Denise Gehlert

Kaffee bei Fernando

Ich fühlte mich nicht gut an diesem Dienstagmorgen. Draußen schien die Sonne, der Himmel war wolkenlos und man hörte die Vögel zwitschern. Ich dachte an das Büro. Ich dachte an meinen sexistischen Boss, der sämtliche Kolleginnen anschmachtete und meine etwas korpulentere Lieblingskollegin Erna gerne beleidigte. Erna und ich trafen uns immer montags nach der Arbeit in einem Café, ein paar Straßen von unserem Arbeitsplatz entfernt. Nicht so weit, dass wir ewig unterwegs waren, aber doch weit genug, um den Alltag im Büro zu verdrängen.

Ich wusste, dass sie unter den Neckereien des Chefs genauso sehr litt wie unter den Lästereien unserer Kollegen. In dem Café konnten wir die Tatsache verdauen, dass wir erst einen von fünf Tagen überstanden hatten. Wir setzten uns immer an die kleine, urige Bartheke und tranken genüsslich den warmen, vollmundigen Kaffee, der den aus der grundsätzlich verkalkten Maschine in unserem Geschäft um Welten voraus war. Erna bestellte sich immer erstmal einen Cappuccino, ich trank meinen Kaffee grundsätzlich schwarz. Der Besitzer der Bar, Fernando, hatte uns bereits in sein Herz geschlossen. Er war jung, gutaussehend und hochmotiviert. Wie ich auch vor zwei Jahren, bevor ich in diese grässliche Abteilung versetzt wurde. „Meine Lieblingsmädchen!“ rief Fernando an diesem Montag, als wir uns an unsere gewohnten Plätze setzten. Ohne zu fragen begann er, unsere Kaffees zuzubereiten und holte uns zwei duftende, warme Muffins aus der elegant beleuchteten Glasvitrine. „Danke, Fernando.“, sagte ich. Er lächelte verschmitzt. „Wie geht es euch?“

Erna senkte den Blick. Ich sah, dass ihr Tränen in die Augen stiegen und legte einen Arm um ihre Schultern. Fernando schenkte ihr einen mitleidigen Blick. „Die Kollegen waren heute mal wieder besonders… freundlich.“, sagte ich und verdrehte die Augen. Ich hasste diese scheinheiligen Idioten. Eine unserer angeblich glücklich verheirateten Kolleginnen vögelte regelmäßig mit unserem angeblich glücklich verheirateten Chef, eine weitere Kollegin empfahl Erna regelmäßig, sich doch endlich mal den Finger in den Hals zu stecken, wie das normale Fettleibige eben tun würden um abzunehmen und ein anderer Kollege hatte die lustige Angewohnheit, widerliche Fotomontagen anzufertigen, auf denen er Erna mit Schweinen, Kühen und anderen Tieren verglich. „Die Menschen in diesem Laden sind widerlich. Und sie werden immer widerlicher. Am liebsten würde ich gehen.“, sagte ich. „Bloß nicht!“ Erna schreckte auf. „Du kannst mich nicht mit diesen Monstern alleine lassen!“. Ihr Blick war panisch, nahezu hysterisch, als sie das sagte. „Mach ich nicht.“, antwortete ich ruhig und nahm ihre Hand. Sie sah Fernando an. „Ich brauche diesen Job. Ich brauche das Geld. Und ich liebe diesen Job. Ich liebe meine Arbeit wirklich. Wenn nur die Kollegen nicht wären. Ich weiß nicht, was ich ihnen getan habe.“ sagte sie mit zittriger Stimme. Besonders in den letzten Wochen waren unsere Kollegen zu wahren Monstern mutiert. Sie begannen, Erna zu schubsen, schütteten ihr versehentlich heißen Kaffee über oder zogen den Stecker ihres Computers, sodass Sie mit ihrer Arbeit teilweise ganz von vorne beginnen musste. Ich war in den letzten Wochen ein paar Mal zuhause geblieben, weil ich immer wieder starke Kopfschmerzen gehabt hatte. Immer, wenn Erna alleine im Büro war, passierten diese Dinge. Als ich das bemerkte, zwang ich mich trotz meiner Kopfschmerzen wieder zur Arbeit. Der Arzt hatte gemeint, die Ursache für meine Schmerzen sei psychischer Stress, und ich fand, dass diese zwei Worte unsere Kollegen ziemlich treffend beschrieben.

Fernando schenkte uns ein herzliches Lächeln. „Meine lieben Mädchen, irgendwann bekommt jeder das, was er verdient. Und ihr beide verdient nur das Beste. Trinkt euren Kaffee.“  

Das Café von Fernando hatte irgendwas an sich, das uns wirklich jedes Mal wieder beruhigte. Abgesehen von Fernando natürlich, der uns nach den ganzen Jahren in- und auswendig kannte. Er wusste einfach alles über uns. Er wusste, wie giftig unsere Kollegen waren, er wusste, wie sehr wir unsere eigentliche Arbeit liebten, er wusste, wie wenig Privatleben wir noch hatten und er wusste, dass wir das nicht mehr lange mitmachen würden. Auch heute erzählte Erna ihm von den letzten Wochen, von der Bösartigkeit, die immer weiter zunahm und von ihren Heulkrämpfen und Albträumen, die sie inzwischen fast jede Nacht hatte.

Als ich so darüber nachdachte, fiel mir auf, wie wenig wir eigentlich über IHN wussten.

Erna wartete an diesem Morgen vor dem Eingang auf mich. Seit ein paar Tagen traute sie sich kaum noch alleine nach oben ins Büro. Wir gingen in den Fahrstuhl, drückten die Taste 9 und fuhren schweigend hinauf.

Im Büro angekommen wurden wir von unseren Kollegen mit eiskalten Blicken empfangen. Kälter als sonst. Viel kälter. Nicht, dass ich das für möglich gehalten hatte. Meine Kollegin erhob sich aus ihrem Bürostuhl, klopfte an die geschlossene Tür unseres Chefs und rief mit kühler Stimme: „Sie sind da!“

Unser Chef stürmte aus dem Büro, sein haarloser Kopf hochrot angelaufen. „Dass Sie sich noch hierher trauen! Was fällt ihnen eigentlich ein, sie dicke, fragide Kuh?!?“ schrie er. Erna wurde panisch, als er ihr langsam mit erhobenem Zeigefinger näher kam. Die Luft fühlte sich plötzlich dick und heiß an. „Ach, was sag ich, sie waren es bestimmt nicht.“, er winkte ab, „Hier, ihre Beschützerin hat sich doch bestimmt mal wieder eingemischt. Sie haben meiner Frau die Bilder geschickt! Sind Sie gestört? Eifersüchtig? Was ist los mit Ihnen?!“ sein Zeigefinger wedelte nun plötzlich vor MEINER Nase herum. „Was denn bitte für Bilder? Drehen Sie jetzt durch?“, fragte ich wütend und schlug ihm den Finger vor meiner Nase weg. Seine Nasenflügel weiteten sich.  „Meine Frau hat Bilder erhalten. Von mir und einer anderen Frau.“ Ich schloss kurz meine Augen und atmete tief ein, um nicht loslachen zu müssen. „Ich muss Ihnen leider sagen, dass die Bilder von Ihnen und der anderen Frau…“, ich unterbrach kurz meinen Satz und sah unsere herzallerliebste Kollegin, auch bekannt als seine kleine, dreckige Schreibtischaffäre, wissend an: „nicht durch mich an ihre Ehefrau gekommen sind. Ich halte mich aus ihrem traurigen Privatleben nur zu gerne raus. Ich nehme an, Ihr Mann hat dieselben Bilder erhalten, so wie Sie mich gerade anschauen.“ Mein Blick galt nun wieder der dreckigen Schreibtischaffäre, die aussah, als wollte Sie mich am liebsten erwürgen. Mein anderer Kollege, der mit den super lustigen Fotomontagen, knallte mir einen Brief vor die Füße. „Ich hab eine anonyme Anzeige erhalten! Ich würde angeblich Leute „mobben“. Was seid ihr denn für Weicheier? Vertragt ihr nicht mal ein bisschen Spaß?“ ich konnte es wirklich nicht glauben. Hatte er das gerade „Spaß“ genannt? Ich ballte die Fäuste. Dann hob ich seelenruhig den Brief auf und gab ihn meinem Kollegen zurück. Nachdem unsere andere Kollegin uns dann noch völlig entgeistert einen Briefumschlag in die Hand drückte, in welchem sich Bilder von magersüchtigen Frauen befanden, auf denen dick mit Edding  „Menschen wie du sind schuld“ geschrieben stand, riss mir langsam der Geduldsfaden. Ich warf Erna einen fragenden Blick zu, sie schüttelte zur Antwort nur den Kopf und zog die Schultern nach oben. Sie war es nicht gewesen. Ich atmete nochmal tief ein und aus.  „Mir reicht es jetzt. Hören Sie mir gut zu, denn das sind die letzten Worte, die ich an Sie alle in diesem Leben verschwenden werde. Ich war das nicht. Erna war es auch nicht. Aber um ehrlich zu sein, wünschte ich, ich wäre es gewesen. Jeder einzelne von Ihnen ist zum kotzen, und jeder einzelne von Ihnen verdient genau DAS und schlimmeres. Sie sind schlechte, widerliche Menschen die mir meine geliebte Arbeit vergiftet haben. Jeder von Ihnen. Der einzige Mensch hier, der klar denkt, ist Erna. Und der einzige Mensch hier, der wirklich gut arbeitet, ist auch Erna. Und Menschen wie Sie machen liebevolle, kompetente Menschen wie Erna kaputt.“

Erna sah mich lang an. Dann sah Sie meine Kollegen an. Dann meinen Chef. „Ich kündige.“, sagte sie. Sie zitterte dabei, aber ich sah ein kurzes, erleichtertes Lächeln über ihre Lippen huschen. Die Lippen unseres Chefs bebten wieder. Man sah ihm in den Augen an, wie aggressiv er wurde. „Gut! Und sie sind gefeuert!“. Da war er wieder, dieser wackelnde Zeigefinger in meinem Gesicht. Ich wollte ihm gerade den Finger wegschlagen, als eine dunkle, tödlich ruhige Stimme durch das Büro hallte.

„Das denke ich nicht. Und nehmen Sie den Finger runter, man zeigt nicht auf Menschen. Haben sie kein Benehmen?“

Ein streng blickender Mann mit südländischem Aussehen, gekleidet in einem vermutlich sündhaft teuren Anzug, betrat den Raum. Sein dunkelgraues, kurzes Haar war perfekt gestylt und man roch sein herbes Parfüm überall. Er strahlte eine Autorität aus, die fast schon beängstigend war. „Und wer sind Sie bitte?“ fragte mein Chef und straffte übertrieben auffällig seine Schultern. Der Mann schien diese Geste gekonnt zu ignorieren. „Alfonso Martinez. Mir gehört die Firma, daher sollten Sie meinen Namen schon mal gehört haben.“ Mein Chef wurde binnen Sekunden bleich, seine Schultern senkten sich wieder und seine Augen schienen vergessen zu haben, wie man blinzelt. „Herr Martinez, es tut mir furchtbar leid, ich wusste nicht, dass Sie..:“ Herr Martinez hob seine Hand und brachte meinen Chef zum Schweigen. „Nun, ich stehe schon seit einigen Minuten an der Tür. Glücklicherweise hat mich niemand bemerkt, Sie waren alle zu beschäftigt mit Schreien und Schimpfen. Bezeichnen Sie eigentlich  alle ihre Mitarbeiterinnen als fragide, fette Kuh?“, fragte er unseren Chef. „Hören Sie, es handelt sich um ein Missverständnis, ich…“ Herr Martinez hob erneut seine Hand. „ich habe in den letzten zehn Minuten lange genug Gelegenheiten gehabt, Ihnen allen zuzuhören. Je mehr sie sprechen, desto schlimmer wird es. Also halten Sie bitte die Klappe. Danke.“
Er sah mich an. Dann lächelte er. Plötzlich wirkte er unglaublich herzlich und ich wurde das Gefühl nicht los, dass ich ihn irgendwoher kannte. Er legte Erna eine Hand auf die Schulter. „Es tut mir leid, dass Sie sich das anhören mussten. Ich habe ihre Arbeit gesehen, und sie sind unverzichtbar für unsere Firma. Bitte bleiben Sie. Überlegen Sie es sich nochmal, ja?“ Erna war sprachlos. Ich spürte ihre freudige Anspannung. Dann wandte er sich mir zu. „Auch ihre Arbeit ist hervorragend. Sie sind mit Abstand die kompetenteste hier. Auch Sie bitte ich, zu bleiben.“ Ich sah ihm in die braunen, dunklen Augen. Sie strahlten eine Mischung aus Strenge und Gutherzigkeit aus. Eine sehr seltene Kombination, wie ich fand. „Es tut mir sehr leid, Herr Martinez, aber ich ertrage diese Abteilung, diese Menschen, nicht mehr. Ich würde gerne wechseln.“, gab ich zurück. Erna nickte zustimmend. „Naja, wenn Sie diese Menschen nicht mehr ertragen, feuern Sie sie doch einfach.“ Erschrockene Blicke huschten durch den Raum. Erna nahm meine Hand. „Ich verstehe nicht ganz, was Sie meinen.“, sagte ich. Wieder lächelte Herr Martinez. „Ich habe Sie soeben befördert. Sie sind jetzt die Abteilungsleiterin. Es liegt in ihren Händen.“ Ich stockte kurz. Das musste ein Traum sein. Was zur Hölle war hier eigentlich los? Ich schluckte. Eine Welle von Freude überrannte mich. Die Luft in dem Büro wurde spürbar dicker. Nachdem ich mich gesammelt und realisiert hatte, was hier gerade geschah, wandte ich mich an meine Kollegen. Ich lächelte nicht. Sie sollten sehen, wie ernst es mir war.

„Sie sind gefeuert. Jeder einzelne von Ihnen. Außer Erna.“ Meine Kollegin lachte schallend. „Sie brauchen uns. Wollen Sie diese Abteilung jetzt zu zweit führen?“ Ich schüttelte den Kopf. „Sie hab ich schneller ersetzt, als sie denken.“

Meine Kollegen stürmten nach und nach wütend aus dem Raum. Erna und ich verzogen keine Miene. Herr Martinez streckte mir seine Hand zum Abschied entgegen. Ich schüttelte sie mit festem Griff. „Ich habe noch etwas für Sie.“, sagte er und reichte mir einen Zettel. Ich faltete ihn auf. Erna linste über meine Schultern. Leise las ich vor: „Jeder bekommt, was er verdient. Und ihr verdient nur das Beste, meine Mädchen. In Liebe, euer Fernando Martinez.“

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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