träumen auf, um ihn anzutreiben. Bilder überfluteten seine Sinne, er hatte das Gefühl, sie wollten ihm etwas zeigen, was er aber nicht erfassen konnte. Er zerbrach sich den Kopf darüber, was dieses Bild sein sollte und was ihm noch fehlte. Nie hatte ihn jemals etwas so beschäftigt, so umgetrieben und heimgesucht wie dieses Werk. Wie sollte er sich gegen dieses Bild und für ein sicheres Leben mit Elena und seinem Kind entscheiden. Es zerriss ihn innerlich, doch er kam zu keinem Ergebnis, egal wie lange er überlegte, grübelte und haderte.

Francesco saß rücklings auf einem Stuhl, die Unterarme auf der Lehne übereinander gelegt und die Stirn darauf ruhend. Er hatte die Augen geschlossen und war nur noch müde. Er war so ausgelaugt, dass er nicht einmal die Kraft hatte, in sein Bett zu gehen. Er hörte leise die Tür aufgehen, doch er rührte sich nicht. Er kannte die Art, wie Elena seine Werkstatt betrat und erkannte ihre Anwesenheit an der Art, wie sich schlagartig die Atmosphäre in dem Raum veränderte. Er hätte allein davon ein eigenes Bild malen können. Mit ihrem Eintreten wurden die Farben intensiver und leuchtender. Die Luft prickelte etwas, sie wurde auf eine seltsame Art leichter und das Gewicht auf seinen Schultern wog nicht mehr so schwer. Sein Gesicht schien von einem warmen Lufthauch gestreichelt zu werden und sein Herz von Wärme erfüllt.

Nur einen Augenblick später fühlte er ihre Hand auf seiner Schulter. Warm und weich, wie ein Schmetterling ruhte sie dort und ließ etwas von ihrer Kraft auf ihn übergehen. Unter ihrer Hand lockerte sich die Muskulatur der Schulterblätter. Er hob den Kopf und sah sie mit unendlicher Zärtlichkeit an, die sich auf ihrem Gesicht widerspiegelte. Sie hielt ihm einen Becher Wein hin, den er dankbar nahm um zu trinken. Dann schob sie wortlos einen weiteren Stuhl an seine Seite und setzte sich zu ihm. Elena hatte die neue Version des Bildes noch nicht gesehen und betrachtete es nun mit Erstaunen. Sie brauchte fast ebenso lange wie Michelangelo, bis sie die ersten Worte äußern konnte. „Ich verstehe nun, was du meinst, Francesco.“ Damit deutete sie ein Nicken an, ihren Blick immer noch auf die Leinwand gerichtet. „Ich glaube, ich weiß, was du sagen willst und was du suchst. Doch ich fürchte, es wird dich alles kosten, was du hast und das macht mir Angst. Ich brauche dich und unser Kind braucht dich.“ Damit drehte sie sich zu ihrem Mann und sah im eindringlich in die Augen. „Dieses Bild ist gefährlich, Francesco. Es wird dich deiner Lebenskraft berauben, weil es davon lebt.“ In Elenas Augen erschienen Tränen und Francesco begriff, dass sie nichts anderes sagte als die Wahrheit. Er sah in ihre Augen, er sah darin ihre Angst, ihre Sorgen, ihren Schmerz. Das alles traf ihn tief im Herzen. Verzweiflung fühlte er, weil er ja bereits wusste, dass er nicht würde aufhören können. Elena sah wiederum genau das in seinen Augen. Sie wusste, dass er nicht würde aufhören können.

„Wenn du das Bild fertig stellst“, fuhr sie weiter fort, „wird es leben und Dinge erzählen, die die Menschen noch nicht verstehen können.“ Dieses Bild ist jetzt schon gefährlich und es ist noch nicht fertig! Du darfst es niemandem zeigen, es würde dein Todesurteil sein.“ Elena sah das Bild an. „Es zeigt die Frau, wie sie wirklich ist und nicht, wie sie die Kirche darstellt. Das ist nicht zu übersehen und führt dich direkt auf den Scheiterhaufen, wenn die falsche Person es zu Gesicht bekommt.“ Es wäre am besten für dich und für uns, wenn es zerstört würde.“ Aus ihren Augen sprach große Angst, das konnte Francesco sehen. Die Erwähnung der Zerstörung seines Werkes mobilisierte seine letzten Kräfte.

„Nein! Ich kann das nicht zulassen. Ich kann nicht, Elena!“ Er nahm sie bei den Schultern und zog sie an sich. „Meine Frau, meine Liebe, mein Leben! Ich kann nicht. Ich weiß nicht weshalb, aber ich weiß, dass ich es vollenden muss. Wenn es jetzt zerstört würde, würde mich das auf jeden Fall umbringen. Ich kann es nicht erklären, aber es ist so. Und du weißt es. Es tut mir unendlich leid. Ich wünsche mir nichts mehr, als mit dir und unserem Kind in Frieden zu leben. Aber ich muss diese Aufgabe erfüllen, sonst gibt es für mich keine Zukunft.“ Francesco und Elena lagen sich in den Armen und hielten sich fest, als würde ein Unheil sie bedrohen. Lange hielten sie sich, dann küssten sie sich und Elena brachte Francesco zu ihrem Bett. Sie zogen sich aus und liebten sich verzweifelt. Unmittelbar danach fiel Francesco in tiefen Schlaf. Elena hingegen lag wach. Sie fragte sich, wie wohl ihre Zukunft aussehen würde und streichelte ihren Bauch. Sie betete für ihr Kind, für ihren Mann und für sich selbst. Dann schlief auch sie ein.

 

Der Schatten des Unheils

 

Am nächsten Tag materialisierte sich prompt Elenas Angst in der Person des Inquisitors. Er klopfte an die Tür, kurz nachdem Francesco das Haus verlassen hatte, um eine Ikone abzuliefern, die er für das Kloster San Bernardino gefertigt hatte. Als Elena die Tür öffnete, erkannte sie den Inquisitor anhand von Francescos Beschreibungen. Groß und düster stand er in der Tür. Bevor sie noch etwas sagen konnte, fragte Georgius de Casali nach Francesco, doch Elena wurde das Gefühl nicht los, dass er darauf gewartet hatte, dass ihr Mann das Haus verließ.

„Oh, ich bedaure sehr, euren Gatten nicht anzutreffen. Dabei geht es um eine wichtige Angelegenheit. Kann ich wohl hier warten, bis er zurückkommt?!“ Dem Ton nach war es keine Frage, es war eine Feststellung. Elena spürte seinen abschätzenden Blick, der auf ihrem gewölbten Bauch hängen blieb. Er konnte seine Abneigung kaum verstecken. Elena ließ Casali eintreten und bat ihn Platz zu nehmen. Ihre Knie zitterten leicht, doch sie bot ihrem Gast Wein und Käse an, was er huldvoll annahm. Er nahm einen Schluck Wein und sah Elena prüfend an.“Ihr seid keine Römerin. Ich höre einen leichten Akzent, woher kommt ihr?“, wollte er wissen, doch es war keine Frage der Höflichkeit, sein Ton hatte den einer Befragung. Elenas Knie zitterten noch mehr und ihr war kalt, als sie zur Auskunft gab, dass sie Spanierin sei. „Soso… und nun verheiratet mit Francesco Allieri. Sein Ruf beginnt ihm immer mehr Anhänger und Aufträge zu bescheren.“ Casalis ging dazu über, einen Plauderton anzuschlagen, doch Elena ließ sich nicht täuschen. „Er ist ein begabter Maler, wir kommen zurecht, danke der Nachfrage“, entgegnete sie in neutralem Ton. „Mehr als begabt, wie man hört. Seine Portraits werden für ihre besondere Qualität geschätzt. Man sagt, Meister Allieri sieht, was hinter der Fassade seiner Modelle steckt.“ Elena lief ein eiskalter Schauer über den Rücken. „Nun, mein Mann beobachtet gut und ist stets bemüht seinen Auftraggeber zufrieden zu stellen.“ Casali nickte leicht und lächelte. „Das gelingt ihm hervorragend. Ich selbst habe sein Portrait von Seiner Exzellenz, dem Regenten der Päpstlichen Kanzlei gesehen. Ich muss sagen, ich war beeindruckt. Aber man hört, sein Talent ginge noch weiter und dass er vor allem dem weiblichen Geschlecht zugetan ist.“ Elena hörte den scharfen Unterton in Casalis Stimme und Panik stieg in ihr auf. Bevor sie jedoch erwidern konnte, öffnete sich die Tür und Francesco trat herein. Er war sichtlich überrascht, als er Casali sah. Seine Bedenken hielt er gut versteckt, so dass ihm lediglich reservierte Überraschung anzusehen war.

Casali stand auf, um den Hausherrn zu begrüßen. „Meister Allieri, seid gegrüßt. Ich bin seit ein paar Tagen in der Stadt und habe schon vieles über eure Kunst gehört. Euer Ruhm breitet sich aus, wie es scheint.“ Francesco hörte höflich zu und schenkte sich dabei selbst einen Becher Wein ein. Elena konnte nur im Hintergrund beobachten, wie die beiden Männer sich im Gespräch belauerten. Sie achtete darauf, Casali nicht ihr Gesicht zuzuwenden. Ihre Angst sollte er nicht zu sehen bekommen. „Ihr habt ein besonderes Geschick in der Darstellung der Frauen, wie es scheint. So jedenfalls hörte ich. Aus diesem Grund bin ich hier um euch zu begrüßen und mich zu erkundigen, woran ihr gerade arbeitet. Darf ich eure Werkstatt sehen?!“ Auch das war keine Frage. Um diesen Umstand noch zu unterstreichen, stand der Inquisitor auf, um Francesco in seine Werkstatt zu folgen.

Elena blieb fast das Herz stehen, sie musste sich mit allen Mitteln zurückhalten um sich nicht zu verraten. Stattdessen machte sie sich daran, den Tisch zu wischen, denn so konnte sie ihr Gesicht verstecken. Francesco wirkte leicht angespannt, aber erstaunlicherweise nach außen sehr ruhig. „Gewiss, Herr, hier lang geht’s in meine Werkstatt. Elena schloss die Augen. Wenn Casali das Bild von ihr sähe, waren sie verloren. Vermutlich drohte nicht nur Francesco der Scheiterhaufen, aller Wahrscheinlichkeit nach wäre es auch um sie und um ihr ungeborenes Kind geschehen. Unwillkürlich legte sie beide Hände schützend auf ihren Leib. Sie setzte sich auf einen Stuhl und wartete das Unglück ab, das wohl dabei war, über sie herein zu brechen. Ihr war schwach und übel zumute, sie konnte nur noch beten.

Es dauerte einige Minuten, bis die beiden Männer plaudernd wieder zurückkamen. Elena hatte schon das Schlimmste befürchtet, doch dem Ton ihrer Stimmen nach zu urteilen, schien alles in bester Ordnung zu sein. Vorsichtig öffnete sie ihre Augen und sah Francesco mit dem Inquisitor von Cremona im Gespräch über die Preise von Pigmenten zur Farbzubereitung. Francesco beschrieb die Verfahrensweise bei dem wertvollsten Blauton Ultramarin. Sein Wert war mit dem von Gold vergleichbar. Francesco war Elenas bleiches Gesicht sofort aufgefallen, wollte Casali aber nicht auch noch auf falsche Gedanken bringen. Der schien sich aber ohnehin nicht für Elena zu interessieren. Francesco geleitete seinen Gast zur Tür und bekam einen Hustenanfall, der ihn schüttelte. „Ihr müsst besser auf euch achten, Allieri. Oder weist eure Frau an, sich um euch zu kümmern“ bemerkte Casali an der Tür und verabschiedete sich mit Handschlag und guten Wünschen. Man hätte denken können, sie wären gute Bekannte. Francesco schloss die Tür und lehnte sich mit dem Rücken dagegen. Erst jetzt zitterten auch ihm die Knie, doch er fing sich schnell und eilte zu Elena um zu sehen, wie es ihr ging. Sie war kalkweiß und zitterte am ganzen Leib. „Es tut mir so leid, meine Liebe, mein Leben. Ich habe dich und unser Kind in Gefahr gebracht. Das habe ich nie gewollt.“ Liebevoll strich er ihr über ihr Haar. Elena sah ihn an. „Wie…?“, begann sie. Francesco nahm ihre Hand. „Ich habe das Bild gestern versteckt. Ich hätte allerdings niemals geglaubt, dass so etwas passieren könnte, ich dachte mir nur, es sollte nicht so offen herumstehen.“ Er sah Elena an und zuckte die Schultern.

*

 

Der Schreck war Francesco in alle Glieder gefahren. Er wollte Elena und sein Kind keinesfalls irgendeiner Gefahr aussetzen. Deshalb beschloss er, das Bild dort zu lassen, wo er es hingestellt hatte: hinter den Schrank mit seinen Werkzeugen, unter einem grauen Stofftuch verborgen.

Francesco wollte seiner Obsession, zu der das Bild für ihn geworden war, die Stirn bieten. Es sollte keine Macht mehr über ihn haben und zur Gefahr für Leib und Leben seiner kleinen Familie werden. Stattdessen stürzte er sich in seine Auftragsarbeiten und nahm nur noch Aufträge für Altarbilder und für Portraits von Männern an. Obwohl er bemerkenswert viele Aufträge bekam und lange Stunden arbeitete, wuchs die Unruhe in ihm. Er verlor weiter an Gewicht, auch ohne die Arbeit an seinem Bild. Fast hätte man denken können, es verzehre ihn von innen heraus. Er konnte kaum für die Dauer einer Mahlzeit am Tisch sitzen bleiben, ohne nervös herum zu zappeln. Nach zwei Wochen schlug Elena beim Abendessen mit der Hand auf den Tisch. „Schluss jetzt! Francesco, du machst mich wahnsinnig! Du bist ja nicht mehr du selbst, so geht das nicht weiter.“ Francesco versuchte, sie zu beruhigen, doch sie legte ihre Hand auf seinen Unterarm. „Ich sehe doch, wie es dich quält, nicht an deinem Bild arbeiten zu können. Du hast es weiß Gott versucht, aber so geht es auch nicht. Wir müssen eine Möglichkeit finden, die für uns alle vernünftig ist.“ Elena stand auf. „Ich weiß auch schon wo. Komm mit. Sie ging mit Francesco in den Kohlenkeller. Dort gab es einen dunklen Nebenraum, der von der Tür aus nicht zu sehen war. Wer das Haus durchsuchen wollte, würde wohl kaum den Kohlenkeller betreten, doch nur dann konnte man sehen, dass es noch einen Durchgang zu einem kleinen Raum gab. Er hatte kein Tageslicht, doch er bot genügend Schutz für ein gefährliches Bild und dessen Maler.

„Du bist wirklich unglaublich“, staunte Francesco über die Gewitztheit seiner Frau. Er zog sie an sich und drückte sie sanft. Das Baby wuchs und Elenas Bauch wurde immer dicker. Es konnte nicht mehr lange dauern, bis ihr Sternchen, wie Francesco es nannte, zur Welt kommen sollte.

*

Den kleinen, geheimen Raum versuchten Francesco und Elena mit vereinten Kräften so angenehm wie möglich zu machen. Dennoch musste Francesco stets bei Kerzenlicht arbeiten. Mit Beppo entwarf er deshalb eine unauffällige Luke nach oben um etwas Licht herein zu lassen und zusätzlich eine kleine Treppe mit Falltür. In Zeiten wie diesen und „Bekannten“, die zur Inquisition gehörten, wollte Francesco lieber für alle Notfälle gerüstet sein.

Als diese Vorkehrungen getroffen waren, wurde Francesco etwas ruhiger und er konnte sich wieder seinem Bild widmen. Er kam allerdings nicht weit. Ratlos stand er stundenlang vor seinem Bild und wusste doch nicht, was ihm noch fehlte. Wenn er beim Essen mit Elena und Beppo am Tisch saß, konnte es vorkommen, dass er aufsprang, um in seine geheime Kammer zu eilen und eine bestimmte Farbnuance auszuprobieren. Meist kam er jedoch kopfschüttelnd oder mit verzagter Miene wieder zurück. Die Rastlosigkeit blieb und wurde zu seiner zweiten Natur. Obwohl Elena dafür sorgte, dass er gut aß, verlor er immer mehr Gewicht und hatte mit der Schwäche zu kämpfen, die ihn dazu zwang, sein Arbeitspensum zu verringern.

Das Heim der kleinen Familie Allieri, das früher ein so fröhlicher Ort war, wurde zu einem Haus der Sorge und der Stille. Francesco war nun öfter zu Hause, denn er konnte große Aufträge wegen seiner körperlichen Schwäche nicht mehr pünktlich bedienen. Wenn er nicht schlief oder versuchte, Elena in ihren letzten Wochen vor der Geburt zur Hand zu gehen, hielt er sich in seiner Kammer auf und brütete über dem Geheimnis seines Bildes. Nicht zu wissen, was noch fehlte, um das Bild endlich fertig zu stellen, machte ihn verzweifelt und trübsinnig.

Wenn er sich aber daran erinnerte, dass er schließlich eine junge, hochschwangere Frau hatte, die ihn brauchte, eilte er an Elenas Seite. „Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll“, erklärte er verzweifelt. „Ich habe das Gefühl, niemandem mehr gerecht werden zu können. Dabei bist Du mein Leben, meine Liebe.“ Francesco hatte sein Gesicht mit beiden Händen bedeckt. „Doch wenn ich bei Dir bin, habe ich das Gefühl, Deine Nähe gar nicht zu verdienen, solange ich dieses Bild nicht vollendet habe. Du hast einen Taugenichts und Versager geheiratet“, seufzte Francesco. Elena wurde dagegen immer ruhiger, weil sie immer mehr in sich ruhte. Sie war sich ihrer selbst bewusst und ebenso des neuen Lebens, das nicht mehr lange auf sich warten lassen würde. In der Gewissheit, dass sie mit dem neuen Leben verbunden war, war sie sich mehr als jemals in ihrem Leben ihrer Aufgabe in dieser Welt bewusst. Diese Gewissheit machte sie stark und ruhig, so dass sie der Verzweiflung ihres Mannes mit Mitgefühl und Stärke entgegen treten konnte. Allein ihre Gegenwart wirkte auf Francesco wie eine Insel auf einen Ertrinkenden.

 

Die Geburt und Vollendung

 

Es kam der Tag, an dem die Wehen einsetzten. Während Francesco aufgeregt hin und her lief, bereitete Elena sich auf die Geburt vor. Sie legte Tücher zurecht und kochte Wasser ab. Beppo wurde geschickt, um die Hebamme zu holen. Sie war eine entschlossene, kräftige Frau, die schon etwas älter war und deshalb erfahren in allen Vorgängen einer Geburt. Sie untersuchte Elena und machte ein finsteres Gesicht.

„Das Kind hat sich nicht gedreht. Das wird ein schweres Stück Arbeit, Herrin. Besser, ihr bereitet euch darauf vor.“ Während Elenas Gesicht etwas blasser wurde, aber einen entschlossenen Ausdruck annahm, mischte die Hebamme am Herd verschiedene Kräuter, die sie zu einem Sud aufkochte. Elena lächelte Francesco ermutigend zu und er strich ihr zärtlich eine Haarsträhne aus dem Gesicht. „Mach dir keine Sorgen. Wir werden kämpfen und wir werden gewinnen“, versicherte ihm Elena mit fester Stimme.

Francesco legte Speisen zurecht und Wein, damit sich Mutter und Hebamme stärken konnten. Dann setzte er sich wieder zu Elena um ihre Hand zu halten und ihr beizustehen, was immer auch kommen sollte. Die Hebamme massierte Elenas Bauch, bis ihr dicke Schweißperlen über die Stirn liefen. Francesco wollte helfen, hatte jedoch Angst, seiner Frau oder seinem Baby unnötig weh zu tun.

Als die Wehen stärker wurden und in kürzeren Abständen kamen, hatte die Hebamme alle Hände voll zu tun und Francesco fühlte sich so hilflos wie noch nie in seinem Leben. Er hatte heiße Tränen in den Augen, denn er musste ohnmächtig zusehen, wie die Wogen des Schmerzes seine Frau immer wieder schüttelten. Irgendwann schickte ihn die Hebamme wie einen kleinen Jungen, der im Weg ist, aus der Kammer. Beppo wartete dort auf ihn und hatte einen großen Krug Wein vorbereitet. Davon schenkte er Francesco nun ein und hob seinen Becher. „Kopf hoch, Meister! Auf die Gesundheit von Elena und eurem Kind!“ Beppos Augen leuchteten und beide nahmen einen kräftigen Schluck.

Die Stunden, die folgten, waren für Francesco mit Abstand die schlimmsten seines Lebens. Er hörte seine Frau immer wieder vor Schmerzen schreien. Dann schloss er die Augen und betete darum, Elena von ihren Leiden zu erlösen. Zwischendrin aber, wenn es leise war in der Schlafkammer, war die Stille fast noch schwerer auszuhalten. Francesco lief herum und rang mit den Händen. Immer wieder zwischendrin musste er sich setzen, wenn ihn die Kräfte verließen. Ab und zu wurde er von einem Hustenanfall geschüttelt und rang nach Luft, um wieder hören zu müssen, wie Elena ihren Schmerz hinausschrie.

„Ich halt‘ das nicht mehr aus!“ murmelte Francesco nach Stunden des bangen Wartens. Er sah Beppo mit tränenverhangenen Augen an. „Wieso muss sie so leiden?“ Beppo war selbst nur noch ein Häufchen Elend, das mit großen Augen die schrecklichen Schreie aus der Kammer vernahm. Er holte eine Kerze und zündete sie an. Dann faltete er seine Hände und fing an lautlos zu beten.

Francesco, der nie ein besonders frommer Mensch gewesen war, fiel auf seine Knie und tat es Beppo gleich. „Herr, wenn es dich gibt, bitte lass sie leben. Lass Elena und mein Kind leben. Nimm mich, mir ist es egal, aber rette sie. Bitte!“ Er hatte das Gebet voller Inbrunst gesprochen, die Augen geschlossen, während dicke Tränen aus ihnen hervorquollen.

*

 

Francesco hatte jedes Zeitgefühl verloren, er schwamm in einem zeitlosen, unendlichen Ozean von Hoffnungslosigkeit, Schuldgefühlen und Verzweiflung. Apathisch saß er auf dem Boden und starrte ins Leere, als Beppo in an der Schulter berührte. Seine Augen liefen mit Tränen über und Francesco dachte zuerst, er brächte die Todesnachricht. Doch Beppo lächelte. Er weinte und lächelte. Erst ein paar Augenblicke später begriff Francesco, dass Beppo mit ihm sprach. Er blinzelte und schüttelte die Lethargie ab. „Sie hat es geschafft! Meister, ihr seid Vater einer Tochter und Elena lebt! Was für eine Freude!“ Mit diesen Worten war es, als hauchte er Francesco wieder Leben ein. Beppo musste ihn stützen, als er aufstehen wollte, doch einmal auf den Beinen, ließ er sich nicht mehr aufhalten.

Vorsichtig öffnete Francesco die Tür, trat in den Raum und nahm die Szene in sich auf, die er sowohl mit seinen Augen, aber auch mit seinem Herzen und seiner Seele betrachtete. Die Hebamme stand am Fußende des Bettes und hatte die nackten, blutverschmierten Unterarme auf ihre stämmigen Hüften gestützt. Ihre Haube war verrutscht und gab vom Schweiß verklebte Strähnen ihres mittlerweile grauen Haares frei, die ihr an Wange und Hals klebten. Ihre groben Züge wurden von einem erleichterten Lächeln verklärt, mit dem sie Mutter und Kind betrachtete.

Im Bett lag Elena, ihr Oberkörper an mehrere dicke Kissen gelehnt. Die Decken waren fleckig und verknautscht, sie bezeugten ihren Kampf um Leben und Tod. Elena aber hatte gewonnen, so wie sie es gesagt hatte und konzentrierte sich nun ganz auf ihr kleines Kind, das schlafend in ihren Armen ruhte. Ihr kastanienbraunes Haar war teilweise offen und vom Schweiß verklebt, sie hatte ihren Kopf anmutig gebeugt und war das schönste Wesen, das Francesco jemals gesehen hatte. Ehrfürchtig kam er näher, um sich zu Mutter und Kind zu setzen.

Als Elena ihn bemerkte, sah sie auf und als sie Francesco ansah, ließ der Anblick ihres Gesichts ihn in seinen Bewegungen erstarren, denn all die Emotionen, die er in ihrem Gesicht sah, vereinigten sich zu einem Universum, das den Kreislauf des Lebens als Mittelpunkt hatte. In ihren Augen sah Francesco die Welt, er sah ihre Freude, aber auch Trauer, er sah den Schmerz und das Glück, er sah die Quintessenz des Menschen und noch viel mehr. Elena weinte. Francesco sah sie an und fiel vor ihr auf seine Knie. Er erkannte, was über allem war: die Essenz, die das Universum zusammenhält und was Elena über alle Maßen ausströmte, wie einen ätherischen Atem: Francesco erkannte Liebe.

Elenas Anblick erfüllte Francesco mit Erkenntnis, Demut, Achtung und Liebe. Tränen strömten nun auch ihm über sein Gesicht, doch er nahm sie nicht wahr. Er nahm seine Frau in seine Arme und wiegte sie, erzählte ihr von seinen Ängsten und pries sie, ihren Mut und ihre Leidenschaft. Zusammen weinten sie und küssten sich immer wieder. Sie betrachteten gemeinsam ihre kleine Tochter. Sie schlief erschöpft, denn auch sie hatte einen schweren Kampf gekämpft. Sie war ein kleiner Engel, dem Himmel noch näher als der irdischen Welt und deshalb so unglaublich. Zusammen mit Elena hielt Francesco dieses Geschenk des Himmels, schützend hielten sie es und streichelten das kleine Wesen, das ihr Glück besiegelte. Das Wunder des Lebens: es lag hier direkt in ihren Armen. Schließlich erzählte Francesco seiner Frau, was er durch sie erkannt hatte und mit ihrer Erlaubnis fing er ihre Tränen in einer kleinen Schale auf. Mit einem weiteren Kuss verabschiedete er sich, damit sie sich ausruhen konnte. Sie machte es sich in den Kissen bequem und schloss die Augen. Ihre Tochter fest in ihren Armen bergend, machte sie sich auf, ihr in das Reich der Träume zu folgen.

Francesco hingegen eilte in seine Werkstatt. Er wusste nun genau, was seinem Gemälde fehlte. Er mischte neue Farbe an und träufelte zum Schluss die Tränen seiner Frau hinein: voller Schmerz, Hingabe, Dankbarkeit und Liebe. Die Quintessenz seiner Frau und das Wesen aller Frauen. Schon als er die Farbe auftrug, wusste er: das war’s. Das hatte gefehlt: die letzte Nuance, um das Bild zum Leben zu erwecken: die weibliche Seele, der Kern der weiblichen Kraft und Energie. In Elenas Tränen fand sich der Teil der Weiblichkeit, der für ihn als Mann im Verborgenen und unerreichbar geblieben war. Durch das Erlebnis der Geburt war diese Energie in außergewöhnlich starker Präsenz vorhanden. Er konnte sie in seiner Hand spüren, an seinem Pinselstrich. Er sah sofort die Veränderung und das überwältigende Ergebnis seiner letzten Pinselstriche.

Schließlich legte er seine Pinsel weg, trat ein paar Schritte zurück und staunte. Die ganze Kraft und Ausstrahlung seines Bildes umfing und überwältigte ihn. „Femina!“ rief er. Ja, er hatte den Archetyp der Frau gemalt: Göttin, Königin und Mensch in einer Person. Francesco sah „die Frau“ vor sich: stellvertretend für alle Frauen dieser Welt. Sie vereinigte in sich die Schwächen und die Stärken, sie zeigte Schmerz und Verzweiflung, aber auch Weisheit, Freude und Lebenslust. Doch all‘ ihre Eigenschaften waren durchdrungen vom Urstoff des Universums: der Liebe.

Während Francesco sprachlos sein vollendetes Werk betrachtete, trat Beppo zu ihm. Er legte seine Hand auf Francescos Schulter und betrachtete das Bild. Er ließ nach einigen Augenblicken die Hand sinken und trat zwei Schritte zurück. Als er gegen einen Stuhl stieß, ließ er sich darauf fallen und starrte voller Ehrfurcht auf das Bild. Tränen liefen nach wenigen Augenblicken über seine Wangen. Er schüttelte langsam den Kopf, als könne er nicht fassen, was er sah. Schließlich griff er sich eine Kerze, zündete sie an und stellte sie vor dem Bild auf den Boden. „Was tust du da?“, wollte Francesco verwundert wissen. Beppo sah ihn an und zuckte mit den Schultern. „Man muss sie einfach anbeten. Ich weiß ja, sie ist keine Göttin. Aber sie könnte es sein. Keine christliche Göttin, die nur rein und streng und unschuldig ist. Sie…“ Beppo verwies mit einem Nicken auf das Bild. „Sie ist aber viel mehr, sie ist alles, was den Menschen ausmacht: alles Licht und alle Schatten zusammen. Ich habe einmal eine Statuette der Großen Göttin Astarte gesehen… euer Bild erinnert mich an sie.“ Beppo setzte sich zu der Kerze auf den Boden, ohne ein weiteres Wort der Erklärung. Das war für Francesco auch nicht notwendig, er hatte verstanden, was Beppo sagen wollte. So setzte er sich wortlos zu seinem Freund und versenkte sich mit ihm in die Betrachtung seines Werkes.

Sie saßen allerdings nur wenige Minuten, als Francescos Oberkörper auf einmal ohne weitere Vorwarnung zur Seite kippte. Beppo erschrak, als er ihn leichenblass auf dem Boden liegen sah und er erschrak noch einmal, als er ihn hochhob: Francesco war viel zu leicht für einen erwachsenen Mann. Er trug ihn in die Kammer, in der er selbst so lange krank gelegen hatte und legte Francesco vorsichtig auf das Bett. Er lag mit fahlem Gesicht und knochigem Körper in tiefer Ohnmacht. Die Arbeit an seinem Bild schien ihm den letzten Rest Lebenskraft entzogen zu haben. Beppo wusste nicht, was zu tun war und es war niemand da, den er hätte fragen können. Die Hebamme hatte das Haus bereits verlassen und Elena schlief, sie musste sich von der schweren Geburt erholen. Also wachte Beppo den Rest der Nacht an Francescos Seite. Es war eine lange Nacht nach einem langen Tag und so fanden die ersten Sonnenstrahlen Beppo schlafend mit dem Oberkörper auf dem Bett ruhend, auf dem Francesco immer noch lag und sich nicht rührte.

Ein seltsames Geräusch ließ Beppo hochfahren. Er rieb sich die Augen und versuchte herauszufinden, was die Ursache für das ungewöhnliche Geräusch war. Es dauerte eine kleine Weile, bis er begriff, dass ein Kind schrie. Elenas Kind! Beppo sprang auf und eilte zu Elenas Kammer, doch das Geschrei verstummte abrupt. In Panik stürzte Beppo in den Raum und sah sich hektisch um. Doch was ihn empfing, war Frieden. Elena lag in ihrem Bett und stillte lächelnd ihre kleine Tochter. Es war ein Bild, das Beppo anrührte und sich in sein Gedächtnis einbrannte. Liebe, Hingabe und Frieden war in dieser Kammer fast greifbar.

Beppo entspannte sich sofort und riss den Blick von Mutter und Kind, um dezent aus dem Fenster zu sehen. „Gott sei Dank, ihr seid wohlauf. Das ist wunderbar. Ich bringe euch gleich etwas zur Stärkung. Ihr müsst gut essen und trinken.“ Schon war Beppo wieder verschwunden um sich, um die frisch gebackene Mutter zu kümmern. Wenig später kam er zurück mit einem Tablett, das er auf dem Tisch abstellte. Den Tisch wiederum rückte er an die Bettseite, so dass Elena sich bedienen konnte, ohne Ihr Kind ablegen zu müssen. Elena strahlte ihn an. „Das ist sehr lieb von Dir, Beppo. Ich habe wirklich Hunger. Wo ist denn Francesco?“

Beppo sah wieder geflissentlich aus dem Fenster, froh, sie bei seiner Lüge nicht ansehen zu müssen. „Er schläft noch. Es war ein so langer und anstrengender Tag voller Angst um euch. Ich hab‘ ihn schlafen lassen, damit er bei Kräften ist, wenn er euch besucht.“ Damit drehte er sich auf dem Absatz um und eilte aus dem Raum, damit Elena keine Zeit hatte, in seinem Gesicht die Wahrheit zu erkennen.

Er konnte ihr nicht sagen, dass Francesco dem Tode näher als dem Leben war und nebenan in tiefer Ohnmacht lag. Sie hatte selbst einen schweren Kampf gekämpft und sich um ihr Neugeborenes zu kümmern. Sollte sie noch ein bisschen Zeit der sorgenfreien Freude genießen, bevor er ihr würde sagen müssen, wie es um Francesco stand. Er lag immer noch genauso da, wie Beppo ihn gebettet hatte. Er atmete, aber das war auch alles. Beppo hatte Angst und wusste nicht, was er tun sollte, deshalb schickte er erst einmal nach Michelangelo.

Es dauerte nicht lange bis Michelangelo an die Tür klopfte. Kaum hatte Beppo geöffnet, wurde er von dem Maler mit den Worten „Wo ist er?“, bei Seite geschoben. Beppo zeigte auf die offene Tür zur Kammer und Michelangelo trat ohne weiteres Zögern ein. Der Meister schickte Beppo zu einem Arzt, dem er vertraute. Als der die Tür hinter sich schloss, versicherte sich Michelangelo, dass Francesco nach wie vor keine Regung zeigte und stieg dann hinab in den Kohlenkeller zu der versteckten Kammer, um sich das Bild anzusehen, das nun vollendet war. Beppo hatte ihm gesagt, wo er es finden würde. Er betrachtete das Bild lange, mit Tränen in den Augen. Dann schlug er es vorsichtig in reichlich Stoff ein.

*

 

Der Arzt, mit dem Beppo zurückkam, untersuchte Francesco schweigend. Als er fertig war, sah er Michelangelo und Beppo an und räusperte sich. „Dieser Mann ist am Ende seiner Lebenskraft. Ich kann nichts tun. Ich kann nur raten, ihn nicht alleine zu lassen und Speise wie Getränk bereit zu halten. Er ringt mit Gott und dem Tod, wir können nur abwarten, wer gewinnt.“ Damit packte er seine Sachen zusammen, nahm die Münzen zur Entlohnung von Michelangelo wortlos mit einem Nicken entgegen und verschwand.

Beppo und Michelangelo sahen sich düster an. „Du weichst ihm nicht von der Seite, Beppo. Ich sorge inzwischen dafür, dass das Bild aus dem Haus kommt. Es ist zu gefährlich, um es hier zu lassen. Ich werde es verstecken.“ Der Meister drängte sich an Beppo vorbei, holte das Bild und verschwand mit einem kurzen, sorgenvollen Blick auf Francesco aus der Tür. Beppo ließ den Kopf hängen und setzte sich wieder zu Francesco ans Bett.

„Da bist du! Was ist los mit Francesco?“ Elenas Stimme schreckte Beppo hoch. Sie stand, noch etwas schwankend, in der Tür. Ihr Gesicht war noch immer von der anstrengenden Geburt gezeichnet und sie musste sich am Türrahmen festhalten, doch sie war ganz offensichtlich entschlossen zu erfahren, was vor sich ging. Beppo hatte sie ganz vergessen und eilte nun zu ihr, um sie zu stützen und an Francescos Bett zu führen. Sie ließ sich vorsichtig am Bettrand nieder und griff nach seiner Hand. „Eiskalt! Beppo, was hat er nur, was ist mit ihm!,“ fragte Elena mit angstvoller Stimme. Beppo versuchte, ihr so schonend wie möglich zu erzählen, was der Arzt gesagt hatte. Sie schluchzte und nahm seine Hände um sie zu küssen und zu wärmen. Beppo erzählte davon, dass Francesco das Bild vollendet hatte und dass danach seine Kräfte aufgebraucht waren. Er erzählte, dass Michelangelo das Bild mitgenommen hatte, um es zu verstecken und die Familie zu schützen. Elena hörte zu, während ihr die Tränen über die Wangen liefen. Sie nickte mehrmals und seufzte am Ende. „Was sollen wir nur machen, Beppo? Er darf nicht sterben, er darf einfach nicht.“ Beppo hielt ihre gequälten Fragen kaum aus und war froh, dass sie sich ohne Widerstand zurück zu ihrem Bett tragen ließ. Auch sie war am Ende ihrer Kräfte. Als Beppo sie in ihr Bett legte, wachte das Baby, das friedlich dort schlief, nicht einmal auf. Elena nahm es schützend in ihre Arme und schlief wenige Momente später ein. Beppo atmete auf und verließ leise die Kammer, um an Francescos Bett zurück zu eilen. Er schlief, aß und trank an Francescos Bett. Auch wenn Matilda vorbei kam, um nach dem Rechten zu schauen, einzukaufen und Mahlzeiten zu kochen, verließ Beppo seinen Platz nicht.

Matilda war entzückt von dem kleinen Mädchen und hatte viel Freude daran, der Mutter besondere Kost zuzubereiten, die ihre Kräfte zurückkehren lassen sollten und die Milch fließen ließ. Das und die Kräfte der Natur ließen Elena recht schnell erste Fortschritte machen. Francesco hingegen kam nur selten zu Bewusstsein, es war schwer, ihm etwas zu trinken oder zu essen einzugeben. Beppo tat alles, um ihn am Leben zu erhalten, doch es zeigte sich keine Besserung.

„Das reicht!“ meinte Elena nach drei Tagen. „So geht das nicht weiter. Bitte, Beppo, stell‘ Francescos Bett neben meines. So haben wir alle Platz und sind zusammen. Er muss spüren, dass er eine Familie hat, dass sein Kind und seine Frau auf ihn warten.“ Beppo war froh, endlich etwas mit seiner puren Muskelkraft bewegen zu können und packte gleich an um Elenas Anweisungen umzusetzen. Sein Gesicht, in das die letzten Tage tiefe Sorgenfalten gezogen hatten, hellte sich auf, als er fertig war: Francesco lag neben seiner Frau und seinem Kind in der helleren, geräumigeren Kammer. Die Fenster waren auf, so dass die Herbstluft hereinkam und den Duft der letzten Blumen mitbrachte. Tisch und Stühle standen darin, damit Beppo sich dazusetzen konnte. Von nun an aßen sie zusammen und unterhielten sich. Beppo zog sich nur zum Schlafen zurück und wenn Elena ihre Tochter stillte.

In den Nächten schmiegte sich Elena an ihren Mann und flüsterte ihm zärtliche Worte ins Ohr. Sie erzählte ihm von ihrer Tochter und von ihrer Freude darüber, dass das kleine Mädchen prächtig gedieh und mit interessierten Augen ihre Welt betrachtete. Sie legte ihm das Kind auf den Bauch oder an die Seite, damit er die Wärme ihres kleinen Körpers spüren konnte. Obwohl sich äußerlich nichts an Francescos Zustand veränderte, war sich Elena ganz sicher, dass sich seine Wahrnehmung zunehmend auf sie und ihr gemeinsames Kind ausrichtete.

Beppo konnte ihre Zuversicht nicht nachvollziehen. Er sah nur voller Sorgen das nach wie vor grau-weiße Gesicht mit den eingefallenen Augenhöhlen. Er weinte in unbeobachteten Momenten verzweifelt über diesen mageren Körper, der kaum Flüssigkeit oder gar Speise aufzunehmen vermochte.

Michelangelo kam jeden Tag vorbei, um nach Francesco und seiner kleinen Familie zu sehen. Elena lernte den Maler als fürsorglichen Freund und Beschützer kennen. Er erzählte ihr, dass er Francescos Bild in einer kleinen, unauffälligen Nische seines Hauses versteckt hatte, um es vor den Blicken der Kirche zu verbergen. Sie war ihm unendlich dankbar für seine Umsicht und bat ihn stets, zu den Mahlzeiten zu bleiben.

Auf diese Weise sorgte Elena dafür, dass Francesco nie allein blieb und Beppo hatte Freude daran, für die ganze Familie zu sorgen. Da sie sich um Geld erst einmal keine Gedanken machen mussten, konnte sich Beppo um alles kümmern, was die täglichen Bedürfnisse der Familie Allieri betraf und er war stolz darauf, für sie eine wichtige Rolle zu spielen. Er bewirtete alle Besucher, die sich nach dem Befinden Francescos erkundigen wollten und kochte sogar die Mahlzeiten, wenn Matilda nicht da war. Es war nach den hektischen Monaten und arbeitsreichen Jahren eine Zeit der Muße und der Erholung.

Nach etwa einer Woche in Gemeinschaft von Familie und Freunden konnte auch Beppo erkennen, dass die Farbe in Francescos Gesicht zurückkehrte. Hatte er noch an Elenas zuversichtlichen Äußerungen gezweifelt, so hegte nun auch er die große Hoffnung, dass es seinem Freund bald besser gehen würde. Doch immer noch blieben ihm die vielen weiteren kleinen Anzeichen verborgen, die Elena jeden Tag mit Freude entdeckte. Es waren Anzeichen dafür, dass Francesco sich anschickte, ins Leben zurückzukehren.

*

 

Nach einer weiteren Woche war Elena wieder so gut bei Kräften, dass sie das Bett verlassen konnte. Das hinderte sie allerdings nicht, sich zu Francesco zu legen, wann immer sie konnte. Sie stillte ihre Tochter an seiner Seite und legte sie neben Francesco, wenn sie schlief.

Eines Tages klopfte es laut an die Tür und Elena ging öffnen, in Erwartung, Michelangelo zu begrüßen. Doch als sie die Tür aufmachte, erbleichte sie, denn vor ihr stand Georgius de Casali in Begleitung von Andrea della Valle. Es gelang ihr aber, die beiden Besucher ruhig und höflich herein zu bitten. „Verehrte Signora Allieri, wir haben Kunde erhalten, dass euer Mann erkrankt sei. Wir sind hier, um uns nach seinem Befinden zu erkundigen.“ Della Valles Ton war höflich, aber dennoch mit unterschwelliger Arroganz, fand Elena. Ihr fiel auf, dass beide Männer möglichst unauffällig in den Raum spähten. Sie gab wahrheitsgemäß über Francescos Befinden Auskunft und führte die Besucher in die Mitte des Raumes, so dass sie durch die offene Tür das Bett sehen konnten, auf dem Francesco lag, im Schlaf mit seiner kleinen Tochter vereint. Ernst und besorgt waren dennoch die Mienen der Männer, die es auf einmal eilig hatten, das Haus des Kranken wieder zu verlassen. In der Tür jedoch drehte sich Casali noch einmal um. „Was ist nur geschehen, dass er so krank wurde? Hat es vielleicht gar mit einem Bildnis zu tun, das er in letzter Zeit gemalt hat?“ Die Frage klang harmlos, im Plauderton gestellt. Elena war jedoch auf der Hut. Sie hob die Schultern und machte ein ratloses Gesicht. Den Plauderton aufgreifend, gab sie sich völlig ahnungslos, welches Bild er wohl meine und was diese seltsame Krankheit verursacht haben mochte. Casali zeigte ein dünnes Lächeln und verließ hinter della Valle das Haus. Elena versperrte die Tür hinter den beiden Männern und lehnte sich erleichtert dagegen. Diese beiden Kirchenmänner in ihrem Haus zu haben, bedeutete nicht mehr richtig durchatmen zu können. Ihre Anwesenheit verdichtete geradezu die Atmosphäre zu einer zähen Masse der unausgesprochenen Bedrohung, deshalb öffnete Elena die Fenster, um die üble Luft hinaus zu lassen.

Ihr Kind fing an zu weinen, es war hungrig. Elena ging zurück in die Schlafkammer und fand Francesco mit offenen Augen vor. Er schien ganz fasziniert von dem kleinen Wesen, das neben ihm mit den kleinen Ärmchen fuchtelte und das Gesicht zum Weinen verzog. Elena blieb einen kleinen Moment in der Tür stehen um das Bild in sich aufzunehmen. Dann legte sie sich zu Francesco ins Bett und machte sich daran, ihr kleines Mädchen zu stillen. Er sah nur still ihren ruhigen, sicheren und liebevollen Bewegungen zu. Dann sahen sie sich beide tief in die Augen. „Ich bin zurück“, stellte Francesco fest. Seine Stimme klang noch etwas krächzend, sie hatte lange geschwiegen. Elena streichelte mit ihrer freien Hand sein Gesicht. „Ja, du bist zurück. Ich danke Gott dafür.“ Francesco lächelte und küsste seine Frau auf die Nasenspitze um sie nicht zu sehr beim Stillen zu stören.

Während er seiner Frau dabei zusah, wie sie ihre Tochter stillte, lag Francesco still und entspannt da. Es war eine unglaubliche Harmonie in dieser Szene, die seine Seele wie Balsam in sich aufnahm. Er sah seiner Frau und seiner Tochter mit großer Freude und tiefem Frieden zu und die Zeit stand für die kleine Familie eine ganze Weile still. Mit niemandem auf der ganzen Welt hätte Francesco in diesem Moment tauschen wollen. Schließlich schlief das kleine Mädchen satt und zufrieden ein. „Sie hat noch keinen Namen.“ Elenas Stimme an Francescos Ohr war wie eine leise, harmonische Melodie. Er erinnerte sich an ihr erstes „Entschuldigung!“ auf der Piazza Rusticucci bei ihrer allerersten Begegnung. Dort hatte er es bereits gehört: Elenas sanfte, melodische Stimme. Francesco verweilte einen kleinen Moment bei seiner Erinnerung, bevor er die Frau, die er liebte, ansah und antwortete. „Du hast ihr noch keinen Namen gegeben, obwohl ich so lange geschlafen habe?“ Er fragte, doch er wusste die Antwort bereits. „Ich wollte, dass wir zusammen einen Namen für sie aussuchen“ Elena lächelte. Sie betrachteten ihren schlafenden Engel. „Was hälst du von Estella? Du hast sie schon unser Sternchen genannt, als sie noch in meinem Bauch war“ schlug sie vor. Francesco strahlte Elena an. „Das passt, wirklich.“ Er strich seiner Tochter zärtlich über die Wange. „Hallo Estella! Hörst du? Du hast nun einen Namen, gefällt er dir?“ Natürlich blieb Estella jede Antwort schuldig, denn sie schlief tief und fest. Ihre Eltern beobachteten sie dabei und schliefen darüber selbst ein.

*

 

„Sie wissen von deinem Bild, Francesco, ich hab’s selbst gehört. Es geht in ganz Rom als Gerücht herum. Die päpstlichen Spitzel waren tätig, deshalb auch der Besuch bei euch.“ Michelangelo sah in die Runde und blickte in erschrockene Gesichter.

Francesco ging es seit einigen Tagen immer besser. Er teilte üppige Mahlzeiten mit seiner Frau, die ebenfalls Kraft brauchte, sehr zum Vergnügen von Matilda, die mit großer Freude für alle kochte. Beppo war meist mit dabei und genoss die heitere Atmosphäre, die im Hause Allieri herrschte, seit Francesco sich von seiner Krankheit erholte. Er hatte wieder eine gesunde Gesichtsfarbe und gewann auch zusehends an Kraft. Zwar lag er noch die meiste Zeit auf dem Bett in der Schlafkammer, doch dieser Raum war ohnehin zum Lebensmittelpunkt des Hauses geworden, in ihm setzten sich alle zusammen, auch wenn Besuch kam, und niemand störte sich daran, dass Francesco auf dem Bett ruhte, die kleine Estella meist an seiner Seite. Sie lachte inzwischen die meiste Zeit und gedieh prächtig.

An diesem Abend wurde die Stimmung allerdings von Michelangelos Neuigkeiten getrübt. Francesco war ratlos.“ Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie das geschehen konnte.“ Er zählte an seiner Hand auf, wer sein Bild gesehen hatte: Elena, Beppo und Michelangelo selbst. Dennoch war es sehr wahrscheinlich, dass die Kirche in der Person von della Valle und seinem Freund Casali Francesco für verdächtig hielt. Dass die beiden bereits zweimal in seinem Haus waren um sich „umzusehen“, war ausgesprochen beunruhigend. Beppo schlug plötzlich mit der Hand auf den Tisch. Alle erschraken und Estella musste von ihrer Mutter beruhigt werden. „Natürlich! Dass ich nicht früher daran gedacht habe!“, entfuhr es Beppo. Alle Augen waren aufmerksam auf ihn gerichtet. „Matilda. Sie hat irgendwann Kohlen gebraucht und dabei die Kammer entdeckt. Sie hat nie etwas gesagt, aber sie muss das Bild entdeckt haben.“ Francesco nickte nachdenklich. „Das könnte die Erklärung sein. Ich werde sie morgen dazu befragen. Doch unabhängig davon: was kann schon groß passieren? Das Bild ist versteckt, selbst wenn sie mein Haus auf den Kopf stellen, werden sie nichts finden.“

Michelangelo schüttelte leicht den Kopf. „Aber sie werden nicht ruhen. Sie wissen nun, dass es etwas gibt, das du verbirgst. Sie werden nicht aufhören dich zu bespitzeln und sie werden nach etwas suchen, das sie dir vorwerfen können.“ Sie redeten noch bis tief in die Nacht hinein, doch als Francesco immer wieder einschlief, verabschiedeten sich Michelangelo und Beppo. Der Schlaf war leider nicht ungestört, wilde Träume ließen Francesco immer wieder mit einem Schrecken wach werden. Auch Elena machte sich Sorgen, doch für Mann und Tochter gab sie sich ruhig und zuversichtlich.

Am nächsten Morgen setzte sich Francesco zu Matilda in die Küche, als sie kam und plauderte ein wenig mir ihr. Es war bald klar, dass sie völlig ohne Hintergedanken einfach nur neugierig und begeistert war von dem noch unvollständigen Bild, das sie zufällig auf der Staffelei gesehen hatte. In völliger Unschuld hatte sie ihrem Mann davon erzählt. Sie hatte geschwärmt, wie schön und wie besonders doch der junge Allieri malen konnte. Es bekümmerte sie sehr, zu erfahren, dass sie damit den Verdacht und die Aufmerksamkeit der Kirche auf ihren Herrn gelenkt hatte. Mochte der Hassprediger Girolamo Savonarola auch schon einige Jahre tot sein, die Kirche war immer noch unnachgiebig hinter Andersdenkenden her und Scheiterhaufen brannten immer wieder. Wer sich den falschen Menschen zum Feind gemacht hatte, konnte schnell in die Fänge der Inquisition geraten. Ohne jeden Zweifel war Georgius de Casali ein Mann, den Francesco lieber nie getroffen hätte.

 

Ein Bankier und Kunstliebhaber

 

Francesco war zwar noch immer etwas dünn, doch ansonsten wieder bei Kräften. Aus diesem Grund freute er sich, als er von dem reichsten Bankier Roms eine Einladung erhielt. Agostino Chigi selbst überlegte, Francesco mit einer Auftragsarbeit zu betrauen. Für eine Vorbesprechung lud er Francesco zu einem leichten Mittagessen in seine Villa ein. Francesco fand sich pünktlich ein und staunte über die schiere Größe der Villa. Sie war mit Eleganz eingerichtet, ohne protzig zu wirken. Francesco bestaunte wertvolle Bilder und Statuen, jedes einzelne Stück war von erlesener Schönheit und zeugte von großem handwerklichem Geschick.

Francesco wurde in einen Salon geleitet, in dem bereits einige Menschen saßen und sich unterhielten. Agostino Chigi selbst war ein untersetzter Mann mit nur noch wenigen, rötlich-blonden Haaren, dafür aber mit intelligenten, gutmütigen Augen. Das fand Francesco erstaunlich für einen Bankier, bei dem sogar der Vatikan Schulden hatte.

Chigi begrüßte Francesco überaus freundlich und stellte ihm gleich ein paar seiner Gäste vor. Unter ihnen war auch Raffaelo Santi. Francesco konnte es kaum fassen, diesen berühmten Maler kennenlernen zu dürfen. Es bestätigte sich, was über ihn gesagt wurde: er war ein Schönling und ausgesprochen umgänglich in seiner Art. Er war, wie immer, umringt von einer Gruppe Schüler und Bewunderer. Nun begrüßte er Francesco freundlich. Ganz ohne Herablassung ließ er einen Becher Wein für ihn bringen, als ob er selbst der Gastgeber wäre. „Ich habe Gerüchte über euch gehört“ begann er ohne Umschweife. „Man erzählt sich, ihr maltet Frauen auf eine ganz besondere Art. Man sagt, ihr seht in jeder Frau ihre Schönheit und würdet auf die Leinwand bannen, was sonst niemand sehen kann.“ Francesco verbeugte sich und dankte für das Kompliment. „Es ist mir eine Ehre und eine Freude, dass ihr von mir von gehört habt, Meister. Aber ich bezweifle, ob ich es zu ähnlicher Meisterschaft in der Darstellung der Frau je bringen werde, wie ihr.“ Rafael schlug Francesco mit dem Fächer, den er in der Hand hielt, leicht auf den Unterarm. Die Geste hatte etwas leicht affektiertes, war aber dennoch charmant und sympathisch. Es schien, als könne Rafael Santi nichts falsch machen. „Ihr seid zu bescheiden, Allieri. Ich habe aus zuverlässiger Quelle gehört, dass ihr ein außergewöhnliches Talent seid. Wer weiß: vielleicht werden wir alle hier noch zu euren Schülern.“ Er lachte und seine Bewunderer lachten mit ihm. So angenehm sicherlich Santi persönlich war, so störend fand Francesco allerdings seine Anhängerschaft, ohne die der Maler kaum jemals anzutreffen war. Er war froh, als Chigi zu ihm trat und ihn nach nebenan in einen kleineren Salon bat.

Agostino Chigi sah Francesco aufmerksam an. „Ihr seid also das neue Wunderkind der Malerei.“ Francesco wollte abwehrend darauf antworten, doch Chigi machte eine Geste, die ihm das Wort abschnitt. „So spricht man tatsächlich von euch und wer bin ich, das in Abrede zu stellen.“ Chigi lächelte amüsiert. „Auf jeden Fall haben die Werke, die ihr bislang gefertigt habt, Aufsehen und Gefallen gefunden. Das ist für mich ein guter Anlass, euch einen Auftrag zu erteilen. Ich gedenke, der Kirche San Bernardo ein Bildnis zu spenden. Ich will ein Bild der Maria Magdalena bei der Salbung der Füße Jesu.“ Francesco nickte. „Ich will, dass Maria Magdalena auf dem Bild eine ihr gebührende Präsenz zukommt“ meinte der Bankier ernst. Wenn es mir gefällt, zahlte ich euch 200 Dukaten dafür.“ Francesco schluckte. Soviel Geld hatte noch nie für ein Werk erhalten. Als das Geschäft abgeschlossen war, kehrten die beiden Männer zur Gesellschaft zurück. Während Speisen und Getränke aufgetragen wurden, erschallte immer wieder fröhliches Gelächter aus der Ecke, in der Rafael Santi saß. Es war offensichtlich, dass er mühelos die Menschen um ihn herum unterhielt und dabei in seinen Bann zog.

Als sich Francesco am Ende verabschieden wollte, hielt Santi ihn mit einem Blick zurück. Er schaffte es, sich einen Moment von seinen Begleitern zu lösen und trat an Francesco heran. Das lächelnde, plaudernde Gesicht fiel von ihm ab und für kurze Zeit wurde der Mensch wurde für Francesco sichtbar. „Meister Allieri, ich sehe, ihr findet ebenso wenig Gefallen an lockerer Konversation wie euer Lehrer, Meister Buonarroti. Ich schätze ihn sehr, aber er hält mich für einen Scharlatan.“ Sein Gesicht drückte aufrichtiges Bedauern aus, als er das sagte. „Ich hoffe, dass ihr nicht so schlecht über mich urteilt. Ich liebe das Leben und seine Annehmlichkeiten.“ Mit einem Lächeln zuckte er mit seinen Schultern. „Doch ich sehe auch, wenn jemand Talent hat. Ich habe euer Portrait der Gattin von Giovanni Millanese gesehen und gestaunt. Ihr habt ein seltenes Talent, Allieri und ich bewundere euch dafür. Ich selbst liebe die Frauen, aber ich sehe nicht so tief wie ihr.“ Santi warf einen Blick zur Seite, um sich zu vergewissern, dass niemand zuhörte. Dann senkte er seine Stimme. „Diese Gabe kann aber auch gefährlich sein. Ich weiß, dass die Kirche euch genau beobachtet, deshalb ein Wort der Warnung. Die Kirche sieht es nicht gern, wenn Frauen mehr sind als Zierde oder Arbeitskraft. Die Kirchenmänner haben große Angst vor allem, was sie nicht verstehen und dazu gehört nun einmal auch die Frau. Deshalb: übertreibt es nicht. Das ist ein warnendes Wort von einem eurer größten Bewunderer.“

Als ob er seine Maske wieder aufgesetzt hätte, erschien wieder das fröhliche Lächeln auf Santis Gesicht. Freundschaftlich schlug er Francesco auf die Schulter, als hätte er ihm eben einen guten Witz erzählt. Er verabschiedete sich kurz und schloss sich wieder der Schar seiner Anhänger an, die ihn schon zurück erwartete und mit neugierigen Kommentaren empfing.

Francesco drehte sich um und verließ die Villa des Agostino Chigi. Er war noch sehr durcheinander, denn die vielen Eindrücke, die auf ihn eingestürmt waren, verwirrten ihn. Er erzählte Elena von seinen Erlebnissen, die Sorgen standen ihr alsbald ins Gesicht geschrieben. „Das ist ein Problem“, überlegte sie laut. „Chigi ist ein wichtiger Auftraggeber. Ist er zufrieden, werden andere, gute Aufträge, folgen. Er hat eine gewisse Erwartung an das Bild, zumal er ein persönliches Interesse an der Heiligen Maria Magdalena zu haben scheint. Doch wenn du so malst, wie es deinem Talent entspricht, wirst du die Kirche noch mehr gegen dich aufbringen.“ Damit hatte sie ausgesprochen, was Francesco befürchtet hatte. Sie sahen sich an, doch einen Mittelweg schien es nicht zu geben. „Du musst den Auftrag ablehnen“, sagte Elena entschieden.

*

 

„Bist du wahnsinnig? Das kannst du nicht tun, das wäre das Ende deiner kleinen bottega, kaum dass sie gegründet wurde.“ Michelangelo kannte Chigi und seinen Einfluss auf das Wohl und Wehe der Künstler, nicht nur in Rom. „Chigi ist vielleicht noch mächtiger als der Papst selbst. Es ist allgemein bekannt, dass er durchaus besondere Vorlieben hat, in mancherlei Beziehung. Er vergibt nicht leichtfertig Aufträge. Du kannst es dir leider nicht leisten, diesen Auftrag abzulehnen.“ Michelangelo seufzte. „Im Gegenteil: du musst all dein Können in diesem Bild zeigen, damit wäre dein Auskommen als Maler gesichert, weit über die Grenzen Roms hinaus. Du musst an deine Familie denken.“

„Ihr müsst an eure Familie denken“, das war auch Beppos Meinung. Doch er wollte damit sagen, dass Francesco den Auftrag ablehnen sollte. Francesco und Elena sahen sich lange an. „Fang an. Wir werden sehen, wie es sich entwickelt“, seufzte Elena schließlich und sprach erneut aus, was Francesco dachte.

Also machte sich Francesco an das neue Werk und hatte große Freude an der Herausforderung. Er hatte gespürt, dass Chigi ein Bewunderer der Heiligen Maria Magdalena war und während er sich mehr mit ihrer Geschichte befasste, verstand er zunehmend seine Beweggründe. Immer wieder ließen Gelehrte durchblicken, dass die Frau, die von der Kirche als Prostituierte gebrandmarkt worden war, nicht unbedingt dem Bild entsprach, das man von ihr den Menschen glauben machen wollte. Diese unausgesprochenen Widersprüche machten die Figur spannend und Francesco ging mit Feuereifer an seine Arbeit. Er machte viele Entwürfe, tausend Skizzen, die er eine nach der anderen wieder zerriss. Schließlich schuf er ein Bild, in dem Jesus auf den ersten Blick dominant stand und einen Großteil des Bildes einnahm. Maria Magdalena malte er in kniender Haltung, einen Fuß Jesu in der Hand, die andere nach dem Topf erlesener Salbe greifend. In der Bildkomposition war nichts Besonderes, doch die Haltung Marias war bei genauerer Betrachtung nicht die einer Sünderin. Sie wirkte größer durch den geraden Rücken und die majestätische Haltung ihres Kopfes. Was sie tat, war nicht die Handlung einer Frau, die bereut, es war an ihrer Haltung und noch mehr an ihrem Gesicht zu erkennen, dass sie aus Liebe handelte und nicht aus Reue. Ihre Haltung drückte Anmut und Grazie aus, ihre Kleidung war sichtlich aus edlen Stoffen. Das Gesicht Maria Magdalenas war das Gesicht einer Frau von hohem Stand, dabei voller Liebe und Hingabe. Innere Stärke teilte sich ebenso mit wie Intelligenz und edle Gesinnung.

Elena betrachtete aufmerksam das fertige Bild, sie verstand genau, wie unter den gegebenen Umständen Francesco den Auftrag umgesetzt hatte. Sie lächelte und nahm ihn in den Arm. „Du hast auf den ersten Blick ein Bildnis ganz nach der Doktrin der Kirche gemalt“, meinte sie, immer noch lächelnd. „Und doch hast du es geschafft, dir treu zu bleiben, Francesco. Deine Maria Magdalena ist einfach unglaublich“, seufzte sie und küsste ihn. „Und bald will ich auch endlich deine vollendete „Femina“ sehen“, setzte sie entschlossen hinzu.

Francesco hatte das fertige Gemälde verhüllt unter dem Arm, als er das nächste Mal die Villa Agostino Chigis betrat. An diesem Tag war er offenbar allein und wurde sofort in den kleinen Salon vorgelassen, in dem Chigi ihm den Auftrag erteilt hatte. Eine leere Staffelei stand bereits am Fenster bereit und Francesco stellte sein Bild so darauf, dass er zur Enthüllung nur noch die Stoffbahn zurück schlagen musste. Nach einer kleinen Weile betrat sein Gastgeber den Salon und begrüßte Francesco mit Handschlag. „Wie schön, Meister Allieri, ihr habt das Bild gemalt. Ich hatte meine Zweifel, ob ihr den Auftrag auch annehmen würdet.“ Sein Lächeln war entwaffnend. „Ja, ich weiß um eure Differenzen mit der Kirche. Einen rechten Mann erkennt man an seinen Entscheidungen, wenn es eng für ihn wird. Nun denn, ich bin gespannt, wie ihr meine Maria Magdalena dargestellt habt.“

Damit trat Chigi vor die Staffelei und gab Francesco einen Wink, der mit einer Armbewegung sein Bild enthüllte. Es folgten einige Minuten Schweigen, in denen der Bankier das Werk betrachtete und es auf sich wirken ließ. Francesco hatte Mühe, ruhig zu bleiben und nicht vor Ungeduld von einem Bein auf das andere zu treten. Schließlich räusperte sich Chigi und hielt Francesco seine Hand entgegen. „Ich sehe, ihr versteht es, Gegensätze zu vereinen. Großartig, verehrter Meister, ihr habt der Maria Magdalena gegeben, was ihr zusteht, ohne euch selbst einen Platz auf dem nächsten Scheiterhaufen zu reservieren. Sehr klug.“ Chigi ließ Wein bringen und hielt seinen Becher hoch. „Auf euch, Meister Allieri, ihr habt gehalten, was ich mir von euch versprochen hatte. Und mehr!“

Francesco erhielt den vollen versprochenen Betrag und das Versprechen, dass weitere Aufträge folgen würden. Beschwingt und ausgesprochen zuversichtlich ging Francesco nach Hause und freute sich schon darauf, von seinem Triumpf zu erzählen. Er traf Elena in ähnlicher Hochstimmung an, wenngleich auch aus unterschiedlichen Gründen. Sie freute sich sehr über den Erfolg, den Francesco mit seinem Gemälde erzielt hatte und hoffte, dass die Kirchenmänner, die dieses Bild zu sehen bekamen, kurzsichtig genug waren, um die Botschaft hinter der Malerei nicht zu verstehen.

Elena freute sich aber zudem über neue Nachrichten aus England. Katharina von Aragon hatte geschrieben und sie hatte gute Neuigkeiten. In wenigen Tagen sollte sie mit dem jungen Heinrich VIII verheiratet werden. Der jüngere Sohn von Heinrich VII würde der künftige König von England sein. Sie hatte also die richtigen Schritte unternommen, um ihre Zukunft zu sichern. Elena war froh, ihre Herrin glücklich zu wissen. Die beiden Frauen vermissten sich schmerzlich, standen sie sich doch immer noch sehr nah. Katharina klagte darüber, sich niemandem sonst am Hofe anvertrauen zu können. Sie lud Elena und ihre Familie zum wiederholten Male nach England ein und versicherte ihr, sie würde immer einen Platz am Hofe bei ihr haben, solange sie lebe. Elena lächelte bei diesen Worten, die ihr so wohl taten und wischte eine Träne aus dem Augenwinkel.

Auch Francesco las den Brief und freute sich. Er hatte Katharina von Aragon in der Zeit, da er ihr Portrait gemalt hatte, kennen und schätzen gelernt. Er konnte deshalb nachvollziehen, wie sehr die beiden Frauen aneinander hingen.

 

Ein Versteck für die Femina

Die folgenden Tage und Wochen vergingen wie im Fluge, in Rom hielt der Winter Einzug. Es wurde ein eisiger Winter, doch für die Familie Allieri war gesorgt. Francesco bekam weitere Aufträge. Er hatte Kraft und Freude am Malen wieder gefunden und stürzte sich in seine Arbeit. Elena unterstützte ihn und war nie um einen Ratschlag oder eine Einschätzung verlegen. Sie bekam durch die Kunst ihres Mannes ein feineres Gespür für die Malerei, das immer sicherer wurde. Estella war der Sonnenschein für Elena, aber auch für Francesco. Sobald sie lächeln konnte, erfreute sie ihre Umwelt mit ihrem stets fröhlichen Gemüt. Ihr Heim war von Kinderlachen erfüllt.

Das Jahr 1511 war noch ganz jung und Rom noch erstarrt in der Kälte des harten Winters, als am frühen Morgen ein Bote an Francescos Tür klopfte. Michelangelo schickte nach ihm und so legte er sein Werkzeug, das er sich eben für sein Tageswerk zurecht gelegt hatte, bei Seite und zog sich an, um seinen früheren Meister aufzusuchen. Dort war alles in heller Aufregung. Einige Soldaten aus dem Vatikan hatten eben sein Haus verlassen, nachdem sie es von Keller bis zum Dachboden durchsucht hatten. „Sie wollten mir nicht sagen, wonach sie suchen, doch ich wette, es geht um dein Bild“, erklärte Michelangelo grimmig.

Francesco war plötzlich sehr kalt. „Haben sie es gefunden?“ fragte er bang. Michelangelos schiefes Grinsen ließ ihn vor Erleichterung tief einatmen. „Wo denkst du hin! Ich bin nicht so naiv, etwas so Kostbares und gleichzeitig Gefährliches unter meinem Bett zu verstecken.“ Damit lachte er laut, er hatte offensichtlich Spaß daran, die Schergen des Vatikans ausgetrickst zu haben. „Aber wo ist es? Ist es wirklich sicher verborgen?“, wollte Francesco wissen. „Darüber wollte ich mit dir sprechen. Wir müssen uns einen anderen Platz suchen. In diesem Versteck kann es nicht ewig bleiben“, flüsterte der Maestro. Francescos Blick war eine unausgesprochene Frage, die Michelangelo sofort verstand. „Nicht heute. Ich bin mir sicher, dass die Soldaten mein Haus beobachten. Bald. Sobald wie möglich holen wir dein Bild, bis dahin müssen wir aber wissen, wo wir es sicher verstecken können.“ Sein Flüstern war kaum noch zu hören, doch Francesco verstand jedes Wort und nickte. Er verabschiedete sich mit einem Dank und kehrte zurück zu Elena. Er erzählte ihr, was geschehen war und zusammen überlegten sie fieberhaft, wo man Francescos Bild sicher verstecken könnte. Es war ein schwieriges Unterfangen, denn es durfte kein Ort sein, der mit ihnen oder mit einem ihrer Freunde in Verbindung gebracht werden konnte. Nach Stunden des erfolglosen Grübelns beschloss Francesco, bei Agostino Chigi um Rat und um Hilfe zu bitten. Er hatte sich, wenn auch verdeckt, ein Stück weit Francesco anvertraut, indem er ihn um ein Bild mit einer besonderen Darstellung Maria Magdalenas gebeten hatte. Francesco war sich sicher, dass Chigi ihm schon allein um der Kunst Willen helfen würde. Es war ein Risiko, sich dem Bankier anzuvertrauen, aber er war einflussreich genug um das Bild vor Schaden zu bewahren, genauso wie den Maler.

Also wurde Francesco noch am selben Tag in der Villa von Agostino Chigi vorstellig. Den Diener, der ihn einließ bat er, seinem Herrn auszurichten, er wäre in einer dringenden Angelegenheit hier, in der er seine Hilfe benötigte. Kurze Zeit später wurde er in den ihm schon bekannten Salon geführt. Er musste eine Weile warten, doch dann kam Chigi um ihn zu begrüßen. „Meister Allieri! Ihr habt mich neugierig gemacht. Was ist so wichtig, dass es keinen Aufschub duldet?“

Francesco war dankbar, dass der Bankier ohne Umschweife zum Thema kam. „Signor Chigi, ihr gehört zu den einflussreichsten Bürgern der Stadt Rom und ihr seid ein Liebhaber der Kunst. Ich brauche eure Hilfe. Meine Kunst braucht eure Hilfe.“ Chigi war überrascht von Francescos Bitte. Er trat näher und sprach etwas leiser. „Meister Allieri, stimmt es denn, was man munkelt? Habt ihr ein Bild gemalt, das der Autorität der Kirche spottet?“ Chigi lächelte amüsiert, wurde aber alsbald ernst, als er Francesco in die Augen sah.

„Mitnichten“, entgegnete der Maler. „Ich habe das Bild einer Frau gemalt. Es ist… besonders. Deshalb fürchtet es die Kirche. Georgius de Casali hat mir bereits nachdrücklich ans Herz gelegt, dass die Kirche die Art, wie ich Frauen male, nicht gut heißt.“ Chigi ließ einen leisen Pfiff entweichen. „Casali hat sich eingeschaltet? Ihr habt euch Feinde in erlauchten Kreisen gemacht. Ich habe von ihm gehört, mit ihm ist wahrlich nicht zu spaßen.“ Francesco nickte. „Ich rechne im Grunde auch bei dem Bild, das ich für euch gemalt habe, damit, dass die Kirche verärgert sein wird. Wenn die falschen Leute es betrachten, wird ihnen auffallen, dass Maria Magdalena nicht ganz dem gewünschten Bild der Kirche entspricht.“ Chigi nickte und sah Francesco ernst an. „Ihr habt für mein Gemälde ein großes Risiko auf euch genommen. Ich weiß das zu schätzen, denn es gefällt mir genau aus diesem Grunde außerordentlich gut. Aber erzählt mir mehr von eurem anderen Werk.“ Chigi war nun ganz aufgeregt. Er liebte solche Abenteuer und er liebte es noch mehr, der Kirche eins auszuwischen, auch wenn er das niemals zugegeben hätte.

Francesco erzählte dem Bankier von dem Bild, das die Männer von Casali suchten, nicht mehr nur in Francescos Haus, nun auch bei seinen Freunden, die er nicht mehr in Gefahr bringen wollte. „Aus diesem Grunde bin ich hier. Ich bitte euch um euren Rat oder eure Hilfe. Wisst ihr einen Ort, wo ich mein Werk dauerhaft vor der Verfolgung der Kirche verstecken und schützen kann? Es ist gleichwohl mein Werk, ich will es begreiflicherweise nicht zerstören, aber wenn es in falsche Hände kommt, bedeutet es nicht nur meinen Tod, sondern auch den meiner Familie“. Chigi nickte ernst. Er dachte nach und ging dabei im Salon auf und ab. Francesco sah ihm dabei zu und betete, nicht den verkehrten Mann ins Vertrauen gezogen zu haben. Schließlich hellte sich die Miene des Bankiers auf. „Ich habe das perfekte Versteck“, verkündete er lächelnd.

„Ich lasse für das Kloster Trinitá dei Monti eine neue Klosterkirche bauen. Dort ist alles noch Baustelle. Es würde niemandem auffallen, wenn eine kleine Nische plötzlich nicht mehr da wäre.“ Francesco verstand nicht. „Aber… ausgerechnet ein Kloster… würde man da nicht…“ „Nein, würde man nicht!“ unterbrach Chigi entschieden und mit einem Lächeln. „Grade dort würde die Inquisition niemals danach suchen. Ich kenne die Äbtissin, sie ist meine Schwester und sie ist… wie soll ich sagen… nicht immer mit jedem Wort der Kirche einverstanden.“ Chigi zwinkerte Francesco gut gelaunt zu. Damit zog für Francesco ein Silberstreif am Horizont auf und er atmete erleichtert auf. Chigi schickte ihn erst einmal nach Hause und versprach, alles für das neue Versteck vorzubereiten. Er würde ihn informieren, wann und wie das Bild in sein neues Versteck gebracht werden kann.

*

 

Es dauerte etwas mehr als zwei Wochen, bis Francesco Nachricht von Chigi bekam. Sie besprachen zusammen mit Michelangelo, wann das Bild ins Kloster gebracht werden sollte. Sie mussten mit aller Vorsicht zu Werke gehen. Casali hielt sich immer noch in Rom auf und das bedeutete, dass er aller Wahrscheinlichkeit nach Francescos Haus überwachen ließ, vielleicht auch das Haus Michelangelos.

Also verließ Francesco mit Elena am vereinbarten Abend sein Haus und begab sich zu Michelangelo. Der Maestro führte die beiden zu einer unauffälligen Nische hinter einem Beichtstuhl und zog das sorgfältig in Stoff eingeschlagene Bild hervor. Es war Elena, die es in Empfang nahm, vom Stoff befreite und auf einem Seitenaltar aufstellte, den sie vorher mit zusätzlichen Kerzen in Licht getaucht hatte. Sie stand vor der vollendeten „Femina“ und betrachtete ihr Gesicht, das schon lange nicht mehr nur ihr Gesicht war. Sie versank ganz in der Betrachtung des Bildes, das so sehr die Frau an sich darstellte, wie sie gemeint war: in all ihrer Stärke und Weisheit, in all ihrer Verletzlichkeit, aber auch mit allen Schatten und Abgründen, die zum Menschsein gehörten. In der „Femina“ war sie mit all ihrem Wissen um die Geheimnisse des Universums dargestellt und gleichzeitig mit all ihrer Lebenslust und Lebensfreude. Elena nickte und seufzte. Sie drehte sich zu Francesco um und sah ihn mit einer Mischung aus Bewunderung und Liebe in die Augen, während sie langsam ihren Kopf schüttelte. Ihre Lippen formten lautlose Worte, die Francesco nur mit seinem Herzen verstand. Ein letztes Mal drehte sich Elena zu dem Bild, das sie alle in Lebensgefahr brachte. Sie strich mit einer zärtlichen Geste über die Leinwand, bevor sie sich zu ihrer vollen Größe aufrichtete und einen Schritt zurück trat. Francesco und Michelangelo standen hinter ihr und wurden durch ihr Zeichen aus ihren eigenen Gedanken gerissen. Sie packten das Bild wieder ein und machten sich für den Transport bereit.

Beppo war ebenfalls unterwegs, er besuchte den Tuchhändler Filippo, mit dem er sich angefreundet hatte, seit sie sich bei Francescos Hochzeit kennen gelernt hatten. Chigi ließ einen Wagen mit frischen Orangen und Zitronen durch die Gassen des Vatikans fahren. Die Händler auf der Piazza Rusticucci versuchten die letzten Früchte ihrer Ernte noch bis in den Abend zu verkaufen. Es fiel niemandem auf, dass einer der Händler sich mit einem Freund abwechselte, der niemand anderes war als Giovanni, der Leibdiener des bekannten Bankiers Agostino Chigi. Nach dem Angelusläuten baute er den Stand ab und fuhr langsam durch die Gassen nach Hause, immer Ausschau haltend nach Kunden, die spät dran waren und ihm noch ein paar seiner Früchte abkaufen würden. Er kam an der Sixtinischen Kapelle vorbei, wo ein paar Kisten mit Werkzeug die Gasse versperrten. Natürlich waren sie vorher mit Bedacht dort platziert worden. Mit lauten Rufen und einigem Getöse machte der Händler auf sich aufmerksam. Michelangelo und Beppo, der Filippos Haus durch den Hinterausgang wieder verlassen hatte, schleppten laut schimpfend die Kisten zur Seite, Beppo stellte sich dann an den Wagen, um einige der Früchte zu begutachten. Er verstellte mit seinem massigen Körper damit die Sicht auf Michelangelo, der mit dem Bild aus der Tür kam und es unter die Plane schob, die über den Karren gebreitet war. Beppo platzierte die Früchte, die er wieder mit lautem Geschimpfe zurücklegte, so, dass die Form des Bildes durch die Früchte nicht zu erkennen war. Der Karren fuhr langsam weiter, als der Weg wieder frei war. Gemächlich rumpelte der Karren durch die Gassen. Als er den Bezirk des Vatikans verlassen wollte, kamen ein paar der Soldaten heran, die Hunger hatten. „Hey! Was hast du da noch so spät auf deinem Karren? Lass doch mal sehen!“, rief ihn ein junger, schlaksiger Soldat an. Der Fahrer wurde eine Spur blasser, ließ sich aber nichts anmerken. „Orangen, Herr, und Zitronen. Leckere Orangen, die letzten dieser Ernte. Wollt ihr kosten? Ich verkaufe sie zum halben Preis.“ Er schlug die Decke an einem Eck zurück und gab den Soldaten je eine Orange zum Probieren. „Zuckersüß und saftig. Immer noch. Halber Preis nur noch. Wollt ihr mir nicht einige davon abkaufen? Eure Kameraden da vorne haben bestimmt auch Hunger. Wie wär’s?“ Giovanni ließ ein Pfeifen hören, er ging auf’s Ganze. „Die Herren Soldaten“ rief er laut. „Ich habe frische Früchte zum halben Preis. Die letzten Orangen dieser Ernte, wieviel darf ich euch verkaufen, ihr feinen Herren? Bessere werdet ihr in ganz Rom nicht finden. Orangen, leckere Orangen, zum halben Preis, kommt her und bringt euer Geld mit!“ lockte der Fahrer. Er hatte den richtigen Ton gewählt. Die Soldaten waren gelangweilt und hatten keine Lust, sich das Geld aus der Tasche ziehen zu lassen. Diejenigen, die sich dem Karren hatten nähern wollen, drehten ab und winkten Giovanni durch. Der gab seinem kleinen Pferd mit den Zügeln einen kräftigen Klaps auf den Hintern und setzte seinen Weg fort. Er verschwand im Gassengewirr von Trastevere und fuhr diverse Umwege, bis er vor dem Frauenkloster Trinità dei Monti stand. Er klingelte und kurz darauf wurde ihm leise das Tor geöffnet.

Auch Francesco hatte das Haus Michelangelos durch den Hinterausgang verlassen. Er war von dort zur Sixtina gelaufen. Die Kapelle kannte er mittlerweile wie seine Westentasche. Deshalb wusste er genau, welche Portale verschlossen waren und welche nicht. An einer kaum einsehbaren Ecke gab es eine kleine, unverschlossene Tür, zu der Francesco eilte, kaum dass er das Eingangsportal der Kirche hinter sich geschlossen hatte. Wer außen herum lief, würde viel länger für den Weg brauchen als er, selbst wenn er wüsste, wo Francesco wieder heraus kommen würde. Schnell verließ er die Kapelle und verschwand in der dunklen Gasse gegenüber. Mit geliehenem Hut und Mantel vermummt verfolgte auch Francesco einen Weg der vielen Richtungswechsel. Er betrat die Kirchen auf seinem Weg durch eine Tür und verschwand durch eine zweite in eine völlig andere Richtung. Das Ziel war auch für ihn das Kloster Trinità dei Monti. Auf unterschiedlichen Wegen trafen schließlich Francesco, Agostino Chigi und der Karren mit dem Bild am Kloster ein. Die Äbtissin erwartete sie im Innenhof. Sie gab Francesco die Hand. „Meister Allieri, nehme ich an. Ich bin Schwester Marjana. Mein Bruder hat mir von euch erzählt und von eurer ungewöhnlichen Bitte. Ich möchte anmerken, dass ich seine Zusage, das Bild in diesen Mauern zu verstecken, etwas dreist und vor allem voreilig finde. Ich stehe diesem Kloster vor und trage Verantwortung für alle Nonnen, die hier leben. Aus diesem Grund will ich selbst das Bild sehen, bevor ich entscheide, ob es hier bleiben kann.“ Der entschiedene Ton der Nonne ließ keinen Zweifel an ihrer Autorität. Selbst Agostino Chigi wurde etwas kleiner bei ihrer Ansprache. Giovanni hatte das verhüllte Bild vom Karren geholt und brachte es nun in den Innenhof, um es dem Maler zu übergeben. Schwester Marjana geleitete Francesco und Chigi in die Kapelle, in der ungewöhnlich viele Kerzen brannten. Sie sollten genügend Licht spenden, um entscheiden zu können, ob das Werk, das Francesco bei sich trug, es wert war, eine Zuflucht in den Mauern des Ordens zu finden. Francesco stellte das Gemälde auf dem Altar ab und schlug den Stoff zurück, der es verhüllt hatte.

*

 

Francesco wusste, dass er sein Bild vielleicht zum letzten Mal betrachten konnte, und nahm seine Einzelheiten noch einmal ganz in sich auf.

Dieses Bild trug Leben in sich, es erzählte die Geschichte der Frau und kündete von ihren Leiden, ihrem Schmerz und ihrer Erniedrigung, aber auch von ihrer Stärke, ihrer Weisheit, ihrer Schönheit und ihrer Lebenslust. Es bezeugte das Mysterium, das sich um die Weiblichkeit rankte, seit Adam und Eva das Paradies verlassen mussten. Jeder einzelne Aspekt, den Francesco beim Malen bedacht hatte, teilte sich mit: die Verletzlichkeit ebenso wie die Zähigkeit, die Fähigkeit zur körperlichen Leidenschaft ebenso wie die Demut der Empfänglichkeit. Sie verkörperte das Leben selbst in all seinen Facetten.

Schwester Marjana sog laut die Luft ein und schien sie anzuhalten, als sie die Frau auf dem Bild betrachtete. Chigi liefen die Tränen über die Wange. Er schien sich dessen nicht zu schämen, offenbar bemerkte er sie kaum. Die Stille in der Kapelle wurde greifbar, als ob sie sich zu einer Atmosphäre voller Energie verdichten würde.

Die Nonne war diejenige, die das Schweigen schließlich brach. Sie räusperte sich: „Dieses Bildnis ist wahrlich … besonders. Ich habe dergleichen noch nie gesehen. Es ist unglaublich und wunderschön.“ Chigi nickte langsam. „Unvergleichlich. Und gefährlich. Meister Allieri, ihr habt etwas Einzigartiges geschaffen. Ich bin bewegt und untröstlich, dass es vermutlich außer uns wenigen Privilegierten niemandem vergönnt sein wird, sich daran zu erfreuen. Es ist in der Tat gefährlich, denn es trägt ein Eigenleben in sich. Die Kirche kann seine Existenz nicht dulden, es erschüttert die Macht des männlichen Prinzips. Mein Gott, Allieri, was für ein Wunder habt ihr da erschaffen!“ rief Chigi aus und brachte es auf den Punkt.

„Sie braucht unseren Schutz“, entschied Schwester Marjana resolut. „Sie?“ fragte Chigi und zwinkerte dabei vergnügt. Seine Schwester nickte. „Femina“, sagte Francesco. „Ich habe sie Femina genannt. Der Ursprung und die Essenz der Weiblichkeit“, erklärte er. „Das passt. Femina also. Wo werden wir sie verbergen?“, fragte die Äbtissin. Da kam Chigi ins Spiel, er deutete auf eine kleine Nische neben dem Altar. Dort war bislang nur Mauerwerk, das auf den Verputz wartete. Francesco und die Nonne sahen sich die Stelle genauer an. „Das könnte passen“, meinte der Maler. „Man kann einen Hohlraum schaffen, der groß genug ist für das Bild.“ Marjana nickte. „Das passt, denn wer immer hier in Anbetung und Gebet vertieft ist, dessen Huldigung gilt auch ihr.“ Ihr Blick auf das Bild war voller Zärtlichkeit. Die beiden Männer sahen die Äbtissin überrascht an.

Das Läuten der Kirchenuhr ließ die drei Gestalten erschreckt zusammenfahren. „Es ist schon spät!“, meinte Schwester Majana. „Wir müssen uns beeilen, damit wir fertig sind, wenn die Nonnen zum Frühgebet kommen.“ Sie ging hinter den Altar, wo die Materialien für die Bauarbeiten lagen. Während die Äbtissin Zement anrührte, holten die Männer die benötigten Ziegel herbei und machten sich daran, in der Nische eine zweite Mauer einzuziehen, die einen Zwischenraum ließ, der groß genug war um das Bild dahinter zu verbergen. Sie arbeiteten schnell und konzentriert. Francesco, der in seiner Ausbildung schon die eine oder andere kleine Wand mauern gelernt hatte, war überrascht vom handwerklichen Geschick des Bankiers, der sich nicht scheute, sich die Hände schmutzig zu machen. Er nickte ihm anerkennend zu und Chigi lächelte. „Was tut man nicht alles für die Kunst und für…“, er überlegte kurz „für die Femina“.

Als sie die kleine Mauer hochgezogen hatten, blieb am Ende noch eine kleine Spalte, durch die das Bild in die Nische gelassen werden konnte. Die drei Menschen sahen traurig zu dem Gemälde hinüber, das bald auf unbestimmte Zeit allen Blicken verborgen bleiben musste. Mit einem Seufzen ging Francesco hinüber zu seinem Werk und hüllte es sorgfältig in den Stoff ein. Als er es vorsichtig durch den Spalt in die Nische hinab ließ, zögerte er kurz und sah seine Begleiter an. Sie verstanden sein Zaudern und ermunterten ihn mit einem Nicken. Francesco dachte an seine Familie und seine Freunde. Er konnte nicht zulassen, dass sie wegen seines Werkes in Gefahr gerieten. Er ließ das Bild los. Mit eine leichten „Plock“ rutschte es auf den Boden der Nische und war nicht mehr zu sehen. Sie brachten ihre Arbeit zu Ende und besahen sich ihr Werk. Genau wie Chigi vorhergesagt hatte, war kaum zu erkennen, dass an der Baustelle etwas verändert worden war. Niemand würde auf die Idee kommen, das Mauerwerk wegzuschlagen. Alles sah wunderbar normal aus. Sie begutachteten ihr Werk und befanden es für gut.

Erschöpft ließen sie sich auf die erste Bankreihe sinken. Stille Traurigkeit breitete sich aus. Wieder war es Schwester Marjana, die das Schweigen brach. „Lasst uns hoffen und beten, dass einmal eine Zeit kommt, in der das Bild der Femina die Menschen ohne Gefahr inspirieren wird.“ Chigi schüttelte langsam den Kopf. „Die Kirche ist stark und die Menschen so schwach“, sagte er trübsinnig. „Aber es werden die Frauen sein, die die Welt verändern“, erwiderte die Äbtissin mit Zuversicht. Chigi betrachtete seine Schwester. „Woher nimmst du nur solche Gedanken?“, fragte er, ohne eine Antwort zu erwarten. Er erhielt dennoch eine: „Na, von ihr“, sie nickte in Richtung der Nische, die das Bildnis der Femina verbarg. „Ich bin schließlich von der gleichen Art“, stellte sie mit Stolz in der Stimme fest und lächelte. Ihre Augen leuchteten. Die beiden Männer sahen sich verwundert an. Chigi murmelte leise: „euer Werk ist vielleicht noch viel mächtiger, als wir dachten. Mag sein, dass es besser im Verborgenen bleibt“, zweifelte er und erntete prompt einen empörten Blick von seiner Schwester. „Die Zeit für Femina wird kommen. Und es wird eine Zeit sein, da Frauen stolz sein werden, eine Frau zu sein. Irgendwann…“. Ihre Stimme, von einer unbestimmten Sehnsucht durchdrungen, verlor sich in der Dunkelheit der Kapelle.

 

Der Schrecken des Kerkers

Die Dämmerung war schon angebrochen, als Francesco endlich nach Hause kam. Er freute sich auf sein warmes Bett und darauf, seine Frau in den Arm nehmen zu können, doch als er die Haustür öffnete, standen mehrere Männer in seinem Salon. Elena saß verängstigt am Tisch, mit ihrer schlafenden Tochter in ihrem Arm. Die Männer standen im Raum und sahen ihm entgegen, als er sein Haus betrat. Noch bevor er fragen konnte, was um Himmels Willen sie in seinem Haus zu suchen hatten, trat hinter einem der Männer ein weiterer hervor, bei dessen Anblick Francesco die Nackenhaare zu Berge standen. „Meister Allieri! So früh schon auf? Oder sollte ich sagen: so spät?“ Ein hämisches Grinsen verzerrte das Gesicht von Georgius de Casali, Inquisitor von Cremona. Francesco bemühte sich um Fassung und sprach so freundlich wie möglich. „Casali! Was treibt euch so früh aus dem Bett, dass ihr unschuldigen Leuten den Schlaf raubt?“

„Ob unschuldig oder nicht, muss sich erst noch zeigen.“ Er hatte eine Reitgerte in der Hand, mit der herumfuchtelte, wenn er sich nicht gerade daran festhielt. „Nun, Maestro, habt ihr keine Antwort auf meine Frage? Woher kommt ihr?“ Francesco blickte zu seiner Frau, die ihn mit großen Augen ansah. Eine kaum wahrnehmbare Bewegung des Kopfes sagte ihm, dass sie ihnen nichts von seiner nächtlichen Aktion verraten hatte. Francesco schaute Casali in die Augen. „Ich wüsste nicht, was euch das angeht“, versetzte er.

Mit dieser Entgegnung hatte er dem Inquisitor allerdings eher einen Gefallen getan. Er verzog seine dünnen Lippen zu einem Lächeln. „Nun, das geht mich, bzw. die Kirche, sehr wohl etwas an. Aber sorgt euch nicht, wir haben noch jeden zum Sprechen gebracht.“ Casali gab mit einer Handbewegung, als ob er eine lästige Fliege verjagen würde, das Zeichen, das die Männer dazu veranlasste, Francesco gewaltsam mit sich zu zerren. Er wehrte sich nicht, sah nur Elena an, die weinend dasaß und Estella an sich drückte. „Mach dir keine Sorgen, ich komme bald wieder“, versuchte er sie zu beruhigen. Was hätte er dafür gegeben, sie noch einmal in die Arme zu nehmen. Doch die Schergen der Inquisition stießen ihn grob vorwärts aus der Tür und stiegen dann mit ihm auf einen Karren, der auf der Straße bereit stand. Die Menschen, an denen der Karren mit Francesco vorbei kam, sahen nur kurz die Männer an und bekreuzigten sich. Francesco war nicht sicher, ob sie vor ihm oder vor den Männern Angst hatten. Der Karren fuhr kreuz und quer durch die römischen Straßen. Vor der Kirche San Giuseppe dei Falegnami hielten sie an. Die Kirche war schon alt und halb verfallen, Francesco konnte es kaum glauben, als er in das Gebäude geführt wurde. Es war eine Kirche, doch es war gleichzeitig auch ein Kerker und damit die in Stein gehauene Macht und Strenge der Kirche. Casali stellte sich vor Francesco auf und lächelte ihn triumphierend an. „Wir haben dich, du Ketzer, jetzt bekommst du die Unterkunft, die dir zusteht.“ Seine leise Stimme und das dünne Lächeln, bei dem seine Lippen sich zu einem Strich formten, ließen Francescos Nackenhaare senkrecht stehen. Casali gab zwei Männern ein Zeichen und verließ mit einem letzten Blick auf den Maler die Kirche. Einer der Männer zündete zwei Fackeln an und gab eine davon dem Mann, der Francesco festhielt.

Die Männer brachten Francesco zwei steile Treppen nach unten, wo kein Tageslicht mehr vordringen konnte. Die Stufen aus gestampftem Lehm wurden immer feuchter und glitschiger, die Luft roch feucht und muffig. Sie zogen Francesco schweigend mit sich, mittlerweile mussten sie sich tief unter der Erde befinden. Am Ende eines Ganges wurde eine schwere Tür aufgeschlossen und Francesco in den dunklen Raum gestoßen. Danach wurde die Tür geschlossen, das flackernde Licht der Fackeln verschwand und hinterließ undurchdringliche Dunkelheit. Francesco konnte nichts erkennen und blieb deshalb stehen, wo er war und wartete, bis sich seine Augen an die Dunkelheit gewöhnt hatten. Es stank nach Urin, Fäulnis und undefinierbarem Unrat. Francesco versuchte mit einiger Anstrengung, seine aufsteigende Panik zu bekämpfen. Es hatte keinen Sinn, nun durchzudrehen.

Es dauerte eine ganze Weile, bis das Dunkel um ihn herum sich in diffuse, dunkelgraue Schattierungen unterscheiden ließ. Langsam ließ die Anspannung nach und die Erschöpfung der schlaflosen Nacht überwältigte Francesco. Er tastete sich vor, bis er eine Wand spürte, an der er sich auf den Boden sinken ließ. Er schloss die Augen und überließ sich bereitwillig dem Erschöpfungsschlaf.

*

 

Elena weinte. Nur ihre kleine, schlafende Tochter auf dem Arm bot ihr etwas Trost. „Sie haben ihn einfach mitgenommen und ich weiß noch nicht einmal wohin“, jammerte sie. Beppo legte ihr tröstend seine große Hand auf ihre bebenden Schultern. Er war froh, dass sie ihr Gesicht in den Händen barg, so konnte sie seinen eigenen Schrecken, der ihm ohne Zweifel deutlich ins Gesicht geschrieben stand, nicht sehen. Er wollte nichts wie weg, seine Sorgen Michelangelo mitteilen, doch er konnte Elena in ihrer Verzweiflung nicht alleine lassen.

Er half ihr, sich zu erheben und geleitete sie in ihre Schlafkammer. Er brachte sie dazu, sich mit Estella auf das Bett zu legen. Auch Elena hatte in der vergangenen Nacht kaum ein Auge zugemacht. Es dauerte nicht lange, da hatte sie sich in einen tiefen Schlaf geweint. Beppo betete, dass Estella ihre Mutter noch lange würde schlafen lassen. Er schloss leise die Tür zur Schlafkammer und verließ das Haus.

Wenig später saß er mit Michelangelo in der Sixtina und berichtete ihm von der Verhaftung Francescos. Der Maestro hörte mit ernstem Gesicht zu und nickte hin und wieder. „Wir müssen etwas tun, Meister, aber ich weiß einfach nicht was“, seufzte Beppo. „Aber ich weiß es. Ich werde sofort diesen Bankier aufsuchen, auf den Francesco so große Stücke hält.“ Michelangelo zog sein mit Farbe bekleckertes Hemd aus, ein leidlich sauberes über und machte sich auf den Weg zur Villa von Chigi. Dort wurde er allerdings mit den Worten, der Herr des Hauses sei nicht zugegen, abgewiesen. „Das ist doch die Höhe! Der feine Mann ist doch nur im Bett und schläft sich aus.“ Michelangelo zog zähneknirschend wieder ab um ein paar Stunden später wieder zu kommen. Die Verzögerung hatte seine Laune nicht gerade verbessert und so war Michelangelo ausgesprochen ungehalten, als er Chigi von der Festnahme des Malers Francesco Allieri erzählte. Bei allem Ärger, der nichts anderes war als versteckte Angst um das Wohl seines Freundes, vergaß er fast, dass Chigi selbst auf ihrer Seite stand und sich mit Francesco die Nacht um die Ohren geschlagen hatte, um sein Bild in Sicherheit zu bringen.

Gemeinsam berieten sie, was getan werden konnte, um in Erfahrung zu bringen, wohin sie Francesco gebracht hatten und um seine Freilassung zu erwirken.

*

 

Als Francesco aufwachte, wusste er erst nicht, was los war und brauchte einige Sekunden für die Erklärung des Umstandes, dass er trotz offener Augen so gut wie nichts sah. Kälte und Feuchtigkeit ließen ihn zittern, er schlug die Arme um seinen Körper und versuchte das Zähneklappern zu unterdrücken. Er hatte Hunger und Durst. Seit gefühlt etwa 24 Stunden hatte er nichts mehr gegessen und die Zunge klebte trocken an seinem Gaumen.

„Ist hier jemand!?“, rief er ins Dunkel. Es hätte ja sein können, dass noch eine weitere arme Seele hier schmachtete. Aber nein, eine Antwort blieb aus, es war nur still, kalt, feucht und es stank. Francesco hatte keinerlei Zeitgefühl, er konnte nicht sagen, wie lange er wohl geschlafen hatte. Er machte sich große Sorgen um Elena und ihr Kind. Oft wurde auch den Angehörigen der wegen Ketzerei angeklagten Menschen der Prozess gemacht. Die Unwissenheit darüber, ob es seiner Familie gut ging, war für ihn fast noch schlimmer als die Umstände seiner Gefangenschaft. Angestrengt versuchte er, in der Finsternis um ihn herum etwas wahrzunehmen. Er konnte es nicht mit Bestimmtheit sagen, aber es sah so aus, als ob er sich in einem runden Verlies befand. Die Kirche San Giuseppe dei Falegnami war ganz sicher keine gewöhnliche Unterbringung für Gefangene der Kirche. Casali schien kein Aufsehen erregen zu wollen, vielleicht hatte er auch etwas anderes mit Francesco vor. Er stutzte. Irgendwas hatte er eben gehört. Das Geräusch wiederholte sich. Es war eine Tür, die geöffnet und wieder geschlossen wurde. Schritte waren zu hören. Francesco machte sich nicht bemerkbar, er wusste nicht, ob diese Schritte etwas Gutes zu bedeuten hatten. Jemand machte sich an der Tür zu schaffen, öffnete sie kurz und stellte etwas in den Raum. Francesco konnte nur einen Arm und eine Männerhand sehen, die ein Tablett trug. Ohne ein einziges Wort wurde die Tür wieder geschlossen und die Dunkelheit, die eben kurz von einer brennenden Fackel erleuchtet worden war, wurde wieder schwarz und undurchdringlich. Francesco tastete sich vorsichtig zur Tür und suchte nach dem Tablett, das dort abgestellt wurde. Er fand einen Becher mit Wasser, das er mit einem Schluck hinunterspülte. Er bereute es, sobald das Wasser getrunken war. Das Stück Brot, das trocken und hart auf dem Tablett lag, konnte er kaum zerkleinern, so hart war es. Frustriert ließ er es zurück auf das Tablett fallen. Francesco seufzte. Angst schnürte ihm die Kehle zu. Er versuchte sich selbst Mut zu machen. Solange man ihm etwas zu essen und zu trinken brachte, wollte man ihn nicht umbringen. Jedenfalls nicht sofort. Allerdings war das, was er über die Arbeit der Inquisition gehört hatte, nicht dazu geeignet, ihn zu beruhigen. Grausame Dinge wurden denjenigen angetan, von denen man glaubte, sie wären mit dem Teufel im Bunde.

*

 

Elena trat nervös von einem Bein auf das andere. Sie sah sich nach Beppo um, der eingeschüchtert auf der Bank saß und mit großen Augen die Malereien in dem kleinen Salon betrachtete, in dem sie warten sollten. Elena hatte Estella bei Matilda in Obhut gegeben, ihr bestes Kleid angezogen und war mit Beppo als Begleitung zum Vatikan gelaufen. Sie bat um eine außerordentliche Audienz bei Seiner Heiligkeit.

Man hatte sie mit überraschter Herablassung angesehen und nun ließ man sie in einem kleinen Salon warten. Dort saßen sie nun schon geraume Zeit, man schien sie vergessen zu haben oder machte sich einen Spaß daraus, sie grundlos warten zu lassen. Doch wie lange Elena warten musste, war ihr egal, es zählte nur, dass sie überhaupt vorgelassen werden würde. Die Wahrscheinlichkeit war gering, doch Elena hoffte, dass Seine Heiligkeit sich an sie als Begleiterin von Katharina von Aragon erinnern würde. Sie hoffte auch, dass er sich an Francesco als den Maler des Portraits ihrer Herrin erinnerte. Und sie betete, dass er in huldvoller Stimmung war.

Nach mehr als zwei Stunden Wartezeit wurde sie tatsächlich von einem Bediensteten abgeholt und zu einem Salon geführt, wo sie erneut warten sollte. Beppo wurde angewiesen, vor der Tür zu warten und so stellte er sich treu und brav dort auf. „Viel Glück!“, raunte er Elena zu, als sie durch die Tür trat und sie bedachte ihn mit einem dankbaren Lächeln, bevor sie den Salon betrat.

Auf einem großen, prunkvollen Sessel saß Seine Heiligkeit, Papst Julius II und sah ihr mit einem Lächeln entgegen. Sie trat auf ihn zu, verbeugte sich tief und küsste den Papstring. „Nun, Signora Allieri, ich muss sagen, ihr habt Mut, hierher zu kommen, aber ich mag mutige Menschen.“ Elena sah ihn überrascht an und bemerkte erst jetzt den zweiten Mann, der mit etwas Abstand neben Seiner Heiligkeit stand. Elena wurde blass, sie war auf alles gefasst gewesen, aber nicht auf Georgius de Casali. Ohne Zweifel hatte Casali die Zeit genutzt und dem Papst von seiner Version der Geschichte der Verhaftung ihres Mannes berichtet. Sie rang um Fassung, doch als sie sich wieder Seiner Heiligkeit zuwandte, sprach sie voller Überzeugung:

„Eure Heiligkeit, es muss sich um ein schreckliches Missverständnis handeln. Mein Mann hat nichts Unrechtes getan. Ihr habt ihn kennengelernt, Herr, er ist ein einfacher Maler und tut nichts anderes als Auftragsbilder zu malen, um mit seinem Einkommen die Lebensgrundlage für uns als Familie zu verdienen.“ Das Gesicht von Julius II ließ keine Regung erkennen. „Ihr irrt, verehrte Dame“, entgegnete Casali, den Elena zu ignorieren versuchte. „Ihr Gatte versucht mit seiner Kunst die Lehre Jesu Christi zu untergraben. In seinen Bildern verherrlicht er die Frauen und versucht, ihnen eine Macht einzuflößen, die sie nicht haben, und die ihnen auch nicht zukommt.“ Casalis Ton wurde mit jedem Wort strenger. Elena sah ihn immer noch nicht an. Ihre Augen waren bittend auf Julius II gerichtet, als sie auf ihre Knie sank. „Ich flehe euch an, Eure Heiligkeit, ihr habt selbst das Portrait von Katharina von Aragon gesehen und ihr habt geruht, es zu loben. Ich bitte euch: erinnert euch daran. Da war nichts, was die Macht Jesu Christi oder der Kirche in Frage stellt.“

Die Züge Seiner Heiligkeit wurden weicher. Er liebte Demutsbezeugungen von schönen Damen. Doch bevor er sprechen konnte, trat Casali einen Schritt hervor. „Das mag bei diesem Portrait der Fall sein, etwas anderes ist es bei seinem Werk, das in der Kirche San Bernardino vor aller Augen die Sünderin Maria Magdalena wie eine ehrbare Frau darstellt. Und nicht nur das, er hat sie mit einer Aura der Göttlichkeit versehen, die Frauen dazu verführen könnte zu glauben, sie wären nicht der Grund und die Ursache für alle Sünden auf dieser Welt.“ Casalis Augen blitzten, blanker Hass sprach daraus und erschreckte Elena. Casali, so sah sie in diesem Moment, war zu allem fähig. Er hatte sich Francesco als Bösewicht ausgesucht und würde wohl nur allzu gerne auch sie und ihre Tochter auf den Scheiterhaufen schicken. Hilfesuchend sah sie Julius II an. „Glaubt mir, Eure Heiligkeit, das hat Francesco nie und nimmer so gemeint. Die Aussage des Bildes ist eine ganz andere.“ Noch während sie sprach, arbeitete ihr Verstand fieberhaft. „Er hat sie als Heilige gemalt, zu der sie wurde, weil Jesus ihr seine Gnade zu Teil werden ließ. Deshalb ist der Erlöser selbst in voller Größe gemalt und bildet das Zentrum des Gemäldes.“ Elena hatte mit großer Leidenschaft gesprochen und holte erst einmal tief Luft. Sie konnte sehen, dass sie es zumindest geschafft hatte, den Standpunkt Seiner Heiligkeit ins Wanken zu bringen und schöpfte ein wenig Hoffnung. Sie blieb wohlweislich in ihrer knienden Demutshaltung, während der Papst sich die Angelegenheit durch den Kopf gehen ließ. Casali war allerdings nicht geneigt, Elena das letzte Wort zu überlassen. „Eure Heiligkeit, das kann ich so nicht…“ Julius II schnitt ihm mit einer energischen Handbewegung das Wort ab. Casali schnappte hörbar nach Luft, schwieg aber, was ihn erkennbare Mühe kostete.

„Nun denn, ich habe beide Seiten gehört. Nun werde ich mir einige Gedanken dazu machen. Allein.“ Das letzte Wort betonte er in einer Weise, die keine Zweifel dazu ließ, dass die Unterredung für beide Gäste zu Ende war. Wie auf Befehl öffneten sich beide Türen des Salons. Beppo tauchte mit erwartungsvoller Miene dort auf, wo Elena den Raum betreten hatte. Sie stand auf und vollführte einen tiefen Hofknicks vor Seiner Heiligkeit, bevor sie sich umdrehte, um den Salon zu verlassen. Ihr Blick begegnete dem von Georgius de Casali. Er sah sie hasserfüllt an und ihr wurde kalt. Sie hatte sich diesen gefährlichen Mann mit diesem Treffen endgültig zum Feind gemacht. Sie verbeugte sich auch vor Casali, der die Geste aber als Verhöhnung zu deuten schien, denn er sog die Luft durch zusammen gebissene Zähne ein, so dass es wie ein giftiges Zischen klang. Er ging energischen Schrittes an ihr vorbei und verließ den Raum, ohne ihr weitere Beachtung zu schenken.

Auf dem Rückweg erzählte Elena von ihrer Unterredung mit den beiden Männern. Beppo rollte mit seinen Augen, als sie wiedergab, was Casali gegen Francesco vorzubringen hatte. Es hätte wirklich drollig ausgesehen, wenn die Umstände nur nicht so ernst gewesen wären. Elena hätte weinen mögen, doch sie wusste, sie musste stark sein: für Francesco und für ihre kleine Estella.

Also riss sie sich zusammen und machte sich auf den Weg zur Sixtinischen Kapelle, wo sie damit rechnete, Michelangelo anzutreffen. Sie lag richtig, der Meister war dabei, mit grimmig energischen Pinselstrichen freihändig seinen Noah an die Decke der Sixtina zu malen. Elena wollte ihn nicht in seiner Konzentration stören. Sie wusste von Francescos Arbeit, wie wichtig es war, die Gedanken nicht zu stören, wenn die Farbe auf das Fresko aufgetragen wurde. Ließ der Maler sich durch Störungen aus der Konzentration bringen, konnte es sein, dass das gesamte Tagwerk durch einen unbedachten Pinselstrich zerstört wurde. Das bedeutete, die Arbeit eines ganzen Tages musste wieder abgeschlagen und von neuem begonnen werden. Aus diesem Grund hütete sich Elena, Michelangelo anzusprechen. Sie setzte sich auf einen Stuhl, der herum stand und wartete darauf, dass der Meister eine Pause machte. Dabei gingen ihr tausend Gedanken durch den Sinn. Sie hatte Zeit, sich ihre Situation genau zu überlegen und fasste so manchen Entschluss.

Tatsächlich dauerte es mehr als eine Stunde, bis Michelangelo seinen Gast bemerkte. Er beendete seine Arbeit und kletterte zu ihr hinab. Sie war immer noch in ihren Gedanken versunken und bemerkte den Meister erst, als er mit einem Stuhl in der Hand zu ihr kam und sich setzte. Er sah sie ernst an und sie begegnete seinem Blick. Ohne Worte zu wechseln wussten beide: die Lage war ernst. Francesco hatte einflussreiche Feinde, denen sich kaum jemand in den Weg stellen würde. Nicht einmal der Papst selbst mischte sich üblicherweise in die Arbeit der Inquisition ein.

Sie erzählten sich von ihren Bemühungen, Fürsprecher für Francesco zu finden. Als Elena davon berichtete, dass auch Casali bei ihrer Unterredung mit dem Papst anwesend und letztendlich sehr aufgebracht gewesen war, runzelte Michelangelo die Stirn. Er machte sich Sorgen.

*

 

„Schnell, je früher wir hier weg sind, desto besser.“ Beppo stand in der Tür und machte Elena ganz nervös. Sogar Estella wurde unruhig, also nahm Elena sie zärtlich hoch und drückte Beppo ihre kleine Tochter auf den Arm. Sie gedieh prächtig und lachte Beppo fröhlich an. Wie immer wurde Beppos Gesicht ganz weich und er sprach mit Estella in ihrer eigenen Kindersprache. Das gab Elena die Zeit und den Raum, den sie brauchte, um ihre restlichen Sachen zu packen. Am Ende sah sie sich traurig um. In diesem Haus hatte sie das Glück gefunden und sich so geliebt und geborgen gefühlt wie noch nie in ihrem Leben. Es fiel ihr sehr schwer, diesen Ort, ihr Zuhause, aufzugeben. Es wurde zu gefährlich für sie, hier zu bleiben. Sie musste an Estella denken und Zuflucht nehmen an einem Ort, der mehr Sicherheit und Verschwiegenheit in Zeiten der Gefahr bot. Elena wusste, dass sie Wege finden musste, ihre Gegner auszutricksen oder ihnen zu entfliehen. Sie waren zu hasserfüllt und einflussreich, um eine friedliche Lösung zu suchen.

Sie atmete tief ein, blickte sich noch ein letztes Mal um und verließ mit Estella und Beppo ihr Zuhause. Mit all ihren Sachen auf einem kleinen Karren fuhr sie mit Beppo durch die engen Gassen der heiligen Stadt. Es war viel los, denn Rom feierte das Pfingstfest. Das war genau der richtige Tag um im Gewimmel der Straßen unter den wachsamen Augen von Spitzeln verloren zu gehen. Deshalb wählten sie ihren Weg danach, wo am meisten Menschen waren und stürzten sich mit Sack und Pack ins allgemeine Gedrängel. Aus diesem Grund dauerte es ungewöhnlich lange, bis die kleine Gruppe schließlich im Kloster Trinità dei Monti eintraf. Leider trennten sich nun auch die Wege von Elena und Beppo. In dem Frauenkloster war für ihren treuesten Freund leider kein Platz. Doch Beppo wusste schon, wo er eine sichere Unterkunft finden konnte. Filippos Schwester wohnte etwas außerhalb der Stadt und war eine begnadete Köchin. Es würde ihm also nicht schlecht dort ergehen. Dennoch verabschiedeten sie sich schweren Herzens. In diesen unsicheren Zeiten wären sie gerne zusammen geblieben. So aber fügten sie sich ins Unvermeidliche und vereinbarten, über Boten regelmäßig in Verbindung zu bleiben.

Freundliche Nonnen brachten Elena und ihre Tochter in eine Gastzelle. Elena packte ein paar Dinge aus und begab sich anschließend zur Kapelle, um beim Abendgebet dabei zu sein. Als die Nonnen nach dem Gebet die Kapelle verließen, blieb die Äbtissin zurück um Elena willkommen zu heißen. Sie lächelte und streichelte Estella über die Wange. „Sie waren also das Modell für die Femina. Ich bewundere euren Mann, er ist ein großer Meister und wohl auch ein besonderer Mensch.“ Elena war überrascht von der vertraulichen Ansprache der Nonne. Aber es tat ihr gut, endlich einmal wieder mit einer Frau zu sprechen, insbesondere in solch unsicherer Lage. Die beiden Frauen waren sich schnell sympathisch und unterhielten sich angeregt bis tief in die Nacht. Als Elena schlafen ging, kamen die Sorgen wieder. Sie wusste weder, wo Francesco war, noch wie es ihm ging. Genau genommen wusste sie nicht einmal, ob ihr Mann noch am Leben war. Sie weinte und betete, bis sie schließlich erschöpft einschlief.

*

 

Francesco hatte mittlerweile jedes Gefühl für Zeit verloren, für ihn war es eine Ewigkeit, die er bereits hier in diesem Kerker schmachtete. Hin und wieder bekam er einen Becher Wasser und etwas Brot gebracht. Schweigend. Das Brot, das er am Anfang noch verschmäht hatte, aß er später gierig, als es bereits schimmelig und von den Ratten angefressen war. Eine Zeitlang versuchte er mit Selbstgesprächen die Stille zu vertreiben, die sich lärmend auf seine Ohren legte. Er sang alle Lieder, die er kannte und summte, was ihm in den Sinn kam. Doch irgendwann blieb er stumm, er resignierte.

Um den Gestank, den Hunger und die Angst zu vergessen, hatte er angefangen, sich Bilder und Momente in Erinnerung zu rufen, die er erlebt hatte. Meist träumte er von Elena, oft auch von Estella, mitunter dachte er sich Geschichten aus, Hauptsache: sein Geist war beschäftigt. Was anfangs schwierig war, weil Kälte, Hunger und Dunkelheit sich unbarmherzig in sein Denken schlichen, um es zu dominieren und zu quälen, wurde zu einer Übung, die Francesco immer leichter fiel. So verbrachte er Stunden, Tage und Wochen damit, seinen Geist ins Reich der Tagträume zu schicken.

Als sich wieder einmal die Zellentür öffnete, reagierte Francesco erst gar nicht. Er rechnete mit der üblichen Ration Wasser und Brot, doch ein Mann trat ein und sprach ihn an. Francesco zuckte zusammen, so sehr erschreckte ihn nach all der Zeit der Klang einer anderen menschlichen Stimme. „Francesco Allieri, ihr werdet zur ersten Anhörung erwartet.“ Das Licht der Fackel blendete ihn so sehr, dass Francesco die Augen schließen musste. Als er versuchte aufzustehen, kam er ins Straucheln. Er wurde am Arm hoch gezogen und aus der Zelle geführt. Dort erwartete ihn ein zweiter Mann, der den dunklen Gang entlang voraus ging. Francesco wurde in einen Raum geführt, in dem an einem großen Tisch zwei Männer saßen, beide mit den Kutten der Kirchenmänner angetan. Einer von beiden war Casali, was Francesco Übles fürchten ließ. Er selbst wurde angewiesen, sich auf einen Hocker zu setzen, der dem Tisch gegenüber stand. Francesco sah sich blinzelnd um, das Licht empfand er nach all der Zeit im Dunkeln immer noch als sehr grell. Dieser Raum musste sich ebenfalls weit unter der Erde befinden, denn er hatte keine Fenster und der muffige, feuchte Geruch war auch hier präsent.

„Francesco Allieri, das seid ihr, ist das richtig?“, fragte der zweite Mann in unbeteiligtem Ton. Francesco nickte. „Ja, das bin ich“, bestätigte er. Der Mann notierte etwas auf seinem Pergament und nickte. „Ihr seid angeklagt der Hexenverehrung und der Ketzerei, Meister Allieri. Was sagt ihr dazu?“ Francesco schüttelte ungläubig den Kopf. „Ich bin unschuldig, solche Dinge habe ich natürlich nicht getan, wieso auch!? Das ist ungeheuerlich.“ Er versuchte, Festigkeit in seine Stimme zu legen.

Casali stand auf und trat vor den Tisch. „Was ist das dann für eine Technik, mit der ihr eure Bilder malt? Besonders Frauen“, er holte Luft, als müsse er sich in seinem Entsetzen fassen. Casalis Stimme wurde schneidend, als er fortfuhr. „Frauen stellt ihr in einer Art dar, die ihnen nicht zukommt. Ihr verklärt sie geradezu. Das ist Verehrung, nichts anderes. Und wir wissen alle, dass die Frau die Sünde in die Welt gebracht hat. Die Frau zu verherrlichen ist gleichbedeutend damit, die Sünde zu verherrlichen.“ Die Worte donnerten auf Francesco nieder. Er senkte den Kopf, denn er wusste nichts zu erwidern. Die Welt so zu sehen bedeutete, dass jeder Mann, der eine Frau liebte, seine Seele dem Höllenfeuer übergab. Was sollte Francesco dazu sagen können, das ihn nicht noch mehr belastete? Casali war jedoch noch nicht fertig. „Es gibt mittlerweile zahlreiche Bilder, die beweisen, dass ihr den Teufel in der Hülle der Frau verehrt, Meister Allieri! Es ist zwecklos zu leugnen.“

Schweigen beherrschte den Raum. Die Anklage war kurz und niederschmetternd. Francesco versuchte, besonnen zu bleiben. „Er hob den Kopf und sah den Mann neben Casali an, in der Hoffnung, eine etwas menschenfreundlichere Seele in ihm zu finden und ein offenes Ohr. „Herr, ich habe gemalt, denn ich bin von Beruf Maler. Ich habe gemalt, was mir als Auftrag erteilt wurde. Wenn ich Frauenportraits malen sollte, habe ich das getan und habe die Frauen jeweils ansprechend dargestellt, weil ich doch Geld für meine Arbeit zu bekommen hoffte.“ Ein Funke Hoffnung entzündete sich in Francesco, als er in der Miene des Mannes, der über sein Geschick entscheiden sollte, Verständnis zu sehen glaubte. Die Stimme Casalis wurde zu flüssiger Säure, als er bemerkte: „Dann tut ihr offenbar alles für Geld. Nun, auch das ist interessant. Francesco schüttelte den Kopf. „Ich male für Geld. Das ist nicht verwerflich, es gibt hunderte Maler wie mich in Rom.“

Casali sah Francesco mit einer Mischung aus Überraschung, Ärger und Verachtung an. Dann wandte er sich an den zweiten Mann, der nach wie vor hinter dem Tisch saß. „Ein Angeklagter, der um keine Antwort verlegen ist“, ätzte er. „Doch wer gibt ihm all die geschickten Worte ein, die sein jämmerliches Leben retten sollen!? Seine Seele ist offenbar bereits verdammt. Darüber hinaus hat er ein ganz besonderes Bild gemalt, das keine Auftragsarbeit war. Das Bild einer Frau, die ihr wie eine Göttin dargestellt habt!“ Der Inquisitor holte Luft, er hatte sich in Rage geredet. Francesco hoffte, dass auch der Mann hinter dem Tisch erkannte, was ihm nun klar wurde.

„Ein solches Bild existiert nicht. Was wollt ihr mit einem Bild beweisen, das es gar nicht gibt? Dann ist es wohl auch egal, was ich sage? Ihr habt doch schon beschlossen, mich zu verurteilen, noch bevor ich durch diese Tür gekommen bin.“ Francesco sah die beiden Männer an. Ihm war völlig klar, dass er hier um sein Leben kämpfte und dass es gar nicht gut um ihn stand. Casali trat dicht vor Francesco. „Der Wurm windet sich und kämpft. Und ich sage: dieses Bild gibt es. Aber glaubt mir: ich werde es finden und wir werden dafür sorgen, dass ihr die Welt nicht mehr mit euren lästerlichen Bildern verderbt!“ Sein Gesicht war eine Fratze und aus Casalis Augen sprühte der Hass. Francesco fragte sich, womit er solche Gefühle in diesem Mann hervorgerufen hatte. Hilflos sah er ihn an und schüttelte den Kopf. „Ich habe nichts Unrechtes getan. Ich bin unschuldig!“ Es war ein Aufschrei, denn Francesco war nun sicher, dass Casalis Haltung und Absicht fest stand: Francesco war schuldig und nichts, was er sagte, konnte daran etwas ändern. Wieviel der zweite Mann am Tisch zu sagen hatte, war Francesco allerdings nicht klar. Ihn versuchte er mit seinem Appell zu erreichen.

Casali jedoch hatte genug. Er gab dem Soldaten hinter Francesco und einem weiteren im hinteren Teil des Raumes einen Wink. Francesco wurde wieder hoch gezogen und zu einer weiteren Tür geführt, die der zweite Soldat öffnete. Francesco riss die Augen auf, er wurde schwach und seine Knie gaben nach, so dass der Soldat, der ihn führte, ihn gleichzeitig stützen musste. Er wurde in eine Folterkammer geführt und dort auf einen Stuhl gesetzt. Francesco atmete zu schnell, der Schweiß lief ihm übers Gesicht. Casali betrachtete seine Reaktionen mit einer gewissen Genugtuung.

*

 

Elena saß in der Kapelle des Klosters Trinità dei Monti. Sie betete und dachte über ihre Situation nach. Sie war nun schon zwei Wochen hier im Kloster, Estella ging es gut hier, sie war der erklärte Liebling der Nonnen, die sich immer gerne um die Kleine kümmerten, wenn Elena in der Kapelle betete oder im Gespräch mit Schwester Marjana war. Obwohl sie einerseits die Gesellschaft der Nonnen, insbesondere der Äbtissin, genoss, war sie doch zutiefst besorgt um Francesco. Immer noch hatte sie keinerlei Nachricht von ihm oder seinem Befinden. Sie wusste weder, wo er war, noch wie es ihm ging. Immer noch nicht.

Ihre Unterredung mit Seiner Heiligkeit, Julius II, hatte bislang keinerlei Erfolg gezeigt. Julius II rüstete sich für einen Kriegszug gegen die Venezianer und die Franzosen. Er hatte wenig Zeit, um sich zu einem jungen, noch mäßig bekannten Maler Gedanken zu machen. Auch der Bankier Chigi stieß auf taube Ohren, wo immer er versuchte, ein gutes Wort für Francesco einzulegen. Niemand mischte sich gerne in die Angelegenheiten der Inquisition ein. Michelangelo versuchte immer noch, alle Kontakte zu nutzen, die ihm einfielen, um seinem Freund zu helfen. Beppo hingegen lief in diesen Tagen stets mit unglücklichem Gesicht herum. Er war untröstlich, nichts für Francesco tun zu können. Seine Kraft und Treue halfen nicht, wo Hass und Fanatismus regierten.

Elena hörte Schritte und sah sich um. Schwester Marjana kam den Mittelgang der Kapelle entlang und setzte sich zu ihr. In der letzten Zeit hatten sie viele Gespräche geführt und sich angefreundet. Sie hatten sich viel über ihr jeweiliges Leben erzählt und über ihre Erfahrungen in dieser Welt der Männer. Marjana interessierte sich sehr für das Leben in Spanien und bei Hofe. Elena erzählte ihr von Katharina von Aragon und ihre gemeinsame Kindheit. Sie erzählte vom Schicksal ihrer Herrin und von den Gründen ihrer Reise nach Rom. Marjana wiederum schilderte ihr Leben in einer armen Familie, von ihrem Bruder, der durch sein Geschick im Umgang mit Menschen und mit Geld schnell zu einem der reichsten Bürger Roms geworden war. Sie erzählte davon, dass sie mit einem Bäcker verheiratet worden war. Er war ein grober Mensch gewesen, der sie mit Geringschätzung behandelt hatte. Sie hatte vier unglückliche Jahre mit ihm verbracht, bis er im fünften Sommer einem Fieber erlag und starb. Marjana hatte keine Kinder aus ihrer Ehe und bat ihren Bruder, der mittlerweile reich und einflussreich geworden war, ihr zu ermöglichen, in ein Kloster zu gehen. Er musste dafür eine nicht ganz unbeträchtliche Mitgift bezahlen, doch er tat es ohne zu zögern und dafür war Marjana ihm immer noch sehr dankbar. Sie liebte die Arbeit im Kloster und das Leben in Zurückgezogenheit.

Marjana hatte erzählt, dass sie Francescos „Femina“ gesehen hatte und sie bekannte, dass dieses Bild sie mehr berührt hatte, als sie jemals für möglich gehalten hätte. „Es hat mich in gewisser Weise daran erinnert, wer ich bin. Ich sehe seitdem viele Dinge klarer und ich sehe vor allem mich selbst anders. Ich kann nur sagen, dass ich dankbar bin, zu den wenigen Menschen zu zählen, die es betrachten durften.“ Die Aufrichtigkeit dieser Aussage war Marjana ins Gesicht geschrieben.

*

 

Francesco schrie. Sein ganzer Körper rebellierte und zuckte im Schmerz, durch seinen Kopf zuckten grelle Blitze und die Welt schien zu explodieren. Casali stand neben ihm und auf sein Nicken hin ließ der Schmerz nach. Die Daumenschrauben waren ein klassisches Mittel um Menschen, die der Ketzerei beschuldigt wurden, jedes Geständnis zu entlocken, das man von ihnen hören wollte. Casali fand es insgeheim ausgesprochen passend, um nicht zu sagen: raffiniert, diesem Maler seine Finger zu zerquetschen. Selbst wenn er überleben würde, wäre er wohl nicht mehr im Stande, seine unselige Arbeit fortzuführen.

„Gesteht endlich eure schändlichen Taten. Ihr seid mit dem Teufel im Bunde und verehrt ihn in der Verkörperung von Frauen, ist es nicht so?! Wo ist das Bild der Göttin?!“ Francesco war speiübel. Er keuchte und schüttelte den Kopf, seine Stimme funktionierte schon lange nicht mehr. „Nun denn, wer nicht hören will…!“ Casali lächelte und Francesco schrie…

*

 

Michelangelo schüttelte resigniert den Kopf. „Seine Heiligkeit ist für niemanden zu sprechen, schon gar nicht für mich. Er hat zuviel damit zu tun, seinen nächsten Feldzug vorzubereiten.“ Chigi nickte. „Il papa terribile, der Beiname ist wirklich passend“, seufzte er und nippte an seinem Becher Wein. Er hatte Michelangelo als Verbündeten zu sich gerufen, ebenso wie Elena, die nun neben ihm saß und leise weinte.

Chigi hatte schlechte Nachrichten. Francesco wurde in den Kerkern von San Giuseppe dei Falegnami festgehalten und der Ketzerei angeklagt. „Dort werden nur die schlimmsten Fälle untergebracht. Lebend diese Kerker wieder zu verlassen, ist fast unmöglich.“ Sein Blick in Elenas Gesicht sagte ihm, dass für sie die Grenze des Ertragbaren erreicht war. „Immerhin wissen wir jetzt, wo er ist. Ich habe mich bereits mit den leitenden Beamten des Vatikans in Verbindung gesetzt. Es wird schwierig, aber ich denke, wir können sie bestechen. Georgius de Casali ist, so wurde mir zugetragen, persönlich an diesem Fall interessiert.“

Elena sackte in sich zusammen. „Das ist es“ schluchzte sie. „Francesco hat Andrea della Valle gemalt, daher kennen sich die beiden. Es geht um Beziehungen… Ich bin ihm selbst begegnet, er ist ein grausamer Despot.“ Sie schüttelte verzweifelt den Kopf. „Aber der grausame Despot wird in der nächsten Zeit nach Cremona beordert werden. Dafür habe ich gesorgt.“ Chigi lächelte verschmitzt, wurde aber sofort wieder ernst. „Das verschafft uns eine Gelegenheit, die wir unbedingt nutzen müssen. Eine zweite wird es vielleicht nicht geben.“ Die beiden Männer und die Frau steckten die Köpfe zusammen und berieten, wie sie Francesco zur Flucht verhelfen konnten.

*

 

Francesco erwachte in völliger Dunkelheit. Sein gesamter Körper schrie immer noch, er empfand nichts als Schmerz. Er stöhnte und versuchte sich zu bewegen. Er schrie leise auf und konnte sich nur noch zur Seite drehen, um sich zu übergeben. Danach lag er nur noch still da. Er keuchte und versuchte einen Gedanken zu fassen, was ihm unglaublich schwer fiel. Doch die langen Tage, an denen er in Tagträumen versunken war, hatten seine Fähigkeit, seinen Geist auf die Reise zu schicken, geschult und so dauerte es nicht lange, bis er Elenas Gesicht vor sich sah und ihren wunderbaren Körper. Für seine geschundene Seele waren diese Bilder Balsam und nach kurzer Zeit konnte er wieder einschlafen. Nichts wünschte er sich in diesem kurzen Moment sehnlicher, als nie wieder aufwachen zu müssen.

Der Wunsch wurde ihm nicht gewährt. Er erwachte erneut, als ihm ein Becher Wasser und ein Stück Brot hingestellt wurden. Francesco litt großen Durst, doch er konnte seine verletzten Hände nicht gebrauchen und so stieß er versehentlich den Becher um, als er mit dem Unterarm danach tastete. Er weinte bittere Tränen, streckte sich auf dem harten Boden aus und machte sich bereit, in diesem dunklen Loch zu sterben.

*

 

Marjana betete mit Elena in ihrer Kapelle. Elena war kaum wieder zu erkennen, als sie von ihrem Treffen mit Agostino Chigi zurückkam, zu dem sie so hoffnungsfroh aufgebrochen war. Nun saß sie halb zusammengesunken in der Kapelle und konnte nicht mehr aufhören zu weinen. Eine Nonne kam leise in die Kapelle und meldete einen Besucher für Elena. Marjana nickte. Sie wollte ihre Freundin nicht in ihrem Kummer stören, deshalb erhob sie sich um zu sehen, wer der Besucher war.

Beppo stand im Kreuzgang und machte einen ebenso kläglichen Eindruck wie Elena. Marjana nahm ihn in Empfang, um ihn zu trösten. Er erzählte ihr, was er soeben von Michelangelo erfahren hatte. Schlimmes musste dem Maler des wunderbaren Bildes zugestoßen sein. Doch offenbar gab es ein Fünkchen Hoffnung. Marjana ließ Beppo im Klostergarten auf einer Bank Platz nehmen. Dort sollte er erst einmal ein wenig Trost und Kraft in der beschaulichen Stille des Gartens schöpfen. Dann begab sie sich zu Elena in die Kapelle. Die Tränen liefen ihr immer noch übers Gesicht, doch Marjana konnte sehen, dass Elenas Verzweiflung bereits teilweise von einer stoischen Entschlossenheit durchdrungen war. Marjana nahm diese kleine, aber wichtige Veränderung mit einem Nicken zur Kenntnis, das ihr selbst galt. Diese Reaktion hatte sie schon bei so vielen Frauen beobachten können. In den dunkelsten Stunden, wenn die Verzweiflung Überhand zu nehmen drohte, wuchsen Frauen oft über sich hinaus. Wenn gar keine Hoffnung mehr zu bestehen schien, holten Frauen oft noch das Letzte aus sich heraus, um dem Schicksal zu trotzen. So manches Mal schon hatte sie beobachtet, dass sich dadurch doch noch etwas zum Besseren verändern ließ. Marjana brachte Elena zu ihrem Freund in den Garten und ließ die Beiden allein. Elena sah sofort, dass Beppo erfahren hatte, was es an Neuigkeiten über Francesco gab. Sie umarmten sich, um sich gegenseitig zu trösten. Sie brauchten keine Worte, um den Kummer des anderen zu ermessen. Es dauerte noch eine ganze Weile, bevor Elena die Kraft fand zu sprechen.

„Chigi hat dafür gesorgt, dass Casali in den nächsten Tagen nach Cremona beordert wird. Sobald er abgereist ist, müssen wir schnell handeln. Hat Michelangelo dir erzählt, was wir vorhaben?“ Beppo nickte grimmig. „Ich bin dabei und wenn’s sein muss, hebe ich die verdammte Zellentür mit meinen eigenen Händen aus den Angeln.“ Elena legte ihre Hand auf seine, die zur Faust geballt war. „Spar dir deine Kräfte für später, wir werden sie brauchen“, sagte sie sanft. Beppo nickte. „Was kann ich tun?“, fragte er stattdessen. „Viel!“, entgegnete Elena und wurde etwas lebhafter. „Wir brauchen ein sicheres Versteck für Francesco, nur vorübergehend, bis er stark genug ist, um reisen zu können.“ Beppo nickte nachdenklich. Dann riss er seine Augen auf. „Bis er reisen kann? Wohin, mit wem?“ Elena sah Beppo an. „Selbst wenn wir Francesco lebend aus dem Kerker befreien können: in Rom kann er nicht bleiben, sie werden ihn verfolgen und aller Wahrscheinlichkeit uns auch.“ Elena wartete geduldig, bis Beppo diese Information verarbeiten konnte. Es dauerte etwas, bis er die volle Tragweite dessen erfasste, was sie eben gesagt hatte. Beppo schluckte. „Dann müssen wir alle aus Rom fliehen“, sagte er tonlos. „Nun, nicht alle, denke ich.“ Elena lächelte Beppo aufmunternd an. „Michelangelo steht unter dem Schutz Seiner Heiligkeit. Julius II wird nicht dulden, dass sein berühmtester Künstler wegen eines bloßen Verdachts bei der Inquisition angeklagt wird. Agostino Chigi wiederum ist durch sein Geld geschützt. Nicht nur der Vatikan, alle wichtigen Leute und Institutionen Roms schulden ihm Geld.“ Elena lächelte. „Aber wir. Wir gehen. Und ich meine damit Francesco, Estella, mich und Dich, verehrter Freund.“ Beppo sah Elena mit großen Augen an. „Aber wohin? Wohin sollen wir gehen?“

*

 

Francesco fieberte. Er träumte von Elena, von Michelangelo und von seinem Bildnis der Femina. Lange schon hatte er weder gegessen noch getrunken und die Wunden an seinen Händen hinderten ihn daran, sich zu bewegen. Sein Körper wurde vom Fieber geschüttelt, das sich abwechselte mit einer Kälte, die so eisig war, wie er sie noch nie gefühlt hatte. Er brauchte sich nicht mehr anstrengen um an schöne Dinge zu denken, er delirierte längst aufgrund seines körperlichen Zustands und konnte schon lange keinen klaren Gedanken mehr fassen.

„Elena!“, rief er leise mit krächzender Stimme, denn er sah seine Frau mit seiner Tochter auf dem Arm über eine grüne Wiese auf ihn zukommen. Er lächelte, denn sie lachte ihn an und Estella winkte ihm fröhlich zu. Dann veränderte sich das Bild und Michelangelo lächelte ihm von seinem Gerüst in der Sixtinischen Kapelle herab an. Er forderte ihn mit einer Geste auf, er möge zu ihm hochsteigen. Er wollte ihm seine neuesten Bilder zeigen. Beppo tauchte auf einmal vor seinem geistigen Auge auf. Er hielt einen kleinen Welpen auf dem Schoß und streichelte ihn. Er saß wie immer auf seinem Platz schräg hinter ihm, so dass er ihm beim Malen zusehen konnte. Francesco lächelte. Eine weitere Welle der Kälte schüttelte ihn, doch er spürte sie nicht mehr.

*

 

Chigi hatte sie alle zusammengerufen: Michelangelo, Beppo und Elena saßen angespannt in seinem Salon und erwarteten seine neuesten Nachrichten. Chigi richtete sich auf. „Es ist so weit. In drei Tagen wird Casali nach Cremona aufbrechen. Sobald er weit genug entfernt ist, müssen wir handeln, sonst ist es zu spät. Sobald er Cremona erreicht, wird er die Täuschung sehr schnell erkennen. Die Gründe, die der Prior des dortigen Klosters anführen wird, werden ihn sicher nicht überzeugen können. Dennoch werden sie triftig genug sein, um den Prior selbst nicht in Gefahr zu bringen, dafür habe ich gesorgt.“ Chigi trank einen Schluck Wein. Er schien sich selbst davon überzeugen zu wollen, dass dieses Manöver keine negativen Folgen für den Prior haben würde. Dann sah er in die Runde, alle hörten im schweigend zu. „Das bedeutet, dass wir am Freitag zuschlagen müssen.“ Stille breitete sich aus. „Wie gehen wir vor?“, fragte Michelangelo mit rauer Stimme.

„Ich habe den Obersten der Soldaten bestochen, die im Kloster San Giuseppe dei Falegnami Wache halten. Zum Wachwechsel wird er seine Soldaten zu einer Besprechung in die Kirche beordern. Das ist unsere einzige Gelegenheit, zu Francesco vorzudringen. Der Schlüssel zur Zelle wird im Schloss stecken.“ Chigi sah jeden der Reihe nach an. Beppo war der erste, der sprach. Er räusperte sich. „Ich bin dabei, ich hol‘ ihn da raus aus der Zelle.“ Chigi nickte. „Und ich werde ihn begleiten“, warf Elena entschlossen ein. „Nein, es ist besser, wenn ihr im Quartier wartet, bis alles erledigt ist und Francesco Pflege braucht“, versuchte Michelangelo zu beschwichtigen. Elena schüttelte heftig den Kopf.

„Ich finde es gut, wenn sie mitkommt“, meldete Chigi sich erneut zu Wort. „Sollte es schief gehen, sieht es nur nach einer Verzweiflungstat einer Ehefrau aus. Das würde einen Soldaten, der aus welchem Grund auch immer, sich in den unteren Gängen herumtreibt, erst einmal milde stimmen und ihn nicht sofort in Alarmbereitschaft versetzen.“ Damit war es entschieden. Gegen die Logik des Argumentes hatte niemand etwas anzuführen. Michelangelo sollte einen Karren bereithalten, der vor der Hintertür der Kirche warten würde. Sie wussten nicht, ob Francesco selbst würde laufen können. Rossellis Bruder war ein Franziskaner Mönch, er hatte dafür gesorgt, dass für Francesco eine Zelle in einem halb verfallenen, verlassenen Kloster vor der Stadt hergerichtet wurde. Hier konnte sich ein Kranker ungestört erholen, während er von einem Mitbruder des Mönchs, der stumm zur Welt gekommen war, gepflegt würde. Michelangelo hatte für Verpflegung gesorgt, während Elena und Marjana im Klostergarten Kräuter gepflückt, sowie Salben und Tinkturen gesammelt hatten.

 

Die Befreiung

So waren die verbleibenden Tage mit zahlreichen Vorbereitungen ausgefüllt, dennoch schienen die Stunden sich wie Tage hinzuziehen. Schließlich war der Tag der Tat da: Casali war nach Cremona abgereist und zum Schichtwechsel am Abend sollte es losgehen. Elena saß, wie so oft in letzter Zeit, auf ihrem Lieblingsplatz in der Kapelle des Klosters. Schwester Marjana fand sie dort betend und fragte sich im Stillen, ob die Tatsache, dass Elena sich stets links vom Altar vor die Nische setzte, in der das Bild der Femina verborgen war, wohl ein Zufall sein konnte. Marjana hatte Elena gegenüber nie erwähnt, dass das Bildnis im Kloster versteckt war. Sie setzte sich nun zu ihr und betete mit Elena darum, dass der Plan, Francesco zu befreien gelingen möge. Schließlich richtete Marjana, ohne groß über ihr Tun nachzudenken, auch an das Bildnis der Femina ihre Bitten und Gedanken. „Falls du mehr bist als das Abbild der Frau, falls, wie ich vermute, auch die Macht der Maria in dir ist, dann bitte rette den Mann, der dich gemalt hat. Behüte alle Menschen, die sich in Gefahr begeben, um Francesco zu retten.“ Marjana seufzte und wunderte sich über sich selbst.

Die beiden Frauen erhoben sich und verließen die Kapelle, um die letzten Vorbereitungen zu treffen. Schließlich legte Elena sich einen schwarzen weiten Mantel um und wandte sich zu Marjana. Sie senkte den Kopf und empfing den Segen der Äbtissin. Dann lächelten sich die beiden Frauen an und Elena verließ das Kloster, vor dem Beppo auf sie wartete. Gemeinsam begaben sie sich zur Kirche San Giuseppe dei Falegnami und sahen sich um. Aus einer dunklen Ecke trat Michelangelo zu den beiden. Sie verständigten sich ohne Worte. Elena betrat mit Beppo die Kirche, die nur schwach beleuchtet war. Sie setzten sich in eine hintere Bank und gaben sich den Anschein, tief im Gebet versunken zu sein. Der Prior des Klosters, der sich in seine Sakristei begeben wollte, blickte nur kurz auf die beiden Gläubigen, die in der Kirche das Gebet suchten. Späte Besucher waren in der Heiligen Stadt nichts Ungewöhnliches. Der Geistliche verließ die Kirche über die Sakristei. Elena und Beppo warteten, bis die Kirchturmuhr zehnmal schlug. Schon beim ersten Schlag standen sie auf und versteckten sich hinter den breiten Säulen des Seitenschiffes. In der nächtlichen Kirche waren sie dort unsichtbar. Die Wachen tauchten einer nach dem anderen auf und unterhielten sich halblaut. Einige von ihnen schlurften so dicht an Elena und Beppo vorbei, dass sie ihren Schweiß riechen konnten. Elena zog unwillkürlich ihre Nase kraus und Beppo lächelte über diese alltägliche Geste.

Sobald sich die Wächter im hinteren Seitenschiff zusammengesetzt hatten und auf ihren Vorgesetzten warteten, schlichen sich Elena und Beppo zur Holztür, die in die unteren Gänge des Klosters führten. Sie mussten aufpassen, keine Geräusche zu machen, die einem der Wachen auffallen könnte und sie achteten darauf, sich in den dunkelsten Ecken fortzubewegen. Das klappte gut und wenige Augenblicke später verschwanden zwei dunkle Gestalten unauffällig durch die Tür, auf dem Weg in die unteren Gänge des Gebäudes.

 

Georgius de Casali wurde von der Kutsche durchgerüttelt. Er hatte schlechte Laune, die Rückberufung nach Cremona passte überhaupt nicht in seine Pläne. Hinzu kam, dass er sich keinen Grund vorstellen konnte, der seine Anwesenheit in Cremona notwendig machte. Dabei hielten ihn wichtigen Angelegenheiten in Rom, die er nur äußerst ungern vernachlässigte. In erster Linie handelte es sich um die Befragung und um die Verurteilung dieses unverschämten Malers. „Francesco Allieri“,… zischte Casali zwischen den Zähnen… Dieser Name war ihm verhasst. Er hatte diesen Mann in der Sekunde verabscheut, in der er ihn zum ersten Mal gesehen hatte. Andrea della Valle war wie besessen von diesem Maler. Er hatte von ihm geschwärmt, von seinen Augen, von seinem Talent und von seiner ganzen Gestalt. Casali hatte es kaum ertragen, sich diese Lobgesänge anzuhören. Dann beauftragte er ihn auch noch mit einem Portrait, als ob dieser Niemand von einem Künstler etwas Besonderes wäre. Der Gipfel der Unverfrorenheit war für Casali der Tag, an dem della Valle ihm den Mann vorstellte, der ihn so bezaubert hatte. Della Valle hatte nur Augen für Allieri, ihn aber, Casali, beachtete er gar nicht mehr. Er hatte ihm weder Blick noch Wort geschenkt, sobald dieser Maler zugegen war. Das würde er ihm nicht durchgehen lassen. Allieri musste von der Bildfläche verschwinden und die Tatsache, dass er tatsächlich so etwas wie Talent besaß, war in diesem Falle nur hilfreich. Casali würde ihm beweisen, dass er nur einmal schnippen musste, um ihm Höllenqualen zu bereiten und ihn dem jüngsten Gericht zu überantworten.

Della Valle war entsetzt gewesen, als Casali ihm erzählte, wer in den Kerkern der Inquisition schmachtete. Seine Angst und seine Qual war für ihn die Genugtuung, die er nach der erlittenen Demütigung verdiente. Della Valle hatte um das Leben seines Günstlings gebettelt, doch Casali ließ sich nicht erweichen. Was geschehen war, war nicht wieder gutzumachen und beide mussten nun mit den Konsequenzen leben. Oder sterben. Casali schmunzelte. Er genoss die Macht, die ihm sein Amt verlieh, fast körperlich. Er war Herr über Leben und Tod und bei Francesco Allieri war die Wahl eindeutig und unwiderruflich. Er würde dem Ketzer noch ein oder zwei peinliche Befragungen auferlegen, dann würde er ihn darum anbetteln, sterben zu dürfen. Und barmherzig, wie er war, würde er Francesco Allieri diese Gunst gewähren.

*

 

Beppo holte eine Fackel unter seinem Mantel hervor und zündete sie an der ersten Fackel im unterirdischen Gang an. Mit einem kurzen Nicken eilte er mit Elena weiter auf der Suche nach Francescos Zelle. Chigi hatte ihnen Anweisungen für den Weg gegeben: zwei Treppen nach unten, linker Gang und einmal rechts abbiegen. Die Entfernungen waren allerdings überraschend groß, so dass sie mehr Zeit brauchten, als sie gedacht hatten. Als sie kurz davor waren, in den letzten Gang nach rechts zu gehen, sahen sie am Ende des Ganges den Lichtschein einer weiteren Fackel leuchten. Beppo sah Elena panisch an, doch sie schüttelte leise den Kopf, griff nach der Fackel und löschte sie, so dass sie urplötzlich in völliger Dunkelheit standen. Sie sahen nur noch das Licht der Fackel näher kommen. Elena fiel die Tür ein, an der sie eben vorbei gelaufen waren. Sie tastete sich mit Beppo im Schlepptau zurück und versuchte die Tür zu öffnen. Sie war verschlossen. Es blieb ihnen keine andere Wahl, als sich so gut wie möglich in den dunklen Schatten der dicken Mauer zu pressen und die Luft anzuhalten. Elena musste nichts sagen, Beppo hatte sie verstanden und machte keinen Mucks. Der Fackelträger kam mit schlurfenden Schritten näher. Eigentlich sollten die Gänge hier unten leer sein und alle Wachen oben in der Klosterkirche versammelt. Der einzelne Mann, der nur wenige Zentimeter an ihnen vorbeiging, war offenbar schläfrig und, seinem stinkenden Atem nach zu urteilen, bereits betrunken. Das verminderte seine Aufmerksamkeit, er ging an den beiden Eindringlingen vorbei, ohne sie zu bemerken. Erst als er um die nächste Ecke war und die Treppe hochstieg, erlaubten sich Elena und Beppo wieder vorsichtig zu atmen. Nun allerdings standen sie in völliger Dunkelheit. „Was machen wir jetzt?“, fragte Beppo kaum hörbar, doch sein Zittern in der Stimme verriet seine Furcht.

„Keine Angst“, wisperte Elena. Wenige Augenblicke später hörte Beppo ein Klicken und sah im nächsten Moment Funken. Elena hatte Feuerstein und ein Stück Zunder mitgebracht, falls sie Licht brauchen würden. Nun rettete es ihnen vielleicht das Leben. Geschickt hatte sie in kürzester Zeit die Fackel wieder angezündet. Beppo lächelte ihr dankbar zu. Sie eilten weiter bis sie am beschriebenen Ort einen großen Schlüssel im Schloss stecken sahen. Während Beppo die Fackel hielt, drehte Elena vorsichtig den Schlüssel um. Sie bemühte sich, so wenig Lärm wie möglich zu machen, konnte aber ein lautes Krächzen nicht verhindern. Sobald die Tür auf war, ging Beppo voran in den Raum. Die Dunkelheit in der Zelle schien noch dichter zu sein als im Gang, das Licht der Fackel verdrängte nur begrenzt die Finsternis. Elena und Beppo sahen sich suchend nach Francesco um. Es dauerte etwas, bis sie unweit der Tür eine Gestalt liegen sahen, die sich nicht rührte. Elena unterdrückte einen Schrei und stürzte zu ihrem Mann. Sie fanden ihn mehr tot als lebendig, doch an diesem Ort konnte Elena nichts für ihn tun. Sie nahm die Fackel und Beppo schickte sich an, das Häufchen Mensch, das Francesco war, aufzuheben. Er wurde nicht einmal wach, als Beppo ihn behutsam hoch hob und aus der Zelle trug. Elena ging eilig voran und versuchte die Verletzungen zu ignorieren, die ihren Mann das Leben kosten würden, wenn sie ihn nicht hier raus bringen konnten.

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Casali hatte ein ganz komisches Gefühl. Er überdachte noch einmal die Umstände seiner Abreise. Die Anweisung, nach Cremona zu kommen war völlig überraschend und ohne Angabe von Gründen. Das sah seinen Mitarbeitern nicht ähnlich, sie hüteten sich, ihren Vorgesetzten zu verärgern, denn sie kannten seine Vorliebe für drakonische Bestrafungen. Seit Jahren hatte er ihnen eingeschärft, dass man sich alles erlauben kann, solange man es mit dem Gesetz oder mit den kirchlichen Geboten rechtfertigen konnte. Die heilige Inquisition wurde immer wieder von allzu schlauen Menschen in Frage gestellt, Casali hatte es sich und seinen Männern deshalb stets zur Regel gemacht, für jede Handlung eine gute und plausibel klingende Begründung anführen zu können.

Mitten in seinem Fall des Malers Allieri sollte ihn eine Nachricht ohne jede Begründung nach Cremona beordern? Der Maler hatte einflussreiche Freunde und Gönner, da war es nicht ausgeschlossen, dass man sich einer List bediente, um ihn aus dem Weg zu räumen. Je länger Casali darüber nachdachte, desto plausibler erschien ihm die Möglichkeit eines geschickten Manövers, um den Ketzer zu befreien. Casali ließ den Kutscher halten. Der musste zusehen, wie dieser energische, drahtige Mann, der ihm von Anfang an nicht geheuer gewesen war, seinen guten Apfelschimmel ausspannte und ihn mit nur drei Pferden zurück ließ, während er seine Tasche schnappte und ohne Sattel in die Richtung zurück galoppierte, aus der sie gekommen waren. Menschen wie Gregorius de Casali strahlten eine Macht aus, die es ihnen erlaubte, sich ohne weitere Begründung über banale Eigentumsverhältnisse hinweg zu setzen. Der Kutscher würde mit drei Pferden die Fahrt fortsetzen müssen, auch wenn er noch nicht wusste, wie er das bewerkstelligen sollte.

*

 

Beppo war ein ausgesprochen kräftiger Mann, doch selbst für ihn wurde Francesco, so leicht und gebrechlich er auch war, zu einer Last, die ihn die langen Gänge und die beiden Treppen nach oben etwas keuchen ließ. In der Stille der Nacht aber war das viel zu laut und die Wache, die ihnen auf dem Weg nach unten begegnet war, konnte sich noch irgendwo hier aufhalten. Andererseits würden die restlichen Wachen bald zurückkommen um ihren Dienst anzutreten. Eile war also ebenso geboten wie äußerste Vorsicht. Als sie in den letzten Gang zum Ausgang hin einbogen, atmeten sie erleichtert auf. Nun konnten sie ihre Fackel löschen, denn dieser Gang war erleuchtet. Allerdings rüttelte just, als sie wenige Meter von der Tür zur Kirche entfernt waren, jemand an der Klinke, um sie zu öffnen. Elena war wiederum schnell und entdeckte eine offene Tür, durch die sie schlüpften, um sich vor den Wachen zu verstecken. Wieder einmal standen sie in völliger Dunkelheit und versuchten ihren Atem zu kontrollieren. Elena zuckte erschrocken, als sie im Raum hinter sich jemanden atmen hörte. Sie versteifte sich, ebenso wie Beppo, der wie sie gehört hatte, dass außer ihnen noch jemand im Raum war. Es folgte ein Rülpsen und ein Schnaufen. „Was’n los hier? Hey! Iss‘ da wer?“ Die Worte wurden mehr gelallt als gesprochen, es musste die Wache sein, die ihnen entgegen gekommen war. Der Mann hatte sich wohl ein stilles Plätzchen gesucht, um seinen Rausch auszuschlafen. „Hey, wer da?“, fragte die Stimme noch einmal. Den Geräuschen nach versuchte der Mann aufzustehen, sie liefen Gefahr entdeckt zu werden. „Hey, da iss‘ doch w…“ Elena hörte einen Schlag und dann das Geräusch eines Körpers, der fiel. „Tut mir leid, war Notwehr“, ließ sich Beppos Stimme vernehmen. Elena atmete erleichtert aus und lauschte den Schritten, die auf dem Gang zu hören waren. Es mussten die Wachen sein, die aus der Kirche kamen, um an ihre Plätze zu gehen. Elena hoffte inständig, dass keiner von ihnen auf dem Gang vor ihrer Tür stehen bleiben würde. Sie hörte, sie Beppo vorsichtig den immer noch bewusstlosen Körper von Francesco hochhob. Als vor der Tür alles wieder ruhig war, öffnete sie Elena einen Spalt breit, um festzustellen, ob sie ihren Weg fortsetzen konnten. Alles war ruhig und sie eilten zur Tür in die Kirche. Sie waren kaum ein paar Meter das Kirchenschiff entlang gelaufen, als ihnen der Prior entgegenkam. Misstrauisch sah er ihnen entgegen. „Wer seid ihr und was macht ihr hier?“ Die Stimme dröhnte wie Donnerhall durch das Gotteshaus. Elena und Beppo blieben wie angewurzelt stehen.

„Euer Hochwürden, verzeiht unser nächtliches Eindringen. Mein Mann ist wieder stockbesoffen, ich musste ihn mit Hilfe seines Bruders aus einer üblen Schenke holen.“ Elena gab sich alle Mühe, den Geistlichen zu überzeugen. „Nun ist er aber so voll, dass er sich gar nicht mehr rührt. Ich dachte, ein bisschen Weihwasser könnte ihm in diesem Zustand nicht schaden.“ Elena bemühte sich, den Prior so einfältig wie möglich anzusehen und dabei nicht rot zu werden. Der Priester war nicht überzeugt. „Die Weihwasserbecken sind aber doch direkt neben den Eingängen!“ Er zeigte auf die nächste Eingangstür, die nur noch 4 bis 5 Meter entfernt war. „Ach ja… richtig. Hatte ich vergessen, ich wollte zu dem Becken, das dem Altar am nächsten ist…“ antwortete Elena etwas lahm. „Gute Frau, das spielt doch keine Rolle. Aber wenn es euch eine Erleichterung ist, werde ich euren Gatten segnen. Mag sein, dass er sich dann etwas besser erholt.“ Damit trat der Priester vor Beppo, sprach lautlos seinen Segen und machte ein Kreuzzeichen. „Danke, Hochwürden, das ist sehr freundlich, ich bin euch sehr dankbar.“ Elena verbeugte sich mehrmals und Beppo senkte leicht den Kopf. Damit wandten sie sich zum ersehnten Ausgang. „Halt!“ rief der Priester energisch. Elena und Beppo zuckten zusammen. Elena drehte sich zum Priester. „Ja, Hochwürden?“ Sie wunderte sich, dass ihre Stimme ihr trotz der Furcht gehorchte. „Sagt eurem Gatten, er möge sich am Sonntag hier zum Gottesdienst einfinden. Ich werde eine Predigt dazu halten, die ihn hoffentlich dazu bringt, sich eines Besseren zu bekehren und den Schenken fern zu bleiben.“ Elena verbeugte sich noch einmal. „Ihr seid zu gütig, euer Hochwürden. Ich werde es ihm sagen, sobald er wach ist“, lächelte sie. Der Priester segnete auch Elena mit einem Kreuzzeichen, das er vor ihr machte und drehte sich um. Elena und Beppo holten beide Luft und verließen die Kirche, so schnell sie konnten.

Vor dem Gotteshaus sahen sie sich um und hörten Michelangelo im Dunkeln fluchen. Gleichzeitig klatschten die Zügel auf den Rücken des Zugtiers und das Gefährt kam aus dem Dunkeln, um vor Beppo stehen zu bleiben. Zu zweit legten die Männer Francesco vorsichtig auf das Stroh, das dort vorbereitet war, um ihn möglichst weich zu betten. Elena hatte schon befürchtet, dass das notwendig werden würde, doch sie war entsetzt darüber, dass er immer noch nicht aufgewacht war. Nun aber mussten sie sehen, dass sie hier weg kamen, bevor jemandem auffiel, dass ein Gefangener fehlte. Michelangelo ließ noch einmal die Zügel klatschen und sie setzten sich langsam in Bewegung. Sie fuhren bewusst durch kleine, dunkle Gässchen, wo sie selbst dank Vollmond gut sehen konnten, aber für Andere nur schwer auszumachen waren, weil sie sich nahe der Hausmauern hielten. Als sie um die zweite Ecke bogen, hörten sie in einiger Entfernung eiliges Hufgetrappel. Michelangelo stellten sich die Nackenhaare auf. Er wechselte die Fahrtrichtung und fuhr auf ein verfallenes Gelände. Es handelte sich um die Ruine eines antiken Tempels. Hier nutzte er zwei umgefallene Säulen, die genügend Schutz vor suchenden Blicken boten. In der Tat hörten sie nach einigen Minuten das Pferd dicht an ihnen vorbei traben. Sie hielten unwillkürlich den Atem an und warteten noch eine ganze Weile, bis sie sich weiter auf den Weg zu ihrem Versteck im Kloster machten. Elena war dankbar, als sie endlich die halb verfallenen Mauern der alten Abtei erreichten.

*

 

„Unfähige Tölpel seid ihr alle, ich sorge dafür, dass ihr dafür bezahlen werdet!“ Casali war wütend. Mit einem allzu einfachen Trick hatten sie ihn dazu gebracht, Rom zu verlassen. Dafür mussten seine Männer büßen, sie hatten sich schließlich genauso überlisten lassen wie er. Casali hatte noch die Reitpeitsche in der Hand und schlug damit auf den Kommandanten der Wachen ein. Der hob schützend beide Arme über den Kopf und hoffte, das Donnerwetter heil zu überstehen. Tatsächlich ließ Casali überraschend schnell von ihm ab. Er lief unruhig auf und ab und überlegte, wo sein „Gast“ abgeblieben sein konnte. Es war klar, dass er Hilfe hatte, denn schon körperlich war er nicht in der Lage, auch nur alleine zu gehen. Dafür hatten sie wenigstens gesorgt. Er konnte sich auch denken, dass dieser Bankier mit dem großen Herzen für die Kunst seine Finger mit in diesem Spiel hatte. Casali war Agostino Chigi noch nicht vorgestellt worden, denn dafür war er nicht einflussreich oder wichtig genug. Das alleine veranlasste Casali, mit den Zähnen zu knirschen. Aber er wusste, dass mehr als die Hälfte der einflussreichsten Römer und der Vatikan mit Papst Julius II höchstpersönlich Schulden bei Agostino Chigi hatte. Darüber hinaus war der gewitzte Bankier schlau genug, freundschaftliche Beziehungen zu den wichtigsten Leuten der Heiligen Stadt zu pflegen. Schon allein aus diesem Grunde war der Bankier für Casali nicht zu erreichen. Doch die Wachen waren sehr wohl erreichbar und würden in den nächsten Wochen nichts zu lachen haben.

Casali ließ nun den Prior kommen, um ihn zu befragen. Der hatte genug Angst vor dem hochgestellten Mann der Inquisition, um ihm genaue Auskunft über jeden noch so kleinen Vorfall am Abend zu geben. Schnell hatte Casali erraten, dass es sich bei der vermeintlichen Ehefrau eines Trunkenbolds um niemand anderen als um Elena Allieri gehandelt haben musste, die sogar noch mit dem Segen des Priesters die Klosterkirche verlassen hatte. Auch der Priester bekam die Gerte schmerzhaft zu spüren.

Immerhin hatte Casali nun einen Anhaltspunkt. Er hatte sich genug über das Umfeld von Francesco Allieri informiert, um sagen zu können, dass der Gehilfe Beppo ein ehemaliges Mitglied der bottega von Michelangelo war. Leider war auch der Maler so gut wie unangreifbar für Casali. Er war ein Schützling Seiner Heiligkeit und obwohl die Beiden ihre Differenzen hatten, würde Julius II nichts auf den Maler kommen lassen. Er war immerhin dabei, ein Meisterwerk an die Decke der Sixtinischen Kapelle zu pinseln. Casali ließ seine Mundwinkel in einer Miene der Verachtung nach unten sinken. Sogenannte Künstler waren ihm wegen ihres besonderen Schutzes durch ihre einflussreichen Auftraggeber verhasst. Nicht selten handelte es sich um Freigeister, denen es entschieden an Demut und Furcht vor der Inquisition mangelte. Casali hatte schon mehrere unerfreuliche Unterhaltungen mit Malern und Bildhauern erlebt, die es ihm gegenüber an Respekt und Unterwürfigkeit hatten fehlen lassen. Da schätzte er doch die Demut und Hingabe von wahrhaft Gläubigen, wie dem Prior, der zitternd und betend vor ihm kniete und auf das Schlimmste gefasst war. Casali betrachtete das Häufchen Mensch, das vor ihm kauerte und sein Gemüt etwas besänftigte. So hatte er seine Mitmenschen am liebsten. „Nun denn. Angesichts eurer Reue will ich Gnade vor Recht ergehen lassen. Ich denke, ich werde euch als Buße lediglich 10 Hiebe auferlegen. Damit holte er mit einem Lächeln um die Mundwinkel zum ersten Schlag aus.

*

 

Elena hielt ein Taschentuch an Francescos Mund. Es war mit Wasser getränkt. Er bewegte sich nicht. Sie drückte sein Kinn etwas nach unten und drückte mit der anderen Hand das Tuch aus, so dass eine Reihe von Tropfen in den Mund fiel. Sie wartete und beobachtete Francesco. Nichts geschah. Sie seufzte und wiederholte die Handlung immer wieder, während sie verzweifelt für das Leben ihres Mannes betete. Sie hatte zusammen mit Beppo, der es sich nicht nehmen ließ, zu helfen, in aller Vorsicht seine Wunden gewaschen, mit Salben behandelt und verbunden. Sie hatten dabei viele Tränen geweint, denn die Hände waren schlimm zugerichtet worden.

Nun musste die Nacht zeigen, ob Francesco überleben würde. Elena saß an seinem Bett und sang ihm alle Lieder vor, die sie kannte. Sie erzählte ihm von ihrem Aufenthalt im Kloster und von ihren Gesprächen mit Schwester Marjana. Sie erzählte Francesco von ihrer Tochter Estella und beschrieb ihre Fortschritte, ihre Spiele mit den Nonnen und ihr Lächeln. Sie hatte ihre Hand auf seine Oberschenkel gelegt, um ihn spüren zu lassen, dass er nicht alleine war. Auf diese Weise hatte sie ihn schon einmal zurück ins Leben geholt.

Als sie ersten Sonnenstrahlen ihren Weg in Francescos Kammer fanden, kitzelten sie Elena aus dem Schlaf. Ihr Kopf und ihr Oberkörper ruhten auf den Decken, die über Francescos Beine gebreitet waren. Sie blinzelte und musste erst einige Augenblicke überlegen, wo sie war, bevor sie sich vergewisserte, dass ihr Mann die Nacht lebend überstanden hatte. Das war aber auch alles, was sie sagen konnte. Wie so oft in der Nacht tunkte sie ein Tuch ins Wasser und ließ die Tropfen in seinen Mund laufen.

Elena ließ nach Estella schicken. Auch die Kleine hatte, zum Leidwesen der Nonnen, die sich mit großer Begeisterung um sie gekümmert hatten, das Kloster Trinità dei Monti verlassen müssen. Sie konnten kein Risiko eingehen, deshalb hatte Elena ihre Tochter lieber in ihrer Nähe. Beppo hatte sie für die Nacht mit in seine Kammer geholt. Für Estella gehörte er ohnehin zur Familie und in seiner Obhut war das kleine Mädchen gut aufgehoben. Nun kam Beppo mit dem Kind auf dem Arm durch die Tür. Sie war an diesem frühen Morgen bereits munter und fröhlich. „Ein besonderes Sonnenkind“, dachte Elena dankbar. Beppo sah sie fragend an, doch sie schüttelte traurig den Kopf. Noch kein weiteres Lebenszeichen bei Francesco. Sie nahm Beppo die Kleine ab und setzte sie auf das Bett, ihrem Vater zu Füßen. Sie sang Estella ein Kinderlied vor, das sie besonders liebte. Estella brabbelte dazu und lachte ihr Kinderlachen, das so entzückend war und jedem Erwachsenen ein Lächeln ins Gesicht zauberte. Elena hoffte auf die besondere Wirkung, die es vielleicht auf Francescos Lebensgeister haben könnte. Während Beppo das Spielen übernahm, träufelte Elena nun ein Gemisch aus Wein und Wasser in Francescos Mund und wartete. Er schluckte. Elena war sich sicher, dass sie gesehen hatte, wie sein Adamsapfel sich bewegt hatte. Aufgeregt wiederholte sie die Prozedur und konnte nun genau sehen, dass Francesco schluckte.

Sie sah Beppo an. Auch er hatte es gesehen. Der vor kurzem noch sorgenvolle Ausdruck auf ihren Gesichtern verschwand, die beiden strahlten um die Wette. Elena liefen die Tränen übers Gesicht, als sie ihre Tochter herzte.

*

 

Agostino Chigi lächelte. Er hatte eben erfahren, dass die Befreiungsaktion seines Schützlings erfolgreich gewesen war und seine Spitzel hatten ihm zugetragen, dass Casali außer sich war vor Zorn darüber, dass ihm sein Opfer gestohlen worden war. Sie wussten zu berichten, dass er ohne Erfolg seine Fühler nach Chigi ausgestreckt hatte und ebenso nach Michelangelo. Natürlich wusste er, wer hinter der Befreiung stecken musste, doch in seiner Position war er zwar mächtig, aber nicht mächtig genug, um ihnen schaden zu können. Chigi behielt gerne die Kontrolle und verglich sich insgeheim etwas selbstzufrieden mit einer Spinne, die ihr Netz aus feinen Fäden gesponnen hat, um über alle Bewegungen in der Stadt informiert zu sein. Das gehörte zu seinem Geschäft und das entsprach seinem auf Sicherheit und Kontrolle bedachten Charakter. Nicht zuletzt hatte er seinem ausgeklügelten Netz aus Kontakten, Spitzeln und Freunden seinen Erfolg zu verdanken. Auch dieses Mal zahlte seine Umsicht sich aus.

Gerade jetzt mussten sie besondere Vorsicht walten lassen, denn Casali würde wie ein Bluthund die Spur Francesco Allieris verfolgen, wenn er auch nur eine leichte Witterung davon würde aufnehmen können. Aber Bluthunde waren dumme Tiere, dachte sich Chigi, man konnte sie nur allzu leicht hinters Licht führen.

Ein Diener meldete die Ankunft Michelangelos. Er ließ ihn umgehend in den Salon führen. „Maestro! Herzlichen Glückwunsch, der Erfolg eurer Taten wurde mir bereits zugetragen. Wie steht’s um das Befinden unseres Malers?“ Mit diesen Worten nahm er seinem Diener zwei Becher Wein aus der Hand und bedeutete ihm mit einem Nicken, dass er gehen durfte. Er reichte Michelangelo einen Becher, der erst einen Schluck nahm, bevor er antwortete. „Er ist noch am Leben und das ist schon eine ganze Menge, würde ich sagen. Als wir den armen Kerl aus dem Kerker geholt haben, hatte ich große Zweifel, ob wir nicht einen Leichnam durch Rom fahren, wenn ich ehrlich bin. Die Zeit im Kerker und die Folterknechte haben ganze Arbeit geleistet. Er wird noch einige Zeit brauchen bis er auch nur laufen kann.“ Michelangelo erzählte mit grimmiger Stimme.

Chigi runzelte die Stirn. „Das ist zu lang. Casali kocht vor Wut und sucht überall nach seinem Lieblingsopfer. Nebenbei quält er alle, die ihm in die Quere kommen und sich nicht wehren können. Wir müssen uns beeilen. Er ist schlau, wir dürfen uns keine Unachtsamkeit erlauben und selbst dann bleibt Francescos Versteck nicht ewig unentdeckt.“ Der Maler nickte mit gerunzelter Stirn. Dann sah er den Bankier an: „Wann?“ Chigi verstand sofort. „In drei Tagen, kurz nach Sonnenaufgang“, war seine konkrete Antwort. Michelangelo nickte nachdenklich, verabschiedete sich und verließ die Villa des Bankiers durch einen versteckten Seiteneingang.

*

 

Elena öffnete vorsichtig die Tür und streckte erst einmal nur den Kopf durch, um zu sehen, ob Francesco schlief. Es dauerte etwas, bis sie erkennen konnte, dass er wach war und sie anlächelte. Die Kammer hatten sie verdunkelt, denn Francescos Augen mussten sich nach den langen Tagen in völliger Dunkelheit erst langsam wieder ans Tageslicht gewöhnen. „Wie geht es dir? Du hast hoffentlich Hunger, denn ich hab‘ hier eine gute Suppe, die dir Kraft geben wird.“ Elena brachte die Schale mit der Suppe ans Bett und bettete Francescos Oberkörper etwas höher. Er nickte dankbar. Seine Stimme war während der Tortur geborsten, auch sie musste heilen, genauso wie seine Seele. Elena, die die Nacht über an seinem Bett geblieben war, hatte gesehen, wie er sich in einem Albtraum im Bett herumgeworfen hatte. Dabei hatte er noch nicht einmal die Kraft, im Bett zu sitzen. Für den Moment jedoch waren Elena und Francesco dankbar dafür, hier in Frieden zusammen zu sein. Elena flößte ihrem Mann langsam die Suppe ein, die sie für ihn gekocht hatte. Francesco konnte noch nicht viel zu sich nehmen, doch die Flüssigkeit tat ihm gut und die Schale war am Ende leer.

Elena ließ ein wenig mehr Licht in den Raum, es war wichtig, dass Francesco sich möglichst schnell wieder an das Tageslicht gewöhnte. Sie erschrak, als es an der Tür klopfte und auch Francesco wurde bleich. Elena riss sich zusammen und öffnete die Tür. Michelangelo trat ohne Umschweife in die Kammer und ans Bett. Er legte zum Gruß seine Hand auf Francescos Schulter. „Beppo hat gesagt, dass du noch nicht wieder sprechen kannst. Deshalb spreche ich und du hörst zu.“ Er grinste dabei und auch Francesco lächelte. „Agostino Chigi lässt dich grüßen. Er wünscht dir gute Genesung und lässt dir mitteilen, dass du dich beeilen sollst mit dem Gesundwerden.“ Michelangelo schaute Elena an. „Ihr habt im Kloster umsichtig und angemessen gehandelt. Dank euch war unser Vorhaben von Erfolg gekrönt.“ Elena nickte nur kurz und wartete ab, was der Maler an Neuigkeiten zu berichten hatte.

„Alles ist in Aufruhr und Casali ist rasend vor Wut. Unglaublich, wie besessen er von Francesco ist, er lässt ganz Rom nach ihm durchsuchen. Leider ist er genauso schlau wie grausam. Ihr könnt nicht lange hier bleiben, es muss schneller gehen als gedacht.“ Damit sah er Elena erneut vielsagend an. Sie nickte nur und seufzte. „Hat er gesagt, wann?“ Michelangelo sah erst Francesco, dann Elena an. „In drei Tagen. Bei Sonnenaufgang.“ Elena erblasste und sah ihren Mann an. „Er ist noch so schwach…“, seufzte sie leise. Francesco versuchte sich aufzusetzen und sah Michelangelo durchdringend an. Natürlich wollte er genau wissen, was sie vorhatten. Michelangelo drehte sich zu ihm um und drückte ihn beruhigend zurück auf sein Kissen. „Beruhige dich, mein Freund. Du wirst all deine Kräfte noch brauchen.“ Seine Stimme war überraschend sanft und er lächelte traurig. Francesco machte eine Geste, es sah aus wie ein Viereck. Michelangelo wusste, was ihm auf dem Herzen lag. „Keine Sorge, deine Femina ist gut aufgehoben, wo ihr sie versteckt habt. Dort wird er sie nie finden, selbst wenn er alles durchsuchen sollte.“ Michelangelo lächelte, dann erhob er sich um zu gehen. „Ich muss wieder in die Sixtina. Wir sehen uns in drei Tagen. Bis dahin werde ich nicht noch einmal kommen können, das Risiko ist zu groß. Casali lässt mich sicherlich beobachten.“ Elena nickte kurz und verabschiedete den Maler mit einer Umarmung. Die gemeinsame Befreiung hatte sie einander näher gebracht und sie gelehrt sich zu schätzen. Als Michelangelo gegangen war, setzte sich Elena zu Francesco ans Bett und holte tief Luft. „Als du im …“ Sie stockte. „Als du gefangen warst, haben wir uns alle überlegt, was wir tun können, um unser aller Wohlergehen sicher zu stellen. Ich habe Katharina von Aragon geschrieben. Mit Hilfe von Agostino Chigi werden wir auf einem seiner Schiffe nach England fliehen, denn hier in Italien sind wir nirgendwo sicher vor Georgius de Casali. Wir müssen auch an Estella denken. Beppo kommt ebenfalls mit, denn auch er ist in Gefahr.“ Francesco sah seine Frau lange an. Er hatte sichtlich mit dem zu kämpfen, was Elena ihm eröffnet hatte. Am Ende jedoch nickte er langsam. Er verstand, wieviel Überwindung dieser Ausweg Elena gekostet haben musste. Sie hatte offensichtlich alle Möglichkeiten durchdacht und keinen andere Lösung gesehen, das verstand er nun. Und sie hatte die beste und sicherste Lösung nicht nur für sie und ihn, sondern und insbesondere für Estella gefunden. Die Inquisition hatte einen langen Arm und bei einem so erbitterten Feind wie Georgius Casali wären sie immer in Gefahr, wenn sie in Italien bleiben würden. Bei klarer Betrachtung hatte Elena den perfekten Ausweg gefunden. Katharina von Aragon war nun Königin von England und ihr Hof bot ihnen nicht nur Sicherheit, sondern auch ein Auskommen. Als Künstler würde Francesco wohl nie mehr in der Art malen können, wie er es bisher getan hatte. Er nickte Elena zu und küsste sie. „Francesco, was machen wir mit der Femina?“, fragte Elena leise. Francesco hob überrascht den Kopf, sah Elena an und kleine Tropfen deuteten sich in seinen Augenwinkeln an. Dann schüttelte er traurig den Kopf. Elena nahm ihren Mann in den Arm. „Ich weiß, es ist schwer. Aber so ist es am besten. Die Welt ist noch nicht bereit für dein Bild, Francesco.“

*

 

„Bitte, Herr, ich weiß von nichts. Bitte. Ich…“ Casali schlug dem Oberst der Wache mit seiner Gerte ins Gesicht. „Das ist für eure Unwissenheit. Ein Oberst muss über alle Vorgänge informiert sein, die ihn betreffen.“ Casalis Stimme war eiskalt. Er hatte Francesco Allieri noch immer nicht gefunden und für dieses enttäuschende Ergebnis mussten Schuldige gefunden werden. Er überlegte, ob er den Oberst wegen Unterstützung eines Ketzers anklagen sollte, wurde aber unterbrochen. Ein Spitzel, den er auf den Bankier Chigi angesetzt hatte, steckte vorsichtig die Nasenspitze zur Tür herein und wollte sich sofort wieder zurückziehen, als er erfasste, bei welcher Beschäftigung er seinen Auftraggeber störte. „Nein! Bleibt hier. Wir sind hier fertig. Vorerst.“ Die Warnung stand deutlich im Raum, als der Oberst sich eilig erhob und so schnell er konnte den Raum verließ. Der Mann, der den Raum betrat, konnte deutlich die Spuren der Gerte im Gesicht des Obersten erkennen, mit entsprechend großem Unbehagen kam er näher. „Was habt ihr mir zu berichten?“, fragte Casali ohne Umschweife. Ihm war heute nicht nach höflichen Umgangsformen. Der Mann schluckte. „Nun, ich habe Signor Chigi in den letzten Tagen genau beobachtet. Er hat seine Villa nur zweimal verlassen, um im Vatikan zwei Kardinäle zu treffen. Es ging um Stundung ihrer Kredite, habe ich herausgefunden.“ Casali machte eine ungeduldige Geste, das waren Dinge, die er wusste und die nicht sonderlich von Belang waren. „Dann hat er eine Reihe von Besuchern empfangen, jedes Mal waren es Besucher von großen Abendessen, die er gegeben hat. Einmal war auch Meister Buonarroti zugegen.“ Casali horchte auf. „Blieb er länger als die anderen Gäste? Hat er auch mit Chigi alleine gesprochen?“ Der Mann schluckte. Das kann ich leider nicht sagen, ich habe keinen Zutritt zur Villa und die Diener sind alle verschwiegen, sie lassen sich zu meinem großen Bedauern nicht bestechen.“ Casali knirschte mit den Zähnen. „Immerhin: die beiden Männer hatten Kontakt. Was noch?“ Der Mann zog den Kopf zwischen die beiden Schultern. „Chigi hat die Villa nur einmal verlassen. Er hat seine Schwester im Kloster Trinità dei Monti besucht. Sie ist dort Äbtissin. Mehr gibt es leider nicht zu berichten, Herr.“ Ängstlich beobachtete der Spitzel seinen Auftraggeber und verwünschte sich, ihm seine Dienste angeboten zu haben. Dieser Mann war ebenso unberechenbar wie bedrohlich. Er beobachtete sein Mienenspiel und überlegte, wie er wohl am schnellsten hier raus käme. Einem Mann, der dem Obersten der Wache ins Gesicht schlug, war einiges zuzutrauen. Er machte vorsichtig kleine Schritte in Richtung Tür, während er zusah, wie Casali über das, was er berichtet hatte, nachdachte. „Eine Nonnen-Schwester, das ist interessant. Jedoch… für ein Versteck nicht geeignet…“ Casali sprach zu sich selbst und hatte, so schien es, seinen Besucher ganz vergessen. Der räusperte sich vorsichtig. „Falls ihr mich nicht mehr braucht, Herr, dann würde ich gern wieder meinen Beobachtungsplatz einnehmen. Zu Diensten…“ Er verbeugte sich, um zu signalisieren, dass er sich verabschieden wollte, traute sich allerdings nicht, wirklich zu gehen. Casali schien allerdings mittlerweile zu einem Schluss gekommen zu sein. „Ja, ihr dürft gehen. Aber mit einem neuen Auftrag. Ich will, dass ihr alle Klöster aufsucht und unauffällig nach Besuchern fragt, die dort gepflegt werden.“ Der Mann sah ihn hilflos an. „Alle Klöster, Herr? Es gibt sicherlich hunderte davon in Rom…“ Casali wurde ärgerlich. „Dann solltet ihr euch beeilen, nicht wahr!?“ Seine Augen blitzten böse und Casalis Spitzel hatte es eilig zu verschwinden. „Er verbeugte sich umständlich und eilte zu Tür, um weg zu sein, bevor diesem unangenehmen Menschen noch Übles einfiel.

*

 

Es war noch dunkel, als Michelangelo mit seinem Karren erneut in den Hof des verfallenen Klosters einfuhr. Beppo kam ihm entgegen und bereitete das Lager für Francesco, der immer noch so geschwächt war, dass er sich kaum auf den Beinen halten konnte. Deshalb wurde er von Beppo auf dem Arm zum Karren getragen. So unangenehm es dem Maler auch war, völlig auf die Hilfe seiner Freunde angewiesen zu sein: Eile war geboten und Francesco musste tatenlos geschehen lassen, was die Anderen vorbereitet hatten. Er war dankbar dafür, dass Beppo ihn vorsichtig auf das Stroh bettete. Elena trat als nächstes aus der Tür, sie hatte die noch schlafende Estella auf dem Arm und setzte sich zu Francesco auf den Karren. Alles lief schweigend ab. Als schließlich der Mönch, der ihnen in den vergangenen Tagen beigestanden hatte, durch die Tür kam, winkten sie ihm nur noch dankbar zum Abschied. Alles war wohl durchdacht und vorbereitet worden. Der Mönch drehte sich um und schloss die Tür. Er würde die Spuren von Francescos Aufenthalt weitgehend beseitigen und sich dann wieder zu seinen Brüdern begeben.

Der Karren setzte sich in Bewegung. Sie kamen nur langsam vorwärts, doch schneller zu fahren wäre aufgefallen. So machten sie es wie zahlreiche andere Bauern und Händler: sie fuhren gemächlich ihres Wegs und taten so, als würden sie müde zu ihrem Tagwerk aufbrechen. In Wirklichkeit waren sie angespannt und lauschten auf jedes verdächtige Geräusch, immer in der Angst, eiliges Hufgetrappel zu hören und von Casali überrascht und festgenommen zu werden. Sie hatten einen langen Weg vor sich, was die Sache nicht einfacher machte.

Chigi hatte den Zeitpunkt der Flucht mit viel Umsicht festgelegt. Es war zwei Tage vor Vollmond und das Mondlicht war schon so hell, dass sie mühelos ihren Weg durch die Straßen fanden. In einer Stunde würde die Dämmerung anbrechen. Im Osten konnte man sie bereits erahnen. Elena sah sich um. Sie wusste, dass es für sie kein Zurück geben würde und so nahm sie Abschied von Rom, von Italien und seinen Sommern der großen Hitze, der satten Farben, der vielfältigsten Gerüche. Sie sog das Land in sich auf, um die Erinnerung daran in ihrem Inneren lebendig halten zu können.

Auch Francesco hing seinen eigenen Gedanken nach. Er hatte schon die Hoffnung aufgegeben gehabt, jemals wieder aus dem stinkenden Kerkerloch heraus zu kommen. Nun genoss er besonders die frische Luft, die tausend Gerüche in sich trug und den lauen Wind, der ihm durch die Haare fuhr. Es duftete nach Gras, nach Blumen und nach etwas, was einfach Italien war. Die Landschaft war in hellen Mondschein getaucht, so dass Francesco mit seinen an Dunkelheit gewöhnten Augen die feinen Konturen der Landschaft erkennen konnte. Die Fahrt erschien ihm wie ein schöner Fiebertraum und er verspürte eine tiefe Dankbarkeit, dem grausigen Los, das Casali für ihn vorgesehen hatte, entkommen zu sein. Er blickte sich um: er war zusammen mit seinen Freunden, die sich in Gefahr begeben hatten, um ihm das Leben zu retten. Seine wunderschöne Frau saß an seiner Seite und wiegte ihre schlafende Tochter im Arm. Allen Umständen zum Trotz fühlte Francesco sich in diesem Moment wie der glücklichste Mensch auf Erden. Er seufzte. Als Elena und Beppo ihn fragen ansahen, nickte er lächelnd. „Danke“ flüsterte er leise. Das dankbare Lächeln auf Francescos Gesicht zu sehen, erinnerte Elena und Beppo daran, dass es Wichtigeres gab als den Ort, den man sein Zuhause nannte. Sie waren zusammen und würden England zu ihrem neuen Zuhause machen.

*

 

Casali rannte zu seinem Pferd, das im Hof gesattelt auf ihn wartete. Fünf Wachen waren bereit, mit ihm den Verbrecher zu jagen. Sein Gefühl hatte ihn nicht getrogen und seine Spitzel hatten ganze Arbeit geleistet. Sie hatten binnen Stunden das Kloster ausfindig gemacht, in dem der Ketzer Allieri nach seiner Befreiung Zuflucht gefunden hatte. Noch in der gleichen Nacht hatte Casali die Wachen ausgeschickt,um den Verbrecher einzufangen, doch sie hatten ihn nicht mehr angetroffen. Nun galt es, dem Flüchtigen den Weg abzuschneiden, doch dazu musste man wissen, wohin sie sich wohl wenden würden. Casali war sich nicht sicher. Es war bekannt, dass Chigi gute Handelsbeziehungen nach Nordeuropa hatte. Frankreich war deshalb ein mögliches Ziel. Es war allerdings nicht auszuschließen, dass die Schuldigen sich auf ein Schiff begeben würden. Casalis Gefühl riet ihm, zum Hafen Civitavecchia zu reiten. Von dort konnte man in jeden Winkel der Welt reisen. Casali schwang sich in den Sattel und gab dem Pferd die Sporen. Der Reitertrupp jagte im Galopp durch die Gassen Roms, dem Hafen von Civitaveccia entgegen.

*

 

Francesco war eingenickt vom gleichmäßigen Schaukeln des Karrens. Als er wach wurde, roch er es: das Meer. Er hatte noch nie in seinem Leben das Meer gesehen.. Die Sonne war noch gar nicht aufgegangen, doch Beppo hatte Francesco bereits einen Strohhut aufgesetzt, der seine Augen schützen sollte, sobald die Sonne aufging. Elena lächelte über Beppos Fürsorge. Francesco blinzelte und hielt erst noch die Augen geschlossen. Es dauerte etwas, bis er seine Augen einige Momente lang offen halten konnte. Er sah Beppo dankbar lächelnd an, sein Blick machte Worte überflüssig. Beppo legte Francesco die Hand auf die Schulter und lächelte Elena gut gelaunt an. Dabei war es wohl für ihn am schwersten. Er musste seine Heimat verlassen, nur weil er mit Francesco befreundet war. Die beiden Männer standen sich zu nahe, als dass Beppo unbehelligt und sicher auch weiterhin hier hätte leben können. Anders als Michelangelo hatte Beppo keinen mächtigen Beschützer wie Seine Heiligkeit Julius II. Elena schenkte dem treuen Gefährten ihr wärmstes Lächeln und nickte ihm aufmunternd zu. Für sie alle war es ein nicht ganz freiwilliges Abenteuer, doch es galt nun, das Beste daraus zu machen. So richtete Elena sich auf und blickte entschlossen nach vorne.

Francesco betrachtete seine Frau. Er hatte ihr Gesicht so oft und so lange in seinen Gedanken gesehen, doch nun entdeckte er sie wieder neu und fand Spuren ihrer Angst um ihn in Form von kleinen, neuen Fältchen in ihrem Gesicht. Wie gern hätte er sie liebkost, doch seine Hände waren dick eingewickelt und brauchten noch Zeit um zu heilen. Elena fühlte Francescos Blick auf ihr ruhen. Sie sahen sich an und liebten sich mit den Augen, so dass die Luft zwischen ihnen dichter zu sein schien. Beppo hatte genug Feingefühl, um das zu spüren, er wandte sich ab und suchte am Horizont das Licht der bald aufgehenden Sonne. Sie mussten sich beeilen. Auch Michelangelo schien diesen Gedanken zu haben, denn er trieb mit einem Schnalzen die Pferde an und ließ die Zügel auf ihre Rücken klatschen. Mehr brauchten die braven Tiere nicht, um in einen gemächlichen Trab zu verfallen.

*

 

Der Hafen kam in Sicht und Casali triumphierte innerlich. Er ließ seine Männer ausschwärmen und nach einem Schiff nach Spanien, England oder Frankreich suchen. Um diese Zeit waren einige Schiffe im Hafen und warteten auf die Flut, sie waren fast alle startbereit. Der Inquisitor suchte den Hafen ab, es waren viele Menschen hier: Arbeiter, die die Schiffe beluden, Matrosen und Passagiere, die sich von ihren Liebsten verabschieden wollten. Casalis Blick suchte jemanden, der an Bord getragen werden musste. Er biss in seiner Anspannung die Zähne zusammen, doch er fand nichts Verdächtiges. War es denn möglich, dass er sich getäuscht hatte? Fieberhaft arbeitete sein Verstand und ging alle Möglichkeiten durch. Ein Schiff wäre die beste Möglichkeit um… ein Schiff ja, aber eines, das nicht im Hafen von Civitavecchia anlegen würde, wo man es als erstes suchen würde, sondern eines, das unauffällig im alten Hafen von Ostia liegen würde. Das musste es sein. Casali war nun sicher, dass Francesco in Ostia an Bord gehen würde. Er fluchte, denn er hatte wertvolle Zeit vertan. Rüde wendete er sein Pferd und rief die drei Reiter, die seinen Ruf hören konnten, zu sich. Wenige Augenblicke später preschte Casali in die Richtung des alten Hafens davon, gefolgt von seinen Männern. Sie gaben ihren Pferden die Sporen und kamen um diese Zeit, wo außerhalb des Hafens kaum jemand unterwegs war, schnell vorwärts.

*

Francesco gewöhnte sich langsam an das heller werdende Licht. Es tat ihm unglaublich gut, auch wenn es hin und wieder in seinen Augen schmerzte. Sie waren schon fast da. Der alte Hafen von Ostia war nicht mehr weit weg und sie mussten sich beeilen. Die Sonne würde bald aufgehen.

Als das Meer sichtbar wurde, half Beppo seinem Freund hoch, damit er den Anblick genießen konnte. Francesco sah und staunte. Ein wenig war ihm durchaus bang bei dem Gedanken, dass sie sich in Kürze diesen unendlichen Weiten in einem Schiff anvertrauen würden. Er schluckte, doch Elena legte tröstend ihre Hand auf seine Schulter. Sie hatte seine Gedanken erraten und wollte ihm Mut machen. Immerhin war es für sie nicht die erste Reise über das Meer. Beppo ging es ganz ähnlich wie Francesco. Beide Männer konnten den Blick nicht vom Horizont losreißen, der nahtlos in den Himmel überzugehen schien. Im Grau des heranbrechenden Morgens erschien die Weite des Wassers eher bedrohlich und wenig Vertrauen erweckend.

Sie kamen schließlich an den alten Hafen, in dem neben einigen kleineren Fischerbooten ein einziges Schiff vor Anker lag. Agostino Chigi hatte es für sicherer gehalten, den alten Hafen zu nutzen. Das verträumte alte Hafenstädtchen bot mehr Schutz, da der Hafen schon lange nicht mehr genutzt wurde. Für Chigis Pläne waren das die besten Voraussetzungen. Das Schiff war startbereit und Landebrücke wartete nur noch auf die letzten Passagiere. Elena wurde zunehmend unruhig, sie trieb die Männer zur Eile an, als der Karren vor dem Schiff stoppte. Estella spürte wohl die Unruhe ihrer Mutter, denn nun wachte auch das kleine Mädchen auf und quengelte, bis Elena sie mit wiegenden Bewegungen und einen leise gesungenen Schlaflied beruhigte. Francesco wurde vorsichtig auf das Schiff getragen. Elena hielt sie auf, als sie ihn unter Deck bringen wollten. Sie ließ Francesco an Deck auf einige Strohballen betten, so dass er sehen konnte. Der Abschied erfolgte eilig, denn Elena hatte mittlerweile auch die Männer mit ihrer Unrast angesteckt. Michelangelo umarmte jeden einzelnen. Tränen waren in seinen Augen zu sehen und er war dankbar dafür, dass niemand von ihm erwartete, dass er die richtigen Worte fand. Wie Francesco sahen sie sich alle nur wortlos an. Sie waren sich so nahe gekommen, dass sie sich genau verstanden ohne ein Wort wechseln zu müssen. Nur Elena ergriff am Ende das Wort. „Michelangelo, wie können wir euch nur danken. Bitte, versteckt euch in einem der alten Innenhöfe, bevor ihr zurückkehrt. Man weiß nie, wer sich so alles in einem Hafen tummelt, ihr müsst weiterhin vorsichtig sein.“ Michelangelo wollte ihre Warnung erst als Weibsgeschwätz abtun. Doch er sah ihren Blick und nickte nur.

Sobald sich Michelangelo wieder an Land begeben hatte, wurde die Landebrücke eingezogen und die Leinen losgemacht. Michelangelo gönnte sich nur einen kurzen Blick, dann wendete er den Karren, um seine Tränen fließen zu lassen und sich in einem der verlassenen Häuser auf dem Karren ein Schläfchen zu gönnen.

*

 

Elena und Beppo standen neben Francesco und schauten mit ihm auf den Hafen von Ostia. Die Sonne ging auf und tauchte den Ort in spätsommerlich goldenes Licht. Das Herz wurde den Freunden schwer, als sie zusahen, wie sich ihr Schiff langsam von der Kaimauer entfernte. Es war schwer, ihr früheres Leben zurückzulassen. Sie waren hier glücklich gewesen und liebten die Heilige Stadt mit ihren glanzvollen, aber auch mit ihren Schattenseiten. Ihre Zukunft lag nun in einem Land mit regnerisch kaltem Klima und war auch sonst ungewiss.

Elena sah die Reiter zuerst. Vier Reiter galoppierten über den Hafen und kamen an der Stelle zum Stehen, wo noch vor wenigen Minuten ihr Schiff abgelegt hatte. Nun waren auch die beiden Männer auf die Reiter aufmerksam geworden und erkannten unter ihnen Francescos Peiniger: den Inquisitor von Cremona: Georgius de Casali. Der sprang vom Pferd und stand mit geballten Fäusten auf dem Kai. Sie erschraken über sein verzerrtes Gesicht, als er seine Enttäuschung hinaus schrie: „Allieriiii!!!!“ Seine Stimme überschlug sich. Francesco zitterte, jede einzelne Faser seines geschundenen Körpers war angespannt. Mit vor Angst und Grauen geweiteten Augen sah er zu, wie sein Schiff immer mehr Abstand zwischen ihm und Casali brachte, der bebend auf der Kaimauer stand und hilflos zusehen musste, wie Francesco sich entfernte. So war die Erleichterung über die geglückte Flucht größer als die Traurigkeit wegen dem Verlust der Heimat. Auch Beppo war der Schreck des Anblicks von Casali in die Glieder gefahren. Wie auf eine wortlose Übereinkunft hin wendeten die drei Freunde ihren Blick weg vom Hafen hin zum Horizont.

Casali hatte diese Geste gesehen und war außer sich vor Wut. Seine Gerte schlug er mit aller Kraft an den Poller, an dem die Schiffsleinen festgemacht gewesen waren. Die Wucht des Schlags war so groß, dass die Gerte brach und Casali nur noch den Griff in der Hand hielt. Die Männer, die mit ihm gekommen waren, mussten ein Aufatmen unterdrücken, keiner von ihnen wollte seine Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Sie hielten sich im Hintergrund und folgten ihrem Herrn, als er sich wieder in den Sattel schwang, um im Galopp zurück nach Rom zu reiten.

*

 

Francesco konnte nicht anders. Er wandte sich nach einigen Minuten um und sah zurück. Er beobachtete, wie der Hafen langsam immer kleiner wurde und seufzte. Elena setzte sich zu ihm. „Traurig?“, fragte sie kurz. Francesco nickte kurz. Dann erklang leise seine krächzende Stimme. „Ich lasse einen Teil von mir zurück.“ Seine Frau sah ihn überrascht an. Dann nickte auch sie. „Femina. Sie ist noch irgendwo versteckt, nicht wahr?!“ Francesco nickte wieder. „Gut versteckt“, krächzte er, „doch hoffentlich findet man sie irgendwann. Wenn die rechte Zeit gekommen ist.“ Elena blickte zurück. „Ja, das wäre schön.“ Beide seufzten. Dann wendeten sie erneut den Blick auf den Horizont. Sie schauten auf das offene Meer und ihrer Zukunft entgegen.

 

Ende

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 12.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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