Lena Kelm

Russisch parken

Mein Visum für den Aufenthalt bei meinen Verwandten in der DDR endete in wenigen Tagen. Meine Großnichte Marion nahm mich mit im Auto in die dreißig Kilometer entfernte Kreisstadt Neustrelitz. Während sie ihre Angelegenheiten erledigte, nutzte ich die Zeit für letzte Einkäufe in den kleinen, aber feinen Geschäften, sah mich nach Kunstgewerbe und Schokolade um. Mir fehlten ein paar außergewöhnliche kleine Geschenke für meine Freunde in der Kasachischen Sowjetrepublik. Die Wahl war eine Qual! Am liebsten hätte ich alles mitgenommen, dekorative Kerzen und Kerzenständer, Sammeltassen aus feinstem Porzellan, aber Zollvorschriften, drohendes Übergepäck und fehlende finanzielle Mittel hielten mich davon ab. Man hat ja auch nur zwei Hände! Anstatt unüberlegt einzukaufen, bewundert ich die Dinge. 

Marion erwartete mich schon und so fuhren wir noch zum russischen Magazin. Für DDR- Bürger war der Einkauf in russischen Magazinen keine Selbstverständlichkeit. Meine Verwandten waren keine Parteimitglieder und genossen keine Privilegien. Ab und zu kauften sie gern dort ein. Die Preise waren niedriger als im Konsum und die Ware von besserer Qualität. Ihnen waren die Tomaten im Konsum zu weich und unappetitlich, im Magazin dagegen erschienen sie ihnen röter. In den Magazinen gab es Waren, die in DDR-Geschäften nicht angeboten wurden, ähnlich dem Berjoska-Geschäft in Moskau, dem Inter-Shop in der Sowjetunion. Der Unterschied bestand darin, dass ich Berjoska ohne Devisen nicht betreten durfte. Devisen besaß kein normaler Sowjetbürger, schon gar nicht an der Peripherie Kasachstans. Im Magazin konnte ich für DDR-Mark unbegrenzt einkaufen. Ich wollte meiner Mutter Kleiderstoff kaufen. Stoffe waren hier besonders günstig. Wir nähten zu jener Zeit unsere Kleider selbst.

Kurz vor Ladenschluss erreichten wir die Tore der Garnison. Marion suchte einen Parkplatz, überall war Parkverbot. Ich bat Marion kurz anzuhalten und versprach in zehn Minuten zurückzukehren. Ich flehte sie an, sie gab nach. Und ich hielt Wort. Als ich dann die Autotür öffnete, sah ich Marions vor Schreck geweitete Augen im blassen Gesicht. Da sah ich sie auch, die zwei Polizisten, die sich gezielt auf unser Auto zu bewegten. Hastig stieg ich ein, meinen Leichtsinn insgeheim verfluchend, wissend, Flucht war unmöglich. Ich hatte Marion zu einer Straftat angestiftet und damit das allgemein herrschende Vorurteil bestätigt: Russen sind alle gleich, Ordnung und Recht nehmen sie nicht ernst, russische Mentalität eben. Blitzschnell hatte ich eine Idee. Für mich selbst unerwartet sagte ich zu ihr: „Du sprichst jetzt bitte nicht, lass mich reden.“ Sie nickte bloß. Die Polzisten standen schon vorm Auto, baten um Dokumente. Marion reichte ihre, ich meinen Reisepass und legte los: Strastwujte, ne ponimaju, ja tjotja, potschemu, sagte immer wieder „ne ponimaju“, ich verstehe nicht. Ich redete Stuss, ohne Punkt und Komma, heftig gestikulierend. Die Polizisten sahen überrumpelt aus. Verrückte Russin, dachten sie bestimmt. Wie durch Nebel hörte ich Marion entschuldigend erklären: „Tante aus der Sowjetunion.“ Der Polizist streckte mir den Pass entgegen. „Sie können fahren, beim nächsten Mal achten Sie auf das Parkverbot.“ Ich bedankte mich überschwänglich, nannte sie respektvoll Genossen Offiziere. „Spassibo, spassibo!“ Sie ahnen nicht, dass ich jedes Wort verstand. Deutsch war meine Muttersprache. Ob die Polizisten aus Ehrfurcht vor dem „Großen Bruder“, wie man die Sowjetunion in der DDR nannte, uns fahren ließen, blieb ihr Geheimnis. Mich plagten Gewissensbisse, ich entschuldigte mich und legte meine Arme um Marion. „Gut gemacht“, sagte sie. „Hätte nicht geglaubt, ungestraft davon zu kommen. Ende gut, alles gut.“ Wir brachen in schallendes Gelächter aus.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 13.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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