Lena Kelm

Ein langer Weg

 

Diesen Weg ging ich jeden Tag. Der Tag war wie jeder andere, schön und sonnig am Beginn des Sommers. Die Sonne schickte großzügig ihre milden Strahlen auf die Erde, es war nicht erstickend heiß wie oft im Juli oder August. Der wolkenlose Himmel schien von einem begabten Maler mit einem satten intensiven Blau überpinselt worden zu sein. Die jungen Bäumchen im Schulgarten zeigten ihre zarten grünen Blätter. Ich genoss das Azurblau des Himmels, das frische Grün des Gartens, das erste, labende Sonnenbad des Jahres. Sie weckten in mir Vorfreude auf den Sommerurlaub. Genauso belebte die gönnerhafte Natur die laut lachenden Teenager, die mich einholten. In ein paar Tagen würden die Ferien beginnen, die fast drei Monate dauerten. Wenn die Mädchen wüssten, wie sehr sich auch die Lehrer darauf freuten, dachte ich, und konnte mein Lächeln nicht verbergen.

Da sah ich sie und mein Lächeln erstarb. Eine zierliche Frau ganz in Schwarz, um die vierzig, kam mir entgegen, durch die an mir vorbeiziehende Mädchenschar bis dahin verborgen gewesen. Nicht ihr plötzliches Erscheinen ließ mich meine Schritte unwillkürlich verlangsamen. Ihr Blick war zu Boden gerichtet, über ihr blasses Gesicht, den zusammengepressten Lippen, liefen lautlos Tränen. Ich erschauerte. Die Unbekannte nahm nichts um sich herum wahr, weder die strahlende Sonne, den leuchtendblauen Himmel, noch die lachenden Kinder. Diese in ihr unermessliches Leid versunkene Frau, durch Trauer gebeugte schwarze Gestalt, war nicht imstande, meine Freude oder die der Lachenden zu teilen. Ihre Umwelt schien ein imaginärer Maler in unbarmherziges Schwarz gehüllt zu haben. Wie gebannt schaute ich sie an. Sie drohte zusammenzubrechen, doch ich traute mich nicht, sie anzusprechen und ihr Hilfe anzubieten. Instinktiv begriff ich: Sie wollte mit ihrer Trauer allein gelassen werden. 

So ging ich den Weg weiter, der nicht mehr der gleiche war. Dieses Bild verdrängte das Bild des schönen Sommertages in mir. Mein Herz verkrampfte sich. Zum ersten Mal im Leben begegnete ich solch intensiver Trauer. Wieso weckte diese fremde Frau solche Gefühle in mir? Lag es am Kontrast zwischen der lebendigen farbenfrohen Natur und ihrer untröstlichen Trauer? Wieso würdigten die Mädchen diese Frau keines Blickes? Sie waren weitergegangen. Ihr unbekümmertes Lachen hörte ich immer noch. War es Leichtsinn oder Sorgenlosigkeit, Egoismus oder Erfahrungsmangel der Jugend, oder von allem etwas? Plötzlich wurde mir klar, ich bin empfänglich für das Leid anderer geworden. Nie wieder kann ich die Welt mit den Augen eines Jugendlichen sehen. In diesem Moment habe ich mich vom Wunderland der Kindheit und Jugend verabschiedet.

Viele andere Wege bin ich seitdem gegangen, steinige und holprige, schmerzhafte und leichtsinnige, lehrreiche und fruchtbare, glückliche und traurige. Begegne ich Kranken, Behinderten, Trauernden, sehe ich das Sinnbild dieser Frau in Schwarz vor mir. Mein Herz verkrampft sich wie damals, und in dem Moment gehe ich gedanklich erneut diesen Weg. Manchmal dauert ein Weg ein Leben lang.

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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