Jakob Kappert

Die Mücke


Aufmerksam saß die Mücke auf dem Tresen und nippte, die Flügel achtsam von sich gestreckt, an einem verschüttetem Tropfen Jack Daniels; anschließend reckte sie ihre Antennen. Eine verheißungsvolle Schweißduftspur zog von der nahegelegenen Tanzfläche herüber. Erneutes nippen. Dank des bissigen Tropfens verfiel ihre Unsicherheit in ein anthropomorphes Stadium, bis sie sich völlig von dem Insekt abspaltete. Die Mücke war stechbereit.

Gerade richtig angeduselt schwirrte sie zur Tanzfläche. Ihr vorfreudiges Summen, als sie in das Gewusel aus zuckenden und stampfenden Gliedmaßen eintauchte, unterlag der dröhnenden Basslinie einer Technomonotonie. In farbenfroh flackerndem Scheinwerferlicht umkreiste sie ihr anvisiertes Opfer.

Die Blondine bemerkte die Mücke erst spät, doch als, da drehte und duckte sie sich konträr zu dessen schmaler werdenden Umkreisungen. Gierig inspizierten die grünen Facettenaugen jede einzelne Muskelregung an Blondis straffen Körper, jeden einzelnen Schweißtropfen, der ihren Nacken hinab, durch die Mulde zwischen ihren Schulterblättern, unters Top lief. Mit etwas, das ein Lächeln sein mochte, manövrierte sie sich auf Blondis wohlgerundete linke Arschbacke.

Entrüstet hielt Blondi inne, schüttelte den Aufdringling ab, warf diesem den bösen Blick zu und stolzierte erhobenen Hauptes von der Tanzfläche. Die beharrliche Mücke folgte ihrem Opfer. Erst zum Tresen, wo dieses eine durchsichtige Flüssigkeit in einem schmalen Glas erwarb, die kleine Gittertreppe zum Chill-Out hinauf, wo dieses sich in eines von fünf ranzigen roten Ledersofas sacken ließ, und zuletzt bis auf den Rand des Glases, das dieses an seinen Mund führte.

„Hey Tanzpartnerin“ summte eine leise, versöhnliche Stimme.

Blondi senkte ihr Glas.

„Hör mal, das auf der Tanzfläche vorhin tut mir leid - Bin eigentlich voll schüchtern - Wohl zu viel getrunken“

Keine Reaktion.

Strategiewechsel.

Die Mücke kroch in das schmale Glas, wobei sie erneut darauf achtete, ihre empfindlichen Flügel nicht zu verkleben, tunkte ihren Saugrüssel in die mysteriöse Flüssigkeit und verlautete kennerhaft: „Schmeckt verdammt gut dein Gin Tonic!“

Blondi starrte mit hochgezogener Oberlippe auf das Insekt in ihrem Glas, dann stellte sie beides auf einen kleinen Beitisch, dergleichen neben jedem Sofa standen. Nicht weiter schlimm; einige große Schlucke durch den ersten Rüsselkanal und reichlich Speichelaussonderung durch den zweiten später wagte die Mücke den Frontalangriff. Zielgerade schoss sie auf Blondis rote Lippen zu.

 

KLATSCH

 

Von einer Abrissbirne erfasst trudelte die Mücke durchs Chill-out, haarscharf vorbei an einer von der Decke hängenden Glühbirne, die den sicheren Tot bedeutet hätte.

„FUCK OFF“ keifte Blondi, sprang aus dem Sofa und stolzierte davon.

„Du hast deinen Drink vergessen“ rief die Mücke benommen hinterher.

„Geschenkt“

Also wieder bei null.

 

Um Mitternacht betraten Darlyn und Fenja das OpenEnd. Die ehemalige Teppichfabrik steckte mitten im Auftakt des legendären alljährlichen 3-Tage-Rave. Die Musik war laut, die Stimmung ausgelassen; ein würziger Duft, wie auf einem Kräuterbasar.

Darlyn offenbarte an der Garderobe erstmals ihr brandneues Schultertattoo, ein indisches Zeichen für Friede, Gleichheit, Buddha oder so, für das sie extra ihr blondes Haar zu einem fancy Dutt hochgesteckt hatte. Der rothaarige Garderobenfuzzi, der ihr devot die Kleidermarke überreichte, belohnte sie dafür mit einem spontanen Geniestreich: „Nices Tat-tu … hat-tu“

Fenja unterdrückte ein Räuspern. Auch wenn der Großteil der Galanterie, mit der die Fuzzis dieser Welt Darlyn regelmäßig umgarnten, von eher zweifelhafter Qualität war, hatte diese auf Umstehende dennoch den Beigeschmack bitterer Kompromittierung. Unwissentlich zustimmend hielt ihr der Rotschopf gelangweilt eine Marke mit der Nummer 46 hin.

Die Garderobe mündete in eine mittelgroße längliche Halle, deren Boden und Wände, wie aus einer einheitlichen Zementcharge gegossen, ineinander (und vermutlich auch in die hochgelegene, hinter einem Wirrwarr aus Scheinwerfern, Traversen und fluoreszierenden Schwarzlichtbänderspinnennetzen nur zu erahnende Decke) übergangen. In der Hallenmitte erstreckte sich auf einer einstufigen Erhebung der Main Floor, darauf eine bunte Kollektion Feierwütiger jedweder entarteter Art und Prägung, fleißig Kaugummi kauend.

Die Neuankömmlinge steuerten eine der Bars zu beiden Hallenseiten an. Sie bestellten zwei Rotlicht und prosteten auf den noch jungen Abend. Der bebrillte Whiskeytrinker vom Barhocker nebenan prostete ebenfalls. Seine Freunde kämen erst später und alleine trinken sei was für Alkoholiker. Er war recht klein, trug nichtssagende Kleidung, hatte gegeltes dunkelbraunes Haar und ein attraktives Gesicht. Seine grünen, durch das Glas leicht vergrößerten Augen scannten die schwarzen Bögen auf Darlyns Schulter.

„Interessierst du dich für Hinduismus?“ fragte der Nonalkoholiker nach eingehender Betrachtung.

„Teils teils“ antwortete Darlyn versuchend, den rein dekorativen Zweck ihres Tattoos zu kaschieren.

Om ist das heiligste aller Mantren! Nach dem Abi habe ich ein Jahr Au-pair in Indien gemacht. War krass. Bin Jason.“

„Darlyn“

„Fenja“

Der Indien-Dialog dehnte sich über zwei weitere Rotlicht, die Jason bezahlte, nebenbei machte er Darlyn Komplimente für Haar, Wangenknochen und Lieblingsinterpreten (Nitin Sawhney). Darlyn konterte mit schäkernden Berührungen an Schulter, Arm, Hand. Fenja saß unsichtbar daneben und pulte Papierfetzen vom Etikett ihrer Flasche, die sie zu kleinen Kügelchen rollte und den Tresen entlang schnippte.

„Ich muss mal“ log sie, stieg von ihrem Hocker und ging zu der Tür mit Venussymbol.

Die Toilette entpuppte sich als außergewöhnlich sauber. Der Boden war nur halb so klebrig wie die Jason und Darlyn umrändernde Koketterie. Sie betrachtete sich im Spiegel, die üppige Figur, das breite Gesicht, die kleinen Augen, dann formte sie ihr braunes Haar kurz zu einem Dutt, verwarf den Gedanken jedoch sofort - ebenso gut könnte sie Darwin aufs Grab schiffen. Unbefriedigt kehrte sie zum Schmalzkuchentresen zurück.

„Wann kommt eigentlich Micha?“ unterbrach sie Darlyn, die sich inzwischen zu Jasons Oberschenkel vorgearbeitet hatte.

„So in ner halben stunde oder drei Minuten“ antwortete diese ohne von ihrem Spielzeug abzulassen.

„Wer ist Micha?“

„Mein Freund.“

Jason nahm eine konsternierte Färbung an. Die Hand auf seinem Oberschenkel schien ihm plötzlich nicht mehr recht zuzusagen. Fenja schmunzelte konspirativ in ihr Rotlicht. Als Micha tatsächlich kurz darauf Darlyn einen Begrüßungskuss auf den Mund drückte und anschließend Fenja umarmte, war Jason sichtlich erleichtert, dass dieser ihm keine Beachtung schenkte.

„Wir gehn kurz nach draußen“ sagte Micha und tippte sich an die Nase. Den anderen Arm um Darlyn gelegt verschwanden beide.

"Nimms nicht persönlich" sagte Fenja aufmunternd zu dem begossenen Pudel, geheißt Jason. "Sie macht das immer so. Wirft sich an nen Kerl, flirtet ein wenig – nix ernstes, nur wie bei dir - und lässt dann Micha 'die positive Energie zukommen'."

"Und für den geht das fit?" Jasons Nervosität schien abzuklingen.

"Klaro, die Regel gilt beidseitig" Fenjas Nervosität klang an. „Du brauchst jetzt nicht aus Höflichkeit hierbleiben oder so.“

„Und wenn ich hierbleiben will? Du warst ehrlich zu mir - das ist mehr wert als jedes Tattoo der Welt! Jeden Tag begegnen wir austauschbaren Menschen. Wieso jemand so wertvolles übergehen?“ Er nickte ihr honorierend zu.

Viel zu pathetisch, aber es erzeugte die gewünschte Wirkung. Fenja war geschmeichelt. Körperlich wie emotional angefacht fragte sie: „Hast du Lust zu gucken, ob im Chillroom Platz ist?“

Er hatte Lust.

Der Chillroom war das ehemalige Chefbüro der Teppichfabrik, von der Haupthalle nur durch eine kurze Treppe und eine Glaswand getrennt. Dorthin, auf eines von fünf großzügig platzierten Sofas, bei gedämpften roten Licht und kaleidoskopischen Mustern, die von Projektoren an die Wände geworfen wurden, zog man sich zurück, bevor einem die Füße bluteten, man ausnüchterte oder um Intimität zu ersuchen.

„Hast du Longpapes?“ fragte Fenja etwas zögerlich, als sie und Jason für eines - oder mehrere - der drei Posten auf dem vorhinterstem Sofa bezogen.

„Ich bin hier, oder?“

Er gab ihr Longpapes und sie drehte einen vorbildlichen Joint. Derweil ersuchte er noch einmal die Bar. Durch die Glasfront konnte Fenja Darlyn und Micha an vorderster Front des Pöbels ums DJ-Pult ausmachen, wie sie im Takt auf ein imaginäres Feuer eintragen. Stunden später würde man sie dort noch immer vorfinden.

„Wollen wir draußen rauchen? Wegen Security“ fragte Jason als er wiederkam und Fenja ein eisgekühltes Rotlicht hinhielt. Kleine Kondenstropfen sammelten sich an der Außenseite des Bieres und liefen über ihre Finger, als sie es ihm abnahm.

Sie trank und blickte sich in dem weitläufigen Raum um. Auf dem Sofa rechts von ihnen aßen sich zwei Schwule gegenseitig auf, links zerbröselten vier Sechzehnjährige Ecstasy-Tabletten auf der Oberfläche eines iPhones und zogen diese anschließend als Pulver.

„Ich glaube kaum.“

Er setzte sich wieder und sie rauchten ohne gravierende Zwischenfälle. Den schmantigen Geschmack des Gumpens spülte Fenja mit ihrem letzten Schluck Bier runter.

Sie war sich nicht sicher, wie sie auf seinem Schoß landete, aber auf einmal saß sie dort und sie machten rum. Es störte sie überhaupt nicht, dass sie nur ein Lückenbüßer war. Anschließend lies sie ihren Kopf müde an seine Brust sacken. Der Raum um sie herum glitt in unwirkliche Ferne. Die Soundkulisse ward gedämpft, als hätte ihr jemand Wasser aufs Trommelfell geträufelt. Sie spürte, wie sie mit dem Hintern langsam zwischen seine Beine rutschte, unternahm aber nichts dagegen.

Die Worte gingen ihr nur schwerfällig von der Zunge, als sie sagte: „Glaub ... mir wird schwindlig.“

„Unser Mischverhältnis war falsch. Erst kiffen dann trinken. Weiß doch jedes Kind. Brauchst du Wasser oder frische Luft?“

Er sprach langsam. Seine Worte dehnten sich, als wenn seine Stimmbänder einen Bogen bespannten. Auch Sein Gesicht wurde unklarer, verpixelte rapide, als wäre alles nur eine Bilderabfolge auf einem Fernseher mit schlechter werdendem Empfang. Was hatte er noch gleich gefragt? Ihre Konzentration faltete sich zu einem Papierboot und trug sich davon auf der letzten Welle ihres abebbenden Gedankenstroms.

„Ich gla-ha-haube wirkli-ich, du-u bra-hau-huchst frisch-sche Luft!“

 

 

Die Mücke hatte zugestochen, ihren Speichel injiziert. Eigentlich schmeckten ihm Blondinen besser, auch war das letztendliche Opfer etwas dicklich, aber heute Nacht hatte Erfolg Präferenz vor Priorität.

Er stütze Fenja auf dem Weg nach draußen. Ihre Schritte waren tapsig, unkontrolliert; sie hing an seiner Schulter wie ein großer Sack an einem Kleiderbügel. Sie nuschelte irgendwas von 'Garderobe' und lies eine Marke fallen. Gerade als er entschied diese liegenzulassen, kotzte ihm von hinten jemand an die Beine. Er drehte sich erbost um und blickte auf ein Häuflein Elend, das in seiner eigenen Pfütze kniete.

„Derbst alter … fucking Klo man … unerreichbar“ stammelte das Elend.

„Alles gut, Bruder“ beschwichtigte die Mücke. Dieser erbärmliche Scheißhaufen brachte ihn auf eine Idee. Er hob die Marke auf und gab sie dem Elend. „Bruder, das ist dir aus der Tasche gefallen!“

Das Elend schielte verwirrt auf die Marke mit der Nummer 46, zuckte die Achseln und steckte diese in die durchgeweichte Hosentasche. „Null gecheckt … thanks diggi … bist korrekt!“

Vor dem Fabrikgebäude rief er ein möglichst dubiosen Taxiunternehmen an. Danach wandte er sich an einen Kiffersitzkreis aus drei Dudes und zwei Chicks: „Hey Freunde des guten Duftes, mögt ihr mir einen Riesengefallen tun und für ein paar Minuten auf meine Freundin aufpassen, bis ihr Taxi kommt? Sie ist ziemlich fertig und hat mich gebeten, sie nach Hause zu fahren, aber irgendwie möchte ich ihrem Vater SO -“ Er zeigte ihnen die kotzfeuchte Rückseite seiner Jeans “- nicht gegenübertreten, wenn ihr versteht, was ich meine. Ich will nur schnell nach Hause und unter die Dusche!“

„Klar kein Problem“ sagte eines der Mädchen verständnisvoll und zog an dem Joint, der ihr gereicht wurde. „Weißt du ihre Adresse?“

„Ähm, ja, Moment“ Er half Fenja sich hinzulegen und tat so, als würde er im Handy ihre Adresse nachschlagen. „Perlweg 63. Liegt mitten im Zentrum.“

Das Mädchen notierte, während einer der Jungen Fenjas Kopf mit seinem Rucksack polsterte.

„Sagt dem Taxifahrer, dass ihr großer Bruder bezahlt. Er soll ruhig klingeln; hab der Familie Bescheid gegeben.“ Zur Belohnung schenkte er ihnen Fenjas restliches Gras.

Als er in seinem Audi die Heimfahrt antrat, fragte er sich, welche Route der Taxifahrer wohl einschlagen würde. Wenn man die Schnellstraße nahm, brauchte man vom Fabrikgelände ins Zentrum nur 10 Minuten, der Umweg übers Wohngebiet konnte das Taxameter jedoch doppelt so hoch treiben. Sollte der Taxifahrer über Zivilcourage verfügen, könnte das Zeitfenster der Mücke eng werden.

Die Sorge blieb unbegründet. Als das Taxi gute zwanzig Minuten später vor dem Single-Apartment mit dem Klingelschild T. Rhömer in die Bremsen ging, saß T. Rhömer bereits umgezogen, der Haare, Brille, Kontaktlinsen entledigt, das Mückenkostüm sicher im Schrank verstaut, auf seiner Couch, strich sich ungeduldig über seine Glatze und wartete auf das vertraute Ding-Dong der Klingel. Es galt noch den Taxifahrer zu bezahlen und Fenja ins Apartment zu geleiten; dann endlich konnte auch das Menschenkostüm zurück in den Schrank.


 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 14.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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