Helmut Wurm

Sokrates und Deutschland braucht eine neue Parteienlandschaft

Sokrates sitzt nach den Wahlen im Frühjahr 2019 in einem volkstümlichen Gastraum in irgend einer deutschen Stadt. Der Gastraum ist voll besetzt, die Stimmung erregt, die Luft ist Bierdunst-geschwängert. Das Ergebnis der Wahlen wird teilweise heftig diskutiert und kommentiert.

Ein Gast: Die CDU, die SPD und die FDP hängen doch alle an den Strippen ihrer Lobbys, entweder an den Strippen der Wirtschaft oder der der Gewerkschaften… Die sagen, welche Wahlprogramme sie haben sollen und was sie nicht sagen und tun dürfen… Wir brauchen endlich mal einen gänzlich anderen politischen Kurs, endlich von den Lobbys unabhängige Parteien…

Ein anderer Gast: Solche Parteien haben wir auf den politischen Flügeln, aber dafür spinnen die doch in vielen Themen erheblich. Die Industrie-Lobbys glätten wenigstens die Programme und verhindern Spinnereien…

Ein nächster Gast (springt energisch auf): Wir brauchen überhaupt keine Parteienvielfalt mehr, wir brauchen einen starken Staat mit nur einer Partei, meinetwegen mit einer milden Königin statt einem starken Mann an der Spitze… Diese politische Vielfalt verunsichert nur und man kommt nur in ganz kleinen Schritten mit lauter faulen Kompromissen weiter bei den wichtigen Themen der Zeit …

Ein weiterer Gast (erhebt sich mit einem begeistert-verklärtem Gesichtsausdruck)
Ich bin Politiker… Wir brauchen nicht weniger Parteien, sondern mehr, viel mehr Parteien… Jede Interessenrichtung, und sei sie noch so klein, sollte eine Partei gründen und sich in den politischen Kampf stürzen… (verzückt) Was macht das eine Freude, sich zu bekämpfen, seine eigenen Interessen durchzusetzen zu versuchen… Jeder gegen jeden… Mit all den vielen möglichen Tricks und Methoden andere zurückzudrängen… Ich lebe für die Politik, für die Vielfalt, für die politischen Auseinandersetzungen… Es lebe die Vielfalt-Demokratie!

Ein anderer Gast (ruhiger und gleichzeitig verunsicherter): Diese politische Vielfalt, diese Zerfledderung der politischen Kräfte verunsichern mich. Ich möchte eine Überschaubarkeit in der Politik und eine Demokratie, die Vertrauen in die Zukunft vermittelt… Politiker, die kein Vertrauen ausstrahlen, gehören ausgewechselt…

Zwischenrufe (es springen verschiedene Gäste auf und rufen durcheinander):
Die Merkel muss weg!... Die hängt der CDU doch nur wie ein Klotz am Bein… Und die Nahles muss weg!... Dieses Bauernmädchen ist für den politischen Florettkampf nicht geeignet… Dass der Seehofer noch in der Politik mitmischt, ist schon eine Blamage für eine Demokratie!… Auch der Lindner muss weg!... Ohne dessen Verhaltensdummheit bei den Koalitionsverhandlungen vor 2 Jahren stünde die FDP besser dar… Falsch, an diesen Personen hängt es nicht! Wir brauchen neue Programme... Diese Personen sind nicht an dem Erstarken der Parteien links und rechts schuld… Wir brauchen neue Parteiprogramme…

(Zu diesem Zeitpunkt erhebt sich Sokrates) Sokrates: Wir brauchen sicher neue, schärfer konturierte und gleichzeitig ausgewogenere Parteiprogramme und sicher sollten auch einige Politiker den Weg für geeignetere frei machen… Aber letztlich benötigt Deutschland eine Straffung in der Parteienlandschaft… Das sollte jedoch mit Besonnenheit, nicht in hitzköpfigem politischem Streit erfolgen.

Einige Zwischenrufer: Was will denn der alte Sack mit dem komischen Umhang… Wir brauchen keine Opa-Demokratie, sondern neuen politischen Zunder… Lass ihn doch mal diesen Blödsinn begründen…

Sokrates: Ich will das gerne kurz und knapp begründen:

- Erstens benötigt die Mehrzahl der Staatsbürger tatsächlich eine Überschaubarkeit der politischen Kräfte.

- Und zweitens möchten sie Vertrauen für die Zukunft empfinden. Sonst tendieren sie zu einem starken Staat. Alle Demokratie-Modelle, die seit der „Erfindung der Demokratie“ bei uns im Alten Athen im Laufe der Zeit erprobt und zugrunde gegangen sind, sind letztlich daran gescheitert, dass sich diese Demokratien immer mehr zerfledderten und dass sich die demokratischen Strömungen gegenseitig behinderten. So entstanden im Volk immer mehr der Wunsch nach einem starken Staat, nach einer Zukunftssicherheit ausstrahlenden politischen Macht… Ihr Deutsche habt das ja am Beispiel der „Weimarer Republik“ und dem nachfolgenden NS-Staat erfahren… Und die Bundesrepublik nähert sich wieder der Zerfled-dertheit der Weimarer Republik… Bei den Europa-Wahlen im Frühjahr 2019 treten über 40 verschiedene Parteien an! Welch eine Zerfledderung in der Parteienlandschaft, welch eine Aufsplitterung der politischen Kräfte!

- Und Drittens sind haben die bürgerlichen Parteien der Mitte ihre historischen Aufträge weitgehend erfüllt. Die FDP als liberale Partei hat erfolgreich, teilweise zu erfolgreich, der Freiheit den gewünschten Raum geschaffen, die SPD hat die sozialen Rechte der einfachen Leute erfolgreich, manchmal zu erfolgreich, durchgesetzt, die CDU hat erfolgreich, manch-mal aber nicht erfolgreich genug, konservativ-christliche Werte zu erhalten versucht…

Es wäre jetzt das Beste, wenn sich diese 3 Parteien zu einer Partei der Mitte zusammen schlössen und die erreichten Erfolge für die Zukunft sicherten… Daneben sollte es dann eine linke, halb-kommunistische Partei geben, die gegen den globalen Kapitalismus kämpft, und eine konservative rechte Partei, die regionale Traditionen bewahren möchte, und eine grüne Partei, die den Klimawandel einschränken will… 4 Parteien, das würde völlig genügen und wäre überschaubar….

Teilweise erregte Zwischenrufer: Der will unsere Demokratie abschaffen… 4 Parteien sind immer noch zu viele… Überlegt doch mal in Ruhe, was der vorgeschlagen hat… Mit solch einer Bündelung der Kräfte wären die vielen Lobby-Verbände nicht einverstanden… Wie soll man das den Partei-Mitgliedern erklären… Hakt den Vorschlag dieses alten Mannes ab und lasst uns so weiter wursteln wie bisher…

Sokrates (seht auf und geht): Die Deutschen haben noch schwere politische Jahre vor sich… Sie haben noch nicht erkannt, was die Zeit fordert… Hoffentlich kommt jetzt nicht wieder eine starke Einheitspartei hoch. Wenn diese ihre Ziele klug formulieren würde, hätte sie die Chance, gewählt zu werden und legal an die Macht zu kommen.

 

(Aufgeschrieben vom discipulus Sokratis, der mit in der Gastwirtschaft ein Bier trank)

 

 

 

 

 

 

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 15.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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