Marion Dehne

Am Nordhafen

Am Nordhafen

In der Firma würde es sicherlich niemand merken. Trotzdem war rasches Handeln notwendig, heute noch. Aufschieben durfte er es nicht. Das wäre viel zu leichtsinnig. Dann könnte es durchaus sein, dass er in einigen Tagen nicht mehr fähig war, zur Arbeit zu gehen oder auch nur aus dem Bett zu kommen. Nur ließ ihm sein Zeitplan an diesen Tag kaum einen Spielraum. Arbeiten, einkaufen, Wohnung in Ordnung bringen, kochen für sich und Tina, die er abends zum Essen erwartete. „Wenn du die Anzeichen ignorierst, dir keine Zeit für dich nimmst, dann wird dich die Krankheit überrollen wie eine Lawine“, warnte ihn seine innere Stimme. Paul seufzte. Er wusste nur zu gut, dass es so war.

Vor ein paar Jahren hatte ihn die Depression mit voller Wucht erwischt und ihn buchstäblich umgehauen, als wäre er ein alter morscher Baum, der keinem Sturm gewachsen war. Etliche Arztbesuche, für seinen Geschmack zu viele Medikamente, bewirkten eine Besserung, doch trotz aller Hilfsangebote bedurfte es einer erheblichen Anstrengung, sich aus der manchmal tödlichen Umarmung der Krankheit zu befreien. Seitdem hatte er sich geschworen, die ersten Anzeichen, und seien sie noch so banal, ernst zu nehmen. Bloß was müsste er tun, um Schlimmeres zu verhindern?

Weder der Arzt, noch der Psychologe hielten einen Ratschlag parat. Sie versuchten nur, das Kind aus dem Brunnen zu ziehen. Besser wäre, es würde gar nicht erst hineinfallen. Als die Depression das zweite Mal bei ihm anklopfte, probierte er aus lauter Verzweiflung etwas ganz Einfaches aus, und es hatte prompt geholfen. Danach fühlte er sich anschließend so, als wäre nie etwas gewesen. Heute versuche ich es wieder, dachte er. Das ist für mich besser, als jede ausgeklügelte Therapie.

Paul überlegte, wo er Zeit einsparen konnte. Arbeit musste sein. Er war Leiter der Exportabteilung, trug Verantwortung für etliche Mitarbeiter.

Aber dann kam ihn eine Idee. Er griff zum Handy und rief seinen besten Kumpel Robert an. Ihm gehörte ein Restaurant mitten in der Stadt.

„Ich brauche für heute Abend ein Fischgericht für Tina und mich, am liebsten Zander. Wäre euch das möglich, es gegen 19:00 Uhr vorbeizubringen?“

Schweigen am anderen Ende der Leitung.

„Bist du noch dran?“ Paul wurde langsam nervös.

„Ja, alles bestens. Heute Morgen habe ich fangfrischen Zander von meinem Havelfischer bekommen. Die Frage ist nur, ob ich deinen Wunsch noch unterbringen kann.“

Nach einer weiteren kurzen Pause, in der Robert den Tagesplan durchging, kam endlich die Antwort:

„Du hast Glück. Kurt Krause ist heute in Spandau unterwegs. Da kann er deine Bestellung gleich mitnehmen.“

„Danke, Robert! Damit hast du mir sehr geholfen.“

„Habe ich gern gemacht. Aber das nächste Mal kommst du selbst mit Tina vorbei. Bin doch gespannt, wie deine neue Freundin aussieht.“ Das kann ich mir vorstellen, dachte Paul und musste schmunzeln.

„Geht klar, Robert.“ Paul war erleichtert.

Nachmittags holte er sein Rad aus dem Keller und fuhr die Neuendorfer Straße entlang. Bei der Streitstraße bog er rechts ab in den Hohenzollernring und erreichte den neu angelegten Maselakepark, der für ihn immer noch der Nordhafen war. Als Kind hatte er oft mit seinen Freunden in der Nähe vom alten Bootshaus gebadet. Einmal ließen sie ein selbstgebautes Floß zu Wasser und schipperten damit am nahegelegenen Ufer entlang. Der Nordhafen war besser als der schönste Abenteuerspielplatz. Natürlich sahen die Eltern es nicht gern. Es war ja nicht ganz ungefährlich. Aber man ließ früher die Kinder noch Kinder sein und erwartete nur, dass sie pünktlich zum Abendbrot wieder zu Hause waren.

Heute lud das Wetter nicht zum Baden ein. Es war Ende Juni, aber in Berlin erlebte man auch im Sommer so manchen verhangenen Tag. Der Himmel war wie eine schwere stahlgraue Platte. Für einen Sonnenstrahl gab es keine Chance. Dafür blies ihm ein kalter Wind ins Gesicht, der etwas nachließ, als er mit seinem Rad die Promenade entlangging. Außer ihm gab es noch eine Frau mit einem Golden Retriever, die sich aber beide Richtung Streitstraße bewegten.

 

Sonst war kein Mensch zu sehen. Ihm war es nur recht. Er wollte allein sein. Einfach nur das Treiben auf der Maselakebucht und der angrenzenden Havel beobachten.

Keine bedeutsamen Entscheidungen treffen müssen. Handy ausschalten. Hektik hinter sich lassen. Mit ein paar Schritten gelangte er an den tiefer gelegenen Steg und ging fast bis zum Ende. Dort stellte er sein Fahrrad ab und setzte sich auf die Holzplatten, die Beine eng am Körper angewinkelt, von seinen Armen umschlungen.

Er war froh, dass es ihm gelungen war, die allerersten winzigen Anzeichen wahrzunehmen und zu reagieren, ehe die große Traurigkeit ihn erneut wie einen schwarzen Umhang umklammerte, aus dem er sich dann nur mühsam und mit Unterstützung von Medikamenten befreien konnte. Es tat ihm gut, wenn er sich am Wasser aufhielt. Das gleichmäßige Plätschern besänftigte seine aufgewühlten Nerven.

Hier gelang ihm am ehesten, die innere Balance wiederzufinden. Das hatte er ja schon ausprobiert. Wenn es ihm heute möglich war, sein Gemüt in die richtige Bahn zu lenken, dann konnte er auch auf Medikamente verzichten. Seine Augen schweiften über den Fluss.

Ein vollbeladenes Lastschiff, dessen Heimathafen Szczecin war, zog gemächlich vorüber Lange schaute er ihm hinterher, bis es nicht mehr zu erkennen war.

Stockenten mit vier kleinen Jungen, alle noch mit flauschigem Gefieder, tänzelten auf den Wellen, die das Schiff hinterlassen hatte und entlockten ihm ein Lächeln.

„Was machste denn hier? Kiekste Löcher inne Luft? Zum Angeln biste wohl zu blöd, wa.“

Erschrocken drehte er seinen Kopf zur Seite und schaute in das grinsende Gesicht eines etwa 10jährigen Mädchens mit Sommersprossen, die ihn sofort an Pippi Langstrumpf erinnerte. So viel Urberliner Schnauze hörte man nur noch selten. Rasch hatte er sich wieder im Griff.

Das siehst du doch. Ich warte auf den Froschkönig, der mir die goldene Kugel hochbringt.“ Das Mädchen lachte.

„Du denkst dir vielleicht einen Unsinn aus, stellte sie im freundlicheren Ton fest.“ Dann wurde er ernst.

„Hat dir nie jemand gesagt, dass du allein keine fremden Leute ansprechen sollst?“

„Mach ich ja gar nicht“, behauptete sie.

Ihre Augen sahen zur Promenade. Auch er drehte jetzt seinen Kopf nach oben und entdeckte drei Jungen, die dort lagen und verschmitzt auf sie hinunterblickten.

„Gewonnen“, sagte Paul.

„Ich weiß und nicht nur das, auch die Wette“, verkündigte sie strahlend, wobei sie die Jungen anschaute. Die kramten etwas umständlich je einen Euro aus ihrer Hosentasche und überreichten ihn ihr.

„Worum habt ihr denn gewettet?“ Der größte Junge warf den anderen Kindern einen verschwörerischen Blick zu, ehe er sich an Paul wandte:

„Das ist unser Geheimnis. Außerdem reden wir nicht mit Fremden.“ Schnell stoben sie lachend davon.

Kinder bleiben Kinder, genau wie wir früher, dachte Paul.

Ihm fröstelte plötzlich.

Sein Hinterteil war kalt geworden, aber seine Stimmung hatte sich wieder aufgehellt, so als hätte jemand einen Vorhang zur Seite geschoben, um Licht ins Zimmer zu lassen.

Wenn ich nicht bald aufstehe, muss ich zwar nicht zum Psychologen dafür aber zum Urologen, ging es ihm durch den Kopf, nahm das Rad und schob es zurück auf die Promenade.

Sein Gesicht wandte sich gen Himmel. Dort war es einem Sonnenstrahl gelungen, die dicke Wolkendecke doch noch zu durchdringen. Der Sonnenstrahl hatte gesiegt, aber ich habe auch einen Sieg errungen, kam es ihm in den Sinn. Paul verspürte Dankbarkeit. Ein Lächeln huschte über sein Gesicht.

Dann schwang er sich aufs Rad und fuhr nach Hause.

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Veröffentlicht auf e-Stories.de am 16.06.2019. - Infos zum Urheberrecht / Haftungsausschluss (Disclaimer).

 

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